San Martín del Camino bis Astorga (CF30)

[Die Seite ist Teil des Berichts über meinen Camino Francés 2015.]

Es gab heute ein typisches spanisches Frühstück: starker Kaffee, Orangensaft, Toast, Marmelade. Im Anschluß verabschiedete sich Beatrice von uns mit Umarmung – und ich konnte nur feststellen, daß dies eine der schnuckeligsten Herbergen auf meinem bisherigen Camino war. So persönlich und zugewandt erlebt man die Hospitaleros selten.
Durch den Ort ging es wieder ran an die N-120, wo der Schwerlastverkehr schon wieder pulsierte. Ich fotografierte einen weißen Transporter vor Sonnenaufgang – herrlich – nicht.

Bald kam ich nach Hospital de Órbigo, dem Städtchen, das für seine unglaublich lange Brücke bekannt ist, die aber zum jetzigen Zeitpunkt über trockenes Gelände führte, wo normalerweise der Río Órbigo fließt. Und hier traf ich „Long Wok“ wieder, den Koreaner aus der Herberge von Grañon, der „Woking“-Held mit seinen 40+ Kilometern pro Tag. Jetzt war sein Knie mit mächtigem Verband versehen und er humpelte.
Viele angehende Pilger machen sich Gedanken vor ihrem Camino, wie sie sich vorbereiten sollten und ob die Vorbereitung dann ausreichend ist. Ich glaube, viel wichtiger ist es, unterwegs auf sich zu achten, auf die Signale des Körpers, um solche Probleme vermeiden zu können.

Hinter Hospital gibt es eine Wegalternative über das Örtchen Villares de Órbigo, die einen Kilometer länger ist als der Weg entlang der nervigen N-120, aber dafür durch grandiose Landschaft führt, bis man letztlich Astorga erreicht. „San Martín del Camino bis Astorga (CF30)“ weiterlesen

Schweigeexerzitien im Kloster 2020 (Mystik 5)

Über meinen Aufenthalt im Kapuziner-Kloster Irdning bei Stainach in der nordwestlichen Steiermark im Jahr 2018, habe ich in zwei Beiträgen bereits etwas geschrieben. Die für 2019 geplante Wiederholung mußte wegen der Erkrankung un des Todes meiner Mutter ausfallen. Daher war ich nun, in der Fastenzeit 2020, erneut in Irdning für zehntägige Schweigeexerzitien und Kontemplation nach der Methode von Franz Jalics.

„Überschattet“ wurden die Tage durch die anrückende Coronavirus-Pandemie, die in Österreich bereits größere Wellen erzeugte – man denke an die Tiroler Skigebiete, wo das Virus sich großartig vermehren konnte… Im Kloster erhielt man unter der Woche Anweisung, daß keine Mundkommunion gegeben werden, daß die Hand nicht zum Friedensgruß gereicht werden dürfe. Als ich nach Deutschland zurückreiste, wurde mir bereits auf der Autobahn angezeigt, daß ich als „Österreich-Heimkehrer“ (war ich da im Krieg?) zwei Wochen Quarantäne halten solle.   „Schweigeexerzitien im Kloster 2020 (Mystik 5)“ weiterlesen

Neuzugang in der Bibliothek

„Das Neue“ kann nicht gleich den freundschaftlichen Kontakt zu seinen Artgenossen suchen, denn alle Bücher – nicht nur die zur Lebensreform – sind derzeit wegen Renovierung in Kisten verpackt und warten auf ihre Wiederkehr in ein völlig neues, modernes Regal. Also muß es warten. 🙂

2013 auf 14 wurde die Ausstellung „Aufbruch der Jugend“ gezeigt, ich hatte kurz darauf hingewiesen. Seit damals hatte ich mich bemüht, den Ausstellungskatalog, ein gebundenes Buch, zu bekommen. Er war offiziell ausverkauft; Anbieter über Buchportale forderten teils 100€ und mehr. Jetzt ist es mir gelungen, das Buch zu einem sehr guten Preis zu ergattern.

In dem Buch, untertitelt „Deutsche Jugendbewegung zwischen Selbstbestimmung und Verführung“, wird der Bogen gespannt von den Anfängen des Wandervogels vor dem Ersten Weltkrieg über die Beziehung von Jugendbewegung und Hitlerjugend bis zu den Protestjahren in den 1960ern – hier inbesondere mit einem Kapitel über die Festivals auf Burg Waldeck 1964-69.
Schaut man das mit vielen Bildern und Grafiken illustrierte Buch an, kann man verstehen, wieso es kaum erhältlich ist. Es ist mit Sicherheit eine fachlich gelungene Abrundung der bisherigen Literatur zur Jugendbewegung. Ich werde auf jeden Fall an den kommenden (hoffentlich warmen) Abenden auf der Veranda mal hineinschmökern.

Gartenstadt und Lebensreform

Eine der seltenen Neuerscheinungen auf dem Buchmarkt zum (erweiterten) Thema Lebensreform steht an: „Zukunftsfähige Perspektiven in der Landschaftsarchitektur für Gartenstädte. City – Country – Life.“ von der Herausgeberin Nicole Uhrig. Das Buch wendet sich fachlicherseits an Dozenten und Studierende der Landschaftsarchitektur und enthält auch ein Kapitel von Bernhard Wiens mit dem Titel „Gartenstädte und Lebensreform“. Für dieses Kapitel gibt es beim Verlag eine zweiseitige Preview mit Bibliographie und auch der Möglichkeit, nur dieses eine Kapitel als eBook zu erwerben (leider zu ca. 50% des Kaufpreises des gesamten Buches…).  „Gartenstadt und Lebensreform“ weiterlesen

Verordnetes Gemeinwohl

Für die ZEIT gräbt Michael Ebmeyer den Anarchisten Pjotr Kropotkin und dessen Werk „Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt“ aus. Darin schaut Kropotkin auf das Tierreich und die Menschheitsentwicklung und stellt fest, daß es immer für alle gut war, wenn man sich organisiert und in Gemeinschaften zur gegenseitigen Hilfe zusammengeschlossen hat. Trotz Kriegen und vehement verfolgten Partikularinteressen sei den Menschen das „Gefühl für die Solidarität“ nicht abhanden gekommen. „Verordnetes Gemeinwohl“ weiterlesen

Auszeit beim Wandern

Für die NZZ beschreibt Paul Jandl eine Wanderung im frühlingshaft grünen brandenburgischen Wald. Mich erinnerte dieser Text an meine eigenen kleinen Auszeiten hier in der Umgebung meiner Heimat, vor allem auf der Höhe des Westerwaldes und in der Vordereifel, wobei gerade das dortige Maifeld eines meiner Lieblingswandergebiete ist. Diese Wanderung mache ich meist mit einem Freund. Vor Jahren, auch als Training für den Jakobsweg, waren wir oft um die 25km am Tag unterwegs, manchmal über 30. Das hat sich leider verändert. Bei ihm kam eine schwere Erkrankung dazu, auch ein krasser Wechsel in der Lebenssituation. Bei mir war es oft „nur“ Streß oder das Problem des Findens des freien Samstags für die Wanderung. Doch gerade die beiden ersten Wanderungen in diesem Jahr haben mir gezeigt, wie sehr ich diesen „Urlaubstag in der Heimat“ vermißt habe. Einmal waren wir in den Feldern linksrheinisch zwischen Kruft und Andernach unterwegs. Nach tagelangem Regen brach die Sonne durch. Es war windig und empfindlich kühl, aber trotzdem eine gelungene Wanderung (s. Foto). Der zweite Tag führte uns zur Westerwälder Seenplatte, wo wir den Dreifelder Weiher im weiten Kreis umrundeten und noch weitere kleinere Seen „mitnahmen“. Auch hier war es kalt, da wärmte uns noch nicht einmal der gegen Ende der Tour an einem Rastplatz gekochte Kaffee. Entgegen früherer Wanderungen haben wir heute immer einen Kocher dabei, um eine Suppe oder einen Kaffee zu kochen. Gelegentlich grillen wir – soll heißen: der Fokus hat sich vom Bewältigen der langen Strecke eher auf das gemütliche Zusammensein mit dem Anderen verschoben. Schön ist das – insbesondere im grünen Maiwald.

Coronavirus und Lebensreform

Das Covid-19, schlicht Coronavirus genannt, hat uns im Griff, mehr oder weniger. Ich las neulich den Spruch, daß Verständnis für aufgezwungene Maßnahmen (Kontaktsperren, Maskenpflicht…) und Unverständnis oft nur „einen Todesfall in der eigenen Familie“ auseinanderlägen. Das mag sein, auch wenn der Spruch doch sehr plakativ ist. In der Tat spüre ich auch bei mir diese große Diskrepanz im Empfinden: da sind die hohen Todesfallzahlen z.B. aus Italien, andererseits liegen wir in unserem Landkreis bei konstant um die 200 Infizierten – und auch dorthin war es ein langsamer Anstieg mit sehr wenigen Toten. Dazu lese ich konträre Berichte: über die „leerstehenden“ Krankenhäuser, in Überzahl vorhandenen Intensivbetten, über den „schwedischen Weg“. Weiterhin gibt es die Dinge, die man so einfach nicht ansprechen darf oder kann, so z.B. der Weg über möglicherweise viele Tote hin zu einer „Durchseuchung“ und folgenden „Herdenimmunität“ der Gesellschaft. „Ich bin kein Virologe, aber…“ – das hört man dieser Tage oft, und ich möchte diese Floskel eher vermeiden. „Coronavirus und Lebensreform“ weiterlesen

León bis San Martín del Camino (CF29)

[Die Seite ist Teil des Berichts über meinen Camino Francés 2015.]

Früh stand ich auf, aber durchaus im Rahmen aller, die früh auf den Beinen waren. Ich wollte möglichst noch durchs „schlafende León“ laufen. Nur die Müllabfuhr war unterwegs und spritzte die Straßen naß ab.

Blick zurück über LeónIn einer Bar trank ich einen Kaffee und aß wieder einmal Toast mit Marmelade. Bald stand ich auf einem dieser Bodegas-Hügel und schaute zurück nach Osten über die langsam zum Leben erwachende Stadt – ein fantastischer Ausblick. Doch weiter ging es durch ziemlich öde Industriegebiete und vermülltes Brachland raus aus der Stadt, dann an kleinen Örtchen entlang, die alle an der nach Westen führenden N-120 lagen, wie zum Beispiel La Virgen del Camino. Das war zum Teil richtiges Ödland, hier und da mit wilden Müllhalden, wo ich mich kurzzeitig auch unwohl oder unterschwellig bedroht fühlte, obwohl wirklich nur Pilger, aber wenige, unterwegs waren. Ich traf auf welche, die zwei, drei Hunde dabei hatten. Es ging durch heideähnliche Landschaft, aber dann gnadenlos ran an die N-120 mit dem schweren LKW-Verkehr. Direkt neben der Straße ging es entlang, was also Lärm und Gefahr bedeutete. Ich rastete an einer Bank in Villadangos del Páramo, aß ein paar frutos secos, aber es war einfach ungemütlich an der Schnellstraße.
Es sollte erwähnt werden, daß es eine „scenic route“ gibt, wie Brierley (2015) sie immer nennt, also eine landschaftlich schönere Ausweichroute, die über Villar de Mazarife führt und sich mit „meinem“ Weg wieder in Hospital de Órbigo trifft.

VilladangosVilladangos ist fast so etwas wie ein amerikanisches Örtchen, ähnlich wie ich schon Villarente beschrieb: Tankstellen, Motels, weites Land… Man marschiert durch und glaubt, im Mittleren Westen der USA unterwegs zu sein. An einem Haus stand: Santiago 298 Kilometer – hey, die 3 „vorne“ war weg!

Mohnblume25 Kilometer waren es heute, also gut machbar. Mein Ziel war San Martín del Camino. Der Sommer war vorbei, damit auch die Zeit der Mohnblumen, aber … ich sah, glaube ich, zwei Mohnblumen noch mit ihrer roten Blüte, und heute eben eine davon kurz vor meinem Ziel, die ich fotografierte. Blumen waren noch nie mein „Thema“, aber hier in der  Ödnis mit ihren herbstlichen Brauntönen war jeder Farbtupfer ein Geschenk und das Erlebnis des Camino gab mir den Blick für diese kleinen Dinge am Wegesrand.

Casa Verde San Martín Ich sah Werbung für eine private Herberge “Casa Verde” mit nur 8 Betten. Das klang gut. Ich suchte den Weg, stand bald vor dem „grünen Haus“ und klingelte. Niemand reagierte, aber gegenüber wurde ein Fenster geöffnet, eine alte Spanierin schaute raus und sagte: doch, sie ist da, warte mal und klingele noch einmal… Die Neighborhood-Watch funktioniert… Dann öffnete die Hospitalera Beatrice und ich wurde so herzlich wie nie zuvor und nie wieder auf dem Camino empfangen. Sie bot mir das Einzelzimmer an, ich nahm es, weil es nur 5€ teurer war als ein Bett im Gruppenraum, aber es kamen letztlich nur noch zwei Spanier, darunter der oben schon erwähnte ältere Spanier aus der Gruppe, die ich in der Herberge San Pelayo traf.
Nach dem Duschen spielte ich im Garten mit dem Hund, der eigentlich nur wollte, daß ich ihm ständig einen Ball wegwerfe, den er dann holen und mir schwanzwedelnd bringen mußte. Habe ich schon erwähnt, daß ich eher „Katzentyp“ bin und diese schönen, individuellen, kaum abrichtbaren Tiere liebe? Dieser Hund, so süß er war, bestätigte wieder alle meine Vorurteile über Hunde. Ich ging dann für eine Weile in eine Bar, in der Spanier laut beim Kartenspiel waren. An der Theke trank ich zwei Bier und ließ mir ein Bocadillo einpacken, hatte dann aber den Eindruck, daß mich die unfreundliche Wirtin preistechnisch etwas abgezockt hat.

Unsere Beatrice kochte später für uns drei Pilger ein leckeres Abendessen: zuerst gab es Hühnersuppe, dann die beste Tortilla, die ich auf meinem ganzen Jakobsweg gegessen habe, dazu frischen Blattsalat. Ich wurde satt und fiel schwer und müde ins Bett und schlief gut im „grünen Haus“.
Auch hier sei noch einmal erwähnt, daß sowohl der ältere Spanier, als auch sein junger Kompagnon kaum Englisch sprachen, so daß eine Unterhaltung mit meinem rudimentären Spanisch sehr schwierig war. Wie gerne hätte ich länger mit dem mir sehr sympathischen Älteren gesprochen…
Heute spürte ich, daß mein „Camino Blues“ vorbei war. Es war ein herrlicher Tag, die Knie schmerzten (eventuell dank Ibuprofen) gar nicht. Ich vertraute dem Memo an: Alles ist wieder paletti, ich bin entspannt. Morgen schon würde ich in Astorga sein, dann übermorgen in Rabanal und dann wäre ich am Cruz de Ferro, dem Kreuz auf einem Baumstamm auf der Paßhöhe der Montes des León. Ich freute mich so sehr darauf, hoffte aber, daß das Wetter so schön und warm (tagsüber) bliebe, denn es war eine Verschlechterung in den kommenden Tagen vorhergesagt.

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Puente Villarente bis León (CF28)

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Weg bis León

Seit 22 Tagen war ich nun unterwegs, das ist eine ziemlich lange Zeit, wie ich beim Aufsprechen des Memos feststellte. Heute würde ich nur 12 Kilometer gehen müssen, also ungefähr, denn ich wußte noch nicht, wo ich in León unterkommen würde. Warum überspringen die Leute diese Strecke immer so gern? Sie war nicht so öde und monoton, wie man immer wieder lesen kann.

Sonnenaufgang hinter Puente VillarenteNach Villarente ging es zunächst im Halbdunkel durch Felder, bis bald die Vororte, hier vor allem Industriegebiete, der Großstadt begannen, wo ein Grundstück von einem ganzen Rudel wild bellender Hunde bewacht wurde. Aber hier gab es soviel zu schauen: die Namen und Beschriftungen der Firmen fand ich interessant, weil ich versuchte herauszufinden, was diese oder jene Firma denn konkret macht. Für mich fühlten sich die 12 Kilometer heute wie sieben oder acht an.
Kurz mußte ich in einer App nachschauen, ob ich noch auf dem Camino war. Normalerweise schaute ich einfach im Buch nach, aber wenn man nicht wirklich genau weiß, wo man ist, hilft das nicht. Dafür hatte ich die iOS-App TrekRight: Camino Francés mit vorher geladenen Karten auf dem Handy. Nach dem Einschalten mobiler Daten zeigte die App dann per GPS an, wo ich stand und wo der Camino verlief. Das Handy hatte ich übrigens den ganzen Tag an, weil ich damit auch fotografierte, aber fast kontinuierlich im Flugmodus. Wenige Male nutzte ich die App, aber dann war ich froh, daß ich sie hatte.
Eines der schönsten Sonnenaufgangsbilder meines Camino machte ich hier vor León am Ende eines längeren Stichs, den ich gerade hinaufgelaufen war. Dann kam ich an einem Friedhof vorbei, der von einer weißen Mauer umgeben und komplett mit Zypressen bewachsen war und so auf dem kleinen Hügel ein sehr ernstes Bild gab.

An einer Unterführung hatte jemand auf französisch geschrieben:
„Die Gemeinschaft des Seins ist ungleich der Gesellschaft des Habens.“
Vor der Innenstadt ging es über eine riesige, blau angestrichene Fußgängerbrücke über die Nationalstraße, eher ein Schandmal als eine architektonische Meisterleistung. Wie unterschiedlich Pilger sein können, zeigte sich in den Sprüchen, die ich an der Brücke fand. Am Anfang hatte eine Französin, wie ich vermutete, geschrieben: „Bienvenue dans la 2ème partie de ta vie. Et j’espère y faire irruption.“ Das heißt so ungefähr: „Herzlich willkommen in der zweiten Hälfte deines Lebens. Und ich hoffe, darin einen Ausbruch machen zu können.“
Das bewegte mich mehr als der vermutlich von einem Deutschen geklebte Sticker „Bitte ein Bit“ am Ende der Brücke, den jemand zu „Bitch“ abgewandelt hatte. Die Kathedrale konnte ich von hier oben auf dem Übergang noch nicht inmitten der unzähligen Dächer ausmachen.
Nervig fand ich die vielen Schilder eines comicartigen Löwen in Pilgerkleidung. An manchen Punkten waren neben einem solchen (eindeutigen) Schild noch 6 oder 8 Pfeile aufgemalt, damit der „blöde Pilger“ sich nicht verlaufen würde.
Sehr kühl war es heute morgen, ich hätte gut Handschuhe gebrauchen können. Vielleicht wäre es gut, welche in Astorga zu kaufen, dachte ich, weil es dann über die Berge gehen sollte. Doch alles in allem war ich guter Dinge: Der Camino hatte doch wirklich gut begonnen – 450 Kilometer und keine Blase. Lachend dachte ich darüber nach, wie intensiv ich mich mit dem Thema Fußcremes auseinandergesetzt hatte. Fakt war: meine Füße brauchen eine tägliche Dusche, mehr nicht. Die Tube Xenofit, die ich mitführte, habe ich vor ein paar Tagen in einer Herberge zurückgelassen.

Gedanklich arbeitete ich weiter an mir, an der Analyse meiner Persönlichkeit, was mich doch auch immer wieder etwas herunterzog. Es kann aber auch an der trostlosen Landschaft gelegen haben, die meinen Weg nun seit ein paar Tagen geprägt hatte. Es sei hier ganz klar gesagt: Wer meint, der Camino Francés sei „Natur pur“, der sollte lieber fernbleiben. Der Jakobsweg orientierte sich schon im Mittelalter an den (damals) großen Verkehrsadern – und das sind heute die Nationalstraßen. Da kamen dann mehrere Dinge zusammen: lange gerade Wege entlang von Straßen, ödes, weites Umland hier am Ende der Meseta, die abgeernteten braun-beigen Felder…
Was das rechte Knie anging, so war dieser leichte Schmerz, der sich über den Tag mit der Besichtigung Leóns steigerte, etwas, das ich fast schon erwartet hatte. Ich hatte immer gedacht: Das ist komisch, der Camino läuft für dich so „durch“, alles OK, hatte aber doch im Hinterkopf (oder war es eher ein Bauchgefühl?) die Sorge, daß noch „etwas passieren“ könnte. Und jetzt war dieses Gesundheitsproblem da, das ich nicht komplett einschätzen konnte. Nachdem zunächst beide Knie geschmerzt hatten, war es jetzt nur noch das rechte – und das eben meist bei Ruhe. Aber gut, solange es so blieb, wie es heute war, würde mich das nicht aufhalten. Aber meinem Memo vertraute ich an diesem Morgen möglicherweise auch durch das Eintreten in den Dunstkreis der Großstadt an, daß da doch auch eine leichte Angst war: ob ich die Berge hinter León gut hochkommen würde, das würde sich erst zeigen, ich mußte also nicht jetzt schon darüber grübeln… Das ist so unsinnig, denn es zieht mich herunter.
An einer Brücke sammelten THW-Mitarbeiter Spenden für die Notrufnummer 112, wie ich verstand, bzw. unterstützten ihrerseits die Pilger. Ein Mann sprach mich sehr nett an: ob ich Info benötige, wo ich herkomme, wo ich heute schlafen wolle. Wir sprachen kurz auf englisch, er zeichnete mir die Herberge der Benediktinerinnen auf einer kleinen Innenstadtkarte ein und gab sie mir mit. Sehr nett – solche Erfahrungen machte ich immer wieder.
Ich kam an der Santa-Anna-Kirche mit ihrem großen Storchennest vorbei, aber leider sah ich auf dem ganzen Camino keinen einzigen Storch, denn die waren offenbar bereits wieder weg, obwohl es hier noch so schön warm war. Im Juli 2017 sah ich dagegen viele Störche auf dem Camino.
Bald ging es durch die Puerta Moneda, ein Tor in der alten Stadtmauer, hinein in die Innenstadt. Durch lange, schmale Gassen führte der Weg bis zur Herberge Santa María de Carbajal. Die Pilger traten durch ein großes Hoftor ein, während es für die Hotelgäste eine richtig edle Pforte gab. Da ich früh war, mußte ich noch gut eine Stunde warten, bis der „Abfertigungsbetrieb“ der Benediktinerinnen begann. Das klingt negativ, war aber doch effizient (wenn auch unpersönlich), um große Pilgermassen unterzubringen. Man meldete sich an, wurde nach Männlein und Weiblein getrennt und zum Schlafraum geführt. Jungen Pilgern (also auch mir…) wurden nur obere Betten zugewiesen, die unteren waren für ältere reserviert. Die Schlafsäle waren eng mit Betten zugestellt, wie man das mittlerweile schon gewohnt war.
Nachdem ich mir hier noch ein neues Credencial (Pilgerausweis für die Stempel) besorgt hatte, da auf meinem so langsam der Platz ausging, stellte ich nur meine Sachen ab, tauschte die Wanderstiefel gegen die Laufschuhe und war schon wieder unterwegs, um mir die Stadt und vor allem die Kathedrale anzusehen.

León

Kathedrale LeónÜber die Plaza S. Martin kam ich zur Plaza Mayor, wo man ein großes Festzelt, wohl für das Fest San Froilán, aufgebaut hatte. Hinter einem roten Hausdach sah ich schon eine helleuchtende Spitze der Kathedrale. Dieser Bereich wird barrio húmedo genannt, feuchtes Viertel, weil es hier viele Bars, Cafés, generell Plätze mit Einkehrmöglichkeiten gibt. Bald stand ich vor der mächtigen Kathedrale, die ich gleich von Süden her fotografierte, also in ihrer Ost-West-Ausrichtung. Ich umrundete die Kathedrale im Osten, habe in einer Bar noch etwas getrunken und ein Brot gegessen, bis ich im Norden direkt auf den Vorplatz kam, auf dem ein Obst- und Gemüsemarkt abgehalten wurde.

Kathedrale LeónJa, wie beschreibe ich das nun? Diese Kathedrale, die auf den ehemaligen römischen Thermen steht, ist ein Wunderwerk, das durch seine Höhe und die unglaubliche Anzahl von bemalten Glasfenstern (1800 Quadratmeter) wirkt. Als ich mich in das gotische Gotteshaus, das zwischen 1255 und 1302 erbaut wurde, begab, schien die Sonne durch die hohen Glasfenster und warf buntes Licht ins Innere. Mit offenem Mund stand ich da und ließ dieses beeindruckende Schauspiel auf mich wirken. Allerdings ist es auch so, daß die Kathedrale in Ermangelung der vielen Kapellen, wie sie sich in Burgos finden, „leer“ wirkt, was natürlich den Effekt der Glasfenster wiederum unterstreicht. In aller Ruhe schlenderte ich weiter, sah die steinernen Grabplatten an und fragte mich, wer wohl diese Menschen waren, die man hier abgebildet hatte. Irgendwann fiel mir auf, daß ich das Bildformat am iPhone aus Versehen auf „quadratisch“ eingestellt hatte, Mist, also den Weg zurück und die gleichen Bilder noch einmal aufgenommen. Im Hintergrund liefen angenehme gregorianische Gesänge vom Band.

Kathedrale LeónEine der wenigen Seitenkapellen ist der Heiligen Teresa de Jesús (Theresa von Avila) gewidmet, deren 500. Geburtsjahr man 2015 feierte. Dazu gab es ein kleines Gebetskärtchen mit einem schönen Gebet anläßlich dieses Festes. Wenn da jedoch von der „Frau der Kirche, Theresa“ die Rede ist, muß man ja schon mal darauf hinweisen, wie sehr eben dieser Kirche Inquisitionsbeauftragte die Mystikerin im Fokus hatten. Immerhin wurde sie nicht, wie ihr Bruder im Geiste, Juan de la Cruz, gefoltert…
Auch interessant: die Statue eine schwangeren Maria, habe ich so auch noch nicht gesehen.

Nach dieser Besichtigung der Kathedrale ging ich die Haupt-Einkaufsstraße, die „Calle Ancha“, herunter, wo ich zur Plaza San Marcelo (an der gleichnamigen Kirche) kam. Dort befindet sich auch die von Antoni Gaudí gestaltete Casa Botines mit der Drachentöter-Figur über dem Eingang, in der heute eine Bank ihren Platz gefunden hat. Hier an dieser Stelle fährt regelmäßig ein Touristenzüglein, wie man es allerorten findet, ab. Schon nach Burgos hatte mir ein Amerikaner erzählt, daß er dort die Rundfahrt mitgemacht und so vieles in kurzer Zeit über die Stadt erfahren habe. Also stieg ich kurzentschlossen in den Zug, der bald loszockelte. Insgesamt waren wir etwas über eine halbe Stunde unterwegs. Da ich der einzige Ausländer unter vielen Spaniern war, gab es nur spanische Ansagen. Wir sahen beispielsweise auf der Rundfahrt: Kathedrale, Basilika San Isidoro, Plaza de la Inmaculada, Plaza de San Marcos mit dem Parador-Hotel, Plaza de Guzman, Parque del Cid. Alles in allem bekam ich ein Gefühl dafür, was wo in León liegt. (Und Sitzen und Gefahrenwerden war ja auch mal schön bei dieser fußlastigen Unternehmung.)

San IsidoroDiese Basilika San Isidoro ist eine ähnliche Kirche wie San Nicolás in Burgos: etwas abseits der Hauptattraktion (Kathedrale) gelegen, kommen hier Spanier zum Beten in einer sehr ruhigen Atmosphäre. Als ich hier um die Mittagszeit war, konnte ich vor allem junge Spanier zum Teil in Business-Anzügen beim Beten sehen. Ich setzte mich ebenfalls für einige Zeit in eine der hinteren Bänke und genoß die Ruhe. Danach aß ich auf dem Vorplatz eine Paella und ging wieder in Richtung meiner Herberge – und traf auf Shelley, die Neuseeländerin, die ich nun schon tagelang nicht mehr gesehen hatte. Ich setzte mich zu ihr, trank ein Bier und wir redeten darüber, wie es dem anderen in der letzten Woche ergangen war. Ich spürte, daß zwischen ihr und Robin Spannungen bestanden. Wir verabredeten uns zum Abendessen auf dem Vorplatz der Kathedrale, dann ging ich statt zur Herberge ins Kathedralenmuseum, das großartig ist. Neben dem Kreuzgang gibt es unglaublich viele Exponate, einen Jakobus Matamoros in plakativer Darstellung, eine sehr schöne Figur von Johannes dem Täufer aus dem 13. Jahrhundert und eine schlichte Mariendarstellung aus Eichenholz mit Farbresten aus dem 14. Jahrhundert, bezeichnet als „Calvario“.

Neben Eunate, Villalcazar de Sirga und Los Arcos ist dies vor allem in ihrer Schlichtheit eine der schönsten Mariendarstellungen, die ich auf dem Camino gesehen habe. Im Original stammt sie aus Gusendo de los Oteros, einem Ort ca. 10-15 Kilometer südlich von Mansilla de las Mulas. Viel habe ich hier in diesem Museum fotografiert, bis ich dann sehr müde und mit schmerzenden Knien zur Herberge gegangen bin.
Dort lag ich eine Weile auf dem Bett, hörte weiter das Audiobook von Kerkeling, schrieb eine Mail an Helga und entspannte, mußte aber schon bald wieder los, um Shelley und Robin zu treffen.

Ich kam um die Ecke zum Kathedralenplatz und wen sah ich da auf der Straße? John, Linda und Cathy, meine Amerikaner vom ersten Tag in der Herberge Corazón Puro, die ich zuletzt – oh, Gott, wie lang ist das her?! – in Pamplona gesehen hatte. Ich erschrak, als ich John sah: abgemagert, schmales Gesicht, fast schon ausgemergelt. Es war klar, daß er den Strapazen kaum gewachsen war. Linda und Cathy fand ich sehr angespannt… Trotzdem freute John sich, mich wiederzusehen. Wenn ich mich recht erinnere, kamen sie gerade vom (Bus-)Bahnhof, waren also nicht zu Fuß in León angekommen. Nun gut, wer es definitiv nicht schafft, muß halt auf andere Transportmöglichkeiten ausweichen; so sagten sie mir, daß sie jetzt mit dem Bus „springen“ und kleine Etappen laufen. Wir wechselten ein paar Worte, aber John wollte schnell in Hotel.

Kathedrale LeónIch aß mit Shelley und Robin im Restaurant La Catedral zu Abend, ein vorzügliches Menü. Es war so unglaublich schön, mit den beiden (also vornehmlich mit Shelley) wieder zusammen zu sein. Nach dem Essen trafen wir auf dem Kathedralen-Vorplatz noch einmal Linda und Cathy, die sagten, John sei bereits im Bett. Sie bestätigten, daß er eine schwere Zeit habe.
Auch Robin, Shelley und ich trennten uns, wünschten uns „Buen Camino“. Ich ging früh ins Bett, habe trotz Massiv-Schnarcher neben mir gut geschlafen.

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Meßfeier im Stream – wenn etwas fehlt

Als ich 2015 auf dem Jakobsweg in Spanien unterwegs war, gehörte ich nicht mehr zur katholischen Kirche, weil ich Jahre zuvor ausgetreten war. Für mich bedeutete das, es war mir nicht erlaubt, an einer Eucharistiefeier teilzunehmen bzw. an der Kommunion mit Empfang der Hostie. Das war meine Überzeugung, die sich mit Aussagen der katholischen Kirche in Deutschland deckt. Eine Freundin, mit der ich das öfter besprach, sah das ganz anders: sie meinte, ich sei doch getauft und wenn ich mich als Christ empfand (auf meinem Weg zurück seit 2013), dann könne ich auch zur Kommunion gehen.

Ich tat es nicht, auch nicht als ich nach ca. 800 km in Santiago de Compostela angekommen war. Das hat mich bewegt, ja, es ist mir auch schwergefallen, gerade hier am Ende einer großen Reise nicht daran teilnehmen zu können. Es fühlte sich nicht richtig an – und das Gefühl wertete auch das Ankommen nach so vielen Wochen ein wenig ab. „Meßfeier im Stream – wenn etwas fehlt“ weiterlesen