1900 – P. Michalzik – Kurzrezension

Fangen wir zunächst damit an, daß Titel und Untertitel ein wenig irritieren: man geht davon aus, eine Beschreibung der aufkommenden Lebensreformbewegung um die vorletzte Jahrhundertwende vor sich zu haben, de facto ist das Buch aber auf die Kolonie auf dem Monte Verità am Lago Maggiore fokussiert. Dennoch ist der Titel nicht ganz abwegig, da viele Details rund um den Hauptstrang der Erzählung die Lebensreform allgemein beschreiben.

Auf den ersten ca. 30 Seiten fand ich es schwer, in einen Lesefluß zu kommen, da der Autor kollagenartig verschiedenste Personen und Orte verknüpft und ständig zwischen ihnen wechselt. Da springt man mit Gerhart Hauptmann von dessen Begegnung mit dem Wanderprediger Johannes Guttheil zu Nietzsches bevorzugter Schinkensorte… Doch Michalzik schafft es, die Stränge wieder zu bündeln, Beispiel von Seite 24: „Tolstoi, Nietzsche, Hauptmann, Guttzeit, sie alle berühren eine Idee (…), die größer ist als sie.“ 

Noch einmal dreißig Seiten weiter war ich dann eingestiegen auf diese Erzählweise, die manchmal ein wenig boulevardesk daherkommt. In einem WDR-Interview wurde der Autor gefragt, wieviel Fantasie das Buch enthalte, was er so beantwortete: „Ein Sachbuch bezieht sich auf Tatsachen und sollte keine Fantasie enthalten. Auf der anderen Seite muss man sich überlegen, wie man ein Buch so schreibt, dass es schön wird. Da ist dann doch Fantasie gefragt; die besteht darin, dass man Einzelheiten so zusammenfügt, dass ein lebendiges Bild entsteht.“

Man erkennt dann, daß Tolstoi, Nietzsche und Co. quasi den Boden bereiten sollen für die Hauptakteure, die erstmalig auf Seite 38 in Erscheinung treten, also zwei von ihnen: Ida Hoffmann und „der Berg“, der in Stille wartet… Der Rest wird vorgestellt, das erste, eher zufällige Treffen in Riklis Sanatorium in Veldes, wo Ida auf Henri Oedenkoven, den belgischen Fabrikantensohn, trifft.  Hier, auf Seite 65 springt das Buch in das neue Jahrhundert, hier beginnt die Geschichte des Monte Verità, der vorher nur „Collina di Ascona“ hieß.
Karl und Gusto Gräser kommen ebenfalls nach Veldes, letztlich ist es Oedenkoven, der das Geld für den Kauf von Land aufbringt – es ist dieses Paradox, daß „alles allen gehört“, aber im Grunde einer allein hinter der Finanzierung steht.

Michalzik arbeitet in der Folge sehr gut heraus, wie bereits im Anfang des Projektes Streit lag, insbesondere zwischen Ida und Gusto. Den „breiten Strich“ beim Ausmalen der lebensreformerischen Szene jener Zeit behält er bei. Der Fokus wechselt immer wieder fort vom „Berg“ und hin zu Rilkes Besuchen bei Tolstoi oder den nächtlichen Pollutionen (bei sonstiger Impotenz) von Max Weber. Als Leser geht man „auf Tuchfühlung“ mit den Protagonisten. Oft erinnerte mich die Sprache Michalziks an die Herangehensweise von Wilhelm Weischedel bei seinem Buch „Die philosophische Hintertreppe“. Dort lernen wir die Philosophen nicht vorrangig über ihre Gedankengebäude kennen, sondern über ihr privates Leben und, ja, ihre Marotten.
Und häufig genug läßt eine Formulierung Michalziks mich auch schmunzeln: „Nietzsches Denken drängte von Anfang an zu befreiter, ausgelebter Sexualität. Eine Frau dafür fand er nicht. Was blieb, war der Übermensch.“

Die „5 Freunde“ beginnen, ihren Berg zu gestalten, also die vier bereits genannten plus Lotte Hattemer, die tragischerweise auch die erste Tote (Überdosis Kokain und Opium) auf dem Berg sein wird.
Ich kann hier nicht auf alle hinzukommmenden und wieder weggehenden Personen eingehen, die Balabiott, Nackttänzer, wie die Einheimischen sie nennen, das würde zu weit führen. Aus den 5 Freunden werden Zerstrittene, Karl und Jenny (Idas Schwester) sondern sich ab, so daß bald zwei getrennte Gruppen auf dem Berg leben.

Die Casa Andrea ist das erste, 1902 fertiggestellte Gebäude, in das Ida und Henri ziehen. Erst zwei Jahre später wird die Casa Anatta fertig. Das Teehaus ist das Gemeinschaftsgebäude, die Casa Gentile Wirtschaftsgebäude. Ende 1902 lebten 30-40 Personen auf dem Berg eine „weiche Mischung aus Theosophie, Nietzscheanismus, Pazifismus, Anarchismus, Individualismus, Einsamkeit und Gemeinschaftssinn, Rausch und Enthaltsamkeit, (…) Vegetarismus.“

Mit vielen  Details wird die Person Otto Groß in die Geschichte eingebunden, vermutlich  weil er „Sex und Frau“ (feiert), „dass sogar den Freiluftanhängern mit ihren wilden Ehen Hören und Sehen vergeht.“ Für den Autor ist Groß die prägende Figur der zweiten Phase (nach der initialen mit Henri und Ida).

Mühsam, die Gräfin zu Reventlow, Hermann Hesse, Mary Wigman – alle kommen zum Berg, bringen ihre eigene Agenda mit – und Henri Oedenkoven entgleitet langsam aber sicher die Führung auf dem Berg – er wird, mit den Worten Michalziks, zur „Lachnummer“, denn mit dem späteren Pächter des Geländes, Walter Müller, kommen Kaffee und Wein, Fleisch und die Zentralheizung auf den Berg… Aus dem Sanatorium wird das „Hotel Monte Verità“ mit 70 Betten.
Hier, jenseits der Hälfte des Buches, so bei Seite 250, wird es etwas langatmig, weil so unglaublich viele Informationen zusammengestellt werden und man sich die Protagonisten genau merken muß. Und jeder Nebenstrang ist eben auch nicht so interessant, wie das, was auf dem Berg passiert.

Mit Rudolf von Laban will Oedenkoven den Berg durch eine „Schule der Künste“ wiederbeleben. Über den darauffolgenden Sommer, den vor dem Ersten Weltkrieg, schreibt Michalzik mit glühender Feder: „(…) nun findet am Monte Verità das statt, was als Verheißung schon immer über dem Berg stand. Freie Liebe und heilige Kunst, schöne und leichte Gefühle, buntes und unbeschwertes Leben, Sommernachtstraum. (…) Es liegt an Rudolf von Laban und all den Menschen, vor allem Frauen, die er für seine Tanzfarm, wie er es nun nennt, gewinnt.“

Als weiteren Höhepunkt der Geschichte wird der 1917er Kongreß des Ordo Templis Orientis beschrieben, einem theosophischen Orden, mit dem Oedenkoven und Laban in Verbindung standen. Zentral war der „Sang (bzw. Tanz) an die Sonne“, eine Tanz-Choreographie Labans, so daß der Kongreß zu einem Fest wurde, einem „Sonnenfest“ in der Nacht vom 18. auf den 19. August. Siehe hierzu den Roman Das Sonnenfest, den ich später noch rezensieren werde.

Im letzten Viertel des Buches spürte ich beim Lesen eine Wehmut, denn viele Beschreibungen ließen nun ahnen, daß der Descensus des gesamten Projekts nicht mehr aufzuhalten ist.
1920 verläßt Oedenkoven mit Ida und seiner tatsächlichen Ehefrau, Isabelle Adderley, den Monte Verità. Noch einmal soll das Konzept geändert werden (Kindererholungsheim), aber daraus wird nichts. „Der Monte Verità, mehrere Hektar Land, Hotel, Häuser, Hütten, Parks, verwaist.“

Im Nachwort weist Michalzik darauf hin, das Buch sei wie eine Reportage ausgelegt; der Stoff sei mit den Augen eines Journalisten, nicht Wissenschaftlers gesehen. Das Buch ist eine immense Fleißarbeit, in die man sich vertiefen wollen muß, um wirklich das Beste herausziehen zu können. Dazu gehören langatmigere Passagen und solche mit großem, emotionalem Tiefgang. Michalzik hat damit aus meiner Sicht ein Kernwerk geschrieben, das speziell für diejenigen interessant ist, die ausgehend vom Monte Verità mehr über die Personen wissen wollen, die in den ersten beiden Jahrzehnten des letzten Jahrhunderts mehr oder weniger dem Thema Lebensreform verschrieben waren.

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