Aufbruch – Die Lebensreform in Deutschland (Rezension)

„Lebensreform“ ist kein Begriff, den man als Allgemeinwissen voraussetzen kann. Dennoch hat es seit den 1970er Jahren, verstärkt seit den 90ern hierzu intensive Forschungsarbeiten gegeben, die mit einem Output an entsprechender Fachliteratur einhergingen. Eine tatsächliche, gut verständliche Einführung – auch für Laien – hat es bislang nicht gegeben. Das ist nun anders: Bernd Wedemeyer-Kolwe (im weiteren: WK) hat mit seinem 2017 im Philipp-von-Zabern-Verlag erschienenen Titel den Versuch unternommen, die Lebensreform in ihren vielfältigen Aspekten einführend zusammenzufassen. Hier eine kurze Übersicht und Einschätzung:

Der Autor beschreibt in der Einleitung sein Buch als eine „Handreichung“ und „Übersichtsstudie“, die das Thema der Lebensreform auf „seinen ursprünglichen Forschungskanon zurückführt„. Vorangegangen war eine Kritik WKs an der Ausweitung des Begriffes der Lebensreform, kulminierend im zweibändigen Ausstellungskatalog „Die Lebensreform“ (2001), u.a. herausgegeben von Klaus Wolbert. WK will das Gebiet wieder rückdefinieren auf die „vier … wesentlichen Praktiken“, das sind Ernährung (Vegetarismus), Naturheilkunde, Körperkultur und Siedlungsbewegung. In diesem Kapitel bietet der Autor eine grundlegende Definition auf der Basis der früheren Forschungen – Lebensreform als sozialreformerische Bewegung mit intensivem Naturbezug, die Selbstreform und das Ideal selbstversorgerischer kleiner Gemeinschaften. Zu Selbstreform und Sozialutopie gesellen sich Erlösungsphantasien – das seien die drei Grundpositionen. Dabei würdigt WK den Verdienst von Wolfgang Krabbe mit seinem 1974 sozusagen als Auftakt der Forschung erschienenen Buch „Gesellschaftsveränderung durch Lebensreform“, auf das sich der Autor auch in den folgenden Kapiteln mehrfach bezieht.

Im nächsten Kapitel zu Begriffen usw. wird die Lebensreform als „dritter Weg“ neben Kapitalismus und Kommunismus beschrieben, auch im Rückgriff auf den Terminus der sozialreformerischen Bewegung von Joachim Raschke. Ausführlich wird der Begriff der „Natur“ dreifach in Anlehnung an Thomas Rohkrämer diskutiert, um letztlich auf die Frage nach Vordenkern für die Lebensreformer einzugehen. Hier werden besprochen: Nietzsche, Lagarde, Klages, Langbehn.

Es folgt das Kapitel zum ersten Grundpfeiler, der Ernährung. WK weist darauf hin, daß einige der „Gründungsgestalten“ biographische Erlebnisse im Rahmen der gescheiterten 1848er Revolution haben, sich also von der politischen Bühne ab- und dem konkreten gesunden Leben zuwandten. Kurz vorgestellt werden frühe Protagonisten wie Eduard Baltzer, Gustav von Struve, dann aus der „nachfolgenden Generation“ Adolf Just, Bircher-Benner u.a. Unter Bezugnahme auf das o.a. Werk Krabbes werden hygienischer, ökonomischer und ethischer Vegetarismus erläutert. Spannend ist der Kurzüberblick über die Mitglieder des „Deutschen Vegetarier Bundes“, der WK zum Schluß kommen läßt, die Vegetarier seien protestantisch, modern und städtisch geprägt gewesen. Der Wunsch „Zurück zur Natur“ zu gelangen, entsprach somit den konkreten Lebensumständen. Abschließend geht es um Reformhäuser und exemplarisch die Obstbaukolonie Eden.

Beim nächsten Kapitel zum Thema Naturheilkunde wird deutlich, daß sich der Autor weiter stark am einflußreichen Werk Krabbes orientiert. Holistischer und vitalistischer Ansatz werden vorab erklärt, bevor einige der bekannteren Heilkundler wie Kneipp, Prießnitz, Rikli vorgestellt werden. Über die Naturheilanstalten (auch dieser Männer) geht es zu den Naturheilvereinen und deren spannende Entwicklungsgeschichte von Luftbädern über Sportluftbäder und Familienfreizeitgeländen hin zu Schrebergärten – mit verschiedenen Übergangsstufen und großer Breitenwirkung.

Der Körper als „zentrale Angelegenheit“ der Lebensreformbewegung und die Feststellung, daß die Lebensreform über diesen auf Praxis statt kühler Theorie fokussiert war, eröffnet das Kapitel über Körperkultur. Ganzheitliche „Körperbildung“ sei die Maxime gewesen, die von Künstlern wie Fidus, Diefenbach, Fahrenkrog auch im Sinne neuer Körperästhetik  in ihren Werken unterstützt worden sei. Die Körperübungen der Lebensreformer waren in andere Bereiche wie gesunde Ernährung und Naturheilkunde eingebettet und wurden gern im Freien und unbekleidet durchgeführt. Sie hatten eine Formung des gesamten Körpers zum Ziel (Selbstoptimierung) und wurden durch Übernahme ins private Leben Teil der Alltagskultur. WK geht auf die zentralen Bereiche ein: Freikörperkultur, Ausdruckstanz und rhythmische Gymnastik (Rhythmus vs. Takt) sowie asiatische Übungen (Yoga, Meditation…). Wie auch in den vorherigen Kapiteln differenziert der Autor klar zwischen den völkischen Strömungen der Lebensreform, die sich im Zusammenhang dieses Kapitels einen „neuen reinrassigen Arier“ wünschten, während die linken Strömungen (aus der Arbeiterschaft) sich eine „aufgeklärte und selbstbestimmte Arbeiterfamilie“ als Ziel definierten. Ein wenig redundant in der Folge die Hinweise auf Sanatorien, Sportluftbäder, den Monte Verità, um zu Vereinen und Verbänden zu kommen, die auch nach politischer Ausrichtung vorgestellt werden. Ganz kurz wird als theoretischer Überbau die Natur- und Lebensphilosophie angerissen.

Für WK ist der Bereich Siedlung die „wichtigste Idee“, die „eigentliche Utopie“ der Lebensreformbewegung und Endpunkt des o.e. „dritten Weges“. Daher sei dieses Zitat aus dem Kapitel angeführt:

„Nur der lebensreformerische Siedler war so autark, dass er auf ideale Weise vegetarisch leben, Körperkultur betreiben und Naturheilkunde praktizieren konnte. In der Siedlungsgemeinschaft erfüllte sich das reformerische Leben schlechthin, die Kommune vereinigte alle Wünsche, Sehnsüchte und Praktiken der Lebensreform in sich (…)“

Gleichzeitig weist der Autor aber darauf hin, daß viele städtische Reformer diesen „letzten Schritt“, der Mut erforderte, nicht mitgingen. Mit Bezug auf den Siedler Gustav Adolf Küppers werden diverse Siedlungsformen vorgestellt sowie mit vier Grundmotiven aus dem Werk Krabbes ergänzt. Kurz – im Rahmen einer Einführung – werden bekannte Projekte vorgestellt – natürlich der Monte Verità, Donnershag bei Sontra, Obstbaukolonie Eden, Gartenstadt Hellerau, Loheland, Schwarzerden, Klingberg, auch völkische Siedlungen – alles mit dem Hinweis auf Gründungen zu Krisenzeiten (nach dem Ersten Weltkrieg, zur Inflation und Weltwirtschaftskrise). Viele Siedlungsprojekte scheiterten, weil die „Städter“ romantisierend ans Werk gingen, nicht das Knowhow fürs Landleben hatten oder nicht genügend Kapital (s. meine Einschätzung zur Rosinkawiese).

WK beschließt seine Einführung mit einem „Fazit und Ausblick„. Kritikpunkt hier: das ist das „fachlichste“ Kapitel, bei dem kurz und für Laien in dieser Kürze schwer nachvollziehbar die Forschung der letzten Jahrzehnte skizziert wird. Ob man wissen muß, warum sich Eva Barlösius‘ „sozialgeschichtlicher Ansatz“ nicht durchgesetzt hat, ist zumindest für den reinen Laien fraglich. Für Studenten, die sich etwas intensiver mit dem Thema Lebensreform und der Forschungsgeschichte einschließlich -literatur beschäftigen wollen, ist das natürlich hilfreich.

WK kommt zunächst auf die Perioden der Lebensreform zurück. Das „Gros der Denkmodelle“ sei bis 1914 etabliert worden, daher bereits Krabbes Fokus auf die Zeit vor dem Ersten Weltkrieg. Die Radikalität der Ideen faßt WK so zusammen: „Einfach leben, naturverbunden leben, ehrlich leben, das bedeutete schon einen gewaltigen Einschnitt in die Plüschwelt der Wilhelminischen Gesellschaft.“ Nach 1918 waren diese Ideen „kulturell durchlässig“ geworden und hatten die Breite der Gesellschaft erreicht. WK greift hier seine Kritik aus der Einleitung auf: Die „Durchlässigkeit“ habe eben auch eine „Konturlosigkeit“ mit sich gebracht, kaum miteinander kombinierbare Elemente, die alle irgendwie lebensreformerisch waren, aber auch eine beginnende Kommerzialisierung. Lebensreform wurde „Teil des modernen städtischen Lebensstils“. Dem standen aber weiterhin Außenseiter, „barfüßige Propheten“, gegenüber.

Kurz folgt ein Abriß über den internationalen Aspekt der Lebensreform, bevor der Fokus auf die wissenschaftliche Beschäftigung mit ihr wechselt. Das will ich hier nicht weiter zusammenfassen, weil es schon m.E. zu knapp im Buch behandelt wird.
Im eigentlichen Sinne „Fazit und Ausblick“ ist dieses Kapitel nur im Ansatz, insbesondere was den Ausblick angeht. Das ist aber kein großer Kritikpunkt. WK ist es mit dem Werk gelungen, an die bahnbrechende Arbeit Krabbes anzuschließen, und gleichzeitig das Thema wieder behutsam auf seinen Kern zurückzubringen. Damit wird quasi eine Phase abgeschlossen, in der „alles“ irgendwie mit der Lebensreform zusammenhängen oder Teil von ihr sein konnte. WK bündelt hier in der zweiten Dekade des neuen Jahrhunderts die Forschung und gibt ihr wieder Richtung. Das ist m.E. ein großer Verdienst, weswegen meine Einschätzung die ist, daß hier nun endlich eine würdige, sehr gute Einführung in das Thema Lebensreform vorliegt.

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