Zeeland

Coca-Cola-FlaggeEin bißchen wehte sie wie eine Piratenflagge im Wind: zerzaust, an einem morschen Mast, aber vital rot und laut im Wind knatternd: die Coca-Cola-Flagge. Als Kind der 80er, Nichtraucher, Pepsi-Verachter war es nicht der Marlboro-Mann, den ich mit Freiheit assoziierte, sondern am ehesten Coca Cola. Als ich mit 17 in den USA war, gab es dort so eine Vintage-Edition, also die alte Cola aus den 60ern. Dinge, an die man sich Ü50 noch erinnert.
Ja, ich weiß, alles imperialistischer Scheiß, aber seine Prägung hat man ja trotzdem… 😉
Diese Cola-Flagge ist mir aufgefallen und als Symbol im Gedächtnis geblieben für ein paar schöne Tage in Zeeland, der westlichsten Provinz der Niederlande. Ein paar schöne Tage auf der Flucht vor dem ins Corona-Zwangskorsett gepackten Alltag. In den Niederlanden benötigt man aktuell keine Maske, aber überall wird auf 1,5m „afstand“ hingewiesen. Für mich macht das Sinn. „Zeeland“ weiterlesen

Astorga bis Foncebadón (CF31)

[Die Seite ist Teil des Berichts über meinen Camino Francés 2015.]

Weg bis Foncebadón

Ich weiß nicht mehr, wieso ich morgens früh im Aufenthaltsraum der Herberge saß, also auf was ich möglicherweise wartete, aber dort klang dann, wie im Rest des Gebäudes, gregorianischer Gesang aus den Lautsprechern, um die Pilger zu wecken. Das war schon sehr „stylish“. Gleich im Anschluß brach ich auf und verließ Astorga, wobei ich an einer modern aussehenden Kirche vorbeikam, an deren Wand ich ein Mosaik mit folgendem Spruch fand:

Peregrino: Que el cansancio del Camino nunca te impida pensar. ¿Es lo importante la meta? ¿No será acaso el encuentro con el monte, el río, con el rumbo que has perdido… con el mismo dios quizás?

(Pilger: Möge die Müdigkeit des Weges dich niemals vom Denken abhalten. Ist das Ziel wichtig? Wird es nicht eher die die Begegnung mit dem Berg sein, dem Fluß, mit der Richtung, die du verloren hast … vielleicht mit demselben Gott?)

Da der Spruch auch auf dem Foto, das ich gemacht hatte, nicht so gut zu lesen war, suchte ich für diesen Bericht noch einmal im Internet danach. Er findet sich auf verschiedenen Seiten, aber oft ein wenig abgewandelt – und das genau da, wo für mich der Schwerpunkt liegt: el mismo dios – derselbe Gott. Ich war ja so viele Jahre von diesem (christlichen) Gott meiner Kindheit entfernt, und hier fand ich ihn doch wieder auf der Pilgerstraße in Richtung Santiago – oder, besser ausgedrückt: ich fand ihn in mir und trug ihn bewußter mit mir auf dem Weg nach Santiago. Ja, ich hatte „Richtung verloren“, aber hier ging es immer auf schöner, gelb markierter Bahn gen Westen, da wird man auf eine Richtung eingestimmt, die man dann mit dem ganzen Körper geht, in die man quasi eintaucht. „Derselbe Gott“ – diese Worte, standen für meine späteren Empfindungen am Cruz de Ferro. (Und ich schreibe dies mit Gänsehaut auf den Armen.)

Hinter AstorgaDoch viel dachte ich jetzt darüber nicht nach, denn es war kalt an diesem Morgen, aber zum Glück hatte ich meine Handschuhe. Wie ich es gerne tat, sprach ich ein Memo während des Gehens auf, in dem ich anmerkte, daß nun endlich die Sonne über der Maragatería aufgegangen war und es nicht mehr so kühl sei. Es ging dann durch sehr offenes Brach- und Heideland, rechts vom Weg sah ich im Sonnenlicht die Häuser des Örtchens Castrillo de los Polvazares liegen. Da wäre ich gerne hingegangen, habe aber wohl irgendwo in Astorga den Abzweig verpaßt. Bei diesem Ort lag das Anwesen von Denises Mörder, was mich an diesem Morgen hier in dem einsamen Landstrich beschäftigte (s. diese Seite). „Astorga bis Foncebadón (CF31)“ weiterlesen

Von „Wander-Penissen“ und dem „Chillen am See“

Das „Y-Kollektiv“ ist ein öffentlich-rechtliches Youtube-Angebot mit zum Teil recht spannenden Dokumentationen. Aktuell hat sich die Moderatorin Antonia Lilly Schanze mit dem Thema Nudismus, Naturismus und FKK befaßt, das knapp 18-minütige Video findet sich hier.

Vorgestellt werden: eine Nacktwanderung im Rahmen der Thüringer Nudistentage, eine selbsternannte FKK-Botschafterin, die Mitglied im tradittionsreichen FKK-Verein „Adolf Koch“ in Berlin ist, sowie Nackt-Yoga.

Zunächst muß ich die Moderatorin loben, die angezogen neben im Video verpixelten „Wander-Penissen“ läuft und mit ruhiger Stimme Gespräche führt oder erklärt. Wirklich nett ihr kurzer Abstecher zum Thema Lebensreform um 1900 mit der (sinngemäßen) Feststellung, daß in der Kaiserzeit „nackt am See chillen“ ein „revolutionärer Akt“ gewesen sei. Das kann man wohl so stehenlassen. „Von „Wander-Penissen“ und dem „Chillen am See““ weiterlesen

Verlornes Jahr – Coronabetrachtungen

„Verlornes Jahr. Die große Zeit
In kleiner Münze hingestreut.
September unterm Spinnenhaar.
Bereift. Verweint. Verlornes Jahr.“

(Eva Strittmatter)

 

Tatsächlich fühlt sich das „Coronajahr 2020“ für mich wie ein verlorenes Jahr an. Verlust heißt für mich v.a. Verlust von Lebensqualität. Das fängt klein an bei Abstands- und Maskenregeln, geht aber schnell zum „großen Verlust“, nämlich dem des Reisens. Ich brauche das Reisen als Ausgleich zu meiner Arbeit – und Reisen ist nur bedingt „Ostsee“ oder „Lüneburger Heide“ oder „Zeeland“, es sind doch die wärmeren, südlicheren Gefilde, die mir die Erholung bringen (und wenn ich an meine Caminos denke oder Fuerteventura – soviel mehr als nur „Erholung“: Weite, Freiheit, Tiefe, religiöses Erleben…). „Verlornes Jahr – Coronabetrachtungen“ weiterlesen

Saalfeldener Klause

Die Saalfeldener Klause, eine Einsiedelei auf 1000m Höhe, hat wieder einen Einsiedler… Ich hatte vor einigen Jahren die Wahl des damaligen Einsiedlers, eines belgischen Mönches mitverfolgt und später auch eine gute Doku dazu im Fernsehen gesehen. Doch der Belgier hat nach drei „Sommern“ – im Winter ist die Klause wegen Lawinengefahr nicht bewohnt – erklärt, nicht zurückkehren zu wollen, weil er nun Priester werden möchte. Also wurde jemand anderes gesucht – und gefunden.

Was das mit Lebensreform zu tun hat? Für den neuen Einsiedler schon recht viel, meine ich. Der 63-Jährige ist zunächst einmal evangelisch, arbeitet nun aber in der Klause für die katholische Kirche. Wichtiger möglicherweise: er kommt nicht direkt aus dem „Kirchenbetrieb“, sondern ist berenteter Kaufmann. Allerdings hat er Erfahrung mit dem Halten von Gottesdiensten als evangelischer Lektor. Matthias Gschwandtner, so heißt der Neue, möchte die Ruhe nutzen: „Ich wollte schon länger eine Art klösterliches Leben führen, mit fixer Struktur, und Zeit dafür haben, das eine oder andere persönliche Thema zu bedenken und zu bearbeiten“. (a.a.O.)

Und das ist doch tatsächlich eine Reform des eigenen Lebens, wenn man beschließt, „klösterlich“, ich würde sagen: mönchisch zu leben. Ich kenne das nur von zweimal zehn Tagen Schweigeexerzitien im Kapuzinerkloster, aber auch dort konnte ich erfahren, wie attraktiv ein solches Leben sein kann. Auch mich zieht es zu weiteren Erfahrungen dieser Art.
Daher: Pace e bene, lieber Matthias!

Verfall (G. Trakl)

Am Abend, wenn die Glocken Frieden läuten,
Folg ich der Vögel wundervollen Flügen,
Die lang geschart, gleich frommen Pilgerzügen,
Entschwinden in den herbstlich klaren Weiten.

Hinwandelnd durch den dämmervollen Garten
Träum ich nach ihren helleren Geschicken
Und fühl der Stunden Weiser kaum mehr rücken.
So folg ich über Wolken ihren Fahrten.

Da macht ein Hauch mich von Verfall erzittern.
Die Amsel klagt in den entlaubten Zweigen.
Es schwankt der rote Wein an rostigen Gittern,

Indes wie blasser Kinder Todesreigen
Um dunkle Brunnenränder, die verwittern,
Im Wind sich fröstelnd blaue Astern neigen.

Georg Trakl