Barbadelo bis Gonzar (CF38)

[Die Seite ist Teil des Berichts über meinen Camino Francés 2015.]

Auch an diesem Morgen ging ich im Dunkeln los, während Mond, Venus und Mars mir vom Himmel herab leuchteten. Enge, dunkle Wege wechselten sich mit offenem Weideland ab; auch Asphaltwege waren Teil der Strecke. Gelegentlich kam ich durch Gehöfte, die von gelben Lampen erhellt wurden. In den Ställen herrschte um die Uhrzeit am Sonntagmorgen schon Betriebsamkeit. Insgesamt war dies ein „anderes“ Galizien als das bei Samos: die „verwunschenen“ Wälder verschwanden – hier sah es wie bei uns im Westerwald aus.

Bald stand ich vor einem Kilometerstein, dessen offizielle Kilometerangabe nicht mehr vorhanden war. Es hatte jemand eine große 100 auf den Stein geschrieben. Wie die anderen anwesenden Pilger ließ ich mich neben dem Stein fotografieren – hey, eine runde Zahl, nur noch 100 Kilometer! Nach gut 15 Minuten kam ich dann am „richtigen“ Hunderter vorbei…

Gegen 8 Uhr saß ich draußen vor einem kleinen Café (Casa Morgade), bei dem viele Pilger rasteten. Plötzlich kam eine blonde Frau über die Hügelkuppe auf uns zu: Shelley aus Neuseeland! Wie lange hatte ich sie nicht gesehen!? Ich sprang auf, und wir fielen uns in die Arme. Groß war die Freude insbesondere deshalb, weil wir beide hier allein unterwegs waren und kaum bekannte Gesichter von früheren Etappen wiedersahen. Wir rasteten noch und gingen gemeinsam weiter. 

In der Mittagszeit kamen wir nach Portomarín, der Stadt am aufgestauten Flüßchen Miño. Der Wasserstand war sehr niedrig, so daß unter uns die alte, auf die Römer zurückgehende Brücke, die normalerweise unter dem Wasserspiegel liegt, zu sehen war und darüber, hoch über dem Wasser spannte sich die moderne Brücke, die wir nun überquerten. Ich zog meine Kappe fester, es war recht windig. Beim Dammbau in den 60er Jahren war das Dorf am Fluß aufgegeben worden. Man baute die Kirche Stein für Stein ab und oben auf dem Hügel, wo sie heute thront und wie eine Wehrkirche aussieht, wieder auf. Aber in diesem Jahr sah ich die Kirche nicht von innen, da Shelley und ich beschlossen, nach einem kurzen Imbiß im Hotel O Mirador noch 8 Kilometer bis Gonzar weiterzugehen. Es hätte sich auch gelohnt, im Ort zu bleiben.

Ich habe schon früher erwähnt, daß man als Pilger in Abhängigkeit von der Tageszeit und der gewählten Route nicht alle „Highlights“ mitnehmen kann. Kirchen sind oft geschlossen, wenn man sie passiert. Wer nur durch einen Ort hindurchgeht, nimmt weniger davon mit als der, für den dies der Endpunkt der Tagesetappe ist. Ich kam 2017 mit meinem jüngeren Sohn zurück, und Portomarín war unser Ziel an diesem Tag. Den ganzen Nachmittag verbrachten wir im Ort, gingen zu einem kleinen Konzert in die beschriebene Kirche und genossen Portomarín und die gefundene Herberge sehr.

Da es in Gonzar nur eine kleine Herberge gab, die Casa Garcia, baten wir eine Hotelangestellte in Portomarín, für uns nachzufragen, ob es noch zwei Betten gebe. Ja, sie waren noch frei und wurden für uns reserviert. Beim Weitergehen fotografierte ich einen der in den Boden eingelassenen gelben Pfeile, um den herum gelb-braune Ahornblätter lagen: der Herbst kündigte sich an.

Weiter ging es durch die immer gleiche Weidelandschaft mit „schnellem Schritt“, den Shelley im Grunde vorgab. Sie ging eindeutig schneller als ich; wohingegen ich eher den Blick für die kleinen Dinge am Wegesrand hatte und öfter für Fotos stehenblieb. Das führte – auch in den nächsten Tagen – dazu, daß uns oft um die 100 bis 200 Meter trennten, wenn es gerade nichts zu besprechen gab. Nach ungefähr 28 Kilometern Tagespensum kamen wir in einem kleinen „Kuhkaff“ an, Gonzar. Uns wurde von der netten Betreiberin eröffnet, daß es ein Einzelzimmer gebe und ein Bett in einem Schlafsaal. Ich nahm letzteres und richtete mich wie gewöhnlich ein, ging duschen und so weiter. Das Abendessen wurde nachher in einem Raum eingenommen, der wie das private Wohn- und Eßzimmer der Hospitaleros aussah. Kinder liefen umher und genossen die „Fremden“, die so interessant waren. Es gab für jeden ein großes Stück Hühnerbrust, dazu Pommes, Salat und (vorab) Linsensuppe – ein gutes, sättigendes Menü.

Mit Shelley ging ich draußen an die überdachte Bar, trank Kaffee, später ein Glas Wein. Es gab soviel zu bereden – endlich war wieder jemand zum Austausch da, der natürlich ausschließlich in Englisch verlief. Wir beschlossen, auch am nächsten Tag gemeinsam aufzubrechen. Grob planten wir die letzten Etappen bis Santiago und stellten fest, schon am kommenden Mittwoch dort ankommen zu können. Mein Flieger ging erst am Samstag zurück, so würde ich zwei ganze Tage für den Aufenthalt in der Stadt haben. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich mich im Prinzip schon gegen den Weiterweg nach Finisterre am Meer entschieden. Ich reservierte in Santiago die Pension Hortas ganz nah bei der Kathedrale zu einem vernünftigen Preis pro Nacht – das war eine absolut richtige Entscheidung: die Pension ist sehr zu empfehlen. Sie hatte die Abkürzung „P.R.“ vorangestellt, was ich in etwas Selbstüberschätzung als „Peregrinus Rex“ deutete… 😉 

Die zwei Tage in Santiago würde ich dann gemütlich angehen und schauen, ob noch Bekannte ankommen würden. Unschön war, daß ich an meinem Körper 4 neue Bettwanzenbisse von der letzten Nacht fand – am Bein – und das lag ja nun tief im Schlafsack… Waren die Bettwanzen bis dahin „vorgedrungen“? Das Thema wurde mehr als nervig… Um in unserem „Zeitplan“ zu bleiben, reservierten Shelley und ich auch gleich in der Casa Domingo für den kommenden Tag. Nur noch vier Tage zu laufen…

Beim Glas Wein erwähnte Shelley den Begriff der „bucket list“, den ich noch nicht gehört hatte. Sie sagte, das sei so eine To-Do-Liste: was wollte man noch machen, wenn man zum Beispiel eine finale Krebsdiagnose erhalte? Sie selbst hatte so eine Liste ohne Krebs, aber vor dem Hintergrund eines anderen, einschneidenden Erlebnisses. Sie wollte jetzt leben und „verrückte“ Dinge machen. Auf ihrer Liste standen: ein Tattoo stechen lassen, an einer Art Survival-Camp teilnehmen… Hmm, so eine Liste hatte ich nicht, ja, selbst beim Nachdenken darüber fiel es mir schwer, Dinge zu benennen, die ich unbedingt machen mußte. Das ist eine Art, aufs Leben zu schauen, die nicht meine ist.
Und dennoch fiel mir folgendes auf: Der Camino war und ist mir wichtig. Wenn ich mit der Compostela, der Pilgerurkunde, nach Hause kommen würde, dann hätte ich etwas für mich sehr Wichtiges „erledigt“. Kurz ging es mir durch den Kopf: würde ich nun so eine Diagnose erhalten, sie wäre möglicherweise nicht mehr so bedrohlich, weil ich in Santiago de Compostela gewesen war, ja, weil ich 800 Kilometer dorthin gepilgert war. („Bedrohlich“ also im Sinne, daß ich möglicherweise auf eine solche Diagnose ruhiger und gelassener reagieren könnte.) 

Ich merkte auch, daß ich ganz anders lebte als Shelley: eingebunden in eine Ehe und Familie. Sie lebte allein, die einzige Tochter war erwachsen und wohnte nicht mehr bei ihr. Auch an den nächsten Tagen wurde es deutlich: Shelley und ich gingen sehr unterschiedlich durchs Leben und hatten an dieses sehr unterschiedliche Erwartungen. Hier aber waren wir eine Zweckgemeinschaft – nein, das klingt zu negativ. Wir fanden einander sympathisch, verbrachten diese Tage gerne miteinander, aber der Ab-schied in Santiago war dann auch ein finaler: nach ein oder zwei Mails brach der Kontakt ab.

Ich möchte hier am Ende dieses Tages das schöne Zitat von Codd (2008) anbringen, das eines der schönsten ist, die ich kenne, wenn es darum geht, das „Mysterium“ des Caminos zu beschreiben:

„This small camino unfolds in bits and pieces, with an hour here and a few hours more there, a coffee and tortilla in a bar, a ten-minute rest in the shade on the side of the road, a visit with another pilgrim as we walk together for a brief time before one or the other moves ahead or lags behind, increasing heat and fatigue, thoughts peculiar to a passing moment, flatlands here and a mountain looming there, arrival, then rest and washing and food and more rest and laughter and beer and then it is bedtime and my eyes close and another small camino is complete. But only tentatively complete, for once this camino day gets taken by the hand by all the other camino days, they join together to form something more grand. In communion with one another, they form a growing family having its own wholeness, its own identity, its very own being; they become El Camino.“

Und El Camino ist tief in mein Herz eingedrungen.

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