Bollmann: Monte Verità (Kurzrezension)

Nach Erscheinen des Buches informierte ich kurz mit Verweis auf nicht so gute Amazon-Rezensionen. Das war, wie ich gerade sehe, schon 2017. Im Frühjahr 2022 habe ich die 2. Auflage von 2019 (Pantheon) gelesen. Also schnell bei Amazon nachgeschaut (Stand: 18.8.22): 33 „Sterne-Rezensionen“ mit einem Ergebnis von 4,3 von 5 Sternen, also ziemlich gut. Ins Auge sticht eine 1-Stern-Rezension, in der Bollmann vorgeworfen wird, einen „grob(en) und groß(en)“ erzählerischen Bogen zu spannen, während das „eigentliche Leben auf dem Berg diffus“ bleibe. Die Bewerter mit 2 und 3 Sternen haben keinen Text hinterlassen.

Ich war auf den ersten ca. 100 Seiten (entspricht „Teil 1: Der Aufbruch“) von knapp über 300 Seiten sehr begeistert vom Schreibstil des Autors. Doch nach den Teilen 2 (Die Agenda) und 3 (Die Verwandlung) bin ich vorsichtiger in der Bewertung, wenn auch keinesfalls negativ. 

Aber liegt das eventuell an der Größe der Aufgabe und der Vielschichtigkeit des Phänomens Monte Verità? Möglicherweise. Der Autor mußte sich natürlich für eine Vorgehensweise entscheiden. Beispiel: Wie wichtig waren die Anarchisten Kropotkin und Bakunin für den Monte Verità? Wie intensiv müßte in solch einem Buch über sie berichtet werden? Bollmann hat eine Entscheidung getroffen, die möglicherweise denen nicht gefallen wird, die schon Mühsams Aufenthalt dort kritisch beäugten und sich über seine spätere „Abrechnung“ mit dem lebensreformerischen Projekt geärgert haben (Stichwort: Salat von früh bis spat). Weiteres Beispiel: Wenn sich Franziska zu Reventlow nicht für die Lebensreformer auf dem Berg interessiert hat, aber zeitweise in deren Nähe lebte, ist das die mehreren Seiten über sie wert? Tut das „name dropping“ dem Buch gut oder bläst es den Inhalt auf?

Ich werde die grundsätzlichen Entwicklungen hier nicht mehr zusammenfassen, das habe ich schon auf der Seite über Michalziks Buch „1900“ getan – oder man liest es selbst nach. Bollmann arbeitet die biographischen Hintergründe der zu Beginn fünf Protagonisten in der Tat gut, wenn auch knapp, heraus, wobei er auch auf deren philosophischen Hintergrund eingeht, indem er kurz Charles Fourier, Afrikan Spir oder auch Johannes Guttzeit vorstellt. Früh arbeitet Bollmann heraus, daß es die „Verschränkung von Leben und Inszenierung“ sei, die dieses Projekt von anderen im gleichen Zeitraum abhob. Das erscheint mir treffend.

Der nächste Schwerpunkt liegt auf der Schilderung der Selbstversorgung in der Zeit der Industrialisierung auch unter Verweis auf die 1841 in den USA gegründete Brook Farm. Auch der „anarcho primitivism“ eines John Zerzan wird in diesem Rahmen vorgestellt. Das ist kurz, zu kurz möglicherweise, es hat nur marginal mit dem Monte Verità zu tun, dennoch bin ich Bollmann hier dankbar, daß er Zerzan erwähnt, weil es mir als Leser ermöglicht, bei Bedarf weiter nachzuforschen und mir Werke zu kaufen.
Das Thema Feminismus / Frauenrechte wird an mehreren Stellen des Buchs insbesondere im Zusammenhang mit Ida Hofmann bearbeitet.

1903 lebten laut Henri Oedenkoven 10 Dauerbewohner, 10 Kurgäste und 20 andere, über den Berg verstreute Personen auf dem (und um den) Monte Verità (herum). Früh ist diese Zerstreuung Thema, so bei der Absonderung Karl Gräsers und Jenny Hofmanns von den anderen, wie auch beim Zuzug von Personen, die bewußt abseits – und doch in der Nähe – kleine Hütten bezogen. Das ist meines Erachtens auch Grundlage für den „großen Bogen“, den der Autor spannen muß – so nach dem Motto: „Waren nicht alle irgendwie Monte Verità?“
Karl und Jenny bieten wenig für vertiefte Betrachtung; Ida und Henri erscheinen oft zu geschäftig und gewinnorientiert, um sie alleinig als Vorzeigepersonen herzunehmen. Einen weiteren Punkt benennt Bollmann: das Projekt Monte Verità hatte einen „Zug ins Libertäre und Anarchistische“. Jeder machte, was er wollte, was ebenso zu einem Fokusverlust führte (auf dem Berg wie auch ein wenig im Buch).

Hier ist es mein Empfinden, daß sich Bollmann aus den in „konzentrischen Kreisen rund um die Heilanstalt“ wohnenden Menschen vor allem die Anarchisten als interessante Figuren herausnimmt. Mir gefällt das, anderen mag dieser Schwerpunkt nicht liegen. So wurde beim Thema Selbstversorgung Zerzan erwähnt, bei Veganismus geht es u.a. mit Erich Mühsam und Joseph Salomonson weiter; das ist auch der Einstieg in Teil 2 des Buches („Die Agenda“). Der Berg war, so Bollmann, das erste „vegane Sanatorium der Welt“. Dieser Teil des Buches stellt diverse lebensreformerische Bereiche vor – vom erwähnten Vegetarismus über Sonnenbäder zu Müsli und Fasten nach Arnold Ehret (mit Sprung zum Ehret-Jünger Steve Jobs).

Ein langes, ausführliches Kapitel widmet sich dem Anarchismus, seinen Vertretern und der „Direkten Aktion“ zur Durchsetzung der eigenen Wünsche. Für mich ist das so ein Charakteristikum des Bollmannschen Werkes: der Monte Verità mit diesem anarchistischen Flair.
Im Bereich Sexualität ist für den Autor der Arzt Otto Gross die „psychotherapeutische Version der anarchistischen direkten Aktion“. Hier werden zum Ende des 2. Teils sowohl Hermann Hesse als auch die ersten drei Toten des Siedlungsprojektes besprochen, u.a. die durch Suizid verstorbenen Lotte Hattemer und Sofie Benz.

Teil 3 ist „Die Verwandlung“ überschrieben. Die Kultur auf dem Monte Verità sei eine nonverbale gewesen, daher wird nun die „Aufwertung des Körpers“ besprochen: Ausdruckstänze, Rudolf von Laban, Isadora Duncan, Mary Wigman… Die Bergbewohner hießen bei den Einheimischen balabiòtt – Nackttänzer. So meint Bollmann, spät zeige sich hier das Ideal der Gründer in der Verwandlung des Projektes zu einer „Tanzfarm“.

Ein langes Kapitel ist dem Ordo Templi Orientis gewidmet, sowie dem großen „Sonnenfest“ im August 2017. Bollmann konstatiert: der Berg sei zu seinen „Ursprüngen zurückgekehrt“: „Hier ist die Sonne, hier tanze.“

Langsam, aber sicher, geht es auf dem Berg dem Ende entgegen. Karl und Jenny Gräser hatten krankheitsbedingt den Berg verlassen, Ida und Henri gingen 1920 erst nach Spanien, dann nach Brasilien. Gusto Gräser nahm später das Wanderpredigerleben wieder auf.

Der 20 Jahre währende „Sommer des Lebens“ auf dem Monte Verità war vorbei; Bollmann schreibt, der Verfall sei schneller gekommen, als man für möglich gehalten hätte. Erstmalig wurde 1930 eine Geschichte des Projektes verfaßt (Robert Landmann). Zum Abschluß hebt der Autor den großen Verdienst des Kurators Harald Szeemann hervor, der die Ausstellung „Monte Verità. Die Brüste der Wahrheit“ 1978 präsentierte (s. Plakat der Berliner Ausstellung hier).

Die „Wahrheit“ des Berges lag Bollmann zufolge im „extremen Individualismus seiner Bewohner, der allen Träumen von neuer Gemeinschaft eine unübersteigbare Grenze setzt“.

Der Einschätzung des Autors, daß viele Individualisten auf den Berg kamen, um zu machen, was sie wollten, entspricht m.E. die umfassende Darstellung, die versucht, auf jede Spielart von „Anders-Sein“ einzugehen. Das verwässert das Buch ein wenig, andererseits wird es dadurch zur Fundgrube für interessierte Leser, die der einen oder anderen Thematik nachgehen wollen. Und natürlich: mir gefällt der Fokus auf die Anarchisten. Bollmann gelingt es, diese 20 Jahre („Sommer des Lebens“) nachfühlbar zu erarbeiten. Für mich ist es zum jetzigen Zeitpunkt das deutschsprachige Werk über den Monte Verità, auch wenn ein Neueinsteiger mit der Material- und Personenfülle überfordert sein könnte.

 

Stefan Bollmann: Monte Verità. 1900. Der Traum vom alternativen Leben beginnt. Pantheon Ausgabe (Dts. Verlags-Anstalt, München) 2. Auflage 2019, broschiert 

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