Kategorien
Mein Camino Francés 2015

Burgos bis Hornillos del Camino (CF21)

[Die Seite ist Teil des Berichts über meinen Camino Francés 2015.]

Er war da! Der Tag, an dem ich aus Burgos heraus und in die weite Hochebene der Meseta laufen würde. Was verband ich mit diesem Abschnitt, was ließ mich ihn als den Kern meiner Pilgerreise begreifen?
Die Meseta wird in Pilgerkreisen gern als „harte Erfahrung“ beschrieben: baumlos sei es, man sehe nur Weite, das könne eintönig und desillusionierend werden, insbesondere wenn man unter Schmerzen leide. Man fühle sich allein, vielleicht auch verlassen, ja, die Meseta wäre ein Sinnbild des Todes, wie nach Bennett (2013) schon zitiert.
Ich verband mit ihr „Reinigung“, ich suchte diese Einsamkeit, um mich ganz mit mir beschäftigen zu müssen. Ich stellte mir kilometerlange gerade Wege vor, Stille rundherum, Wind im Haar und das Gefühl, ganz bei mir zu sein. Oje, es kam leider nicht ganz so…
Zunächst frühstückte ich schon um halb sieben im „Antifa-Café“ gegenüber der Herberge (Croissant mit Schinken), nahm Proviant mit (Bocadillo, Apfel).

Im Dunkeln den Weg aus Burgos heraus zu finden, war nicht immer einfach, weil man insbesondere in einer Stadt mit sehr gelbem Laternenlicht, was für Spanien typisch ist, die gelben Pfeile schnell übersehen kann. Zwischendurch fragte ich einen Mann von der Stadtreinigung, der mir zeigte, wo es weitergeht. Selten habe ich auf meinem Camino soviele Pilger „auf einem Haufen“ gesehen, wie die Menge, die heute morgen früh und fast schon fluchtartig Burgos verließ.

Hinter BurgosTatsächlich erzählte mir jemand am Abend, Burgos sei gestern „ausgebucht“ gewesen, was Betten in Herbergen anging. Es sei dann eine Gruppe von Pilgern, die bislang nicht untergekommen waren, in ein Hotel gekarrt worden, wo für die Übernachtung 40€ anfielen. Der junge Mann, der das erzählte, war sichtlich genervt vom deutlichen Einschnitt, den das in seinem Reisebudget verursacht hatte.
Es ging zunächst durch Stoppelfelder, an der vielbefahrenen Straße vorbei, eine längere, gut ausgeschilderte Umleitung wegen Brückenbauarbeiten mitnehmend. Ich überholte einen mit starken Schmerzen im Bein humpelnden Amerikaner, den ich später in Santiago wiedertreffen würde.

Ruhige Orte wie Tardajos, Rabé de las Calzadas passierte ich, ohne daß sie einen besonderen Eindruck hinterließen. Immer sieht man die Kirche, oft auch bei kleinen Orten in imposanter Größe, mit ihren Storchennestern (leider ohne Störche), den Marktplatz mit Brunnen, kleine Bars, als „Supermarkt“ angepriesene Tante-Emma-Läden. Dort, wo Bäume standen, die Schatten spendeten, sah ich nun öfter kleine Pilgerrastplätze mit ein paar Bänken und Tischen, gelegentlich um eine Quelle gruppiert. Ab und an stand dort auch ein kleines Zelt.

Hinter Rabé fing dann das an, was ich aus Bildern als Meseta kannte: weites Land, abgeerntete Getreidefelder, Steinhaufen, Farben in allen Schattierungen von Gelb über Beige zu Braun. Eine Landschaft, die den Geist dazu einlädt, im weiten Blick in die Runde Ruhe zu finden.
Aber die Ruhe fehlte.

In Tardajos war ein Reisebus mit dänischen Tourigrinos vorgefahren, hatte seinen Inhalt auf der Straße verteilt, der mir jetzt folgte. Die Dänen waren zum Teil mit Jeans bekleidet, mal mit Daypack oder auch ganz ohne Rucksack (die „Sinmochilas“ / „Ohne-Rucksäcke“, wie Codd (2008) sie nennt), wobei die Pilgermuscheln an den vorhandenen Rucksäcken solche von erheblicher Dimension waren (Faustregel zur Erkennung von Tourigrinos: je kleiner der Rucksack, desto größer die Muschel). Und während ich in den letzten zwei Wochen meinen „Tritt gefunden hatte“ und ein konstantes (nicht zu schnelles) Tempo ging, huschten die Dänen an mir vorbei, nur um bald wieder redend und gestikulierend stehenzubleiben und von mir überholt zu werden. Man grüßte sich knapp; und so, wie mich einige ansahen, war ihnen klar, daß ich nicht erst seit gestern (wie sie?) unterwegs war.
Soweit, so gut. Was mich aber massiv nervte, war, daß sie lautstark miteinander schwätzten. Alle Kleingruppen, in die sie sich aufgeteilt hatten, redeten so lautstark, als wären sie in Nordjütland allein bei Sturm am Strand. Zu Anfang nervte das nur, irgendwann war ich wirklich „angepißt“, wenn ich das hier so deutlich schreiben darf. Ich hatte aufgrund meines Tempos und deren Stop-and-Go-Fortkommensweise keine Möglichkeit, dem Geschwätze zu entgehen – es sei denn, ich wäre in Rabé geblieben.

Wie hatte ich auf diesen Tag hingefiebert – und nun nervten mich Mitpilger, die, das erlaube ich mir, so deutlich zu schreiben, den Titel „Pilger“ – in meinem Verständnis – nicht verdient hatten. (Und das nicht deshalb, weil ich ihnen die religiöse Komponente ihres Wanderns absprechen wollte, sondern wegen Ihrer Rücksichtslosigkeit.)
Doch was heißt das in einem übertragenen Sinne? Das „Leben“ (erstes Camino-Drittel bis Burgos) war vorbei, das Ende des – bei allen Höhen und Tiefen – Komfort-Bereichs erreicht. Diese Dänen waren wie quasi-dämonische Kräfte, die geschickt waren, um mich auszutesten. Leider reagierte ich so, wie sie (die Kräfte, nicht die Dänen als solche) es provozieren wollten: ich ärgerte mich, kam aus dem mentalen Gleichgewicht, das ich in den Wochen zuvor gefunden hatte. Es ist auch bezeichnend, daß hier am Anfang der Meseta keine Verletzung stand, etwas, das mich körperlich einschränken würde, sondern Menschen, ein psychischer Angriff.
Die Lektion, die hier für mich zu lernen war, hatte einen einfachen Namen: Gleichmut. Beobachte, akzeptiere das Unabänderliche, wahre deine Integrität. Eigentlich eine spirituelle Aufwärmübung, geht es doch nur um die Bekämpfung von Strohfeuern. Ich würde in den folgenden Jahren andere Themen angehen, anderen Versuchungen des Feindes (meiner Personifizierung des Bösen / Sündigen) widerstehen, aber hier war es nur der Gleichmut, der gefragt war.

Noch ein anderer Aspekt kommt hier hinzu: in all meinen Beschäftigungen mit Meditation, autogenem Training, Achtsamkeit, Kontemplation, lag der Fokus auf einer einfachen Sache: lebe im Augenblick. Es gibt keine Zukunft, es gibt keine Vergangenheit, nur der jetzige Moment zählt. In diesem Sinne war die Vorfreude auf die Meseta Selbstbetrug. Ich kann mich nur an wenige Situationen in meinem Leben erinnern, in denen mir diese Lektion so deutlich geworden ist.
Hier kommt der schöne Spruch zum Tragen, den ich später, wenige Tage vor Santiago in den Tisch einer Bar eingeritzt fand: „Life consists of collisions with future.“
Immer wieder auf Neues einstellen und bloß nicht zu weit im voraus planen, das macht das menschliche Leben aus.
Eines sei noch angemerkt: viele der schriftlichen Kommentare in jeglicher Form am Wegesrand des Caminos gehen auf dieses Thema „Stille / Schweigen“ ein. Da liest man z.B.: „This isn’t Hollywood. Go home, you The Way tourist!“
(Also auf den erfolgreichen Film mit Martin Sheen anspielend, der für viele englischsprachige Pilger das ist, was für Deutsche die Lektüre von Kerkelings Werk war.)
“Real pilgrims walk in silence.”

Bald kam in der Ferne Hornillos del Camino in Sicht. Doch was stand da am Ortseingang? Der dänische Reisebus! Wer also durch lautes Schwätzen auf den 10 Kilometern von Tardajos bis hier müde geworden war, der durfte nun wieder in den Bus, der Rest wanderte noch weiter, vielleicht bis Hontanas. Und um es hier gleich zu erzählen und das dänische Kapitel abschließen zu können: bei meinem Einchecken in die Herberge „Meeting Point“ in Hornillos kamen dann auf einmal gut 10 dieser Dänen rein, die alle mal „aufs Klo“ wollten. Statt dem Hospitalero ein kleines Trinkgeld, eine kleine Spende zu geben, waren sie nach Geschäftserledigung schnell wieder kommentarlos verschwunden. Ich hoffte innig, nicht mehr viele solcher „Pilger“ ertragen zu müssen, doch ich war ja noch nicht bis Sarria gekommen.
Die Herberge lag auf der Hauptstraße und wirkte recht neu (wohl im Jahr zuvor eröffnet) mit großem Garten und schönem Aufenthaltsraum. 10 Kilometer weiter bis Hontanas oder hierbleiben? Mein leicht schmerzendes linkes Schienbein sagte: bleiben.
Eine Konstante möchte ich noch für den Camino angeben: Die Herbergen können noch so schön sein, die Hospitaleros noch so engagiert, eine Sache ist immer gleich: man versucht, so viele zahlende Schlafgäste wie möglich in ein Zimmer zu stopfen. Auch hier waren es acht Stockbetten in einem eher kleinen Raum…
Nach dem Pilger-Mittagsritual saß ich im Garten, sprach mit den zwischenzeitlich eingetroffenen Neuseeländerinnen, Robin und Shelley, wartete darauf, daß meine Wäsche fertig wurde (ich hatte viele Teile nach dem ausgefallenen Waschen in Burgos der Hospitalera zwecks Waschen und Trocknen gegeben), als Klaus und Miss Mutig einliefen. Letztere beschwerte sich dann gleich, daß die (vorher eingetroffenen) Pilger Waschmaschine und Trockner belegt hätten. Auf dem Trockner mit meinen Sachen stand eine Restzeit von drei Stunden – das war natürlich erwartungsgemäß nicht korrekt. Miss Mutig lamentierte, wie ungerecht das sei, sie müsse nun ihre nasse Wäsche auf die Leinen hängen. Fing damit an und nur drei Minuten später piepste mein Trockner: Wäsche fertig! Anmutig grinsend nahm ich sie aus dem Gerät.
Auch Schneeweißchen und Rosenrot, wie ich die beiden immer grantig dreinblickenden Frauen (aus Süddeutschland bzw. der Schweiz) genannt hatte, trafen in der Herberge ein – und bekamen auch Betten in „meinem“ Zimmer, wie Klaus und Missy.
So langsam wurde mir das zuviel, zu viel schlechte „Vibrations“… Also plante ich mal drauflos: wenn ich morgen 30 Kilometer und übermorgen weitere 30 gehen würde, läge ein (geschätzter) Tag zwischen mir und den Vieren. Das wäre doch was! Seelenruhe und -heil durch zwei „Gewaltmärsche“… Also flugs die Herberge Hogar del Peregrino in Itero de la Vega angerufen und für morgen ein Bett reserviert. (Auf dortiger Seite verstand man ein „Einzelzimmer“.)
Ha, denen würde ich es schon zeigen…

Kreuz nahe Hornillos del CaminoAm Nachmittag machte ich einen kleinen Spaziergang in die Felder bei Hornillos, wo ich ein imposantes Kreuz auf einem Hügel vor bedrohlicher Wolkenkulisse fotografieren konnte, aber auch einen kleinen Marienkäfer. Hier nahm etwas seinen Anfang, das für meinen weiteren Camino bezeichnend werden sollte: der Blick für die kleinen Dinge am Rande des Weges, für die Farbtupfer der letzten Blumen inmitten der vorherbstlichen Brauntöne. Ich war immer mehr auf die Fauna orientiert gewesen, habe lange Zeit in meiner Jugend Vögel beobachtet; mit der Flora kannte ich mich nicht so aus. Aber die Bilder der wenigen verbliebenen Blumen vor dem Herbstbeginn sprachen zu mir, ohne daß ich ihre Namen benennen können mußte.
Um 19 Uhr wurde in der Herberge gemeinsam gegessen. Die Hospitaleros, ein junges spanisches Paar, sprachen nur wenig Englisch, aber dafür war das Essen vorzüglich!
Mitleid hatte ich mit einer Koreanerin, die erst heute in Burgos gestartet war – mit neuen Schuhen. Sie hatte fette Blasen von den 20 Kilometern an den Füßen und das gleich am ersten Tag. Nette Mitpilger versorgten sie mit Blasenpflastern.

Wer nach der Erwähnung der Dame in Grañon, die offenbar einen Flirt suchte, und der Erwähnung von Robins Allüren mir gegenüber nun vermutet, daß ich auf dem X-Chromosom blind bin, der liegt falsch. Der „Po des Camino“ war heute abend hier in Hornillos in meinem Zimmer! (Also samt der sportlichen Dame, die da dranhing…)
Das ist aber schnell erzählt: es handelte sich um eine junge, kleine, ziemlich durchtrainierte Amerikanerin, die mir schon in der Kathedrale von Burgos aufgefallen war. Nun war sie in meinem Zimmer einquartiert, auf dem oberen Bett mir gegenüber. Ich lag schon im Bett, hörte Musik, da stieg sie mit knappem Slip hoch auf ihr Bett und mir fiel auf, wie schwer es doch ist, Matthäus 5, 28 zu beachten…

[Hier geht’s zum Folgebeitrag.]

[Hier geht’s zur Übersichtsseite Camino Francés 2015.]

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.