Cacabelos bis Ruitelán (CF34)

[Die Seite ist Teil des Berichts über meinen Camino Francés 2015.]

Müde kam ich morgens aus meinem „Kabäuschen“, räumte die Ausrüstung auf die kleine überdachte Veranda und machte mich fertig. Es regnete, es war noch dunkel, und es sah sehr trostlos aus. Zunächst ging ich eine Landstraße entlang, auf der kaum jemand unterwegs war. Bald fand ich den Weg nach rechts in Felder, die sogenannte „scenic route“ über das Örtchen Valtuille de Arriba. Hier liegen Hund und Katz begraben und im strömenden Regen hatte der Ort etwas von einer Geisterstadt. Ich fotografierte schnell mit dem iPhone, das ich dann wieder in die schützende Plastiktüte packte.

Doch bald hinter Valtuille klarte es auf, der Regen ließ nach. Hier folgte nun ein sehr schönes Wegstück, das wieder durch Weinfelder mit diesen charakteristischen, weniger als einen Meter hohen Stöcken führte. Schönes Fotomotiv, das man immer wieder in Camino-Berichten findet, war eine Art Kapelle auf einem Berg in der Ferne, von knorrigen Kiefern eingerahmt. Die Wolken gaben heute ein noch viel aufregenderes Schauspiel als bei der gestrigen Wanderung – zumindest auf dem Wegstück vor Villafranca. Zum Teil lag eine dicke Wolkenschicht über dem Tal, doch dann riß sie auf und Sonnenstrahlen suchten sich ihren Weg zum Boden – herrlich!

Dann war Villafranca erreicht, doch – wie so oft – waren die Kirchen, hier insbesondere die Iglesia de Santiago, noch verschlossen. Diese Kirche hat – wie die große Kathedrale in Santiago – eine Puerta del Perdón. Konnte ein mittelalterlicher Pilger hier nicht mehr weitergehen und insbesondere die anstehenden Bergetappen (O’Cebreiro) nicht meistern, war es in diesem Ort möglich, die gleiche Absolution wie in Santiago zu erhalten. Daher wurde Villafranca manchmal „das kleine Santiago“ genannt. Der Ort ist sehr grün und die öffentlichen Räume sind schön gestaltet. Ich fand eine Bar, in der ich als fast einziger Gast frühstückte und mir ein Bocadillo für später einpackte. Die Betreiberin war wohl von meinem Trinkgeld so angetan, daß sie mit auf die Straße kam und mir eine Abkürzung zeigte: da vorne die Treppe runter und gerade durch, da stoße ich wieder auf den Camino und muß nicht den ganzen Bogen durch den Ort laufen.

Gesagt, getan, bald stand ich an der Kreuzung, ab der drei Wege zur Auswahl standen. Da wäre der Normalweg durchs Tal an der Straße entlang – den Hape Kerkeling (2007) in drastischen Tönen beschrieb (was das angebliche Verhalten der LKW-Fahrer angeht). Dann gibt es einen Höhenweg, der zunächst steil ansteigt, dann aber später grandiose Ausblicke aufs Tal gewährt. Und eine „remote route“, wie Brierley (2015) sie nennt, ein einsamer Weg durch abgelegene Ortschaften, der deutlich mehr Kilometer hat als die Standardroute. Mir reichten meine ca. 27 Kilometer heute, so daß ich kurz bei zwei Frauen stehenblieb, die sich uneinig waren, welcher Weg der richtige ist. Ich erklärte die Wegalternativen, hatte aber das Gefühl, daß man meine „Belehrung“ nicht hören wollte. Na ja, ich ging weiter und hinein ins Val de Valcarce. Hätte ich in Villafranca übernachtet, wäre die Entscheidung wohl eher auf einen der beiden Höhenwege gefallen.

Hier, kurz vor der Ankunft im grünen Galizien, grüßte mich ein Doppelregenbogen, der über der Straße von Talseite zu Talseite „aufgespannt“ war. Das war „mein Tor“ nach Galizien, dachte ich. Man läuft also an der Bundesstraße entlang und über einem – mal fern, mal nah – sieht man die Autobahn A-6, die später, also weiter hinten im Tal, auf hohen Pfeilern steht und so über die Berge führt.

Das schon erwähnte Schild mit der Aufschrift „Real pilgrims walk in silence…“ stand übrigens hier in diesem Tal – und verwies darauf, daß man bei echtem „inneren Frieden“ auch den Lärm ertragen könne. 

Immer wieder verließ ich die Hauptstraße, um auf kleinen Nebenstraßen durch die Örtchen zu wandern. Der Regen ließ nicht nach. Ich sah viele Einheimische, die Nüsse und Kastanien einsammelten, und hatte den Eindruck, daß es ein reiches Jahr in dieser Hinsicht war. 20, 21 Kilometer neben der Straße – ich sprach an dem Abend auf, daß ich das mittlerweile wirklich „haßte“, dieses Entlanglaufen an Straßen.
(Aber ich hatte ja vorher die Wahl einer anderen Route und durfte mich daher nicht beschweren.)

Spätestens vor dem Örtchen Vega de Valcarce bzw. dann Ruitelán waren die Vorhügel der nahen Gebirgskette zu sehen, die aus der Landschaft mit ihrem satten Grün herausragten. Etliche Herbergen lagen am Straßenrand und luden zum Einkehren ein, aber ich hatte reserviert. So ein bißchen ärgerte ich mich, insbesondere weil sich die letzten Kilometer zogen. Es war wie immer: bis 25 Kilometer ist alles OK, was darüber liegt setzt meinem Körper zu. Ich war davon ausgegangen, El Capricho de Josana läge in Ruitelán, aber nein, es liegt kurz vor Herrerías.

Irgendwann kam ich dann an, meldete mich unten in der Bar, von wo jemand mit mir zum Zimmer ging. Angekommen… und sehr müde. Also erstmal schön duschen… Ok, kaltes Wasser. Was will man machen? Trotzdem geduscht und schnell ins Bett, wo ich dann gut zwei Stunden schlief. Dann hinunter in die Bar und bei einem Bierchen den nächsten Tag geplant, was auch hieß, daß ich mich hier vorab für den „Umweg“ über das Kloster Samos entschied. Danach hörte ich noch ein bißchen das Kerkelingsche Werk, kommentierte aber später, es sei „auch nicht wirklich gut erträglich“. Lange telefonierte ich mit meiner Frau: es schien zu Hause alles in Ordnung zu sein.

Spannend wurde es dann beim Essen, denn ich war neben einem komischen Paar (er wohl Franzose, sie Deutsche) der einzige Gast, was wohl oder übel dazu führte, daß ich deren Gespräch mithörte. Aha, sie sprachen über ihre „Camino Experience“, die sie wo sammelten? In Hotels, nur in Hotels. Ach, die Ärmste müsse, so erzählte sie nun, in Arzúa doch tatsächlich erstmalig (!) auf eine Herberge ausweichen, weil sie kein Hotel mehr hatte buchen können. Ja, sagte der Franzose, der irgendwann einwarf, daß er Dodi Al-Fayed persönlich gekannt hatte, mit dem „Lady Di“ tödlich verunglückt war, das sei schwer, in Arzúa ein Hotel zu bekommen, doch er habe noch Glück gehabt. (Nein, es war nicht schwer.)

Bald kam meine bestellte „Ochsenwange“, die ganz zart war und sehr lecker schmeckte. Ich genoß meinen Rotwein und hörte weiter zu. Ja, der Spirit des Caminos liege in den Hotels; man war sich einig, daß man mit dem „niederen Volk“ (wurde so nicht gesagt, kam aber so bei mir an) nichts zu tun haben wollte.

Wie komisch das ist, dachte ich. Jetzt sitze ich hier allein in einem Hotel und habe schon Sehnsucht nach anderen Pilgern. Ich fühle mich einsam hier, für andere ist das der „Spirit of the Camino“. Auch von zu Hause kannte ich dieses Gefühl: so oft allein zu sein, meine Interessen mit niemandem teilen zu können. Hier hingegen erlebte ich die „power of a smile“: lächeln und schon bist du im Gespräch mit den anderen. Das ist so eine schöne Erfahrung, die ich nicht mehr missen möchte. Und das also ist deren Camino Experience, seltsam, ich kann es für mich nur umdrehen: ich schleppe meinen Rucksack Tag für Tag und Kilometer für Kilometer bis nach Santiago. Ich trage ihn selbst, lasse ihn nicht transportieren, schlafe in guten und schlechten Herbergen, gehe gut 800 Kilometer, rede mit Menschen, mal hier, mal da. Ich bin nun nicht der „Schwätzer vor dem Herrn“, sondern rede mit wem und soviel ich mag. Und auch wenn nur ein Lächeln ausgetauscht wurde (oder mehrere wie bei der schon erwähnten Koreanerin mit der pinken Pudelmütze): da ist Gemeinschaft, die ich genieße. Das ist für mich die richtige Art, meinen Camino zu gehen.

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