Calzadilla de la Cueza bis Sahagún (CF25)

[Die Seite ist Teil des Berichts über meinen Camino Francés 2015.]

Auf meinen ersten Schritten raus aus dem Ort, unter einem vollen Mond, der viel Licht gab, sprach ich ein genervtes Memo auf – endlich war dieser Samstagnacht-Alptraum vorbei. Der Mond stand noch nicht so tief, hatte aber schon eine sehr rötliche Färbung; am morgigen Montag sollte der „Blutmond“ zu sehen sein, ein großer, orangefarbener Mond so ca. um 5 Uhr. Ungefähr 10 Katzen saßen in einem Müllcontainer und schauten mich neugierig an, als ich vorbeiging.
Wie genervt und unausgeschlafen ich war, kann ich noch aus dem Audio-Memo heraushören. Ich vertauschte ständig die Namen von Orten, versprach mich immer wieder und schloß mit einem gepflegten „Ach, leck mich!“ Calzadilla, diese letzte Nacht, war der Beginn meines „Camino-Blues“, eines Stimmungstiefs, das jeden mal treffen kann.

Vor MoratinosEin farbenfroher, leuchtender Sonnenaufgang vor den fernen Bergen entschädigte mich dann ein wenig. Welch ein Glück ist es, jeden Morgen solche Sonnenaufgänge erleben zu können! Als ich früher noch viel fotografierte, waren Sonnenuntergänge immer ein Lieblingsmotiv, aber wann sah ich schon einen Sonnenaufgang?! Hier sah ich beides, weil ich täglich viele Stunden „draußen“ war, ein so gesundes und körperlich wie spirituell erfüllendes Leben führen durfte. Mit einem Lächeln im Gesicht ging ich dann die ersten 6 Kilometer bis zu einer Bar im verschlafenen Ort Ledigos. Dort war ich so kurz nach acht Uhr: der Wirt mit dem dicken, runden Bauch hatte sich gerade ein Glas Wein eingeschenkt. Ein Einheimischer kam dazu und öffnete die neben der Theke stehende Eistruhe. Ich dachte: OK, zum Frühstück ein Eis? Nein, eine Schnapsflasche lagerte dort… Also nahmen sich Gast und Wirt gleich einmal den ersten Schnaps für diesen Sonntag. Für mich gab es sehr leckeren café americano, also schwarzen Kaffee, Toast, Marmelade und sogar echte Butter – das Komplettpaket für 2,50€, das war sehr angenehm.
Nach Ledigos ging es durch hügelige Felder mit fantastischem, weitem Ausblick, der wieder das „Meseta-Feeling“ zurückbrachte. Ich kam zu den „kleinen Ländereien der Templer“ (Terradillos de los Templarios), wo die Pilger, die in St.-Jean-Pied-de-Port gestartet waren, wie ich, ungefähr 50% ihres gesamten Weges nach Santiago hinter sich hatten. Im Ort sah ich wieder die schönen alten Häuser, oft Scheunen, aus gebrannten Lehmziegeln gebaut. Viele Stare waren heute unterwegs und schwirrten um die Giebel der alten Gemäuer. An die Templer erinnert in Terradillos nichts sonderlich – außer der Herberge Jacques de Molay, benannt nach dem letzten Großmeister der Templer, der 1314 nach Zerschlagung des Ordens hingerichtet wurde.

Moratinos - BodegasIm nächsten Ort, Moratinos, kam ich an Hobbit-Höhlen vorbei, mit Türen, die in einen Hügel führten, der von „Schornsteinen“ gekrönt war. Doch das Schild vor dieser Anlage wies darauf hin: „No, the hobbits don’t live here!“ Dies hier sind „bodegas“ (Weinkeller), in denen Vorräte gelagert, Wein hergestellt und ebenfalls gelagert wurde. In der Erklärung wird darauf hingewiesen, daß diese Weinkultur hier entlang des Caminos 2000 Jahre bis zu den Römern zurückreiche.
Vorbei an einem Schild „Santiago 376 Kilometer“ ging es weiter Richtung Sahagún, meinem heutigen Ziel. Ich nahm ein kurzes Video für meinen Instagram-Account auf, einen Schwenk über die im Sonnenlicht liegende, beige-braune Landschaft. Ich kann gar keine richtigen Worte dafür finden, wie klein und gleichzeitig „erhoben“ sich die Seele fühlt, wenn man als Mensch in dieser Weite steht und sich in etwas Größeres integriert spürt.
Am heutigen Tag sah ich zwei „modifizierte“ Verkehrsschilder, die man immer wieder auch auf Bildern von Pilgern sehen kann: aus einem STOP-Schild wurde: Don’t STOP walking. Und auf ein blaues Schild, das einen Weg für Radfahrer freigab, hatte jemand geschrieben: „Il n’y a Dieu que Soleil.“ (Es gibt keinen Gott außer Sonne.)
Kurz vor Sahagún findet sich ein Portal auf dem Weg, das man durchschreiten kann. Auf arg beschädigten Bodenplatten kann man noch lesen, hier sei der Centro geográfico del Camino, also der Mittelpunkt auf dem (rein spanischen) Weg von Roncesvalles nach Santiago. Zwei Statuen flankieren das Portal, wovon die eine wohl ein Benediktiner (Benedikt selbst?) ist, der ein Buch mit der Aufschrift „Ora et labora“ hält. Wie auch schon an anderen Stellen vor den größeren Orten standen hier einige Einheimische, die Flugzettel mit Werbung für Herbergen verteilten. Ich nahm sie mit, war aber unentschlossen.

Über diesen „half-way point“ hatte ich gestern schon mit Clara gesprochen. Ihre Devise: nicht viel nachdenken, das ist erst die Hälfte, aber man hat eben auch schon die Hälfte geleistet. Doch mir kamen auch die negativen Aspekte hoch: das alles mußt du jetzt noch einmal leisten, mußt in übervollen Räumen mit etlichen Schnarchern schlafen, unhygienische, unbequeme Sanitäranlagen ertragen, und natürlich auch nochmal knapp 400 Kilometer gehen… Irgendetwas an diesen Gedanken vor der größeren Stadt griff mir ans Herz und machte es schwer. Ich dachte zurück an Estella und Grañon, die beiden No-Go-Herbergen. Alles in allem, so mein Fazit, war ich durch diese erste Hälfte meines Caminos doch wirklich gut durchgekommen.

Meine WanderschuheAber hier, so im „Niemandsland“ zwischen Burgos und León, spürte ich nun, was die Meseta mit einem machen kann. Es war eben nicht das wüstenartige Ambiente des ersten Tages, sondern die Weite und Monotonie der folgenden Etappen, die die Pilger veränderten. Und dennoch hatte ich gerade heute das Gefühl, über weite Strecken fast schon „dahinzugleiten“. Die Knie taten weh, aber es war nicht schlimmer geworden. Letztlich hatte ich bis heute keine einzige Blase an den Füßen. Ich beschloß, nicht an das Thema „Halbzeit“ zu denken, sondern mich nach vorne zu orientieren, hin auf León und mein zweites großes Sehnsuchtsziel, das Cruz de Ferro.

So kam ich in Sahagún an, wo ich kurz in die Municipal-Herberge „Cluny“ schaute: Dreier-Stockbetten mit wenigen Leitern pro Raum… Darauf hatte ich heute so gar keinen Bock, und beim Umdrehen fiel mir das Schild „La Bastide du Chemin“ auf, das zu einem Andenkenlädchen mit Hostal gehörte. Das gönnst du dir heute mal, war meine Überlegung. Gesagt, getan, ich bekam ein wirklich herrliches Einzelzimmer mit rustikalem Lehmputz und massiven Holztüren im ganzen Haus, sauberer, geräumiger Dusche – das alles für 28€, das war es mir heute auf jeden Fall wert. Ich brauchte einmal Erholung, noch mal Alleinsein nach dem Einzelzimmer in Itero de la Vega.
Solche Hostals bieten in der Regel kein Frühstück oder andere Mahlzeiten, lediglich die Übernachtung. Das ist aber nicht weiter schlimm am Camino mit seiner guten Infrastruktur, was Bars angeht.

Da ich den Preis erwähne, ein kurzer Abstecher: Was kostet ein Camino? Das hängt vor allem davon ab, wie komfortabel man unterwegs sein möchte. Man kann mit 30€ pro Tag hinkommen, wenn man so rechnet: Übernachtung in einer üblichen Pilgerherberge (zwischen 5 und 15€, manchmal inklusive eines einfachen Frühstücks), abends ein Pilgermenü (meist um 10€), dann bleiben ungefähr 5-10€ für den Kaffee und ein paar Nahrungsmittel zwischendurch, Eintrittskosten u.ä. Bei den typischen 33 Etappen, die z.B. Brierley (2015) angibt, kommt man auf gut 1000€. Wer nur selbst kocht und einfache oder Donativo-Herbergen besucht, kommt auf eine noch deutlich geringere Summe.

Nach einer Pause auf dem Zimmer, einer ausgiebigen Dusche, erkundete ich den unter einem blauen Himmel in spätsommerlicher Wärme liegenden Ort. Zu Hause, so erfuhr ich aus einem Telefonat mit meiner Frau, war es kalt geworden und es regnete ständig.

Iglesia San LorenzoZuerst kam ich an der Iglesia de San Lorenzo vorbei, einer Kirche aus dem 13. Jahrhundert im „Mudejar“-Baustil, unter anderem erkennbar an der Verwendung von Ziegelsteinen, aber auch weiteren Stilmerkmalen aus der arabischen Welt. Die Mudejaren waren Muslime, die zur Zeit der Reconquista und der Herrschaft christlicher Könige lebten und sich an ihre Umgebung anpaßten, sie aber auch mit ihrem eigenen Stil beeinflußten. Heute sah das Beige-Rot von Ziegeln und Dachziegeln einfach herrlich im Kontrast mit dem wolkenlosen blauen Himmel aus.
Weiter ging es durch eine kleine Einkaufsstraße mit vollen Cafés auf der Plaza Mayor trotz Siesta-Zeit zu den Ruinen des Klosters von San Facundo und San Primitivo, das von 1099 bis ins 13. Jahrhundert Bestand hatte (bzw. dann noch einmal vom 17. bis 19. Jahrhundert), wobei es schon vor dieser Zeit Sakralbauten an diesem Ort gab, die von den Mauren zum Teil zerstört wurden. Facundus und Primitivus waren christliche Märtyrer, die im 3. Jahrhundert in Sahagún zu Tode gefoltert wurden. Das Kloster wird auch „San Benito“ genannt.
Wie groß dieses Bauwerk einmal war, kann man erahnen, wenn man sich vorstellt, daß der die Hauptstraße überspannende Arco de San Benito früher einmal das Südportal der Klosterkirche war. In größerem Umfang erhalten ist die ehemalige Kapelle von San Mancio, deren Grundriß auf einem Infoschild verdeutlicht, um wieviel größer die gesamte Kirche war.

San TirsoIch machte einen Schlenker um das Kirchlein San Tirso, ebenfalls Mudejar-Stil, dann vorbei am Uhrturm (ursprünglich zum Kloster gehörend) und dem Kloster der Benediktinerinnen, wo sich auch eine Herberge befindet.
An einem Felsblock neben der Straße war das Schild „Sahagún – Centro del Camino“ angebracht. Hier sprach mich Luis aus Mexico an: ob ich denn wisse, daß man hier auch eine Urkunde wie in Santiago bekommen könne? Das sei die Urkunde zum „Half-way point“. Nein, das wußte ich nicht. Luis hatte jedoch von einem Freund die Info, dieses Zertifikat gebe es in der Kirche Iglesia de la Virgen Peregrina, einem ehemaligen Franziskaner-Konvent, in dem eine Statue von Maria, die in die Gewänder einer Pilgerin gekleidet ist, steht. Diese Kirche ist heute säkularisiert und wird als Ausstellungsraum und Museum genutzt. Da wollten wir hin, also los!
Luis und ich kamen bei dem auf einem Hügel etwas südlich des Ortszentrums liegenden Gebäude an, doch wir waren mehr als eine Stunde zu früh; erst ab 16 Uhr war wieder geöffnet.
Wir trennten uns, wobei ich nicht mehr weiß, ob Luis die Sache ganz hat fallenlassen oder ob er später zurückkam. Ich jedenfalls fand eine typische „Nachbarschafts-Bar“, in der ich der einzige Pilger war. Die Wirtin machte mir ein Bocadillo, zu dem es kostenlose Pinchos gab – sie war sehr nett und bemüht um ihren einzigen Pilgergast… Wieder wünschte ich, doch mehr Spanisch sprechen zu können.

Iglesia de la Virgen PeregrinaIn der Kirche sah ich mir später die Ausstellung an, die z.T. auf die Zeit der Franco-Herrschaft bezogen war, während die Dame von der Kasse schon meine Urkunde ausstellte. Diese gibt jedoch keine religiösen Dinge wieder, sondern nur die Tatsache, daß man in Sahagún, am Mittelpunkt des Caminos, „vorbeigekommen“ ist.
Auf dem Rückweg durch die Innenstadt traf ich Dennis aus Holland wieder, und wir verabredeten uns für 19 Uhr zum Essen, das dann ein Pilgermenü in einem der Restaurants am Zentralplatz wurde.

Dennis war eine Art Spiegel für mich: er ist Barkeeper, viel in der Welt unterwegs, hat zuletzt in London, Brasilien und Australien gearbeitet. Ich bin da der absolut bodenständige Typus, der nach einigen Studien- und Arbeitsjahren „in der Fremde“ (in einer Großstadt) wieder zurück in die Heimat gezogen ist, wo ich nun wohne und arbeite. Ich merkte, wie mich Dennis‘ Leben faszinierte, aber auch nicht wirklich anzog – vielleicht war auch einfach die Lebensphase für mich vergangen, in der mich das mehr zum Nachdenken gebracht hätte.
Nach dem Essen gingen wir noch in eine Bar, aber Dennis mußte ja schon wieder um 22 Uhr in der Herberge sein, da sie dann schloß.
So wandelte sich ein nerviger zu einem angenehmen Tag mit einem sehr entspannten Ende. So könnten die Tage immer sein, vertraute ich meinem Memo an.
Dennoch: trotz der moderaten Laufstrecke heute spürte ich, daß speziell das rechte Knie nicht in Ordnung war und schmerzte. Um am morgigen Tag keinen Streß zu haben (haha, bitte weiterlesen…), reservierte ich in der privaten Herberge La Laguna in El Burgo Ranero, da es dort nur 18 Betten gab und ich hier auf diesen zwei bis drei Etappen wieder merkte, daß es recht voll auf dem Camino war.

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