Coronavirus und Lebensreform

Das Covid-19, schlicht Coronavirus genannt, hat uns im Griff, mehr oder weniger. Ich las neulich den Spruch, daß Verständnis für aufgezwungene Maßnahmen (Kontaktsperren, Maskenpflicht…) und Unverständnis oft nur „einen Todesfall in der eigenen Familie“ auseinanderlägen. Das mag sein, auch wenn der Spruch doch sehr plakativ ist. In der Tat spüre ich auch bei mir diese große Diskrepanz im Empfinden: da sind die hohen Todesfallzahlen z.B. aus Italien, andererseits liegen wir in unserem Landkreis bei konstant um die 200 Infizierten – und auch dorthin war es ein langsamer Anstieg mit sehr wenigen Toten. Dazu lese ich konträre Berichte: über die „leerstehenden“ Krankenhäuser, in Überzahl vorhandenen Intensivbetten, über den „schwedischen Weg“. Weiterhin gibt es die Dinge, die man so einfach nicht ansprechen darf oder kann, so z.B. der Weg über möglicherweise viele Tote hin zu einer „Durchseuchung“ und folgenden „Herdenimmunität“ der Gesellschaft. „Ich bin kein Virologe, aber…“ – das hört man dieser Tage oft, und ich möchte diese Floskel eher vermeiden.

Fraglos ist das Virus gefährlich, aggressiv. Wie geht man mit aggressiven Stoffen (allgemein) um? Man schützt sich. Wo man sich nicht schützte, man denke an die Après-Ski-Lokalitäten in Tirol, da breitete es sich vehement aus.
Mehr als einmal habe ich mich in der vergangenen Woche gefragt: wie hätten die „klassischen Lebensreformer“ auf so eine anrollende Pandemie reagiert? Und mit einem Schmunzeln dachte ich: natürlich Licht- und Luftbäder im „Sonnenkleid“ empfohlen, weil das den Körper abhärte und dem Virus zeigen würde: ich bin vorbereitet, du hast hier keine Chance.

In der Tat standen am Anfang der Lebensreform Themen wie Naturheilkunde, Vegetarismus und hygienisch-medizinische Aspekte zur Ertüchtigung und Gesundung des Körpers. Dem mit mehreren Kleidungsschichten verhüllten oder gar im Fall der Frau in ein Korsett gepreßten Bürger des Kaiserreichs stellten die Reformer den nackten Körper entgegen, der den Elementen ausgesetzt wurde: Sonnenbäder, Luftbäder, natürlich das Bad in Seen und im Meer und weitere Körperertüchtigung wie Nacktsport. Die Lebensreformer hätten vermutlich an ihren Zeitgenossen angeprangert, daß sie in warmen, engen Häusern sitzen, möglichst noch in Rauchschwaden (und mit zuviel Alkoholkonsum) und dadurch zum einen ihre Körper schwächen, zum anderen der Ausbreitung von Zivilisationskrankheiten Vorschub leisten würden. Sie hätten darauf verwiesen, daß die Sonne das Virus in der Ausbreitung hindert, während der Aufenthalt in der Natur die Widerstandskraft des Körpers stärkt.

Ich glaube, daß der Begriff „Reinheit“ zentral ist. Man denke natürlich an den Naturismus, das nackte Leben draußen, die Reinigung des Körpers in Bädern, aber auch an Reformkleidung – einfache, weite Gewänder, alles gut waschbar bzw. bei Leinen auch kochbar. Aber natürlich ist diese persönliche Hygiene nur ein Aspekt von Prävention, denn wenn ein Naturistenclub 100 Mitglieder in einer Großstadt von 500000 Bewohnern hat, dann kann man nicht erwarten, daß diese Menschen von der Erkrankung unbehelligt bleiben. Aber möglicherweise wären sie doch weniger betroffen – man denke an die Risikogruppen, an die Vorerkrankten, über die aktuell ja auch viel diskutiert wird. Man dürfte erwarten, daß es in einer Gruppe gesunder, abgehärteter Menschen weniger Ansteckungsfälle mit schwerem Verlauf geben würde.

Jenseits der (persönlichen) Vorbeugung, der Selbstreform im Angesicht der beginnenden Pandemie, hätten die Maßnahmen, die uns nun vorgeschrieben wurden, auch bei den Lebensreformern positive Aufnahme gefunden. Denn man wollte ja anders sein als die Mehrheit der unreformiert Lebenden. Die ersten Träger von Schutzmasken wären vielleicht die Lebensreformer gewesen, die diese  Masken nicht so sehr im eigenen kleinen Kreise, sondern vielmehr bei Außenkontakten mit der Mehrheitsgesellschaft getragen hätten. Möglicherweise wären auch ein paar „Aluhutträger“ auf die Idee gekommen, das Virus spirituell bekämpfen zu können. Und Abstand, Distanz, ja das fand man auf dem Vereinsgelände, abgegrenzt nach außen zu denen, die noch nicht die Reform ihres Lebens in Angriff genommen hatten. Die Einzelgänger, die herumwandernden Kohlrabi-Apostel – wo sollten sie sich anstecken?

Letztlich hätten die Lebensreformer überrascht und ungläubig geschaut, wenn man ihnen gesagt hätte, daß Nikotin möglicherweise die Ausbreitung des neuen Virus hemmt. So kann es eben auch kommen… 😉

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