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Die Luft zum Atmen

„Cold war kids were hard to kill under their desks in an air raid drill“ (Billy Joel, Leningrad)

Ich bin ein Kind des Kalten Krieges, geboren im Jahr des „Summer of Love“, der bald vom Deutschen Herbst abgelöst wurde. Meine Eltern sind Kriegskinder, speziell meine Mutter hat die Evakuierung aus dem Ruhrgebiet aus einem völlig zerbombten Haus erlebt. Im Blick auf meine Großeltern half mir das Buch „Kriegsenkel“, sie und mich besser zu verstehen. Mit Blick auf meine Eltern, nun ja, das ist eine ongoing story. Immer wieder versuche ich, gerade die Ängstlichkeit in ihrem Leben zu verstehen. Eine Kindheit im Krieg, ein wackeliger Frieden mit geteiltem Deutschland, der neu aufkommende Kalte Krieg.

Dennoch bin ich als Kind und Jugendlicher in den 70ern und 80ern normal aufgewachsen, ohne Existenzängste, weil die nukleare Bedrohung zunächst zu groß zum Fassen, dann zu schwer zum Tragen war. Sie wurde ausgeblendet. „The Day After“ zeigte mit eindrucksvollen Bildern, daß das Thema doch nicht weg, sondern nur verdrängt war.

Nun habe ich eigene Kinder, geboren ein Jahrzehnt nach dem Ende des Kalten Krieges in eine doch nicht sicherere Welt. Bewußt kennen beide nur Merkel als Bundeskanzlerin; was nach Stabilität klingt, ist es nicht. Die Jungs konnten ähnlich sorgenfrei aufwachsen wie ich, sieht man einmal von den beiden großen Operationen beim jüngeren ab. Sorgenfreier müßte ich eigentlich sagen. Wo ich von meinen Eltern ständig zum Stromsparen angehalten wurde, lassen meine Jungs großzügig die Lichter im Haus brennen. Die größte existenzielle Bedrohung, die sie sich vorstellen könnten, sind vermutlich Unfälle mit ihren Fahrzeugen. Politisch sind sie einigermaßen tagesaktuell.

Sie erspüren aber nicht die Besondheit der jetzigen Lage. Sie spüren nicht, daß etwas zu Ende geht, das am 24. Mai 1949 einen Anfang genommen hat und Garant unserer westlichen Demokratie war. Die Ergänzung des Infektionsschutzgesetzes um den Paragraphen 28a hebelt Grundrechte in einem Maße aus, wie es das noch nicht gegeben hat. Es gab kurzfristig vorab einen Entwurf, dann wurde das Gesetz an einem einzigen Tag durch alle Instanzen gepeitscht. Im Nachgang berichten die öffentlich-rechtlichen Medien ausschließlich über Störaktionen von Gästen zweier AfD-Abgeordenter im Reichstagsgebäude, um von den Wasserwerfern und der friedlichen Demo abzulenken.

Wie meinen Söhnen geht es vielen Menschen; so erlebe ich das z.B. auf Facebook. Gestern noch las ich einen Beitrag, in dem jemand klarstellte, wir hätten nach wie vor absolute Meinungsfreiheit in diesem Land: er könne jetzt gleich auf die Straße gehen und „Merkel muß weg“ rufen, dadurch verlöre er nicht seinen Arbeitsplatz.
Ich frage mich: Soll ich ihn als (auch beneidenswerten) Simpel sehen oder als Feind?

Ich spüre, wie sich in mir die Wut über die Covidioten (das sind in meiner Sicht die engagierten Maskenträger, die Standartenträger der „schlimmsten Pandemie, die Deutschland je hatte“) verändert zu einer Angst. Es ist wie in vielen Horrorfilmen: in eine heile Welt, oft durch Familien mit Kindern dargestellt, bricht plötzlich das Böse ein. Es kommt, des Spannungsbogens wegen, in Etappen, in Steigerungen.

So auch das Merkel-Deutschland 2020. Der erste Lockdown wurde nach dem Ende der Pandemie (sagt Prof. S. Bhakdi in „Corona-Fehlalarm?“) beschlossen; da war schon alles vorbei. Ich hoffte auf den Sommerurlaub, auf das Ende des typischen Infektionsgeschehens mit Beginn der warmen Jahreszeit. Erleben mußte ich jedoch, daß man Menschen noch mehr gängeln konnte: es kam die „Alltagsmaske“. Der Regierungsvirologe Drosten sagte noch im März: die Maske bringt nichts. Er konnte sich korrigieren, ohne in seinem Job bedroht zu sein. Anders beim Präsidenten der Ärztekammer: Als er noch im Oktober in einer Talkshow davon sprach, die Masken brächten nichts, gab es soviel Druck, daß er am folgenden Tag widerrief. (Ja, lieber Meinungsfreiheit-Gläubiger…)

Heute erleben wir, wie die Pandemie konkret „herbeigetestet“ wird. Mit einem nicht zu Diagnose-Zwecken zugelassenem Test mit hoher Fehlerrate werden täglich Neu-„Infektionen“ erfaßt und vom größten Blatt zum kleinsten Lokalblättchen brav weitergegeben. Unser Lokalblatt erwähnt jeden einzelnen „Corona-Toten“ – eine Empathie, die ich bei den bisherigen Grippewellen offenbar verpaßt habe.

Meine Wut verändert sich zu Angst. Es geht um das sprichwörtliche „Über-den-Tellerrand-Schauen“. Die Menschen, deren Äußerungen ich auf Facebook verfolge, sind überzeugt davon, daß hier ein großes, kaum beherrschbares Krankheitsgeschehen stattfindet, so daß sie sehr bemüht sind, alle von der Regierung vorgeschriebenen Regeln strikt einzuhalten. Es sind durch den öffentlich-rechtlichen Rundfunk geformte Menschen, die es nicht schlimm finden, wenn der ZDF-Programmchef Gniffke sagt, Corona-Kritikern gebe er keine Bühne.

Diese neue Angst äußert sich sehr privat und allgemeiner. Privat bedeutet: Ich arbeite im Bereich von Sozial- und Gesundheitswesen. Wenn es keinen richtigen Impfzwang geben wird, dann doch durch die Hintertür. Es kann mir passieren, daß mich ein Krankenhaus oder Pflegeheim nicht ohne Impfausweis hereinläßt. Ich will mich nicht impfen lassen gegen einen Grippeerreger und mit einem kaum getesteten Impfstoff. Wie übe ich dann meine Arbeit aus? Könnte das im Extrem zum Verlust meiner Arbeit führen? Das ist eine existenzielle Angst, die da aufkeimt.
Allgemein spüre ich auch, wie sich ein misanthropischer Grundzug einstellt. Die Menschen wollen belogen werden. Sie fressen das Hingeworfene. Sie lassen sich täuschen und blenden. Sie schauen sattgefressen nicht hinter die Kulissen.

Welch ein Erfolg für „Kohls Mädchen“! Welch ein Erfolg für die ehemalige FDJ-Sekretärin, die für Kultur zuständig war – nach anderer Lesart für „Agitation und Propaganda“. Merkel selbst erscheint biegsam, anpassungsfähig, dickfellig. Liest man, wie sie mit Vorwürfen bzgl. ihrer DDR-Geschichte umgeht („Wenn sich jetzt etwas anderes ergibt, kann man damit auch leben.“), dann fällt einem als nächstes ihr Ausspruch zum Zustrom von Migranten 2015 ein: „Nun sind sie halt da.“

Ich habe in der vergangenen Woche noch einmal intensiv zum Thema Anarchismus gelesen, in den Standardwerken wie auch den kleinen Schriften eines Libertad-Verlages aus den 1970ern in Berlin. Diese Utopie von „Ordnung ohne Herrschaft“ hat es mir seit langem angetan – und es ist kein Kunststück herauszufinden, daß die BRD – gerade heute – weit davon entfernt ist.

Die anarchistische Utopie läßt sich um die vom Reich Gottes ergänzen; deshalb bin ich Christ. Auch ich durfte Ansätze von „Reich Gottes“ im Kleinen erleben, aber ich denke, es ist Konsens, daß seine Fülle noch zu erwarten, mithin nicht angebrochen ist.
Diesen Utopien steht die Realität auf dieser Welt gegenüber. Cold war kids are hard to kill… Bei aller Kritik an diesem Staat, an der Staatsform, an den Regierenden, trotz Links- und Rechtsterrorismus, war dieses Deutschland doch mein Zuhause. Jetzt aber erlebe ich, wie angreifbar diese scheinbar heile Welt ist. Wir haben die „Ego-Gesellschaft“, die „Spaßgesellschaft“, ja, die „infantile Gesellschaft“ – allesamt Beschreibung hochbeeinflußbarer Menschen. Hier setzt das Trommelfeuer des Staatsfunks an. Es ist – zugegebenermaßen – schwer, sich dem zu entziehen. Das hat auch damit zu tun, daß fundamentale Kritik oft von rechts kommt, was ja bäh ist – oder schlichtweg nicht beim Durchschnittsmenschen ankommt.

Ich müßte jetzt zu den „Verschwörungstheorien“ kommen, denn genau danach fragt mich ja auch der Nachbar, wenn ich an der Maskenpflicht Zweifel äußere. Ich sage es offen: das ist bislang für mich kein Thema gewesen. Nichtsdestotrotz sehe ich eine Entwicklungsrichtung, die zu einer Art „new  world order“ führen kann. Dahinein paßt der Entzug von Grundrechten, wozu es nur des Konstatierens einer Art Pandemie bedarf; dazu paßt die Mobilitätseinschränkung (Elektro-Autos); dazu paßt das Abrichten von Menschenmassen auf Gehorsam (Maskentragen). Ich sehe das; es ist nicht mein Thema gewesen (bislang). Ich weiß nicht, wo das hinführen wird.

Was ich weiß: Wenn das Gesetz nicht wieder gekippt oder signifikant modifiziert wird, ist das nicht mehr das Deutschland, in dem ich bislang 50 Jahre gut gelebt habe. Wer Augen hat zu sehen, der konnte das ja schon seit Jahren beobachten – und ja, dazu mußte man über den Tellerrand des links-grünen Zeitgeists in rechte Gefilde schauen. Wer mitverfolgt hat, wie dem Identitären Martin Sellner ein Girokonto nach dem anderen gekündigt wurde (wo die Sparkassen (u.a.) sich doch zu einem „Jedermann-Konto“ verpflichtet haben), der wird, so er mit einer gewissen Transferbegabung ausgestattet ist, erahnen können, daß man nun, im „besten Deutschland, das es je gab“, nicht mehr rechtsextrem sein muß, um Sanktionen erleben zu „dürfen“. Man muß nur gegen die Corona-Gängelei sein, um auch als alter Mensch, als Familie mit Kindern von Wasserwerfern der Polizei durchnäßt zu werden.

Ich erlebe zum ersten Mal Zukunftsangst. Angst davor, von Menschen, denen mein Wohl völlig egal ist, regiert und eingeschränkt zu werden. Das hat der Kalte Krieg nicht geschafft… Das hat die Chernobyl-Katastrophe nicht geschafft…

Jetzt, da ich das schreibe, merke ich auch, wie ich schon seit längerer Zeit in eine „innere Emigration“ gegangen bin. Doch es ist ja gerade der besondere Charakterzug einer Diktatur, in alle Lebensbereiche eines Menschen einzudringen. Wie lange geht „Aushalten“ noch? Diese ganze Entwicklung drückt mir die Luft ab – aber das ist wohl das Schicksal von Utopisten, weil die Kluft zwischen dem schönen Wunschbild und der dreckigen Realität so kraß ist.

Ich hoffe auf ein stilles, kraftspendendes Weihnachten. Vermutlich werde ich nicht die Masken-Gottesdienste besuchen, sondern eher mit der Erlöserpfarre Lustenau-Rheindorf via Youtube feiern. Werde ich in 2021 Lourdes besuchen können?

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