Engelhardt – Ich bin dann mal nackt (Kurzrezension)

Ich bin dann mal nackt

Neu ist weder der Titel (Hape, ick hör dir trapsen) noch die Idee, denn auch Mark Haskell Smith hat in Naked at Lunch einen solchen Selbstversuch unternommen. Also gilt es zu schauen, wo der 1971 geborene Journalist etwas anders oder besser macht. Im Vorwort gefällt mir, wie Engelhardt Nacktheit als „kleinstmögliche Utopie“ bezeichnet, wenn es darum geht, „Widerstand gegen Konsum und andere gesellschaftliche Zwänge“ zu leisten.

Auf Rügen startet die Reise zu den „unverhüllten Kulturen der Welt“, wobei hier die FKK-Kultur der ehemaligen DDR im Vordergrund steht. Sprung nach Honduras auf das „Big Nude Boat“, also analog zu Smith eine „Nacktkreuzfahrt“ – nude vacations – Nakation… Hier geht es v.a. um die Nacktheit in der Neuen Welt mit dem interessanten Hinweis, daß es in der Karibik keine offiziellen Nacktbadestrände gebe. Das Schiff muß an privaten Inseln oder Ferienanlagen halten, damit nackt im Meer geschwommen werden darf.

Sprung zurück: Marokko – hier erlebt Engelhardt die arabische Badekultur, wobei er kurz auf den Burkini eingeht, sich aber sehr zurückhaltend gibt: als Mann wolle er sich da „heraushalten“. Er besucht das älteste Hammam von Marrakesch und lernt, daß Nacktheit sehr wohl zur arabischen Kultur gehört.
Das „Nacktfest“ in Japan hat mich nicht so interessiert, also schnell überflogen und weiter zum Nacktwandern in Deutschland; Smith war in den österreichischen Bergen nackt gewandert. Es folgt eine Fotoinstallation mit etlichen Nackten von Spencer Tunick in Norwegen zur schönsten Beschäftigung und dem größten Exportschlager Finnlands: der Sauna.
Schnell zurück nach Deutschland zur Freizeitsportgemeinschaft Helios, wo der Autor FKK im Verein erlebt.
„Natürlich“ muß er dann auch nach Cap d’Agde, wo Smith bereits einschlägige Erlebnisse zur Verknüpfung von Nacktheit und Sexualität machen „durfte“. Die Nackten seien dort jünger als an den Ostseestränden, fokussierter auf ihren body. Es gibt auch einen Kurzbericht von der „Schweinebucht“…
Ich kürze, weil es ähnlich weitergeht: nackter Museumsbesuch, Nackt-Yoga, Femen-Aktion in Kiew.

Letztlich geht Engelhardt noch auf den Monte Verità ein, aber leider mit wenigen Allgemeinplätzen zur Lebensreform. Seicht ist auch das am Schluß des Kapitels zu findende Fazit: Es geht immer ums Glück. Man sollte die Freiheit haben, nackt sein zu dürfen, aber Nacktheit sei auch nur eine Art sich auszudrücken. Zurück bleibt beim Autor: die Reisen haben Spaß gemacht.

Wo liegt der Unterschied zu Smith? Engelhards Buch ist umfangreicher. Zum Teil beackert er den gleichen Bereich wie Smith, zum Teil bietet er völlig neues. Die Kapitel sind in sich abgeschlossen und in der Regel durchaus auch mit Tiefgang zum konkreten Thema zuzüglich einer Aufstellung von „Adressen, Quellen, Literatur“ (+ Bildteil) am Ende des Buches. Der Schreibstil ist locker, ohne zu flapsig zu sein. Müßte ich mich für eines der beiden Bücher entscheiden: ich nähme „den Engelhardt“.

Im Interview mit der WELT hat der Autor noch ein paar zusätzliche Aspekte zum Buch angesprochen.

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