Film: Monte Verità: Der Rausch der Freiheit – Kurzrezension

Als ich vom Projekt des Monte-Verità-Films erfuhr, war ich gleich begeistert und habe eine Info-Seite erstellt. Nach Premiere und Kinostart habe ich die Eindrücke der Presse eingepflegt und so ein Bild vom Film erhalten, mithin eine Erwartungshaltung. Ist der Film wirklich „nah am Kitsch“, wirkt die weibliche Hauptrolle „schablonenhaft“?

Am 6.5.22 war der Film zu Kauf und Ausleihe auf iTunes (und vermutlich anderen Portalen) verfügbar. Hier meine Eindrücke:

Was ist mit dem Rausch der Freiheit aus dem Untertitel? Den erlebe ich im Film nicht. Was ich erlebe, ist die Fotografinnenausbildung der Hanna Leitner, die als Mensch durchgängig auf Distanz zum Gesamtprojekt Monte Verità ist, doch nicht unbedingt zu einzelnen Personen.

Schlüsselszene: Sie geht mit dem heimlich rauchenden Groß in den Wald und spricht über die komischen Menschen. Auch die ausgelassenen Tänze ums Feuer erlebt Hanna nur durch den Sucher ihrer Kamera. Die Bilder stehen genauso „Kopf“ wie das Familienfoto ganz zu Beginn des Films in Wien – eine „verrückte“ Welt, hier wie dort, die nicht die Ihrige ist. Ohne ihre Fotografie wäre Hanna nicht auf dem Berg geblieben. Sie braucht den Sucher, durch den sie die anderen dabei beobachten kann, wie diese „ihr Ding“ machen.

Der Ehemann in Wien wird völlig überzeichnet. Sex wirkt bei ihm wie ein Toilettengang – aber solange der männliche Statthalter nicht geboren wurde, muß Hanna „ran“. Dann die spontane Flucht, die in völlig unglaubwürdigem Kontrast zum eingepferchten bisherigen Leben steht.

Und nach dem Ankommen auf dem Berg folgen gleich das (nicht gesendete) reumütige Telegramm und der Wunsch, so schnell wie möglich abreisen zu können. Es ist bezeichnend, daß Hannas Freiheit, die sie auf dem Berg „schwindlig“ macht, immer einer persönliche Freiheit ist, weil ihr das „freiheitliche Gesamtkonzept“ des Berges unheimlich bleibt. Heimlich nimmt sie vor dem Spiegel ihre nackten Brüste wahr, heimlich hat sie Sex mit Groß, heimlich oder eher unbeobachtet aufgrund der zurückgezogenen Lebensweise Lotte Hattemers baut Hanna mit dieser eine filigrane Beziehung auf, kann aber nicht auf die Zärtlichkeiten Lottes antworten.

Nebenthema ist die Auseinandersetzung Hannas mit dem statischen fotografischen Stil des abwesenden Oedenkovens. Ida, deren Besetzung mir von allen im Film am wenigsten gefallen hat, weil sie zu ländlich-robust rüberkommt, was ich nicht mit der reellen Ida verbinde, bleibt distanziert, vielleicht weil sie in Hanna (und ihrer Arbeit) eine Rivalin sieht. Hannas Bilder sind dynamische Versuche, das Leben einzufangen (und damit ein völlig anderes Leben abzubilden als das, was für ihre Wiener Zeit galt).

Eher plattes Stilmittel: ein Feuer vernichtet Dunkelkammer und bisherige Fotos von Oedenkoven. Nun muß Hanna möglichst schnell eine eigene Fotoausstellung auf dem Berg umsetzen.
(Andererseits: ist das wirklich so platt? Das Feuer vernichtet symbolisch das Sanatorium-Konzept Oedenkovens, der zudem nicht anwesend ist. Hanna triumphiert als Fotografin und verläßt das „sinkende Schiff“ Berg der Wahrheit.)

Die Kameraführung ist durchweg genial und das Highlight des Films. Mir gefallen die Überblendungen zu Schwarzweiß-Aufnahmen, die symbolisch für das fotografische Wirken Hannas stehen. Die Natur- und Landschaftsaufnahmen vermitteln viel „Stimmung“, die dem Film sehr gut tut.

Warum kommt Hannas Mann so spät (mit den Töchtern) zum Monte Verità? Warum läßt dieser „harte Hund“ sie nicht von irgendwelchen Schergen gewaltsam nach Wien zurückholen? Stattdessen die völlig überflüssig inszenierte Bootsfahrt mit halbherziger Entschuldigung Antons, die jedoch nur noch einmal aufzeigt, daß Hanna und ihr Mann in nicht miteiander kompatiblen Welten leben.
Die älteste Tochter besucht die Mutter allein auf dem Berg – hätte der Vater nie erlaubt, auch wieder so ein Stilbruch. Hanna fällt nichs anderes ein als auf die Natur, das Naturerlebnis hinzuweisen, und daß die Tochter später mal Tänzerin werde. Ein sachtes Hinweisen auf „geh deinen Weg gegen Papa“ („aber ich bin nicht für dich da, ich habe genug mit meinem Weg zu tun“).

Ja, ich muß zugeben, Maresi Riegner gefällt mir nicht als Schauspielerin, nicht als Besetzung der Hanna Leitner. Der Umbruch von Wien nach Ascona wird nicht glaubwürdig gespielt, was mit dem o.G. zusammenfällt: wir sehen einen Ausbruch, aber für diesen hätte Hanna auch lediglich nach Schwabing fahren müssen oder Berlin oder Worpswede… Hier wird der Monte Verità leider zur Kulisse für den Selbstfindungstrip der unterdrückten Frau.

Schlußendlich: Lotte Hattemer ist für mich der heimliche Star im Film. Ich liebe die Szenen mit ihr, die Ruhe, das stille Leiden. Hätte man sich doch auf den Monte Verità als Kernthema konzentriert, auf die Gründungspersonen, auf die Entwicklungen durch die Jahre hindurch, die illustren Gäste. Hätte man Tänze und Therapien intensiver gefilmt statt wie hier nur als Beiwerk und „lebende Kulisse“ für die angehende Frau Fotografin. Hätte man den Spannungsbogen vom Aufbruch auf dem Berg bis zum Untergang der Uridee gefilmt… Hätte man die Geschiche von Hanna L. einfach weggelassen.

Bezeichnenderweise verläßt Hanna am Ende den Monte Verità, um als „neugeborene“ Fotografin nach Italien zu reisen. Der Berg war Durchgangsstation, die Angst vor den „Spinnerten“ blieb, bis die persönliche, individuelle Freiheit als Fotografin gefunden war.

Der Film lebt für mich durch die Kameraarbeit und die Darstellung der Lotte. Dafür mag ich ihn.

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