Foncebadón bis Molinaseca (CF32)

[Die Seite ist Teil des Berichts über meinen Camino Francés 2015.]

Man mußte nicht erst aus dem Fenster schauen, man hörte ihn schon aufs Dach fallen – den Regen. Die Bergwelt um Foncebadón hatte sich zugezogen, es schüttete in Strömen, dazu war es neblig, beziehungsweise die Wolken hingen so tief.

Auf engstem Raum packten nun 20 Menschen ihre Rucksäcke und machten sich wetterfest. Dem „Dichtestreß“ entging ich kurzzeitig durchs Frühstück in einem Nebenraum, aber dann stolperte schon der Erste über meinen Rucksack im Gang… Zu allem Übel suchte ich noch meine Brille, mußte im Rucksack kramen, Leute stiegen über mich hinweg, aber sie war einfach schon wegen des Regens weggepackt… Raus vor die Tür, tief durchatmen, schnell los – und Entspannung. Peter ist im übrigen ein morgendlicher Langsam-Packer, der oft als einer der letzten die Herberge verläßt. Daher ging er nicht mit mir los.

Nach wenigen Minuten und gerade erst richtig warm geworden, war ich wieder am Cruz de Ferro. Pilger fotografierten sich in farbigen Ponchos im Dämmerlicht, zum Verweilen hatte keiner Lust.

Blick aufs BIerzo

Kurze Zeit später passierte ich Manjarín, die Wohnstätte (und spartanische Herberge) des letzten (selbsternannten) Tempelritters, Tomás. Im starken Regen schauten mich neben der Templerflagge drei riesige Hunde an, die aber friedlich blieben. Kurz studierte ich die vielen Ortsschilder an dem Grundstück, die Entfernungen in alle Welt angeben, wie: München 2470 Kilometer, Jerusalem und Trondheim je 5000 Kilometer, Machu Picchu 9453 Kilometer… Tomás selbst oder eine andere Person sah ich nicht.

 
El Acebo

Als das tektonische Becken des Bierzo ins Blickfeld kam, ließ der Regen nach. Es wurde windig, so daß die Regenwolken schnell über uns hinwegzogen. Nun ging es über 18 Kilometer Wegstrecke und 900 Höhenmeter hinab bis nach Molinaseca. Dabei kam ich durch urige Bergdörfer wie El Acebo mit ihren Holzhäusern, engen Gassen und – Palmen. Nachdem ich in El Ganso schon die Triskele an einem Haus gesehen hatte, war hier nun auch Galizien schon zu spüren, was die Natur anging: üppige grüne Flora, uralte Kastanien, eine mächtige, vom Blitz zerschmetterte Eiche. Es war ein Vorgeschmack: Galizien würde ich erst in drei Tagen erreichen.

 
Molinaseca

Als Molinaseca ins Blickfeld kam, noch tief unter mir im Tal, spürte ich schon, daß das rechte Knie heute wieder durch die Abstiegsbelastung schmerzte. Die 900 Höhenmeter steckten mir in den Knochen, wie ich später aufsprach. Also zögerte ich nicht, sondern ging einmal ganz durch den Ort durch, um am Ende zur Herberge Santa Marina zu kommen, wo ich ein Bett in einem Raum direkt unter dem Dach bekam, einem schönen Raum ausschließlich mit Einzelbetten und viel Platz dazwischen. Das war sehr angenehm. Weniger angenehm war der offensichtlich in der Dusche neben mir masturbierende und viehisch stöhnende Mitpilger, der später im Bett neben mir noch am frühen Nachmittag in tiefen Schlaf fiel. Mit meinen neonfarbenen „Ausgehschuhen“, ganz leichten Laufschuhen, machte ich mich auf den Weg in den Ort, um ein wenig zu fotografieren, etwas zu kaufen und meine Eltern noch einmal telefonisch „up-to-date“ zu bringen. Eine einzige Straße zieht sich quer durch, sonst gibt es nicht viel zu sehen.

Wer kam diese herunter und mir entgegen? Peter… Ich dirigierte ihn zu meiner Herberge, kaufte ein Bocadillo und war dann auch bald zurück. Auf der Veranda setzte ich mich zu zwei deutschen Frauen, bald kam ein älterer Pilger aus dem Mannheimer Raum dazu, Wolfgang, Mitarbeiter der Personalabteilung einer größeren Firma, wie er angab. Wolfgang sollte ich später am Flughafen in Santiago wiedertreffen, wo wir uns noch einmal länger unterhielten.

Heute war es schön, sich mal auf deutsch austauschen zu können, wo doch meist in Englisch miteinander kommuniziert wurde.

Das Abendessen war für alle Pilger gemeinsam im Keller des Gebäudes. Ich saß schon am Tisch, da fiel mir auf, daß Peter noch fehlte. Hmm, also hoch in den ersten Stock, da lag er schlafend im Bett. Ich weckte ihn und so bekam er auch noch etwas von dem nicht wirklich überragenden Pilgermenü ab. Immerhin sind wir satt geworden. Nebenbei: Vor einiger Zeit hatte wohl das ZDF hier in dieser Herberge eine Doku gedreht, wovon noch Aushänge und Bilder zeugten.

Für den kommenden Tag hatte ich noch keine richtige Planung. Bereits nach 8 Kilometern würde ich in Ponferrada sein, wo es eine alte Templerburg gibt. Aber die würde dann noch geschlossen sein… Sollte ich für eine Besichtigung warten? Insgesamt waren 25 Kilometer zu laufen. Sollte ich reservieren? Ich war mir nicht sicher und beschloß, einfach loszulaufen und in Ponferrada zu entscheiden.

Auf dem Memo hielt ich am Abend fest, daß sich meine Stimmung wieder deutlich verbessert bzw. „gewendet“ hatte nach dem Camino-Blues der letzten Woche, der in Sahagún begonnen hatte. Diese letzte Woche war vom steten Wechsel zwischen guter und schlechter Stimmung gekennzeichnet, jetzt war alles wieder OK und ich freute mich darauf, noch gut anderthalb Wochen zu haben und auch Peter vielleicht immer mal wieder zu treffen.

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