Gonzar bis Ponte Campaña (CF39)

[Die Seite ist Teil des Berichts über meinen Camino Francés 2015.]

In dieser Nacht waren es nicht nur die vielen Schnarcher, die nervten, sondern auch die laute Tür zur Toilette. Etliche Leute mußten nachts raus – ich auch, und das Herabsteigen vom oberen Bett war im Dunkeln gar nicht so einfach. Das Gefühl, dann nachher wieder im gemütlichen Schlafsack zu liegen, war einfach göttlich – bis der Nächste anfing zu schnarchen. Im Audio-Memo sprach ich davon, daß dies wohl die „schnarchintensivste“ Nacht meines Caminos gewesen sei. Trotzdem schlief ich relativ gut (und schnarchte?).

Um 8 Uhr ging es ohne Frühstück schon wieder los. „Nur“ 20 Kilometer standen heute auf dem Programm. Ein „Käffchen“, also ein eher rudimentäres Frühstück nahmen wir in einem kleinen Örtchen (Castromajor?) zu uns, dann ging es durch Palas de Rei, wo wir eine kurze Pause machten und etwas tranken. Heute kamen wir an einem Waldbrandgebiet vorbei, in dem wohl im Sommer ein Feuer gewütet hatte. Neben den schwarzen Stümpfen der Bäume und den gewundenen Ästen der verbrannten Gebüsche fanden sich nur einzelne grüne Grashalme, die schon wieder begannen, die Ödnis zurückzuerobern. Ich hatte davon gelesen, daß es im Sommer 2015 in Galizien etliche Feuer auch in der Nähe des Jakobsweges gegeben habe, so daß die Pilger umgeleitet werden mußten. Das war an dieser Stelle mit Sicherheit der Fall gewesen, denn die verbrannten Bäume reichten bis an die Straße, auf der wir gingen.

Und neben diesen Eindrücken standen die der Eukalyptuswälder, die für Galizien so typisch sind, obwohl es sich „nur“ um eingeführte Bäume handelt, die sich hier gut vermehrt hatten – sehr zum Leidwesen einiger, denn der Eukalyptus entzieht den anderen, mit ihm wachsenden Pflanzen das Wasser.

Ab diesem Tag wurden meine Fotos weniger, ja, auch meine Memos knapper, was ein wenig Shelley geschuldet war. Sie hatte eine andere Art, ihren Camino zu gehen. Für mich war es keine Frage: wir würden jetzt gemeinsam bis Santiago gehen, aber einen kompletten Camino würde ich nicht mit ihr machen wollen… Wir suchten unterschiedliches auf so einem Weg.

Am Nachmittag erreichten wir Ponte Campaña und in dessen Nähe die Casa Domingo, eine private Herberge mit sehr rustikalem Charakter, wohl ein umgebautes Bauernhaus. Besonders schön war der große Aufenthaltsraum, der an den Wänden mit allerlei bäuerlichen Werkzeugen dekoriert war. Leider fand ich das Paar, das die Herberge betrieb, nicht so freundlich und den Pilgern gegenüber offen, wie ich es mir gewünscht hätte. Der Schlafbereich teilte sich in zwei Räume: wir bekamen ein Stockbett im kleineren, ersten Raum zugewiesen; Shelley nahm das obere Bett. Wir duschten, wuschen unsere Sachen. Ich gab der Hospitalera etliche (unbenutzte) Kleidungsstücke von mir, um sie in der Maschine waschen zu lassen, falls da Bettwanzen drin sein sollten.

Am Spätnachmittag telefonierte ich mit Zuhause. Ich erfuhr, daß meine Frau Probleme mit dem Drucker im Büro hatte und einen ehemaligen Freund von mir gebeten hatte, danach zu schauen. Da auch er das Problem nicht lösen konnte, hatte sie einen neuen Drucker bestellt, den sie aber nicht anschließen konnte. Auch aufgrund anderer, gesundheitlicher Infos, die sie mir gab, hörte ich sehr deutlich heraus: Es wird Zeit, daß du wieder da bist!

Das Abendessen nahmen wir in großer Runde in besagtem Aufenthaltsraum ein. Im Anschluß sprachen wir mit Tom aus San Francisco, genossen einen Wein und gingen früh ins Bett.
Dann folgte die für mich peinlichste Situation des ganzen Caminos: Ich lag bereits im Schlafsack, da kam die Hospitalera rein und meinte, ich hätte wohl vergessen, mein Abendessen und den Wein zu zahlen… Ach, du Schande, dachte ich, ja, es stimmt, daran hatte ich gar nicht mehr gedacht. War mir das peinlich. Ich sprang förmlich aus dem Bett und zahlte ihr den Betrag, hatte aber den Eindruck, daß sie meinte, ich hätte absichtlich diese Zechprellerei versucht. Da sie nicht gut Englisch sprach, konnte ich trotz mehrfacher Beteuerungen diesen Zweifel bei ihr meines Erachtens nicht ausräumen. Aber gut, es war alles gezahlt, jetzt konnte die Nacht kommen.

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