Hoaxilla Podcast: Lebensreform

Ich höre gerne Podcasts, kenne auch Namen bekannter Podcasts, die ich selbst nicht abonniert habe, aber über „Hoaxilla“ bin ich nun erstmalig gestolpert. Es ist ein Projekt aus skeptischer Sicht zum Thema „urban legends“, Mythen und Verschwörungstheorien in Kultur, Medien, Wissenschaft. Betrieben wird er von Alexa und Alexander, einer Ethnologin und einem Psychologen aus Hamburg (mehr Hintergrund bei der Wikipedia).

In Folge 287 befaßt man sich mit der Lebensreformbewegung. Dazu hat man sich den Historiker Ralf Grabuschnig eingeladen, mit dem man wohl früher bereits zu Themen aus dem Bereich Rechtsextremismus und Populismus kooperiert hatte (und der einen eigenen Podcast mit dem Titel „Déjà-Vu Geschichte“ betreibt, wo der Podcast nun ebenfalls online ist).

Ich fange mal damit an, daß mir solche typischen „Plauder-Podcasts“ nicht liegen, in denen sich zwei oder mehr Menschen zusammentun, um öffentlich bei einer „Tass Kaff“ über Gott und die Welt zu sprechen – und das ins Netz zu stellen. Soll heißen: ich finde es anstrengend, wenn ein Thema – hier: die Lebensreform – vorgestellt werden soll, wobei ich mich knapp über eine Stunde auf den Plausch dreier Personen einstellen und konzentrieren muß. Letztlich frage ich mich auch: gibt es eine Botschaft auf der Meta-Ebene, die durch den netten Klönschnack hindurch verbreitet werden soll? Schauen wir mal.

Die Lebensreform wird zunächst als Konglomerat einer Vielzahl von Strömungen im Zeitraum zwischen ca. 1850 und erstem Weltkrieg vorgestellt. Eine Lebensreformbewegung gebe es nicht, sondern viele, die später unter diesen Begriff subsummiert wurden, u.a. auch „Stilblüten der Geschichte“, woraufhin Alexa kurz auf das gescheiterte Siedlungsprojekt Floreana verweist. Dieser Begriff „Stilblüten“ ließt mich das erste Mal aufhorchen. Was ist z.B. am tragischen Floreana-Projekt „ungewollt komisch“ im Sinne einer Stilblüte?

Mit verschiedenen Begriffen wird recht akkurat auf die „rigide Gesellschaft“ dieser Zeit hingewiesen: Industrialisierung, Lex Heinze, Neurasthenie – unfreie Menschen, die Auswege aus den Belastungen ihrer Zeit suchen. Man habe nach dem „Naturzustand“ des Menschen gefragt und z.B. Verzicht auf Fleisch als Lösung gefunden. Zweimal wird seitens der Podcast-Betreiber erwähnt, die Lebensreformer seien „Freaks“ gewesen, so sei Diefenbach als Kohlrabiapostel verspottet worden. Mit Vegetarismus und Naturheilkunde sei Abstand gewonnen worden zu den „Errungenschaften“ der Zivilisation. Zweites Aufhorchen.

Sehr bald kommt man zur „unschönen Schiene“ der Lebensreform, zunächst durch Erwähnung von „germanischer Medizin“ in Abgrenzung zur jüdisch verstandenen. Hier gleich der erste Zeitsprung ins Jahr 2 n.Cor. – man hätte damals auch Impfungen abgelehnt, so wie heute Leute sagen würden: „Ich muß mich nicht impfen, ich bin ja gesund.“

Spätestens beim ca. fünf Minuten später erwähnten Richard Ungewitter war für mich aus „Aufhorchen“ eine Erkenntnis postuliert: Der Podcast wird der Lebensreformbewegung nicht gerecht; die Autoren nutzen den Begriff für ihre Agenda. Schauen wir weiter:

Von Ungewitter, der wörtlich zitiert wird, was einen klaren Fokus des Podcasts bestätigt, denn es hätte nun wirklich viele Lebensreformer gegeben, die man zu gutem, reformatorischem Leben hätte zitieren können, zu den „Querdenkern“ und Reichsbürgern ist ein kurzer Schritt. Grabuschnig lenkt noch ein – für ihn seien die Lebensreformer vor Beschäftigung damit eher ein „protonazistischer Haufen“ gewesen, doch das sei „vereinfacht“, aber „Teile“ der Lebensreform hätten eine große „Anschlußfähigkeit“ an die Nazis gehabt. Die Stichworte „Rassentheorien„, Gobineau fallen sowie der Dreischritt Wandervogel -> Bündische Jugend -> Hitlerjugend.

Trotz dieser Relativierung glaubte ich früh bei den Autoren zu spüren, wie die Lebensreform mit Handschuhen angefaßt wird: Alexa führt da aus, daß es auch um „physische Schönheit“ (ich höre heraus: Exklusivität statt Inklusion), um einen „reinen Geist“ gegangen sei, um ein Leben, das man der Gesellschaft „vorlebt“. Die weltanschauliche Frage wird auf die Zweiteilung „links“ vs. völkisch gebracht, wozu den Autoren für die linke Seite v.a. Siedungsprojekte einfallen. Ja, aber… es gab natürlich auch völkische Siedlungsprojekte. Links, „Freaks und Hippies“, das scheint der gute (spinnerte?) Teil der Lebensreformer gewesen zu sein, doch dann ist man schnell wieder beim „Nährboden“ für die Nazis und Herrn Ungewitter.

Ähnlich beim Thema Esoterik und Lebensreform: über Steiner, Demeter, Waldorfschulen kommt man zur Hohlerdetheorie, Welteistheorie und Blavatsky. Wieder glättet Grabuschnig: ja, eine „allgemeine Antwort“ zu geben sei schwer, aber die Lebensreform sei „die Verbindung“ (mit esoterischen Ideen) nie wieder „losgeworden“, was man am Thema New Age und … you guess! – „Impfgegnerbewegung“ sehen könne. Alexander grätscht noch mal rein mit Hinweisen auf die positiven Aspekte moderner Medizin, insbesondere der seit 20 Jahren in Entwicklung begriffenen mRNA-Impfstoffe, und genmanipulierten Lebensmitteln, die die Weltbevölkerung sattmachen könnten.

Alexa hatte zuvor über ihren Urgroßvater, Otto Buchinger (I), erzählt. Ich höre große Distanz heraus: „Marinearzt“, Rosenkreuzer-Schriften, „schwierige Persönlichkeit“, „Verklärung“, um dann diesen Punkt des Heilfastens – mit allen positiven Aspekten, die definitiv gegeben sind, s. die aktuellen Empfehlungen zum Intervallfasten, – damit abzuschließen, daß man „entschlackt“, wenn man „aufs Klo geht“, ansonsten sei das medizinischer Unsinn. Diese zwei Minuten sind m.E. recht aufschlußreich: auch ich würde diese Entschlackungstheorie ablehnen, sie hat mich für mein Fasten nicht interessiert, aber Buchinger und seine Pionierarbeit für das, was wir heute Heilfasten nennen, so zurechtzubiegen, ist schon tendenziös – was ich in der ganzen Podcast-Folge spüre.

Alexander verrät in seinem Schlußwort so eher implizit, meine ich herauszuhören, um was es bei dieser Folge ging: wenn die „Hörer*innen“ dann das nächste Mal – sinngemäß – in ein Reformhaus oder an den FKK-Strand gingen, wüßten sie „das“ besser „einzuordnen“. „Das“ ist für ihn ein „zugrundeliegendes Muster“ menschlichen Verhaltens (also aus dem vorher Gesagten: Kritik an der Moderne, Bezug zur Esoterik, exklusives Gedankengut, fehlende „Skepsis“), das durch die „letzten 200 Jahre“ trage. So könne man, lt. Alexa, auch nicht über die Lebensreformbewegung sprechen, ohne den Nationalsozialismus zu berücksichtigen.

Das heißt: der Hörer soll beim nächsten Kontakt mit irgendetwas, das nach Lebensreform riecht, gleich rekapitulieren: das waren entweder schräge Uropas, belächelte „Freaks“ oder „Protonazis“ oder „Esoteriker s. Impfgegner“.
Wenn dann noch darauf hingewiesen wird, welch „breite Bewegung“ die Lebensreform gewesen sei, so daß man nur „an der Oberfläche“ habe kratzen können, dann unterstreicht man an dieser Stelle seitens der Autoren, daß man sich das herausgepickt hat, was der eigenen Interessenlage entspricht. Fragt man nach einer Einführung ins Thema Lebensreform, dann lautet mein Fazit: Thema verfehlt.
Dabei ist die Vorgehensweise von Hoaxilla natürlich absolut legitim, aber sie hat auch ein Geschmäckle, das man wahrnehmen muß. Als jemand, dem das Thema Lebensreform seit vielen Jahren am Herzen liegt, bin ich natürlich auch nach dieser Stunde Plausch verärgert, wenn wieder mal „nur“ der Bogen von Ungewitter über die Nazis hin zu den modernen Nazis (Querdenker, Impfgegner…) gespannt wird. Adolf Koch, der Vertreter einer Lebensreform aus dem (und für den) Kreis der Arbeiterschaft, wird mit keinem Wort erwähnt. War halt „Freak“.

Sinnigerweise kommt mir gerade der Gedanke, ob diese Folge nicht nur zufällig in zeitlicher Nähe zu Andreas Speits Buch „Verqueres Denken“ steht, das „verquere Weltbilder in alternativen Milieus“ beleuchten will und dabei auch – so las ich; ich habe es mir noch nicht angetan – eine dritte Lebensreformbewegung postulieren soll, die heutigen Impfgegner. Mentale Notiz: Herrn Speit 10€ in den Rachen werfen und die Kindle-Version zwecks Rezension kaufen.

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