Lebensreformer als Querdenker?

Nach Andreas Speit („Verqueres Denken. Gefährliche Weltbilder in alternativen Milieus“, 2021) steigt nun auch der SPIEGEL in das Thema Lebensreform – die Wurzeln der Querdenker-Szene ein. Leider ist der Artikel von Steffen Greiner hinter einer Paywall – und für so etwas zahle ich nicht. Aber wer will, der kann den Hinweis aufnehmen und schauen, was Greiner über Gusto Gräser und die frühen „Impfverweigerer“, die „Querdenker vor hundert Jahren“, zu sagen hat.

Aber Greiner arbeitet auch an einer für Februar 2022 angekündigten Buchveröffentlichung: „Die Diktatur der Wahrheit. Eine Zeitreise zu den ersten Querdenkern“, Klett-Cotta, 2021. Der Artikel soll also vorab etwas Geld in die Kasse spülen. Der Verlag bewirbt das Buch so:

Meditation und Reichsflaggen - wie passt das zusammen? Die Proteste gegen die Corona-Maßnahmen und die Debatte um die Impfpflicht machen wieder sichtbar, was die Geschichtsschreibung lange ignorierte: Die Bedeutung spirituell-rationalitätskritischer Bewegungen jenseits von rechts und links. Vor 100 Jahren gab es die ersten Querdenker. Heute haben sie wieder Konjunktur. Dieses Buch ist eine erhellende Reise zu den Epizentren von damals bis heute.

Ich muß gestehen, daß ich mit dieser Verknüpfung Lebensreformer-Querdenker zu kämpfen habe. Wie positioniere ich mich? Mein erster Impuls ist: hier wird bewußt die „spinnerte“, weltflüchtige Seite der Lebensreformer unterstrichen, um die heutigen „Querdenker“ auf historischer Basis diskreditieren zu können. Gleichzeitig finde ich das Thema sehr spannend und würde mir Greiners Buch auch kaufen, während ich mir an Speits „Verqueres Denken“ (verquerem Denken?) noch die Zähne für eine Kurzrezension ausbeiße. Ich habe so gut wie keine „natürliche Motivation“, das Geschriebene zu konsumieren, so daß ich mich regelmäßig zwingen muß. (16% sagt meine Kindle-App.)

Jahrzehntelang war die Lebensreform in Vergessenheit geraten und eher ein in der Folge der 68er-Bewegung langsam wieder aufgekommenes, universitäres Phänomen. Nun ändert sich etwas durch – ich nehme das auch für Greiner an – betont linke Journalisten, die im Zuge des links-grünen Zeitgeists (jetzt institutionalisiert durch die Ampelkoalition) Aufwind verspüren und noch offensiver gegen alles von „Mitte-Konservativ“ über „Neu-Rechts“, „Rechtsextrem“ zu „Neonazismus“ vorgehen wollen. Ziel scheint zu sein – ich spreche nicht für / über Greiner und Speit konkret – die befriedete Gesellschaft mit folgsamen Untertanen, die alle in ihrem Individualismus gleichwohl gut medial gesteuert werden können. Man mag wirklich darüber sinnieren wollen, warum gerade in dieser Zeit eine Cannabis-Freigabe erfolgt.

Soll heißen: den linken Kritikern von heute ist der freiheitliche Gedanke der Lebensreformer ein Dorn im Auge. Aber auch der spirituelle Ansatz, der sich noch nie gut mit stramm-linkem Liniendenken verbunden hat, soll mit der Kritik an „Verschwörungstheorien“ diskreditiert werden.

Ich möchte eine Sache betonen: Kritik an Rechtsextremismus ist berechtigt und damit auch die Kritik daran, daß die Veranstalter und Teilnehmer der Corona-Proteste sich bewußt oder fahrlässig mit Rechtsextremen assoziieren. Manche Dinge bleiben unklar: wer verteilte Reichsflaggen unter den Demonstranten? Gab es agents provocateurs?
Persönliche Einschätzung: der rechte Flügel – ganz allgemein – springt auf den Protestzug auf, da es zum einen Gemeinsamkeiten in der Kritik an den Corona-Maßnahmen gibt, die jeden Bürger betreffen. Ob links- oder rechtsextrem, jeder muß den Impfstatus nachweisen, Masken tragen, zusätzliche Tests vorlegen.
Zum anderen kann man aber auch gut für sich Werbung machen, wenn man sich unter die Demonstranten mischt; auch das ist nichts Neues…

Ich werde über den Jahreswechsel Speits Buch lesen und hier einen Beitrag zu meiner Einschätzung schreiben. Dann schauen wir weiter auf Greiners Werk.

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