Lebensreformer und Hippies (C. Scharf)

Vorbemerkung

 

Dieses Blog war einige Male offline und wurde aus Sicherungen wiederhergestellt. Meist – wie auch jetzt – aus der letzten XML-Datei, die exportiert worden war, zweimal aus der Sicherung mit einem kostenpflichtigen Plugin. Beim Durchschauen gestern vermißte ich mindestens zwei Beiträge, die irgendwo „along the way“ verlorengegangen sind, so auch die Kurzvorstellung des o.g. Buches, zu der die Autorin per Kommentar geantwortet hatte. Hier nochmal eine Kurzvorstellung des Buchs.

Das Buch

Scharf erfaßt das Geschehen um Lebensreform und die Hippie-Bewegung als zwei Wellen, deren erste sie zwischen 1890 und 1930 sieht; die zweite von 1955 bis 1970.

Den Protest der Lebensreformer gegen die Gesellschaft ordnet sie als „passiven“ ein, der aus der Änderung des eigenen Lebensstils (Selbstreform) erwächst. Für Scharf entstand die erste Welle auf dem Boden einer Industriegesellschaft, während die zweite in einer „Übergangsphase zu einer postindustriellen Gesellschaft“ stattfand.

Bei der historischen Lebensreform sieht die Autorin als verbindendes Element den Kulturpessimismus sowie „das Ziel einer Wiederherstellung der Einheit von Mensch und Natur“. Neben die klassischen Felder wie Vegetarismus, Naturheilkunde stellt Scharf die Wandervogelbewegung als wichtigen Pfeiler der Lebensreform. Der Text über diese erste Welle ist eine gut strukturierte Einführung in das Thema Lebensreform – die wichtigsten Namen und Orte fallen.

Die „zweite Welle“ wird von der Autorin als eher schriftenlose gekennzeichnet, also weniger theorielastig als die historische Lebensreform, auch wenn die Klassiker wie Kerouacs „On the Road“ benannt werden. Sie begann in den USA mit eben diesen Beatniks, in Deutschland entwickelte sich die Gammler-Szene, die 1963 (also spät) erstmalig in der Presse erwähnt wurde. Von den Beatniks erfolgte der Übergang zu den Hippies mit dem Epizentrum Haight Ashbury in San Francisco und dem Summer of Love 1967. Mit breitem Strich schildert die Autorin den Protest gegen das spießbürgerliche „clean and white“-Amerika, den Drogenkonsum, den Einfluß östlicher Spiritualität, die Kommunen und Wohnprojekte bis hin zu Findhorn.

Bei der Angabe der Altersverteilung der Hippies wird deutlich, wie jung die Bewegung war, die dadurch eher im Wandervogel ihr Pendant findet.

Das abschließende Kapitel vergleicht beide Wellen. Gemeinsam sei beiden die Entstehung vor dem Hintergrund eines Strukturwandels – einmal hin zur industriellen Gesellschaft, dann hin zur postindustriellen. Wenn Scharf nur Ersten und Zweiten Weltkrieg als „großes Kriegsereignis“ erwähnt, vergißt sie m.E. den massiven Einfluß des Vietnamkrieges auf die Protestkultur der 60er. Die Hippies waren eine zeitlich deutlich kürzere Bewegung als die klassische Lebensreform von ihren Anfängen Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Zweiten Weltkrieg.
Daß beide Wellen in „wohlhabenden Industrienationen“ stattfanden, unterschlägt das Arbeiterproletariat mit prekären Lebensbedingungen um die Jahrhundertwende. Lebensreform war keineswegs nur ein Phänomen gutsituierter Bürger von Mittel- und Oberschicht.

Bei den Grundeinstellungen meine ich, daß Scharf zu sehr vereinfacht. Die Lebensreform ist m.E. nicht durch „bewusst gewählte(s) Außenseitertum“ (eher durch missionarische Züge) charakterisiert, genausowenig war „Jugend“ das für alle Bereiche gleichermaßen gültige „Idealbild“. Auch halte ich den „bourgeoisen Spießbürger“ nicht für das typische Feindbild beider Wellen, sondern eher der Hippie-Bewegung (s.u.). Ebenso war der Staat als solcher – gerade mit seinem Engagement in Vietnam – Feindbild.

Ansonsten sind die Gemeinsamkeiten und Unterschiede nachvollziehbar herausgearbeitet. Im abschließenden „Resumee“ geht die Autorin noch einmal auf das für sie zentrale, beide Wellen vereinigende Bild ein: das gemeinsame Feindbild der Bourgeoisie bzw. des Spießbürgers. Das teile ich so nicht, da es m.E. weit eher auf die Hippies zutrifft – auf junge Leute, die ihren schichtspezifischen Hintergrund verließen, um anders zu leben und damit gegen ihre Herkunftsfamilien zu protestieren. Es ist m.E. schwierig, die kurze Dauer der Beatnik- und Hippie-Phase der gesamten Epoche der historischen Lebensreform gegenüberzustellen. Dennoch gelingt dies der Autorin gut. Letztlich meine ich, der historischen Lebensreform wird etwas zuviel „Protestkultur“ attestiert.

Persönlich sehe ich es so, daß die „schriftenlose“ Hippie-Kultur, die ihre Botschaften v.a. über Musik und Happenings transportierte, deutlich weniger intellektuell ausgerichtet war als die Mehrheit der lebensreformerischen Bemühungen. Die Lebensreform hing an ihren Idealen, dem Asketen, der antiken Marmorstatue, dem Wanderprediger, dem Jugendbund, dem Künstler. Da ist größerer Tiefgang zu erspüren, den ich bei der Hippie-Kultur vermisse, was zu einem großen Teil auch mit der Betonung des Drogenkonsums zusammenhängt.

 

Ein Gedanke zu „Lebensreformer und Hippies (C. Scharf)“

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