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Mein Camino Francés 2015

León bis San Martín del Camino (CF29)

[Die Seite ist Teil des Berichts über meinen Camino Francés 2015.]

Früh stand ich auf, aber durchaus im Rahmen aller, die früh auf den Beinen waren. Ich wollte möglichst noch durchs „schlafende León“ laufen. Nur die Müllabfuhr war unterwegs und spritzte die Straßen naß ab.

Blick zurück über LeónIn einer Bar trank ich einen Kaffee und aß wieder einmal Toast mit Marmelade. Bald stand ich auf einem dieser Bodegas-Hügel und schaute zurück nach Osten über die langsam zum Leben erwachende Stadt – ein fantastischer Ausblick. Doch weiter ging es durch ziemlich öde Industriegebiete und vermülltes Brachland raus aus der Stadt, dann an kleinen Örtchen entlang, die alle an der nach Westen führenden N-120 lagen, wie zum Beispiel La Virgen del Camino. Das war zum Teil richtiges Ödland, hier und da mit wilden Müllhalden, wo ich mich kurzzeitig auch unwohl oder unterschwellig bedroht fühlte, obwohl wirklich nur Pilger, aber wenige, unterwegs waren. Ich traf auf welche, die zwei, drei Hunde dabei hatten. Es ging durch heideähnliche Landschaft, aber dann gnadenlos ran an die N-120 mit dem schweren LKW-Verkehr. Direkt neben der Straße ging es entlang, was also Lärm und Gefahr bedeutete. Ich rastete an einer Bank in Villadangos del Páramo, aß ein paar frutos secos, aber es war einfach ungemütlich an der Schnellstraße.
Es sollte erwähnt werden, daß es eine „scenic route“ gibt, wie Brierley (2015) sie immer nennt, also eine landschaftlich schönere Ausweichroute, die über Villar de Mazarife führt und sich mit „meinem“ Weg wieder in Hospital de Órbigo trifft.

VilladangosVilladangos ist fast so etwas wie ein amerikanisches Örtchen, ähnlich wie ich schon Villarente beschrieb: Tankstellen, Motels, weites Land… Man marschiert durch und glaubt, im Mittleren Westen der USA unterwegs zu sein. An einem Haus stand: Santiago 298 Kilometer – hey, die 3 „vorne“ war weg!

Mohnblume25 Kilometer waren es heute, also gut machbar. Mein Ziel war San Martín del Camino. Der Sommer war vorbei, damit auch die Zeit der Mohnblumen, aber … ich sah, glaube ich, zwei Mohnblumen noch mit ihrer roten Blüte, und heute eben eine davon kurz vor meinem Ziel, die ich fotografierte. Blumen waren noch nie mein „Thema“, aber hier in der  Ödnis mit ihren herbstlichen Brauntönen war jeder Farbtupfer ein Geschenk und das Erlebnis des Camino gab mir den Blick für diese kleinen Dinge am Wegesrand.

Casa Verde San Martín Ich sah Werbung für eine private Herberge “Casa Verde” mit nur 8 Betten. Das klang gut. Ich suchte den Weg, stand bald vor dem „grünen Haus“ und klingelte. Niemand reagierte, aber gegenüber wurde ein Fenster geöffnet, eine alte Spanierin schaute raus und sagte: doch, sie ist da, warte mal und klingele noch einmal… Die Neighborhood-Watch funktioniert… Dann öffnete die Hospitalera Beatrice und ich wurde so herzlich wie nie zuvor und nie wieder auf dem Camino empfangen. Sie bot mir das Einzelzimmer an, ich nahm es, weil es nur 5€ teurer war als ein Bett im Gruppenraum, aber es kamen letztlich nur noch zwei Spanier, darunter der oben schon erwähnte ältere Spanier aus der Gruppe, die ich in der Herberge San Pelayo traf.
Nach dem Duschen spielte ich im Garten mit dem Hund, der eigentlich nur wollte, daß ich ihm ständig einen Ball wegwerfe, den er dann holen und mir schwanzwedelnd bringen mußte. Habe ich schon erwähnt, daß ich eher „Katzentyp“ bin und diese schönen, individuellen, kaum abrichtbaren Tiere liebe? Dieser Hund, so süß er war, bestätigte wieder alle meine Vorurteile über Hunde. Ich ging dann für eine Weile in eine Bar, in der Spanier laut beim Kartenspiel waren. An der Theke trank ich zwei Bier und ließ mir ein Bocadillo einpacken, hatte dann aber den Eindruck, daß mich die unfreundliche Wirtin preistechnisch etwas abgezockt hat.

Unsere Beatrice kochte später für uns drei Pilger ein leckeres Abendessen: zuerst gab es Hühnersuppe, dann die beste Tortilla, die ich auf meinem ganzen Jakobsweg gegessen habe, dazu frischen Blattsalat. Ich wurde satt und fiel schwer und müde ins Bett und schlief gut im „grünen Haus“.
Auch hier sei noch einmal erwähnt, daß sowohl der ältere Spanier, als auch sein junger Kompagnon kaum Englisch sprachen, so daß eine Unterhaltung mit meinem rudimentären Spanisch sehr schwierig war. Wie gerne hätte ich länger mit dem mir sehr sympathischen Älteren gesprochen…
Heute spürte ich, daß mein „Camino Blues“ vorbei war. Es war ein herrlicher Tag, die Knie schmerzten (eventuell dank Ibuprofen) gar nicht. Ich vertraute dem Memo an: Alles ist wieder paletti, ich bin entspannt. Morgen schon würde ich in Astorga sein, dann übermorgen in Rabanal und dann wäre ich am Cruz de Ferro, dem Kreuz auf einem Baumstamm auf der Paßhöhe der Montes des León. Ich freute mich so sehr darauf, hoffte aber, daß das Wetter so schön und warm (tagsüber) bliebe, denn es war eine Verschlechterung in den kommenden Tagen vorhergesagt.

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