Lubenow: Vier Frauen am Meer (Kurzrezension)

Der Roman von Svea Lubenow spielt im Jahr 1925 im v.a. Fischländer Ort Ahrenshoop an der Ostseeküste, der u.a. für seine Künstlerkolonie bekannt ist.
Protagonistin, möglicherweise mit biographischen Anteilen der Autorin, ist Gitta, die sich von ihrem Elternhaus emanzipiert, zunächst durch Beitritt zu einer lebensreformerischen Loge, dann durch Umzug nach Ahrenshoop, wo sie mit drei anderen Frauen ein Schneideratelier für expressionistisch gestaltete Kleider gründet.

Für die schon 26-Jährige heißt Emanzipation auch Suche nach einem Mann. Der Erste entpuppt sich als „Windbeutel“, auch wenn er „wild und verwegen anmutete wie ein Freibeuter“, der zweite braucht „Auftauzeit“, um zum Finale Grande zu kommen.

Wir haben hier also einen Liebesroman in einfacher, gut lesbarer Sprache mit gelegentlichen – wie ich finde – sprachlichen Unsicherheiten. Da steht „bescheuert“ neben „apartem Gesicht“, da stehen zu oft Vor- und Nachname, was gestelzt wirkt, – und wenn der Nachname m.E. wichtig wäre und passend im Gespräch, dann fehlt er. Öfter staksige Formulierungen wie „Es passt zu uns, den Bewohnerinnen“ oder „Ich werde mit der stellvertretenden Ortsvorsteherin Astrid Niemann…“ – warum nicht: „ich spreche die stellvertretende Ortsvorsteherin an“, „ich rede mit Sörens Schwester“?
Einheimische würden auch nicht von der „Bauernkate“ sprechen, sondern von „Bovenschultes Haus“ oder so. Dem übergriffigen Lars würde Gitta wohl auch nicht „bitte nie wieder“, sondern eher „Hände weg, mach das nie wieder!“ sagen. Und daß dieser wenig seßhafte (Lebens-)Künstler Mitglied der Ahrenshooper Freiwilligen Feuerwehr ist, muß dem Plot geschuldet sein, denn das ist unglaubwürdig. Vieles scheint mir in zu modernem Deutsch, andererseits mag das auch am Thema liegen oder meiner besonders kritischen Leseweise, wenn es um Lebensreform geht.

Die Autorin hat sich erkennbar mit Ahrenshoop und diversen Künstlern und öffentlichen Personen befaßt, wie sie auch im Nachwort schildert. Sie hat sich auch eine Vorstellung von der Lebensreformbewegung gemacht, die im Roman v.a. in Form von Nacktbaden, Reformmode und Siedlungsprojekten auftaucht. Wenn Gitta aber über Erich Mühsam spricht, scheint das eher Wissen zu sein, das die Autorin hat. Zur Protagonistin paßt der Anarchist nicht.

Meine größte Kritik setzt aber an zwei Punkten an: dem historischen Kontext und dem beschriebenen Hexenkult.

Wer einen historischen Roman schreiben will, muß „in der Zeit drin sein“, muß wissen, was es gab, nicht oder noch nicht gab. Hier baut die Autorin etliche Fehler ein, die sich durch reines Googeln hätten vermeiden lassen. Beispiele (remember: wir sind im Jahr 1925): Der Zwickel-Erlaß stammt aus 1932; ein „Zwickel-Kontrolleur“ vor 1925 erscheint nicht korrekt. Daß Gittas erste Liebe mal eben mit Partnerin zum Monte Verità reist, erscheint auch eher wegen des Namens eingebaut, denn die Koloniegründer hatten diese schon fünf und mehr Jahre früher verlassen.
Daß man 1925 auf einem Fest ein Lied spielt, das 1960 (Seemann, deine Heimat ist das Meer) oder 1929 (Wer wird denn weinen, wenn man auseinandergeht) erschienen ist, nun ja, paßt nicht. 
Kraß aber solche Dinge wie Sörens Aussage, er sei 1916 mit der Scharnhorst in Ostasien unterwegs gewesen: das Schiff ist 1914 gesunken. Und auch daß jemand Herzdruckmassage leistet, die ab den 1950er Jahren erst entwickelt wurde. Oder der Begriff der „Persönlichkeitsstörung“, der erst ab 1980 verwendet wird.

Das sind Dinge, die bei mir völlig die Immersion aufbrechen – und mich gleichzeitig nach weiteren „Schnitzern“ suchen lassen.

Dann kommt die „Neuhexe“ zu den Frauen ins Haus. Was die Autorin hier schildert, ist typisches Wicca (Neu-Hexentum), wie es aktuell und seit den 1950er Jahren in Mode ist. Zwar wurden klassische, wenn auch umstrittene Werke schon früher publiziert, z.B. Murray’s „The Witch-Cult in Western Europe“ (1921), Leland’s „Aradia“ gar 1899, aber es gab in den 1920er Jahren keine so hervortretende Hexen-Religion, wie die Autorin sie schildert. Hätte sie doch die germanophilen Männer vom Strand, die Runen-Stellungen üben, weiter ausgebaut. Der germanisch-völkische Aspekt war Teil der Lebensreform, wie natürlich auch Pantheismus, Lichtglaube usw. Ich habe extra noch einmal in Nipperdeys „Religion im Umbruch“ nachgeschaut: Lichtkult, Theosophie boomten, auch die Beschäftigung mit dem Buddhismus, allgemein eine „vagierende“ (Nipperdey) Religiosität, aber kein Hexenkult in dieser Form.
Was die Autorin beschreibt, auch die praktischen Dinge wie Bann- und Liebeszauber, scheint direkt aus einem Buch wie „Teen Witch“ zu stammen.

Diese zwei für mich negativen Aspekte flossen in der zweiten Hälfte des Buches mit einer sehr vorhersehbaren Geschichte zusammen.

Es bleibt ein gut lesbarer, eher seichter Liebesroman (sowieso nicht meine Standardliteratur) (auch ein wenig Entwicklungsroman), der dennoch das Lebensgefühl der 1920er gut transportiert. Gefallen hat mir auch die Emanzipationsgeschichte des Einzelkindes Gitta, die mich an meine eigene Biographie erinnerte.
Für mich war des Fund des Buches nicht so mit einem Hochgefühl verbunden, wie bei Blumenspiel, aber es waren zwei unterhaltsame Tage, die mich an meinen Urlaub auf dem Darß 2010 – so lange ist das schon wieder her! – erinnert haben. Wir waren auch in Ahrenshoop, hier Bilder:

Gleichzeitig überkam sie eine ungeahnte Lebensfreude, und sie sog den salzigen Geruch des Meeres, das Rauschen der Wellen, die Schreie der Möwen – die ganze Schönheit des Augenblicks – wie ein Schwamm in sich auf.

Lubenow – Vier Frauen am Meer

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