Mein Camino 2015 – Reflektion (CF45)

[Die Seite ist Teil des Berichts über meinen Camino Francés 2015.]

In diesem langen Beitrag resümiere ich meinen Camino Francés 2015, dessen Bericht hier zu Ende geht. 

Rückkehr aus Santiago, 1 Uhr am Morgen: Ich zog meine Kleidung aus, entleerte den Rucksack in der Garage und gab alles gleich in die Waschmaschine. Schlafsack, Bauchtasche, Regenhose, Handyhülle und weitere kleine Dinge wanderten sofort in die Tiefkühltruhe. Ich hatte meine Frau vorab gebeten, ein ganzes Fach freizuräumen, um die Dinge ein paar Tage darin lagern zu können, denn nicht nur Hitze über 60°C tötet Bettwanzen und ihren Nachwuchs, auch Minusgrade tun es.

Nach dem Duschen stellte ich mich auf die Waage und sah, daß ich 11kg abgenommen hatte. Witzig, ich hatte so gut gegessen und getrunken, nie hätte ich gedacht, daß ich trotzdem noch erheblich abnehmen würde. Doch lange konnte ich mich darüber nicht freuen, denn so ein niedriges Gewicht kann ich nur aufrechterhalten, wenn ich täglich ausgedehnten Sport treibe, was aus verschiedenen Gründen im Alltag so nicht möglich ist.

Den Sonntag verbrachten wir zu Hause; es gab soviel zu sortieren, zu erzählen, Bilder zu zeigen und Geschenke zu verteilen. Ich fühlte mich entspannt, ausgeglichen und einfach gut. Ich war nach so langer Zeit wieder daheim. „Heimfinden“ in einem ganz prosaischen Sinne. 

Zwei Wochen später saß ich morgens im Auto in der Stadt vor einem Besprechungstermin in einer Behörde. Ich sprach ein letztes Memo im Zusammenhang mit diesem Jakobsweg auf. Ja, ich war wieder im negativen Sinne im „Alltag angekommen“. Als ich wach wurde, dachte ich gleich, welch ein „Scheißtag“ wieder vor mir lag. Diese negativen Gedanken kannte ich gut, aber sie waren nun fast 2 Monate fortgewesen. Ich formulierte so, daß ich sagte, der Schutzschild, den mir der Camino übergezogen hatte, werde nun im Alltag angegriffen und solange geschwächt, bis der Streß wieder mit voller Breitseite einschlagen könne. Speziell an meinen Kindern merkte ich, wie mich der Camino verändert hatte. Meine Jungs wachsen in eine Social-Media-Welt hinein, nutzen beide intensiv PC und Playstation, lesen wenig, sind oft angespannt oder nervös. Es fiel mir schwer, mit der Camino-Tiefenentspannung darauf zu reagieren.

Mein regelmäßiges Joggen, das ich mir zumindest für jeden zweiten Tag vorgenommen hatte, schlief über die Wochen ein. Das Weinregal mit Vino Tinto aus der Rioja leerte sich wieder schneller. Wehmut, als ich eine Doku über den Camino schaute und sah, wie die Pilger ihre Habseligkeiten in den Rucksack packen und einfach losgehen. Das Aufbrechen fehlte mir, denn nur wenn ich auch als Mensch und in meiner Beziehung zu Gott jeden Tag aufbreche, kann ich mich entwickeln. Wir sind Nomaden, Pilger durch die Jahrtausende, doch sitzen wir heute in erstarrten Verhältnissen und wissen keinen Ausweg. Das ist vielleicht der Fluch der neolithischen Revolution, so dachte ich mit einem Augenzwinkern.

Hatte ich heimgefunden auf „meinem“ Camino? 

Religiöse Fragen und solche des „guten Lebens“ motivierten mich zum Camino. Welche Sehnsucht steckte jenseits der Alltagshektik noch in mir? In Orisson rang ich eher mit mir als mit Gott: Was ist mein „ureigenstes Wesen“? Was kann ich tun, um mich selbst „besser leiden zu können“?

Ich sollte dann lernen, daß beide Themen aber miteinander verbunden sind. Erstmalig erfaßte ich dies im Kirchlein Eunate bei Obanos. Ich spürte eine Art „Schwingung“, die meinen Geist beruhigte, nur um dann etwas in Gang zu setzen, das sich wie eine Veränderung in mir anfühlte. Ich sprach an dem Abend von der Demut, die ich auf dem Camino bei mir und anderen erlebe, ein „Öffnen“ nach außen auf andere Menschen hin. Und in der Rücknahme des eigenen Ichs glaubte ich zu spüren, wie Gott in den Vordergrund trat. Demut öffnet den Geist auf Gott hin.

Sprüche anderer Pilger regten mich zum Nachdenken an. Vor Logroño lernte ich, daß der innere Frieden sich erst dann zeige, wenn ich den „Krieg in mir“ beigelegt habe. Ich spürte eine Veränderung in mir, Demut und Mitgefühl, die aus der Ruhe aufstiegen.

Und doch stellte ich mir die immer gleichen Fragen, führte den „Krieg im Innern“ in abgerüsteter Weise weiter, woraufhin mich der Ire Joe inspirierte, darüber nachzudenken, ob ich nicht längst „gefunden“ hätte. Muß ich die vorhandene Lösung nur ergreifen? Im Finden kommt die Hektik zur Ruhe, wird der Blick weiter und klarer. Immer auf der Suche sein, kostet Energie und bringt Unruhe. 

In Burgos kaufte ich mir ein kleines Tau-Kreuz, das ich fortan trug. Mein Kopf war frei geworden. Im Nachdenken über „meinen Platz in der Welt“ konnten mir plötzliche Einsichten die Tränen in die Augen treiben. Hier, am Ende des ersten Abschnittes des Caminos, dem Weg durch Navarra und die Rioja, fühlte ich mich geerdet, doch gleichzeitig erhoben und aufgerichtet – im Lot mit mir.

Mit dem folgenden Abschnitt in der Meseta, der öden Hochebene in Castilla y León, verband ich vorab „Reinigung“, doch sie wurde zu einer Prüfungslektion für mich. Man spricht von der Meseta auch als dem Abschnitt des Jakobsweges, auf dem es um einen „spirituellen Tod“ geht, worauf die „Auferstehung“ im grünen, fruchtbaren Galizien folgen soll.

Statt im Augenblick zu leben, hatte ich mich immer wieder auf die Meseta gefreut und erlebte am ersten Tag durch rücksichtslose Mitpilger einen „psychischen“ Angriff (des „Feindes“), der mich aus dem in den Wochen vorher erreichten Gleichgewicht warf.
Ich notierte als erste Meseta-Lektion: bewahre Gleichmut, wahre deine Integrität.
Die zweite Lektion folgte am nächsten Tag: Weglaufen vor mir selbst (oder anderen) geht nicht. Ich erfaßte, daß „Demut“ auch bedeutet, sich bewußt von Krankmachendem abzulösen (ohne Hals über Kopf zu flüchten), nicht an Stressoren zu haften. Mehr noch schwang der Gleichmut da wieder mit, das Aushalten des Fluchtreflexes, auch Rücknahme des Egos und damit Platz machen für Gott in der eigenen Seele.
Die letzte Meseta-Lektion war die Einsicht, kritisch über die Nutzung von Alkohol nachzudenken. Eine Unaufmerksamkeit im Zusammenhang mit einer Dose Bier bescherte mir nämlich Knieprobleme über die nächsten Wochen.

In Villalcázar de Sirga sagte mir eine amerikanische Pilgerin, ich werde die „richtigen“ Veränderungen erst spüren, wenn ich wieder zuhause bin. So war es auch. Nachtrag 2021: Ja, aber von Jahr zu Jahr wurde die Tragkraft des Erlebnisses schwächer. 

Um Sahagún herum erfaßte mich der „Camino-Blues“: Halbzeit – alles Schöne darf ich vielleicht noch einmal erleben, alles Nervige, Störende würde auch noch einmal für ca. 400km da sein. Ein weiterer Spruch an einer Unterführung hinter Sahagún motivierte mich, auf das „Kernwesen“ des Menschen (und des Fuchses) zu schauen, auf das, worauf es ankommt. Es ist der Kontakt zu Gott, das Erfahren göttlicher Liebe und das Weiterströmenlassen dieser Liebe zu den Mitmenschen. Das „Weiterströmenlassen“ meines Blutes erlebte ich dann im Kontakt mit Bettwanzen. 

Doch passend dazu befaßte ich mich in den folgenden Etappen öfter mit dem Thema „positiv denken“ auf der Basis des achtsamen Umgangs mit der eigenen Persönlichkeit: mental einen Schritt zur Seite treten, auf sich selbst schauen, wie man so drauf ist und was einen möglicherweise auch beschwert. Im Hier und Jetzt sein – immer wieder als Thema, so auch in einem Spruch nahe León: „Die Gemeinschaft des Seins ist ungleich der Gesellschaft des Habens.“

In San Martín spürte ich, daß die Zeit des Camino-Blues vorbei war – zunehmend stellte sich auch ein Denken an das (erwünschte und gefürchtete) Ende des Caminos ein. Auf der nächsten Etappe wies Peter mich darauf hin, das „Beste“ komme erst noch (in Galizien) – auch im Sinne der o.e. „Auferstehung“. Für mich kam eine Zeit des Fragens und Zweifelns.

Astorga und das Cruz de Ferro – ein Wechselbad der Gefühle: von der Einsamkeit am Nachmittag in Astorga über das im Morgengrauen gelesene Gedicht über „denselben (wiedergefundenen) Gott“ hin zur tiefen Glaubenserfahrung am Cruz de Ferro – das „Heimgefundenhaben“ in der Einfachheit und Gottesnähe des Caminos.

Mit der archaischen grünen Wildnis Galiziens kam der Verlust der Klarheit, kamen Zweifel und Kirchenkritik sowie ein Gefühl, das Böse bereite wieder einen Angriff auf mich vor. Aufgrund des Wiederauftauchens naturreligiöser Themen bezeichnete ich mich selbst als Kleingläubigen. Ich hatte das Gefühl, die von außen kommende Versuchung willig zuzulassen. Zudem glaubte ich, fehlende Glaubensstärke habe mit fehlender Gebets- und Meditationspraxis zu tun.

Die Sichtung eines Fischotters, in einer Jahre zurückliegenden „schamanischen Phase“ mein „Krafttier“, und die Begegnung mit konservativen, intensiv gläubigen Litauern lösten in mir Gedanken zu meinem eigenen Standpunkt in der Welt aus. Da war die durch Kirchenaustritt hinter mir gelassene Welt des Katholizismus, die ebenso abgelegte Beschäftigung mit Naturreligion und Schamanismus, aber auch die wiedergefundene christliche Spiritualität der letzten Jahre und des Caminos. Wo stand ich? Ich tendierte dazu, die Ottersichtung als einen Hinweis auf die „Einheit der vielen Wege“ zu sehen, aber die hier begonnene Verunsicherung bzgl. meines Weges zog sich bis nach Hause durch. Lange sah ich diese beiden Tage als die „Schlüsseletappen“ meines Caminos an, davon bin ich nun aber weg.

Schmunzelnd las ich in einer Bar den Spruch, daß das Leben aus ständigen Kollisionen mit der Zukunft bestehe. Die Zweifel, die an mir nagten, das Abschiedsgefühl der letzten Tage auf dem Camino – das hatte ich in den Wochen vorher „nicht auf dem Plan“. Andererseits forderte mich der dritte der für mich wichtigen Sprüche am Wegesrand auf: „Du mußt dein Ändern leben.“

Ankunft in Santiago, Bezug meiner kleinen „Mönchszelle“ in einer Pension in Nähe der Kathedrale. Ich war weit „hinausgegangen“ in die Welt, hatte von Südfrankreich bis Westspanien einen Weg von über 800km zu Fuß zurückgelegt, aber das Daudedsching sagte:  je weiter hinaus man geht, desto weniger weiß man“. Ich wußte nicht, was mir der Camino „gebracht“ hatte, ich wußte nur, daß eine bestimmte, gute Art des Lebens und des Umgangs der Menschen untereinander hier für mich ihr Ende gefunden hatte (bis zum nächsten Aufbruch).

Santiago erlebte ich als „zutiefst katholische Veranstaltung“, ich war anwesend bei zwei Messen, aber doch nicht „Teil der Gemeinde“. Hinzu kam die Frage, wie ich all diese intensiven Erlebnisse „denen daheim“ erklären sollte. Zerrissenheit und ein gewisse Angst vor dem Arbeitsalltag mischten sich mit dem Gefühl, eine der wichtigsten und „tiefsten“ Zeiten meines Lebens durchlebt zu haben.

Der Alltag fraß mich wieder auf, aber eine Veränderung blieb. Burns (2013):  „The real Camino begins at home.“

So mußte ich eine lange Reise zu Fuß antreten, mußte nach Gott, den Menschen und mir selbst suchen, mußte Versuchungen erleben und Wirrnisse, um letztlich heimfinden zu können.

 

Vielleicht gibt es keinen Ort,
wo wir ankommen könnten…
Vielleicht ist das Leben
Ziel in sich selbst,
hat es eine eigene Richtung.
Leben ist dynamisch,
und jene, die leben,
sind ewig unterwegs.

                Vimala Thakar (1921- 2009)

 

Wenn du als Leser bis hier gekommen bist, kann ich dir nur raten: brich auf!

Nada más pido: el cielo sobre mi y el camino bajo mis pies.

 

[Es gibt keinen Folgebeitrag. 🙂 ]

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