Molinaseca bis Cacabelos (CF33)

[Die Seite ist Teil des Berichts über meinen Camino Francés 2015.]

Wie jeden Abend hatte ich meine Sachen bereits im Rucksack verstaut und nur die Kleidung draußen gelassen, so daß ich alles schnell zusammenpacken und als zweiter den Schlafraum im Dunkeln verlassen konnte, ohne die anderen zu stören. Ich war schnell draußen vor der Herberge und … stand im Regen. Als ich nach kurzer Wegstrecke stehenblieb, schloß Robin aus Neuseeland zu mir auf, die ohne Shelley unterwegs war, was dazu führte, daß wir den restlichen Tag bis Cacabelos gemeinsam gingen. Kurz vor Ponferrada fiel uns wieder auf, daß Wasserflaschen an einzelnen Grundstücken auf dem Bürgersteig standen. Wie auch in Grañon vermutete ich, daß diese für die Pilger seien. Ohne viel zu reden ging es nach Ponferrada hinein, dem Hauptort des Bierzos.

El Bierzo ist ein auf 500m Höhe liegendes tektonisches Becken, das von Bergen um die 2000m Höhe umgeben ist. Es hat ein eigenes Mikroklima, aber auch die speziellen kulturellen Eigenschaften (Sprache, Eßgewohnheiten…) sind hier aufgrund der relativen Isolation erhalten geblieben. Heute ist das Bierzo vor allem als Weinanbaugebiet bekannt. Hier in Ponferrada beschlossen Robin und ich, in einer modern aussehenden Bar ein kleines Frühstück einzunehmen. Und hier passierte es mir zum ersten und einzigen Mal, daß ich das Gefühl hatte, als Pilger kaum beachtet und nachlässig bedient zu werden. Die Bar lag etwas abseits der Pilgerroute und wurde meines Erachtens nicht von Spaniern, sondern möglicherweise von türkisch- oder arabischstämmigen Menschen betrieben. Schon die Bestellung wurde unfreundlich entgegengenommen. Man bringe die Sachen an den Tisch… Und dann ging das Zählen los: ständig kamen „gute Freunde“ – Küßchen hier, Küßchen da – der Bedienung, die alle vorgezogen wurden. Ich weiß nicht, wieviele Leute ihren Kaffee vor uns hatten. Während des gesamten Aufenthalts in der Bar erhielt ich den Eindruck, daß wir nicht willkommen waren. (Und es schoß mir auch der Gedanke durch den Kopf: war das so, weil wir christliche Pilger waren?)

Immerhin hatte der Regen aufgehört und die Wolken gaben sogar ein wenig blauen Himmel frei. Als Robin und ich an der Templerfestung ankamen, war sie – wie erwartet – noch geschlossen. Aus heutiger Sicht hätte ich nun einfach die anderthalb Stunden warten sollen, denn später am Nachmittag in der Herberge Cacabelos hatte ich Zeit genug… Ich entschied mich für die Gemeinschaft und die Gespräche mit Robin, so daß wir einfach weitergingen.

Kurz hinter der Burg befand sich der Marktplatz mit einer Bronzestatue. Sie stellte einen Tempelritter mit einer Marienstatue auf dem Arm dar. Der Legende nach hat ein Templer beim Bau der Burg diese Statue in einem Astloch einer alten Eiche gefunden. Es heißt, sie sei Jahrhunderte zuvor vor den Mauren dort versteckt worden. Wir überquerten den Fluß Sil auf hoher Betonbrücke, um in das Geschäftszentrum Ponferradas zu kommen, das nicht gerade durch Schönheit hervorsticht. Beide wollten wir Geld abheben, so daß wir nach einer Bank suchten.

Im Anschluß verloren wir zum ersten Mal auf dem Jakobsweg die gelben Pfeile und waren plötzlich „weg vom Camino“. Das ist auch ter Molen (o.J.) passiert, der konstatiert: „Die Kennzeichnung der Wege in Ponferrada ist leider ziemlich unübersichtlich.“ So ist das. Nun gut, wir fanden die Bank, mußten darin in langer Schlange warten, weil es Geld nur am Schalter gab, dann machten wir uns auf die Suche nach „unserem Camino“. Ich schaute in der App nach, kam da aber wegen schlechter Datenverbindung nicht weiter. Also fragten wir einen Einheimischen. Ja, sagte er, der Camino liegt in diese Richtung (zeigte nach rechts), aber kommt einfach mit, ich muß in die Richtung zur Arbeit. Also gingen wir eine Weile gemeinsam, wobei ich mir wieder wünschte, doch mehr Spanisch zu können, um jenseits der einfachen Fragen auch mal nach anderen Dingen fragen bzw. über andere Sachen sprechen zu können. Unser „Guide“ verabschiedete sich, als die ersten Pfeile wieder sichtbar waren. Ich schätze, daß wir gut 1,5 Kilometer Umweg gelaufen waren.

Die Vororte, durch die wir Ponferrada nun verließen, waren schöner als die auf der anderen Seite, wo wir hereingekommen waren. Immer wieder schaute ich mich um zu den Bergen, die wirklich im Rund um uns zu sehen waren. An einer kleinen Kapelle stand eine schöne Marienstatue mit feinen Gesichtszügen, die mit Rosenkränzen behangen war und der jemand frische Rosen in die Hände gelegt hatte. Diese Statue bzw. das Bild davon behielt ich lange Zeit in Erinnerung bzw. als Hintergrund auf meinem Smartphone. Wir durchquerten kleine Örtchen abseits der Hauptstraße, Columbrianos, Fuentes Nuevas, wo wir kurz eine sehr schöne kleine Kirche besichtigten, die Iglesia de Nuestra Señora de la Asunción. Einheimische Frauen begrüßten die Pilger, luden zum Besuch ein und erwarteten auch eine kleine Spende. Mir gefiel insbesondere die Statue des Heiligen Rochus sehr gut.

In einer Bar in Camponaraya machten wir Pause für ein obligatorisches Bocadillo und eine Cola. Danach führte uns der Weg noch einmal leicht ansteigend durch Weinfelder, wo die schweren Trauben an sehr niedrigen dicken Stämmen hingen, also anders als bei unseren hohen Weinstöcken. Abwechselnd Sonne, blauer Himmel und dicke, graue Wolken sorgten für sehr schöne Fotomotive bis wir bald in Cacabelos ankamen.

Hier trennten sich unsere Wege, da Robin auf jeden Fall noch bis Villafranca del Bierzo weitergehen wollte, wo sie reserviert hatte, ich mir hingegen vorgenommen hatte, in der besonderen Herberge zu übernachten: Las Angustias (oder genauer: Santuario de la Quinta Angustia). Wie in Azofra ist die Herberge in Zweibetträume unterteilt, die, das ist die Besonderheit, sich im Halbrund um eine Kirche befinden. Alles ist aus Holz gebaut mit Metalldächern. Das Arrangement fördert natürlich die Kommunikation unter den Pilgern, weil man im Innenhof zusammensitzt – wenn es denn nicht regnet. Da ich früh dran war, bekam ich ein Räumchen für mich allein, in das auch später niemand mehr untergebracht wurde, so daß ich für meine 5€ (es ist eine Municipal-Herberge) ein Einzelzimmer hatte.

Aber… die Räume sind nicht komplett voneinander getrennt, das heißt die Wände sind eher Trennwände, die oben unter dem Dach offen sind, so daß man das Licht der Nachbarn sieht und diese reden hört. Soweit, so gut, aber die beiden Koreanerinnen neben mir redeten laut bis weit in die Nacht miteinander – und ließen dann das Deckenlicht brennen, so daß ich ziemlich schlecht schlief. Aber das gehört zum Pilgern dazu…

Zunächst gab ich der Hospitalera meine Sachen zum Waschen, denn nur sie durfte die Maschinen bedienen. Kurzer Schreck als ich die Kleidung zurückbekam: der Slip fehlte… Oha. Also fragte ich, ob der vielleicht in der Maschine hängengeblieben sei. Die Hospitalera verneinte, aber wir gingen zusammen nachschauen: nichts. Sie sagte, es tue ihr leid, sie habe das so in dem Wäschebeutel gewaschen, ich solle doch noch mal schauen, ob der Slip nicht in ein anderes Kleidungsstück hineingerutscht sei. Das war er nicht, das hatte ich schon kontrolliert. Letztlich lag er am Ausgang des Waschraums mitten auf dem Boden. Komisch – er war in einem Wäschebeutel gewaschen worden, lag jetzt aber da so rum? Strange things happen, aber immerhin war er wieder da.

Aus einem Automaten zog ich mir eine Bierdose, setzte mich vor mein Räumchen und schaute den Leuten zu. Das ist immer wieder spannend zu sehen, was die anderen so schleppen, welche Rucksäcke sie haben usw. Die Bauweise der Herberge ergab so eine Ferienlager-Atmosphäre: weiter hinten spielte jemand Gitarre, bald sangen ein, zwei Leute dazu – nett. Und wer kam müde und abgekämpft durch den Eingang? Peter und Hartmut.

Schnell beschlossen wir, später gemeinsam essen zu gehen. Also marschierten wir eine Stunde später redend und miteinander lachend zurück über die Brücke und in den Ortskern von Cacabelos hinein, wo wir die Pulperia Compostela fanden: Peter hatte es unbedingt auf Tintenfisch abgesehen. Beim Gespräch öffnete sich auch Hartmut etwas und ich erfuhr mehr über seine Erkrankung. Er war wohl in einer Versicherung beschäftigt, sagte, er sei immer im „schnieken“ Anzug unterwegs gewesen, habe nicht auf die Warnsignale seines Körpers gehört, die ihm die Überforderung und den Streß zeigten. Es kam der Zusammenbruch, nach langen Behandlungen dann erst die Diagnose Depression. Heute lebt er von einer Rente wegen Erwerbsminderung und führt den Haushalt, während seine Frau arbeiten geht. Hartmut erzählte ich von meinem Streß und dem Gefühl, manchmal kurz vor einem Burnout zu sein. Er ging darauf ein und legte mir nahe, immer wieder Auszeiten zu nehmen und das Büro bewußt für eine Pause zu verlassen. Das habe er nicht gemacht, er habe immer weiter geschafft, bis es ihn „geschafft“ hatte.

Wir tranken Rotwein, genossen die Gemeinschaft zu dritt – es war, wie schon in Foncebadón, – ein passender Abend. Später, allein in meiner „Zelle“, dachte ich über diese Ambivalenz nach: es ist schön, daß man Leute findet, die man wirklich noch einmal treffen möchte, aber bei der Verabschiedung steht immer wieder der Ge-danke im Vordergrund: werde ich sie noch einmal sehen? Oder war das heute das letzte Mal? Von Peter wußte ich, daß er ein oder zwei Tage vor mir in Santiago sein mußte. Man sagt dann so einfach „Tschüß“, weiß aber nie, ob es ein Abschied für immer ist. (Was ein wenig dramatisch klingt, kann man durch den Austausch von Handynummern etwas entschärfen…)

Am Nachmittag hatte ich genügend Zeit gehabt, die Wettervorhersage für morgen zu studieren, obgleich sie leider unverändert blieb: Regen, den ganzen langen Tag. Ich las über die Wegalternativen am Ortsausgang von Villafranca del Bierzo, plante tendenziell den Weg durchs Tal (Val de Valcarce) und spürte die Lust, nach langen 27 oder 28, wohl regenreichen Kilometern gerne in einer Pension oder einem Hotel unterzukommen. In Las Herrerías, kurz vor dem Aufstieg zum O’Cebreiro, fand ich das kleine Landhotel El Capricho de Josana, wo ich durch einen Anruf ein Zimmer reservierte. Jetzt konnte es schütten, so lange es wollte: am Ende des Tages wäre da ein weiches Bett für den „Luxuspilger“, der man ja auch mal sein durfte. (Aber die wahren Luxuspilger offenbarten sich mir dann am Abend darauf…)

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