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Motzener See – 100 Jahre FKK

Motzener See

„Nasse Wiege der deutschen Freikörperkultur“, so hat man den Motzener See genannt. Laut Wikipedia soll das organisierte Nacktbaden dort bereits 1919 begonnen haben – also vor genau 100 Jahren. Zeit also, mal persönlich an diesem schönen See vorbeizuschauen.
(Nach anderer Angabe, s.u., ging es erst 1920 los.)

Der See liegt ungefähr in Nord-Süd-Ausdehnung, auch wenn das nördliche Ende ein wenig Richtung Westen, das südliche nach Osten „gerutscht“ ist. Der See liegt 30km südlich von Berlin (von der Stadtgrenze aus). Bereits seit dem 16. Jahrhundert gab es in Motzen einen Halt auf der Poststrecke Berlin-Dresden (1, s.u.). Ab 1894 war die Eisenbahnanbindung an Königs Wusterhausen und damit die Großstadt Berlin fertiggestellt (3).
Urkundlich wurde Motzen erstmals 1346 als „Mossen“ erwähnt, was wohl vom slawischen Wort Mocina für Feuchtgebiet / Sumpf abgeleitet ist (1).

Bekannt ist diese Region nicht nur wegen der FKK, sondern auch den historischen Ziegeleien aus dem 19. Jahrhundert rund um den See, die nach Anbindung des Sees an die Wasserwege Richtung Berlin entstanden waren. Man kann heute noch Stichkanäle aus dem See ins Landesinnere sehen, auf denen die Ziegel per Boot abtransportiert wurden. (Auf dem Rückweg waren die Boote mit dem Müll aus Berlin beladen, der hier jenseits der Stadtgrenze in Tongruben gelagert wurde. (3))
Dem Haus des Gastes in Motzen ist ein Heimatmuseum angegliedert, in dessen „2. Abteilung“ es auch um FKK sowie Wochenendler, Siedler und Sommergäste geht.

Der See ist lt. Infotext (1), den ich vom Haus des Gastes erhalten habe, ein „Rinneiswassersee“ aus der letzten Eiszeit mit einer hervorragenden Wasserqualität; Motorboote sind auf dem See grundsätzlich verboten. Er ist ca. 4km lang und etwas über 1km breit. In der Mitte hat sich eine Untiefe herausgebildet, die auch auf Google Maps zu sehen ist, südlich davon ist die tiefste Stelle mit knapp 17m.

Historisch lagen mehrere FKK-Gelände um den See verteilt, das heißt, der See war Sammel- und Treffpunkt verschiedener Gruppierungen aus dem Großraum Berlin. In Berlin gab es in den 1920er Jahren „mindestens vierzehn verschiedene FKK-Vereinigungen“. (2)

Westufer: Zunächst war das im äußersten Südwesten – nicht am See, sondern an einer alten Tongrube in der Nähe von Motzen-Mühle – das „Freisonnland“ von Fedor Fuchs, das erste Gelände dieser Art am See. Ich fand zum einen das Gründungsdatum „Mai 1920“, aber Wedemeyer-Kolwe gibt exakt den 11.6.1920 an (2). Ob die Grube schon „Fuchsloch“ hieß, oder später aus naheliegenden Gründen so genannt wurde, konnte ich nicht herausfinden. Die Gruppe um Fuchs soll sich aus allen sozialen Schichten zusammengesetzt haben.

An Pfingsten 1920 entdeckten einige Freisonnländler dann  eine Sanddüne bei Kallinchen. Sie spalteten sich vom Freisonnland ab und gründeten „Neusonnland“. Mit der Gemeinde Kallinchen schlossen sie einen Vertrag über die Nutzung der Sanddüne ab. Der Neusonnlandbund bestand  vor allem aus Mitgliedern der bürgerlichen Mittelschicht und hatte mit Hans Surén ein berühmtes, aber umstrittenes Mitglied. (2)

Laut einem Zeitungsbericht von Oktober 1921 (1) war das Motto Fuchs‘: „Nur noch nackt! N.N.N.“ Fuchs vertrat als Herausgeber der Zeitschrift „Der Nacktsport“ aber auch die These, daß der Nacktsport die „weiße Rasse“ vor dem Verfall retten könne.

Aus dem um 1920 gegründeten „Gelände Kallinchen“ (Neusonnland) ist das heute noch bestehende, größte Strandbad am See hervorgegangen.

Strandbad Kallinchen

An der Nordspitze des Sees, auf der westlichen Seite, lagen von Süden nach Norden die Gelände „Neusonnland“, „Jungborn“ und „Birkenheide“. Nur die Birkenheide ist heute noch vorhanden und einer der ältesten FKK-Campingplätze ganz Deutschlands (seit 1925 v.a. von Jugendbünden genutzt). Das Gelände der Birkenheide erreicht man über etwas abenteuerliche, sandige Wege. Es ist riesig und liegt mitten in einem Kiefernwald am See. Es soll dort auch für Tagesgäste die Möglichkeit geben, im Bereich „Sandberg“ zu baden.

Die „Birkenheide“ ist mit dem Namen Carl „Charly“ Strässer verbunden, der das Gelände begründete und dort ab 1924 aktiv war. Er kam aus der Freideutschen Jugend und wollte im Sinne der Jugendbewegung ein „überbündisches Gelände“ haben. (2) Das „Jungborn“-Gelände, zwischen Neusonnland und Birkenheide, wurde ab 1928 von Mitgliedern der freien Jugendbewegung genutzt, hervorgegangen ist die Gruppe aus dem Bund freier Lichtkämpfer. (2)

AKK Birkenheide

Am Ostufer, ungefähr da, wo heute der Parkplatz am Fußballplatz ist, lag früher das „Adolf-Koch-Gelände“ (ab ca. 1925 in Benutzung). Das ist heute noch die offizielle Badestelle Motzens – aufgeteilt in eine größere Wiese (Süden) mit breiterer Wasserfront und eine kleine, von Bäumen bestandene Wiese (Norden) mit engem Zugang zum See, das ist der FKK-Bereich.

Adolf Koch war Lehrer und Vertreter einer sozialistischen, nicht völkischen Variante der Körperkultur. 1924 hat er die „Körperkulturschule Adolf Koch“ gegründet, in der Kinder wie Erwachsene nackt miteinander trainierten. Er gab die Zeitschrift „Wir sind nackt und nennen uns du“ heraus.

Badestelle Motzen
Badestelle Motzen
Blick auf den FKK-Bereich

Auf Abbildungen von früher kann man sehen, daß sich gleich im Norden die „Märchenwiese“ anschloß. Auch diese ist heute so nicht mehr zu sehen, obgleich sie seinerzeit das Privileg hatte, das erste „Fkk-Gelände mit Bahnanschluß“ zu sein (3). (Dazu gibt es Anekdoten, daß die FKKler die Schaffner um einen außerordentlichen Halt gebeten haben, dem diese aufgrund der „interessanten Ausblicke“ gerne nachgekommen seien. (3))
Früher war sie das Gelände von Wandervögel-Bünden. (2)

Im südlichen Bereich (Motzener Norden) ist die Seebadsiedlung, ein Ortsteil mit Einfamilienhäusern von einfach bis gediegen. Noch weiter im Norden schließt sich das „Urlauberdorf“ an, zu dem wir jedoch keine Zugangsmöglichkeit fanden, da es sich wohl um ein abgeschlossenes Gelände handelt. Dort, ganz im Nordosten, findet man auf Karten noch den Namen „Märchenwiese“ eingetragen.

Diese Pionierleistungen, die Gründungen der verschiedenen Bereiche am See, fielen in die 1920er Jahre. Anfang der 30er Jahre hatte sich eine Art touristischer Boom entwickelt, den der schon erwähnte Strässer mit einem „illustrierten Reiseführer in das Land der nackten Menschen“ bediente. Die verschiedensten FKK-Gruppen hatten sich in fünf nationale Großverbände gegliederte. Alles veränderte sich 1933 mit der Machtübernahme der Nazis. Die sozialistischen Gruppen wurden verboten, der Rest im „Bund für Leibeszucht“ gleichgeschaltet. Die Vereine wurden im Dritten Reich durch Polizei- und SA-Razzien gestört; ab 1942 war Nacktbaden wieder offiziell erlaubt.

In der DDR blieben die zum Kriegsende bestehenden Gelände erhalten, die Gruppen schlossen sich aber der Betriebssportgemeinschaft Rotation Berlin-Mitte an („Sektion Allgemeine Körperkultur“, um ein FKK-Verbot zu umgehen). (2)

Seebadsiedlung
Früheres Gebiet Märchenwiese

Zum Schluß noch eine weitere Anekdote: Aus Angst vor Razzien paßten die Nackten genau auf, wer sich ihnen näherte. Sah das offiziell aus, erscholl der Ruf „Wasser kocht!“ und alle zogen sich schnell etwas über… (3)

Einige historische Aufnahmen vom Motzener See können noch auf den Seiten der MAZ angeschaut werden.

(1) Bonnes, Jürgen: Das Dorf Motzen; Heimatverein Motzen, 2016
(2) Wedemeyer-Kolwe, Bernd: Der Motzener See; in: Barz, Christiane (Hrsg.): Einfach. Natürlich. Leben.; Lebensreform in Brandenburg; Potsdam, 2015
(3) Stollowsky, Christoph: Die Nackten von der Märchenwiese, Tagesspiegel (abgerufen: 8.8.19)

Der Motzener See

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