Ponte Campaña bis Arzúa (CF40)

[Die Seite ist Teil des Berichts über meinen Camino Francés 2015.]

Es gibt Leute, die sich noch 50 Kilometer vor Santiago morgens einen Wecker für 6 Uhr stellen! Dadurch wurden Shelley und ich ebenfalls wach und so brachen wir wieder einmal früh auf. Es war bald Mitte Oktober und bis 8 Uhr blieb es mittlerweile „stockenduster“. Es fiel ein leichter Regen; wir zogen unsere Regensachen drüber. In O Leboreiro machten wir kurz Pause für einen Kaffee und ein Mini-Frühstück.

Insgesamt, so stellte ich auch lakonisch auf dem Audio-Memo fest, gab es nur noch wenig zu erzählen. Seit Samos war dieses Galizien für mich als Landschaft nicht mehr attraktiv. Den ganzen Tag über machte ich heute kaum Fotos. Hinzu kam, daß Shelley wirklich schnell unterwegs war, so daß jedes Stehenbleiben für ein Foto gut 30 Meter zwischen uns brachte. Ich hatte mich darauf eingelassen; sie hatte kein „Problembewußtsein“. Letztlich und aus heutiger Sicht fand ich dieses „Rennen“ schade. Bewußter konnte ich diesen Weg 2017 noch einmal mit meinem Sohn gehen. Und natürlich hing ich in Gedanken weiterhin dieser Ottersichtung nach und suchte nach Klarheit.

Wir passierten Melide, in dessen Zentrum das vermutlich älteste Wegkreuz Galiziens steht. Auf der einen Seite zeigt es den gekreuzigten Jesus, auf der anderen den auferstandenen. Nebenbei findet sich hier auch die Pulpería Ezequiel, die in Führern demjenigen empfohlen wird, der Tintenfisch essen möchte. Shelley und ich holten Geld am Automaten im Ortskern, machten einen Schlenker an der Kirche vorbei und waren bald schon wieder in den Feldern unterwegs. Heute war spanischer Nationalfeiertag, so daß die Geschäfte geschlossen waren und die Kinder schulfrei hatten. Am Ortsausgang von Melide standen ein paar Mädchen, die uns mit gelben Pfeilen bemalte Kieselsteine schenkten.

Neben diesen Mädchen strömten am gleichen Ortsausgang Dutzende deutsche Pilger aus einem Hotel, wohl Teil einer Massenpilgerfahrt eines Bistums mit 8 Bussen und hunderten Menschen, wie man mir erzählte, also so gegen 10 Uhr, als wir schon 10 oder 15 Kilometer „in den Beinen“ hatten. Flugs gingen sie in einen Andenkenladen und rüsteten sich mit den einschlägigen Souvenirs aus. Sie starteten dann mit uns und kamen in der nächsten Stunde bis zum Café Alemán, das von einem Deutschen betrieben wird. Dort ließ jeder der Gruppe sein Credencial stempeln und kurze Zeit später tauchte jemand auf, der jedem Tischgrüppchen sagte: „Der Bus steht fünf Minuten in diese Richtung.“ Das heißt, diese Pilger haben dann den Stempel des Hotels, des Cafés und des nächsten Hotels – und niemand würde ihnen nachweisen können, daß sie zwischendurch mit dem Bus gefahren sind… Man soll nicht urteilen, heißt es immer wieder, jeder müsse „Pilgern“ für sich definieren, aber letztlich urteile ich doch. Ich schleppe meinen Rucksack über fast 800 Kilometer, fahre nicht mit Bussen, überspringe auch die „uninteressanten“ Etappen nicht; diese Menschen haben eine andere Vorstellung vom Pilgern als ich – ein eher neutrales Urteil.

Wir sind dann bis Arzúa insgesamt 25 Kilometer gelaufen, haben trotz des Tempos soviel Zeit zum Reden gefunden, daß die Zeit wirklich wie im Flug vorübergegangen ist. Unter anderem habe ich versucht, Shelley von Willigis Jäger zu erzählen und ihr seine Ansichten nahezubringen. (Nicht missionarisch, weil ich vor kurzem ja über ein ähnliches Gespräch mit Paddy erzählt habe, sondern als Teil einer Unterhaltung über Religion.)
Abends sprach ich auf, daß ich mit dem Tempo, das Shelley vorgebe, gut leben könne, da ich meine „Lektionen“ vom Camino gelernt hatte und es nun „nur noch“ darum ging, diese letzten Kilometer hinter mich zu bringen. Doch natürlich ging es auch noch um etwas anderes: Darum, das hier Gelernte im Alltag zu Hause umsetzen zu können. Das war vielleicht die größte Herausforderung.

Natürlich sprachen wir auch über die prosaischen Dinge wie … Bettwanzen. Ich hatte keine Lust mehr, in meinem Schlafsack zu schlafen, da ich nicht wußte, ob Wanzen in ihm waren. So wollte ich ihn am liebsten unausgepackt nach Hause tragen und dort direkt waschen. Da auch Shelley Lust auf etwas „Komfort“ hatte, buchten wir Einzelzimmer in der Pension Rua, die mit 35€ nicht mehr ganz so günstig waren wie früher auf dem Camino. Doch es war immer wieder schön, nach den Erfahrungen in Herbergsschlafsälen etwas mehr Privatheit zu haben. Wir gingen auf unsere Zimmer, duschten, hingen die nassen Sachen zum Trocknen auf, wuschen und hingen die Wäsche im Hinterhof auf eine Leine. Dabei konnten wir erkennen, daß die angeschlossene Herberge Don Quijote kaum belegt war.

Was wir aber auch sahen: Im Eingangsbereich der Pension standen gut 10 Rucksäcke und Koffer (!) von Leuten, die sich ihr Gepäck transportieren ließen. Das war etwas, das auf diesen letzten 100 Kilometern ab Sarria deutlich zugenommen hatte.

Dann ging es einmal durch den Ort: ich brauchte Zahnpasta. Da keine Märkte offen hatten, kaufte ich sie in einer Apotheke. Gegenüber war ein kleiner Platz im Zentrum Arzúas an der Rúa Lugo. Hier kehrten wir in eine Bar ein – und wer kam wenige Minuten später hinzu?! Der Peter aus Belgien. Jetzt war die „Truppe“ der Menschen, mit denen ich den engsten Kontakt auf dem Camino hatte, komplett (natürlich bis auf Helga, die ich jetzt wirklich gerne dabeigehabt hätte). Meine Freude war sehr groß. Wir tranken noch etwas zusammen und vereinbarten uns für den Abend in der Casa Teodora für das Pilgermenü. Dabei stellte sich heraus, da wir ja alle in den „Endplanungen“ waren, daß wir mit Peter gemeinsam, also am gleichen Tag, in Santiago ankommen würden. Das hieße also: gemeinsames Abendessen nach dem Ankommen, gemeinsame Feier…

Beim leckeren Pilgermenü am Abend (mit Stoffservietten, trotzdem nur 12€) ging es auch immer mal wieder um Peters Krebserkrankung, also nicht direkt, sondern eher so, daß er dazu etwas ins Gespräch einwarf. So sagte ich zu ihm über eine Frau an einem anderen Tisch, daß ich von ihr wisse, dies sei ihr dritter Camino. Peter meinte darauf, daß das für ihn nicht gelte bzw. daß er dazu kaum etwas sagen könne. Er wisse eben nicht, ob die medikamentös eingedämmte Krankheit doch wieder ausbrechen würde. Ich war mir unsicher, ob ich das Thema wirklich ganz offen ansprechen durfte. Heute würde ich das nicht tun, denn es war mein Eindruck, daß Peter einen schlechten Tag hatte. Aber bei einem Treffen im Jahr 2016 war dies sehr ausführlich zwischen uns Thema. Und Peter erzählte uns noch, daß da drüben am Tisch „Dr. Jim“ sitzen würde, ein amerikanischer Arzt, der eigentlich schon 2014 den Jakobsweg gehen wollte, dann aber ebenfalls an Krebs erkrankt war. Er sei nun wohl wieder so fit, daß er nicht nur den Camino 2015 gehen könne, sondern auch vielen anderen Pilgern bei kleinen Wehwehchen geholfen habe.

Nach dem Essen gingen wir noch ins Café Teatro, wo sich die einheimische Jugend versammelt hatte. Wir unterhielten uns weiter, tranken noch ein, zwei Bier. Dabei ging es dann auch darum, wie wir uns nach dem Ankommen in Santiago finden würden. Ja, das war wichtig: bloß nicht vergessen, die Handynummern auszutauschen. Shelley, die schon Freitag zurückfliegen würde, sagte, wie komisch das sei, daß sie schon am kommenden Montag wieder in Wellington an ihrem Schreibtisch sitzen würde. Ich bestätigte das: ja, ich würde wohl am frühen Sonntagmorgen zu Hause sein und dann auch am Montag gleich wieder ins Büro müssen: Da säßen wir dann „worlds apart“ (Luftlinie 18605km!) – so weit voneinander weg. Das nicht in einem amourösen Sinne, sondern im Sinn als Vertraute: wir hatten soviele, auch private Dinge miteinander besprochen. Das könnte dann nur per Computer fortgesetzt werden. Ich sagte: da sieht man, was für ein „Riesen-Ding“ der Camino ist. Menschen treffen sich irgendwie jenseits von Ort und Zeit, teilen dieses Erlebnis und trennen sich wieder, um in ihre Ecke der Welt zurückzukehren.
Bei Peter war das anders: in gut drei Stunden Fahrt wäre ich bei ihm oder er bei mir… Und ich glaubte zu spüren, daß er diesen Kontakt gerne halten würde – was mich betraf: auf jeden Fall (und es folgten auch mehrere Treffen in den kommenden Jahren).

Über allen Unterhaltungen an diesem Nachmittag und Abend schwebte der Satz: Es ist jetzt vorbei… Und dieses Memo, das ich am Abend allein in meinem Zimmer aufsprach, ist das erste mit diesem sentimentalen Ton. Ich sagte, daß ich so gespannt sei, wie das „Einlaufen“ in Santiago de Compostela werden würde. Vermutlich würde ich weinen, weil es so emotional sein würde… (Und im Nachsatz: … und insbesondere, wenn Peter auch da ist.)

[Hier geht’s zum Folgebeitrag.]

[Hier geht’s zur Übersichtsseite Camino Francés 2015.]

Ein Gedanke zu „Ponte Campaña bis Arzúa (CF40)“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.