Radiokolleg – Die ersten Querdenker

Bei Ö1 gibt es eine dreiteilige Serie „Zur Geschichte der Lebensreformbewegung“ unter dem Titel „Die ersten Querdenker“.
Teil 1 kann hier angehört werden.

Gleich in der Anmoderation werden die Lebensreformer als die „damaligen ersten Querdenker“ verortet, also mit der Negativ-Konnotation des Wortes Querdenker fest verknüpft. Im weiteren stützt man sich u.a. stark auf das Greinersche Werk von der Diktatur der Wahrheit.

Die Lebensreform, die man zwischen ca. 1870 und 1930 verortet, sei Kritik am wilhelminischen Großbürgertum und an der industriellen Moderne gewesen. Es sollte „Zurück zur Natur“ gehen, wobei der Blickwinkel auf den gesunden, schönen, edlen Körper ging, „Alte, Kranke, Schwache“ seien ausgeblendet worden („Gesundheitskult“). Diese Vorstellungen einer „reinen Lebensform“ („Reinheitsdiskurs“) hätten direkt zur Eugenik der Nazis geführt, das wird an zwei Stellen der Sendung so gesagt (Eugenik bzw. Antisemitismus).

Aber Greiner konstatiert auch klar, der völkische Aspekt sei in der Bewegung nicht dominant gewesen, auch wenn es z.B. rein völkische Siedlungsprojekte gab. Ebenso verweist er auf die eher linke Seite (Anarchismus, Frauenrechtsbewegung). Politisch sei die Bewegung ambivalent gewesen.

Interessant der Hinweis, daß die Sozialdemokratie im „roten Wien“ die Lebensreform quasi in ihr Programm aufgenommen haben soll.
Ebenso interessant: Die Lebensreform war ein deutsches Phänomen, aber aus den USA sei die Abstinzenzbewegung gekommen sowie Interesse am Spiritismus, aus England Vogel- und Tierschutz allgemein.

Es wird kurz auf Gusto Gräser hingewiesen, der Impfkritiker war, was sich so bis zu den heutigen Querdenkern erhalten habe.

Im Grunde aber ist die Kritik an der Lebensreform, so wie ich es hier verstehe, daß der Trend zur Körperkultur, zum gesunden Leben, zu Reinheit und Wahrheit später dahingehend pervertiert worden sei, daß man das „Wesensfremde“ ausmerzen wollte, also Juden, Homosexuelle, andere Minderheiten, die nicht in die Rassenauffassung der Nazis paßten.
Wie schon zum Speitschen Buch geschrieben, ist das für mich eine bewußte und dramatische Verengung des Phänomens Lebensreform, womit die ganze Lebensreformbewegung diskreditiert wird/werden soll. Meine Erfahrung war bislang die: kaum einer kennt den Begriff Lebensreform oder kann ihn historisch einordnen. Das wollen die Agitatoren dieser Agenda nun ändern und somit im Bewußtsein der Menschen verankern, daß die Querdenker „alle Nazis“ sind, weil schon die „ersten Querdenker“ den (echten) Nazis den Weg bereitet hätten. Das ist historisch wie soziologisch falsch, daher als politisch motiviert zu sehen.

Der Moderator meint, in „Perioden disruptiver Veränderungen“ (in der Gesellschaft) würden lebensreformerische Ansätze gedeihen. Er sieht für die Lebensreform, das Querdenkertum, eine „glanzvolle Zukunft“ (ironisch gemeint?) in den 2020er und 30ern.

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