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Mein Camino Francés 2015

Roncesvalles bis Zubiri (CF9)

[Die Seite ist Teil des Berichts über meinen Camino Francés 2015.]

Um 6 Uhr weckten uns die Hospitaleros, indem sie mit lautem Gesang (dem Taizé-Lied „Laudate Dominum“) durch die Schlafsäle gingen. Und wie das immer so ist, wenn viele Menschen gleichzeitig aufstehen, entstand auch jetzt wieder dieses typische Pilgergewusel, dessen charakteristisches Geräusch das Rascheln von Plastiktüten ist.
Es wurde erzählt, daß man sich „Tickets“ für das Frühstück hätte kaufen müssen. Hm, hatten wir nicht. Ich wollte gleich aufbrechen und zwischendurch auf dem Weg frühstücken, Helga war sich unsicher, empfand es als nicht so schön, ohne Tasse Kaffee loszumarschieren, andererseits wollte sie mit mir gehen und nicht zwecks Suche nach Frühstück zurückbleiben. 

Also standen wir um 6:45 Uhr auf der Straße neben dem oft fotografierten Schild: Santiago de Compostela 790 Kilometer. Das ist sozusagen die Fahrstrecke für die „Kfz-Pilger“ (oder gemäß einer im Jahr 2019 im Fernsehen gezeigten Doku: der Bleifußpilger). Das Streckenzertifikat, das man sich in Santiago holen kann, weist 775 Kilometer von St. Jean bis Santiago aus, was ich für etwas knapp halte. Möglicherweise ist es nur ab Roncesvalles gerechnet. Ich bin ziemlich sicher, daß ich deutlich über 800km unterwegs war.
Es war zum Glück trocken, locker bewölkt und gar nicht kalt, dafür aber im Wäldchen, durch das uns der Pfad bald führte, stockdunkel. Also Stirnlampe raus und weiter auf dem Weg an einigen alten Steinkreuzen vorbei.

Ich dachte kurz zurück an den Abschied aus der Herberge: die Hospitaleros standen an der Tür und wünschten uns „Buen Camino a Santiago!“ Diese Herzlichkeit ließ mir die Tränen in die Augen steigen, überhaupt ist mancher Pilger recht nah „am Wasser gebaut“, was ich definitiv auch für mich sagen kann. Man erlebt vieles intensiver und ich bin ein Mensch, der emotional gerne mitschwingt. Jetzt war er also da, mein erster „echter“ Pilgertag. Das schreibt sich nun so leicht im Rückblick, weil ich weiß, was alles noch folgte. Damals war es Aufbruchstimmung pur, ganz viel Rührung, ein wenig Unsicherheit.

BurgueteGleich am Anfang von Burguete hielten wir in der hell erleuchteten Bar Goxona, wo Hochbetrieb herrschte. Kurz etwas zum Begriff der „Bar“ in Spanien, denn in Deutschland assoziiert man damit ja eher Lokalitäten, die nur Hochprozentiges ausschenken bzw. eher ins Rotlichtmilieu eingeordnet werden. Eine spanische Bar ist quasi das verlängerte Wohnzimmer des Spaniers, eine Mischung aus klassischem Café und Kneipe, oft mit mehr als einem laut plärrenden Fernsehgerät ausgestattet. An Wochenenden sind zwei TVs quasi unumgänglich, wollen doch die einen Besucher Fußball schauen, die anderen (zumindest in Navarra) Pelota, das baskische Rückschlagspiel, dessen Abwandlung wir als Squash kennen. Entsprechend laut und „engagiert“ geht es in Bars zu, insbesondere wenn an mehreren Tischen noch zusätzlich Karten gespielt wird. Diese spanische „Bar-Kultur“ habe ich sehr genossen, selbst den Lärm ertragen, weil er irgendwie auf liebenswerte Art und Weise dazugehört.
Mit Kenny aßen wir ein kleines Frühstück, das in Spanien meist aus in Plastikfolie eingepackten Süßbackwaren besteht. Man kann aber auch ganz klassisch Toast mit Marmelade bestellen, das gibt es eigentlich in allen Bars. Ich aß ein Sandwich. Viele Pilger bestellen „café americano“, das ist eine große Tasse schwarzen Kaffees ohne Milch oder Zucker.

Während Kenny sich noch zu anderen Pilgern setzte, gingen Helga und ich weiter. Hier, auf der spanischen Seite der Pyrenäen hatte sich nun endgültig der gelbe Pfeil als Wegweiser durchgesetzt. Überall wurde er hingepinselt, auf den Boden, auf Verkehrsschilder und Hauswände. Dieser Pfeil würde uns nun bis Santiago leiten, auch vorbei am Grab des „Erfinders“ dieser typischen Wegmarkierung (und mich und meinen jüngeren Sohn 2017 darüber hinaus bis Finisterre / Fisterra an der Atlantikküste).
Sonnenaufgang hinter BurgueteBurguete ist eines dieser typischen baskischen Dörfer, überall Blumenschmuck, alles sehr sauber. Gleich ging es wieder hinaus durch hügelige Weidelandschaft mit einem feuerroten Sonnenaufgang hinter uns. Wir kamen durch das Örtchen Espinal, wieder durch Wald über einen kleinen Höhenzug mit Weitblick über die Vorberge der Pyrenäen, bis wir vor der Herberge Corazón Puro standen, wo mein Pilgerdasein vor drei Tagen begonnen hatte. Istvan und Barbara waren zu Hause und gaben uns nach ein wenig Smalltalk auch den Stempel ihrer Herberge, bevor wir weiterzogen.
Nach Viscarreta ging es durch ein größeres Waldgebiet mit dem höchsten Punkt bei 810m (Alto de Erro). Die „Erro-Höhe“ bezieht sich auf das gleichnamige Flüßchen, das wir zuvor schon überquert hatten. Der jetzige Höhenzug trennt Erro und den Rio Arga voneinander. Letzterer würde nun bis Pamplona unser Begleiter sein. Beide Flüsse entwässern das Land in südlicher Richtung hin auf den großen Strom, den Ebro, dessen Tiefebene noch vor uns lag.

Furt Immer wieder sahen wir in Zäune gesteckte Zweige, die Kreuze bildeten, auch am Boden ausgelegte Kreuze. Wir rasteten zwischendurch 15 Minuten, zogen die Schuhe aus, um Luft an die Füße zu lassen. Das wurde zu einer schönen Gewohnheit auf dem weiteren Weg.
Wir passierten einen Tisch, auf dem Kaffeekannen standen, daneben Obst und eine Spendendose, aber weit und breit war kein Mensch zu sehen. Auch das ist etwas, das meiner Erfahrung nach vor allem für das erste Stück des Caminos charakteristisch ist.
Es war entspanntes Wandern, wobei sich angenehmerweise Phasen des Schweigens, in denen Helga und mich auch mal 100 Meter voneinander trennten, mit denen des Gemeinsam-Gehens abwechselten. Ich hatte mir Lieder ausgesucht, die ich während des Pilgerns für mich singen wollte, überwiegend Taizé-Lieder (Gott laß meine Gedanken, Nada te turbe, Behüte mich Gott, Bleibet hier, Jesus remember me). Zusätzlich betete ich Teile des Rosenkranzes, wobei ich mich im nachhinein geärgert habe, daß ich meinen Rosenkranz zu Hause gelassen hatte.
Ich sang also leise für mich, genoß die typische Mittelgebirgslandschaft mit der intensiven bäuerlichen Bewirtschaftung, dann den Aufstieg zur letzten Höhe vor Zubiri.
An der Fahrstraße stand einer dieser mobilen Versorgungswagen, wo man Getränke, Obst, Pilgermuscheln und diverse Dinge kaufen kann. Wir hielten, tranken etwas und plötzlich fiel mir ein älterer Mann auf, den ich „kannte“. Ich mußte länger überlegen, dann fiel es mir wie „Schuppen von den Augen“: Das ist Gian D. Ceccato, Regisseur der Camino-Doku „Are you a Pilgrim?“ Ceccato, in Kanada lebender Italiener, war mit 71 zum ersten Mal auf dem Jakobsweg und ist seither nicht wieder davon losgekommen. Ich sprach ihn an und gestand: daß ich hier bin, hat ganz viel mit seinem Film zu tun, denn diesen kaufte ich sehr früh in der Vorbereitungszeit (direkt von Gian, der ihn aus Kanada an mich schickte) und er war neben all der Lektüre für mich so etwas wie das Tüpfelchen auf dem i. Ich schrecke manchmal vor den „großen Worten“ zurück, weil sie nicht leichtfertig über die Lippen kommen sollen, aber ich sah dieses Treffen irgendwie als Vorzeichen für „den richtigen Weg“.
Gian ist ein herzlicher Mensch, der nicht mehr aus dem Reden kommt, wenn er mal angefangen hat. Scharen von Pilgern zogen an uns vorbei und Helga drängte dann ein wenig zum Aufbruch. Wir hatten den Eindruck, daß mit uns sehr viele Pilger in St. Jean bzw. Roncesvalles gestartet waren und wir uns noch innerhalb der „großen Traube“ oder des „Startfeldes“ befanden, bevor sich das alles auf den weiteren Etappen auseinanderzieht. Also Abschied von Gian mit einem „Buen Camino“ – wir würden uns in Logroño kurz wiedersehen.

Am Ende des Parkplatzes erhielten wir einen Flyer einer neu eröffneten Herberge in Zubiri. Das war gut, denn einmal im Örtchen angekommen, mußten wir feststellen, daß trotz der frühen Zeit die Herbergen bereits stark ausgelastet waren. Wir entschieden uns, zur neuen Herberge, Suseia, am Ortsende durchzulaufen, was eine richtige Entscheidung war. Vom Hospitalero erhielten wir zur Begrüßung eine Dose Bier spendiert – sehr nett. Kleinen Zimmern mit 6 Betten stand eine moderne, geräumige Dusche gegenüber, die wir gleich nutzten. Nach den gestrigen 18 Kilometern waren es heute 22,4 bis Zubiri, ich spürte meine Beine doch ein wenig. Wem auffällt, daß ich zum reinen Gehen wenig schreibe, der sei daran erinnert (s. Vorbereitungen), daß ich mich gut vorbereitet hatte, unter anderem mit Wanderungen von bis zu 34 Kilometern mit tatsächlichem Jakobsweg-Gepäck, so daß mir eine Tagesstrecke von 20 Kilometern mit Pausen nicht wirklich etwas ausmachte. Aber in den folgenden Tagen spürte ich doch, daß tägliches Gehen dieser Distanz etwas anderes ist als eine Trainingstour pro Monat.
Später schlenderten wir in den Ort, wo wir uns zu anderen Pilgern setzten, etwas aßen und einem unangenehmen Schweizer beim Anbaggern von allen Pilgerinnen, die nicht bei drei auf den Bäumen waren, zusahen. Ja, Camino heißt auch Singlebörse – gerade die jungen Leute kommen hierhin, weil sie mit geringem Aufwand (Anreise innerhalb Europas) Menschen aus aller Welt treffen können. Ich hatte später auch noch einmal mit einem jungen Deutschen zu tun, der sowas von „notgeil“ war, aber gut, gegen Ende des Caminos war er dann in festen, tschechischen Händen.
Hier in Zubiri trafen wir auch Pete aus Irland wieder, einen älteren Mann mit wettergegerbtem Gesicht, der uns die Schönheit seiner Heimat nahebringen wollte. Er war ein stiller, angenehmer Zeitgenosse, aber für unser Tempo / Tagespensum zu schnell, so daß wir ihn nach Zubiri nie wiedersahen.

Puente de la rabiaZubiri ist für seine Brücke bekannt, die Puente de la rabia heißt, Tollwutbrücke. Sie führt über einen noch sehr jungen, flachen Arga. Der Legende nach sollen Haus- bzw. Nutztiere vor Tollwut geschützt sein, wenn man sie um Mitternacht dreimal um den Zentralpfeiler der Brücke (im Flußbett) herumführt. Etwas Schönes fand ich auf dem Rückweg zur Herberge: in einem kleinen Pilger-Ausrüstungsladen gab es diese handlichen Halstücher von Buff – und hier eben auch mit Camino-Motiven. Flugs hatte ich mir eines gekauft; mein einfarbig gelbes Tuch ließ ich in der Grabbelkiste der Herberge für andere Pilger zurück. Ansonsten ist Zubiri ein meines Erachtens unattraktives Industriestädtchen.
In der Herberge saßen wir noch draußen auf Gartenstühlen, sprachen mit Dave und Melanie aus den USA und stellten fest, daß noch immer Pilger an uns vorbeigingen und Zubiri verließen, um anderswo ein Bett für die Nacht zu finden. Ja, Zubiri war heute „completo“. Wir erfuhren, daß man viele Pilger weitergeschickt hatte, bis man dann am Abend doch noch die Sporthalle zum Übernachten öffnete.
Ich ging noch allein ein paar Meter auf eine kleine Anhöhe, um mein Memo aufzusprechen. Mit Ausblick auf eine Gewitterfront ging dieser Tag in Zubiri zu Ende.

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