Ruitelán bis Fonfría (CF35)

[Die Seite ist Teil des Berichts über meinen Camino Francés 2015.]

Heute also – nach erholsamem Schlaf und für mich spätem Frühstück gegen 8 Uhr in der Bar – eine Bergwanderung, die zunächst zum O’Cebreiro hochführen sollte. Die Bergkette zwischen meinem Standort und Galizien ist der Ausläufer der Cordillera Cantabrica, also dem kantabrischen Gebirge, das das „grüne Spanien“ Galiziens und Asturiens von den teils öden Hochebenen der Meseta Kastiliens und Leóns trennt. Konkret heißt dieser Bergzug wohl Sierra de los Ancares bzw. Sierra de Caurel, und mein erstes Ziel, O’Cebreiro, lag auf 1300m.

Da ich heute spät dran war, wanderte ich mit relativ vielen Pilgern gemeinsam, die früher als ich in den anderen Orten talabwärts aufgebrochen waren, auf der Fahrstraße bergan. Bald diskutierten wir untereinander, weil die Pfeile von der Straße weg gingen und wohl zum Besuch des Dorfes La Faba motivieren sollten. Zusammen mit einer Mehrheit anderer Pilger ließ ich das Dorf aus und ging auf der Fahrstraße weiter, um dann hinter La Faba auf den wieder gelb markierten Bergpfad abzuzweigen. Hier traf ich Paddy, einen älteren Iren, der im gleichen Tempo wie ich ging, so daß wir ins Gespräch kamen. Je höher wir kamen, desto atemberaubender waren die Rückblicke ins unter uns liegende Val de Valcarce, insbesondere weil über uns eine Wolkenschicht lag, aber in der Ferne die Sonne ins Tal strahlte. Die Berghänge werden bis weit nach oben bewirtschaftet, meist als Weiden, aber auch zum Gemüseanbau. Unser Bergweg war, nun ja, wieder nicht so anstrengend, wie es Brierley in seinem Führer darstellt.

Bald standen wir vor dem Grenzstein nach Galizien, wo natürlich erst einmal Fotos gemacht wurden. Es dauerte nicht mehr lange, da hatten wir unser erstes Ziel erreicht, das kleine Örtchen O’Cebreiro mit seinen schiefergedeckten, gedrungen wirkenden Steinhäusern.

Zunächst passiert man hier ein Denkmal, das einem deutschen Pilger gewidmet ist. Der Sage nach hatte sich dieser im Nebel des Tals verlaufen. Plötzlich hörte er von oberhalb einen Dudelsackspieler, einen Schäfer, der ein Musikstück namens Alalá spielte. Und dies habe den deutschen Pilger gerettet und „bis zum Heiligen Gral“ gebracht, so die Bronzetafel am Denkmal…

Die kleine Kirche im Ort, Iglesia de Santa María Real, ist eines der ältesten erhaltenen Bauwerke am gesamten spanischen Jakobsweg: sie datiert aus dem neunten Jahrhundert. Das kleine dreischiffige Gebäude ist eine der Kirchen, die mir auf Anhieb gefallen haben. Ich beschloß, hier unter einer Marienstatue aus dem 12. Jahrhundert meine zweite Kerze des Caminos aufzustellen (nach der ersten beim Start in St.-Jean-Pied-de Port). Bei der Dame am Eingang holte ich meinen Stempel und kaufte das „Gebet des Pilgers“ in zwei Sprachen auf Postkarten.

Die Kirche ist mit einem Hostienwunder verbunden, das sich im Jahr 1300 zugetragen haben soll. Bei Sturm und Regen soll ein frommer Bauer den langen Weg aus dem Tal extra zur Messe in der Kirche hochgestiegen sein. Ein an Gott zweifelnder Mönch, der die Messe hielt, spottete insgeheim über die Frömmigkeit des Bauern, die ihn solche Strapazen auf sich nehmen ließ. Da haben sich, so ist es überliefert, Wein und Hostie in echtes Fleisch und Blut verwandelt – und der Mönch war wohl von seinen Zweifeln geheilt (und sein Grab befindet sich noch in dieser Kirche). Die katholische Kirche hat unter Papst Innozenz VIII. im fünfzehnten Jahrhundert den Vorgang offiziell als Hostienwunder anerkannt. Weiterhin verbindet man wohl mit diesem Wunder die Legende um den „galizischen Heiligen Gral“, von dem ja eben schon die Rede war. Neben der Kirche befindet sich das Grab des Priesters Dr. Elias Valiña Sampedro, auf den die Markierung des Jakobsweges mit gelben Pfeilen zurückgeht, hier als „Erster unter den Pilgern“ bezeichnet.

Auf unserem Weiterweg verloren Paddy und ich eben jene gelben Pfeile, weil wir so in ein religiöses Gespräch vertieft waren. Also gingen wir an der Fahrstraße entlang talwärts, während der eigentliche Camino links von uns durch den Wald führte. Ab Liñares waren wir wieder auf dem richtigen Weg.

Worüber sprachen wir? Im Grunde darüber, was man glauben könne, an was man sich halten müsse usw. Ich hörte heraus, daß Paddy durchaus kritisch der katholischen Kirche gegenüberstand. So erzählte ich ihm von Willigis Jäger, dem Benediktinermönch, Zen-Meister und Mystiker, der den Benediktushof als Bildungseinrichtung bei Würzburg betreibt (betrieb – Jäger ist 2020 verstorben). Jäger geriet mit seinen Ansichten zu Gott, von dem er meist als dem Urgrund des Seins spricht, in Konflikt mit der Kirche: er hat seit 2002 ein Verbot der Ausübung einer öffentlichen Tätigkeit (als Priester) und ist aus seinem Benediktinerkloster Bad Münsterschwarzach exklaustriert („beurlaubt“). Meist entzündet sich die Kritik an Jäger daran, daß die eigentliche christliche Gottesvorstellung die eines personalen „Du“ ist, während Jäger vom Urgrund spricht oder von transpersonaler Urkraft. Den Menschen sieht Jäger als kurze Erscheinungsform, als „Welle“ im Ozean „Gott“, aus dem Urgrund hervorgehend, quasi ein „Tanzschritt des Tänzers Gott“ (Jäger 2012). Ich gestand Paddy, daß Jäger mich fasziniere, weil sein Blick über den Tellerrand des Christentums hinausgehe. Doch der Ire fragte: „And so you follow him?“ Nein, meinte ich, das hat nichts mit Folgen zu tun. Ich bin inspiriert von ihm. Und er: „Ja, das ist gut, man muß anderen ja nicht hinterherlaufen, wir Menschen sind frei, zu tun oder zu glauben, was wir wollen.“

Wir verstanden uns, und so lief es gut, während wir die zwei weiteren Pässe nach dem Cebreiro passierten: Alto do San Roque (1270m) mit dem großen, eindrucksvollen Rochus-Standbild sowie Alto do Poio (1335m). Ja, hier war nun Galizien mit den kleinen Steinmäuerchen, die die Weiden umgaben, den gedrungen wirkenden Häusern, der Landwirtschaft mit vielen kleinen Höfen, den mit Moos bewachsenen Bäumen und dem Grün in so vielen Schattierungen (unter grauem Himmel ebenfalls in diversen Schattierungen). In einem kleinen Örtchen, in dem ein Hahn uns neugierig von einem höhergelegenen Scheunenboden herab „abcheckte“, machten wir in einem urigen Lokal Rast, wo wir auch Robin wieder trafen. Paddy aß eine Art Linsensuppe, ich wollte aber nur ein bißchen Brot und trank dazu Kaffee und Cola.

Nach kurzem gemeinsamem Weiterweg kamen wir in Fonfría an, wo ich in der Herberge A Reboleira blieb und meinen Tag nach heute nur 19 Kilometern beschloß, während Paddy und Robin weitergingen. Paddy habe ich nicht wiedergesehen. Die Herberge grüßte mit dem Schild: Sonríe, ya estás en Galicia. Lächle, du bist schon in Galizien. Sehr urig der Schlafsaal: offenbar selbstgebaute Stockbetten aus dicken Baumstämmen. Nach dem Duschen kam ich mit Irene ins Gespräch, einer Frau aus Guatemala, die aber jetzt in Denver, Colorado, lebt. Sie motivierte mich, mit ihr ein bißchen Spanisch zu üben. Wir wuschen die Wäsche gemeinsam und scherzten beim Ausprobieren, wie diese komischen Trockner denn nun eingeschaltet werden. Es ist immer wieder schön, wenn man sich Waschmaschine und Trockner mit jemandem teilen kann, doch auf tieferer Ebene ist es die Freude über das gemeinsame Tun, das Beisammensein.

Zum Abendessen wurden wir dann von der Hospitalera ein paar Hundert Meter den Hang hinab in ein Palloza geführt, das ist einer dieser keltiberischen Rundbauten mit Strohdach, wo sich früher Mensch und Vieh ein Gebäude teilten. Hier gab es für alle ein sehr gutes Abendessen mit Lammfleisch und Reis, dazu die Sopa Gallega, galizische Gemüsesuppe. Ich saß neben einer jungen Deutschen, die sehr neugierig auf mich war – bei großem Altersunterschied von 30 Jahren. Wir unterhielten uns gut, zum Teil auch freimütig über sehr private Dinge, wobei mir letztlich nicht klar wurde, was ihr Motiv hinter dem intensiven Gespräch war. Relativ früh ging ich ins Bett, und es wurde trotz des großen Schlafsaals eine recht ruhige Nacht (wäre da nicht meine direkte Nachbarin gewesen, die ständige hustete, wodurch ich am frühen Morgen immer mal wieder wach wurde).  

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