Sahagún bis El Burgo Ranero (CF26)

[Die Seite ist Teil des Berichts über meinen Camino Francés 2015.]

Zwar war ich erst nach 5 Uhr auf den Beinen, aber dafür sah ich auch gegen 7 Uhr noch den „Blutmond“, den die Presse bereits seit Tagen angekündigt hatte. Er stand schon tief im Westen und geleitete mich aus Sahagún heraus.
Ich hatte schlecht geschlafen, sogar ein wenig gefröstelt in dieser recht kühlen Nacht, die in den letzten Tagen des Septembers nun den Herbst ankündigte. Im Ort sah ich nur eine Bar, die jetzt schon aufhatte. Da es dort gerade sehr voll war, ging ich einfach weiter. 

Hinter SahagúnDer Camino hinter Sahagún war vielleicht das ödeste Teilstück der letzten zwei bis drei Tage: über lange Strecken ging es auf einem schmalen Schotterweg direkt entlang einer zum Glück kaum befahrenen Straße. Immerhin geben die Bäume am Weg Schatten. Wieder hingen meine Gedanken an diesem Thema „Camino Blues“. Ich versuchte mich zu konzentrieren und mich auch darauf zu fokussieren, daß ich nun noch einmal drei Wochen weitergehen und die Dinge so nehmen müsse, wie sie kommen.

Da kam ich an einer Unterführung vorbei und las den zweiten der Sprüche, die mich längere Zeit bewegt haben. Dieser lautete: „Der Fuchs muß tun, was der Fuchs tun muß.“
Nicht lachen! Vielleicht denkt man über solche „Lappalien“ nur auf dem Camino nach, wo man Zeit ohne Ende hat. Was ist es also, das der Fuchs tun muß? Eben das für den Fuchs Typische, er kann nicht so einfach aus seiner Haus, also seinem Pelz; so kann man das auch auf den Menschen übertragen, der eben das Menschentypische zu tun hat. Aber was? Es geht meines Erachtens hier um die essentielle Natur des Fuchses wie des Menschen, die es herauszufinden gilt. Der Mensch muß ganz Mensch sein, das ist hier der Imperativ. Ganz Mensch sein heißt: in sich hineinhorchen, die Verbindung zum Universum erspüren, die Verbindung mit Gott, sich ganzheitlich sehen und letztlich erkennen, daß man als Individuum mit allem anderen verbunden ist. Das wird von den Mystikern immer wieder mit dem Begriff der „Liebe“ umschrieben. Also quasi in der Liebe Gottes ruhend, diese nach außen zu den anderen Menschen ausströmen lassen. Wenn der Mensch also tut, „was er tun muß“, dann ist er eins mit sich, mit dem Anderen und aufgehoben in Gott. Die Liebesfähigkeit ist, so meine ich, das Kernwesen des Menschen. Über das Kernwesen des Fuchses habe ich dann nicht weiter nachgedacht, aber es dürfte in der Maslowschen Bedürfnispyramide etwas weiter unten angesiedelt sein… 😉

Kurz vor Bercianos del Real Camino trennt sich die Wegführung auf: via Bercianos geht der schon im Ortsname anklingende „Real Camino“, eben die besagte (königliche) Schotterpiste, während man auch den nordwestlichen Weg über die Via Romana, die alte Römerstraße, nehmen kann; diese Variante ist einige Kilometer länger, bis beide sich wieder in Mansillas de las Mulas treffen. Ich wählte den von den meisten Pilgern begangenen Real Camino und kehrte gleich am Ortseingang von Bercianos in ein sehr neu aussehendes Café ein, wo ich frühstückte.
Mehr ist über diese Tagesetappe auch nicht wirklich zu erzählen, denn ich kann mit meinen Worten nicht das stundenlange Gehen, Sonne und Wind, den Ausblick zu den Bergen in der Ferne erfassen. Auf dieser Strecke des Caminos, am Ende der Meseta und kurz vor León, ging ich auch meist ganz alleine.

BewässerungAuffällig immer wieder: Dort wo keine riesigen Bewässerungsanlagen auf fast zwei Meter hohen Rädern durch die Felder gezogen wurden, war alles braun und verdorrt. So ging ich lange auf einem Teilstück, wo es links neben mir nur Disteln in allen möglichen Varianten gab, während man rechts bewässerte und Gemüse anbaute.
Ich kam kurz nach 12 Uhr schon an meinem Tagesziel, El Burgo Ranero, an und stellte fest, daß es nicht falsch gewesen war, zu reservieren, denn die Municipal-Herberge war jetzt bereits voll. Also weiter, kurz einen Einheimischen gefragt, und bei La Laguna angekommen. Erster Eindruck – oha! Großer Garten mit Strohdach-Sonnenschirmen sowie Liegen und Stühlen, gepflegter grüner Rasen.

Dann traf ich den Hospitalero, der schon am Telefon gestern das Problem hatte, meinen Namen zu verstehen, obwohl ich ihn buchstabiert hatte.
Ich sagte ihm, daß ich reserviert hätte und zeigte ihm meinen Paß und mein Credencial. Er schaute in seiner Liste und sagte, er habe hier als Reservierung „Vulki“ stehen. Ob ich das sei… Nein, sagte ich, ich heiße Volker, aber ich habe reserviert. Vielleicht hätte er sich ja verschrieben… Mein Gegenüber wurde etwas genervt, was ich nicht wirklich verstehen konnte, denn es war ja eher eine witzige Situation. Letztlich fragte er: „Diga – ¿Eres Vulki o no?“ (Sag es: Bist du Vulki oder nicht?) – Ich schmunzelte und sagte mit dem Brustton der Überzeugung: Ja, ich bin Vulki.
Flugs führte er mich zu meinem Bett – und da sah die Sache schon anders aus als im Garten. Ein enger, dunkler Raum, vollgestellt mit 18 Betten, Spuren von Bettwanzenkot und Blut an den Wänden. Später erzählte mir eine deutsche Pilgerin, über ihr Bett sei am hellichten Tag eine Bettwanze gekrabbelt, was sehr ungewöhnlich ist und tendenziell auf einen ziemlichen Befall hindeutet.
Ich erlebte den Hospitalero noch im Umgang mit anderen Pilgern und fand ihn ziemlich unsympathisch. Ein Schweizer wollte ein Bettuch gewechselt haben, auf dem Blutspuren waren. Der Hospitalero war dazu nicht bereit, das sei noch in Ordnung…

Hier ein kurzer Einschub: Es ist immer problematisch, wenn man über Herbergen oder Bars Negativeindrücke öffentlich weitergibt. Zum einen könnte das eine subjektive Wahrnehmung gewesen sein, zum anderen könnten objektiv vorhandene Probleme auch zwischenzeitlich beseitigt worden sein. Daher gilt auch hier für die Herberge in El Burgo Ranero: das waren meine Eindrücke, heute könnte es besser sein.

Am Nachmittag saß ich draußen auf der Wiese mit Dennis, der auch hier angekommen war und überlegte, wie denn wohl die Nacht werden würde. Unteres Bett in einer Ecke, das ist schon eine Art Garantie für Bettwanzenbisse… Aber weitergehen? Würde der Hospitalero mir das Geld wieder rausgeben? Ich wußte aus Camino-Memoiren, daß Leute einfach so wieder gegangen waren, wenn etwas in der Herberge nicht paßte. Da hatte man zwar das Geld in den Sand gesetzt, aber man war wieder auf der Suche nach etwas Besserem. Doch die nächsten Herbergen waren über 13 Kilometer entfernt…
Ich blieb, saß mit Dennis lesend eine ganze Weile in einem Liegestuhl, schickte ein „so gut geht es mir“-Foto nach Hause, schlenderte eine Runde durch den ausgestorbenen Ort, ging später mit Dennis zum Essen und etwas einkaufen, dann trafen wir wieder auf Peter aus Belgien und einen Deutschen, Hartmut, mit dem sich Peter angefreundet hatte. Wir aßen gemeinsam in einer wirklich netten Runde.

Natürlich schlief ich danach schlecht, weil ich mich fragte, was mit den Bettwanzen ist… Und sie kamen… Gegen 1 Uhr lag ich wach und spürte plötzlich, wie mir eine über die Wange krabbelte. Instinktiv habe ich sie weggenommen und zerdrückt. Ich schlief wieder ein, weil ich ja doch müde war, wurde wieder wach und die nächste krabbelte über meinen Arm. Wieder überlegte ich, ob ich jetzt gleich aufstehen und packen sollte, aber es war ja mitten in der Nacht. Was ich nicht wußte: der Hospitalero hatte die Tür vorne abgeschlossen und kam erst um 6 zum Aufschließen. Ich hätte gar nicht gehen können, also zwar in den Garten, aber das Gelände hätte ich nicht verlassen können…

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