Santiago de Compostela (CF43)

[Die Seite ist Teil des Berichts über meinen Camino Francés 2015.]

Ich schlief sehr schlecht, hatte wilde und absurde Träume, die auch ungelöste Probleme und alte Verletzungen hochkommen ließen. Nach dem Aufwachen hörte ich Hape Kerkelings Hörbuch bis kurz vors Ende, duschte dann und ging an der Kathedrale vorbei, um zu frühstücken. Bacon and Eggs mit Café Americano gönnte ich mir in der Casa Barbantes.

Kurz möchte ich die wichtigsten Richtungsangaben bzgl. Kathedrale und Altstadt nennen, damit man sich ein bißchen orientieren kann. Die Pilger kommen vom Camino Francés auf dem Westplatz der Kathedrale an (Praza da Obradoiro; hier die galizische Schreibweise statt „Plaza de“), typischerweise durch eine kleine Unterführung im Norden der Kathedrale via Praza de Cervantes. Südlich der Kathedrale gehen drei Straßen ab, die Rúa do Franco, Rúa da Raíña und die Rúa do Vilar, in der 2015 noch das Pilgerbüro war. Diese drei Straßen sind quasi „Freßmeilen“ (vor allem Franco), haben aber auch Buch- und Andenkenläden. Im Südosten der Kathedrale ist die Praza das Praterías (Platz der Silberschmiede) mit dem „Pferdebrunnen“. Hier war 2015 der Hauteingang zur Kathedrale, da der eigentliche Eingang im Westen (Portico de la Gloria) gesperrt war wegen Sanierung.
Der Ostplatz (Praza da Quintana de Mortos) dient oft Festlichkeiten. Hier findet sich auch die Porta do Perdon, die „Gnadenpforte“, die in heiligen Jahren geöffnet wird, was 2021 wieder der Fall sein wird. Hier an diesem Platz saß ich etliche Male im Café Quintana, trank ein Bierchen und beobachtete die Leute. Hält man sich hier unterhalb des Platzes rechts und folgt der Rúa da Congo nach Osten, biegt dann nach links in die Rúa do Preguntoiro ein, kommt man zum schon besuchten Cervantes-Platz. Verläßt man diesen nach Westen, kann man über die kleine Vía Sacra schnell wieder zum Quintana-Platz zurückkehren oder weiter Richtung Westen und am Nordportal der Kathedrale vorbeigehen. So hätte man die Kathedrale, die im übrigen 1211 eingeweiht wurde, einmal umrundet. Folgt man den drei erwähnten Straßen im Süden der Kathedrale, kommt man zu einer großen Kreuzung, hinter der der Alameda-Park beginnt. Hierhin sollte man einen Abstecher machen und insbesondere die Kathedrale vom Mirador (Aussichtspunkt) Santiago Catedral fotografieren.

Beim Frühstück überlegte ich, ob ich am Freitag doch entgegen meiner vorherigen Entscheidung mit einem Bus nach Finisterre ans Meer (und zum sogenannten Nullstein) fahren sollte. Aber ich hatte keine richtige Lust; etwas ließ mich in Santiago bleiben. Und dann überlegte ich, diese Fortführung der Pilgerreise vielleicht mit meiner Frau zu machen. Es kam anders: 2017 war ich hier mit meinem jüngeren Sohn, damals 13, unterwegs: 111 Kilometer von Sarria bis Santiago und dann weitere ca. 100 Kilometer nach Finisterre.

Mit Shelley traf ich mich um kurz vor 11 Uhr für die Mittagsmesse. Mit anderen uns bekannten Pilgern bekamen wir gute Sitzmöglichkeiten in den vorderen Bänken, auch wenn hier, wo ganz klar geschrieben stand, daß dies nur Bänke für Pilger mit Credencial seien, etliche Menschen saßen, die mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht zu diesem Kreis gehörten. Peter, dem es am nächsten Abend gesundheitlich nicht so gut ging, regte sich ziemlich darüber auf: „Da komme ich als Kranker zu Fuß aus Lourdes und muß jetzt während der Messe stehen. Und da sitzen Leute, die keine Pilger sind.“ (So ganz richtig ist das nicht, da die katholische Kirche alle Menschen als „Pilger“ zählt, die aus religiösen Gründen die Kathedrale besuchen. Nur für die Compostela muß man bestimmte Anreiseformen nachweisen, ansonsten kann man auch mit Pelzmantel und Auto kommen. In den Bänken stand aber explizit: Peregrinos con credencial…)

Der Priester las unter anderem die Anzahl der Pilger vor, die aus den verschiedenen Ländern angekommen waren. Er predigte über Theresa von Avila, was ich in gröbsten Zügen verstand. Zur Kommunion sang dann eine Schwester mit hoher, klarer Stimme das Taizé-Lied „Nada te turbe“, eines meiner absoluten Lieblingslieder. Ich konnte die Tränen nicht zurückhalten (und wollte es auch nicht). Aber … es gab kein Botafumeiro, das heißt, das schwere Weihrauchfaß, die „Attraktion“ der Kathedrale, wurde in dieser Messe nicht geschwenkt, schade. Shelley würde es hier nicht erleben können, aber Peter und ich wollten es in der Abendmesse am Freitag nochmal probieren, da es hieß, daß dann die höchste Wahrscheinlichkeit bestünde, daß es geschwenkt werde.

Café Quintana

Nach der Messe verabschiedete Shelley sich, weil sie sich mit einer anderen Neuseeländerin zum Essen treffen wollte. Ich zog ein wenig allein durch die Stadt und war überwältigt von der Vielzahl der Andenkenläden. Diese Wucht des Marketings ist schon ziemlich kraß, wenn man vorher über Wochen nur das Nötigste getragen hat. Aber auch ich kaufte ein paar (sinnvolle) Andenken bzw. Geschenke für meine Frau und die Kinder. Lange schaute ich ankommenden Pilgergruppen zu, ging dann mit Shelley und einer Bekannten Tapas essen auf der Praza da Pescadería Vella und später am Nachmittag in die Kathedrale zurück.

Denn ich hatte ja noch zwei Dinge offen, die man als Pilger tun muß (sollte): Zunächst stiegen wir in das Grab des Apostels hinab, wo dessen (vermeintliche) Überreste in einem silbernen Kasten (hinter Gittern) verwahrt werden. Danach stellten wir uns in die Warteschlange, um den Apostel zu „umarmen“. Gemeint ist hier die große Santiago-Statue hinter dem Altar, zu deren Rückseite eine kleine Treppe hinauf- und auf der anderen Seite wieder hinabführt.

So gelangt man hinter den Rücken der Statue und kann seine Arme nach vorne um den Hals von Jakobus legen. Auch während der Messe sieht man von den Bänken aus immer wieder neue Hände sich nach vorne strecken. Während mich die „Silberkiste“ nicht wirklich im Lichte meiner 800 Kilometer Pilgerschaft berührte, ist das Umarmen der Statue fühlbarer und eine größere Geste, die in Erinnerung bleibt.

Danach zog ich mich auf mein Zimmer zurück; wir wollten uns am Abend wieder treffen. Ich dachte über Galizien nach, über die Sache mit dem Schamanismus und sprach ein langes Memo auf. Ich hatte mir ja die Deutung als Einheitserlebnis zurechtgelegt, das die in mir widerstreitenden Persönlichkeitsanteile versöhnen wollte. Aber war das so?

Erneut ertappte ich mich dabei, wie ich dachte: du willst eine Sache richtig machen und nicht irgendein Konglomerat leben. Die „Einheit aller Wege“ ist so ein schöner, hehrer Begriff, aber hier in Santiago wurde klar: das hier ist eine zutiefst katholische „Veranstaltung“. Zur Messe fiel mir das englische Wortspiel ein: “I can take part in it, but I’m not a part of it.” Ich kann an der Messe teilnehmen, auch als aus der Kirche ausgetretener Mensch, aber ich bin doch nicht Teil dieser Sache, die ich da erlebe. Ich stehe außerhalb.
(Das ist so nicht ganz richtig, da die Taufe und die Mitgliedschaft in der katholischen Kirche bestehen bleiben. Es gibt zum Beispiel Bekannte von mir, die meinen, es sei absolut OK, als in Deutschland aus der Kirche ausgetretener Mensch im Ausland dann an der Eucharistie teilzunehmen. Ich sah das anders und habe auch in Santiago nicht daran teilgenommen.)

Meine Gedanken sprangen zwischen dem kontemplativen Gebet und dem Schamanismus hin und her. Das stille Sitzen in diesem kleinen Raum am Ende meiner Reise ließ nicht die Weite der Gedanken zu, wie das in der Rioja und später am Ende der Meseta gewesen war. Ich hatte für mich immer gesagt: ein großer Camino, eine Pilgerreise, das wäre es dann für mich. Aber bereits hier, in dieser kleinen „Zelle“ in der Nähe der Kathedrale begann ich Pläne zu schmieden… In einer Art Flashback sah ich mich auf vielen dieser Etappen mit meinem Rucksack und den Stöcken durch die Landschaft gehen – das war jetzt alles Vergangenheit. Unter Tränen fragte ich mich, wie ich das alles wohl „denen daheim“ erklären sollte. Das würde keiner verstehen, der nicht nach Santiago gepilgert war. Es würde vielleicht ein weiterer Punkt sein, der uns trennt. 

„Immer wird diese eine große Pilgerreise in meinem Herzen bleiben“, erklärte ich auf meinem Memo. In diese Gedanken mischten sich solche zum Ende des Caminos, auch zum bevorstehenden Abschied von Shelley und den anderen. Dominant wurde in mir das Gefühl, daß diese sechs Wochen Jakobsweg in meinem Berufsalltag so nicht wieder realisierbar sein würden. Das war eine einzigartige Sache gewesen (vor meiner Zeit als Rentner).
Ich hatte etwas Angst vor dem Nachhausekommen, denn ich wußte bereits, der Alltag würde mich ganz schnell wieder erschlagen. Ich hoffte innig, etwas vom „Camino Spirit“ hinüberretten zu können, etwas das diese Gefahr, vom Job „verbrannt“ zu werden, abmildern würde. Doch die nahe Zukunft sah trist aus: über sechs Wochen liegengebliebene Arbeit, eine ungeliebte Großveranstaltung, bei der ich aushelfen müßte, eine Operation bei meiner Frau. Ich erkannte aber auch, daß ich eben dieses Thema Erschöpfung im Alltag („Burnout“) nicht hier auf dem Camino abschließend bearbeiten könnte. Denn hier war eben kein Arbeitsleben, hier war „Auszeit“, ja, in einigen Aspekten sogar Urlaub.
So auch Codd (2008): „If there be one truth in the camino that is only really understood at its end, it is that this pilgrimage is a moment in our lives, not our lives themselves.“

Das, was man hier auf dem Camino bewältigt, versteht, verarbeitet, was man hier für sich als Lösungsansätze finden kann, das muß die Feuerprobe im Alltag bestehen. Am Fenster stehend telefonierte ich mit meiner Frau. Ich schaute auf blauen Himmel, ein paar weiße Wolken, es war wieder über 20°C warm. Sie sagte: „Hier 5 Grad und Schneeregen…“

Ich duschte und ging zum vereinbarten Treffpunkt. Die Gruppe vom gestrigen Abend wurde durch den Amerikaner ergänzt, der vor Wochen hinkend auf dem Weg aus Burgos heraus war und von mir überholt wurde. Auch er war angekommen und erzählte in etwas selbstdarstellerischer Art von seinen Camino-Storys, wie zum Beispiel: Er duschte in einer Herberge, drehte sich um und bemerkte da erst, daß die Dusche in einer Art früherem Laden war, wo durch die Fenster die Anwohner am Reinigungsvorgang teilhaben konnten… Mit seinem lauten Lachen unterhielt dieser kalifornische Pilger nicht nur unseren Tisch. Und in dieser lachenden, lauten Runde spürte ich noch einmal diesen Geist des Jakobsweges, der mir sehr bald fehlen würde. Man wächst an diesem Austausch mit den anderen, weil man tut, was der Mensch tun muß. Das Essen hingegen war das schlechteste, das ich auf dem Camino bislang erlebt hatte.

Wir wechselten in eine andere Bar, doch bald bat mich Shelley, mit ihr nach draußen zu kommen, weil sie mir – nicht vor allen anderen – etwas geben wollte. Wir gingen ein paar Meter Richtung Kathedrale, wo sie mir eine schöne Karte schenkte, die den Spruch trug: „Never get so busy making a living that you forget to make a life!“
Das war natürlich auf unsere Gespräche und meine Angst vor der Rückkehr in den Alltag gemünzt. Wir umarmten uns, es wurde doch tränenreicher als gedacht, letztlich gingen wir aber mit einem kurzen „See you“ auseinander. Shelley würde nun 48 Stunden Flug vor sich haben… Noch einmal: Shelley war eine angenehme Person, mit der ich auf der menschlichen Ebene hervorragend auskam, auch wenn sie einen anderen „Pilgerstil“ hatte. Aber die intensiven Gespräche mit ihr waren ein besonderer Teil meines Caminos. Ich mochte sie ebenso wenig wie Helga missen.

Vor dem Schlafengehen entschied ich, nicht nach Finisterre mit dem Bus zu fahren – ich wollte da zu Fuß hin. Also vielleicht eine Besichtigung des Daches der Kathedrale? Mal schauen. Den Wirt bat ich, für Samstagnachmittag ein Taxi zum Flughafen zu bestellen. Ich freute mich auf zu Hause, auf meine Frau und meine Kinder, doch gleichzeitig wußte ich, wie die Arbeit mich wieder fordern würde. Schon beim Aufwachen am nächsten Morgen spürte ich wieder diese Melancholie der beiden letzten Tage: es war etwas zu Ende gegangen, das nun auch physisch durch Rückkehr nach Hause abgeschlossen werden mußte.

Die „Luft war raus“, so daß ich im Morgen-Memo schon befürchtete, es würde ein langweiliger Freitag werden. Dem war aber nicht so, da ich schon gegen 9 Uhr Peter traf und mich für später mit ihm vereinbarte. Frühstück gab es für mich in einer Art Kaffeehaus in einer der Straßen südlich der Kathedrale. Danach spazierte ich die Straßen ab, kaufte bei einer Frau ein von ihr selbst hergestelltes Lederband für meine Frau.

Mit Peter saß ich längere Zeit im Café Literarios, wo wir uns unterhielten und die vorbeigehenden Menschen beobachteten. Später erwarb ich in der Kathedralen-Buchhandlung noch einen „Guía spiritual del Camino“, der mich zum weiteren Spanischlernen motivieren sollte. Für ungefähr eine Stunde kehrte ich in die Pension zurück, wo ich auch mit meinen Eltern telefonierte.

Mit Peter traf ich mich wieder. Wir gingen gemeinsam essen im Tapas Petiscos do Cardeal in der Rúa do Franco. Das war so lecker, daß ich 2017 gleich wieder dort aß. Jeder hat sich bestellt, was er essen wollte, aber dann haben wir alles geteilt. An der Kathedrale traf ich später noch einmal Novi, die mit Clara in Villalcázar de Sirga unterwegs war. Leider waren am heutigen Tag alle Führungen in der Kathedrale ausgebucht – ich sollte am Samstagmorgen noch mal nachfragen.

Santiago Matamoros

In Ruhe schaute ich mir dann allein noch einmal die Kathedrale und die darin befindlichen Kapellen an. Ich setzte mich für eine halbe Stunde hinten in eine Bank, dachte nach, betete und beobachtete Leute.

Dann nochmal zurück aufs Zimmer. Fürs Memo resümierte ich: Jeder sagt, er würde gerne weiterlaufen. Peter hatte Schmerzen im Rücken, die nicht da waren, wenn er seinen Rucksack trug. Shelley schrieb, sie sitze in Rom fest, ihr Gepäck sei nicht „durch-geroutet“ worden, sie müsse warten – und wünschte sich, sie könne jetzt 25 Kilometer mit ihrem Rucksack laufen.

Vor der Abendmesse traf ich mich erneut mit Peter, der der letzte noch Anwesende aus unserem kleinen Grüppchen war. Wir tranken ein Bierchen, gingen dann gemeinsam in die Kathedrale, die voll war; die Menschen standen bis hinten zu den Türen. Die Messe fand ich etwas pompöser als am Vortag – und das Botafumeiro wurde geschwungen. Hunderte Handys filmten, während das Faß mit seinem sichtbar glühenden Inhalt über die Köpfe der Menschen hinwegfegte.

Im Anschluß sang man ein spanisches Kirchenlied, das wohl recht bekannt war, weil fast alle es auswendig mitsangen, das heißt, die Schwester, die gestern schon Nada te turbe gesungen hatte, sang nun die Strophen und die Gemeinde fiel in den Refrain ein. Erst zwei Jahre später konnte ich dieses Lied im Netz finden, es heißt Cantemos al Amor de los amores, und es lernen. Peter wurde es kurz schlecht – ich ging mit ihm raus. Im Anschluß war im benachbarten Café Literarios so eine Art Liedermacherabend. Viele junge Leute waren gekommen, die so gut wie alle Lieder mitsingen konnten. Peter und ich genossen diese letzten gemeinsamen Stunden, schmiedeten aber auch den Plan für ein Wiedersehen.    

Im Café Literarios

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