Schöpfungswonne und Erlösungsmotiv

In den Beiträgen zu Bahros ‚Logik der Rettung‘, insbesondere in Teil 1, ging es um die Entwicklung des menschlichen Geistes von seinen Anfängen bis hin zum ‚toten Geist‘ in der industriellen Megamaschine.

Ich lese gerade ein interessantes Buch, das sich auch mit dieser Geistesentwicklung befaßt, konkret dem Widerspruch zwischen „Religion und Eros“. Das gleichnamige Werk ist von Walter Schubart; die Erstausgabe datiert aus dem Jahre 1941, mir liegt ein Sonderdruck von 1978 vor.  

„Schöpfungswonne“ ist der Zentralbegriff für die urtypisch weibliche Form von (Natur-)Religion, in der Gott(heit) als Schöpfer, nicht als Erlöser verehrt wird. Sehr schön drückt Schubart das aus, indem er schreibt, die „Idee der Welterschaffung“ sei hier der Kern, nicht die des „Weltziels“. In der Folge beschreibt er pantheistische Gottesvorstellungen, phallische Kulte, die Funktion von Tempeldienerinnen, orgiastische Feste und ihr Gegenteil, die Keuschheit, die die „Urschande des dionysischen Weibes“ sei. Keuschheit und Ehe feiern nicht die Schöpfungswonne.
Doch dann mischt sich in die dionysische Kulte ein „Erlösungsmotiv“. So erhielten die Frühlingsfeiern, in denen man eigentlich die neue Fruchtbarkeit der Natur feierte, einen Aspekt von „Todesüberwindung“, „die Stimmung des Erlöstseins mischte sich in die Sinnenlust“. Schubart sieht hier einen männlichen „Seelenantrieb“ am Werk, der sich mit der zuvor weibliche dominierten Religion mischt. Dies sei der Grund, warum das christliche Osterfest mit dem heidnischen Ostara zusammengefallen sei.

Ich will nicht zu weit ausschweifen – Schubart legt ausführlich den Kampf beider Prinzipien im „vorchristlichen Judentum“ und bei den Griechen dar, um dann zu den Römern zu kommen. Schubart schreibt:

„Wieviel Symbolik liegt darin: Octavian, der erste gekrönte Caesar des Westens, besiegt Kleopatra, die letzte gekrönte Hetäre des Orients, während es dem makedonischen Alexander, dem Urbild griechischer Männlichkeit, nicht gelungen war, der indischen Kandake Herr zu werden. Unter dem Drucke römischen Wesens verlief die Entwicklung der Menschheit vom Weib zum Manne, von der Natur zur Geschichte, vom Eros zum Recht, von der Religion zur Staatlichkeit. Mit dem Siege Roms schließt das weibliche Weltalter ab.“

So werde, gerade was dionysische Kulte angeht, der kultische Orgiasmus zu Unzucht. Das Wort Orgie wandele seine Bedeutung von Geheimkult zu Ausschreitung. Es bleibe nackte Begierde übrig und der „Dämon entnervender Geilheit“ (S. 53, a.a.O.).

Ich empfehle das Buch von Schubart dem, der mehr über die Zusammenhänge von Religion und Eros wissen möchte. Dabei widmen sich die ersten Kapitel den Naturreligionen mit ihrer „Schöpfungswonne“, dann kommt das Erlösungsmotiv ins Spiel und damit auch das Christentum als reine, männliche Erlösungsreligion, die aber doch im Laufe späterer Kapitel immer wieder an die Ursprünge rückgekoppelt wird, wenn z.B. Madonnenverehrung, die Sexualethik der frühen Kirche, die Jungfrauengeburt betrachtet werden.
Im letzten Kapitel geht es dann um die „Heimkehr des Eros zu den Göttern“.
(Vielleicht greife ich das Buch zu einem späteren Zeitpunkt hier noch einmal auf.)

Schubart, Walter: Religion und Eros, Herausgegeben von Friedrich Seifert; München (C.H. Beck), 1978

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.