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Schweigeexerzitien im Kloster 2020 (Mystik 5)

Über meinen Aufenthalt im Kapuziner-Kloster Irdning bei Stainach in der nordwestlichen Steiermark im Jahr 2018, habe ich in zwei Beiträgen bereits etwas geschrieben. Die für 2019 geplante Wiederholung mußte wegen der Erkrankung und des folgenden Todes meiner Mutter ausfallen. Daher war ich nun, in der Fastenzeit 2020, erneut in Irdning für zehntägige Schweigeexerzitien und Kontemplation nach der Methode von Franz Jalics.

„Überschattet“ wurden die Tage durch die anrückende Coronavirus-Pandemie, die in Österreich bereits größere Wellen erzeugte – man denke an die Tiroler Skigebiete, wo das Virus sich großartig vermehren konnte… Im Kloster erhielt man unter der Woche Anweisung, daß keine Mundkommunion gegeben werden, daß die Hand nicht zum Friedensgruß gereicht werden dürfe. Als ich nach Deutschland zurückreiste, wurde mir bereits auf der Autobahn angezeigt, daß ich als „Österreich-Heimkehrer“ (war ich da im Krieg?) zwei Wochen Quarantäne halten solle.  

Ja, ich war da im Krieg. Im Krieg mit mir selbst und vor Gott. Mit zu lascher Herangehensweise mußte ich wieder einmal feststellen, daß mich dieses Zurückgeworfensein auf mich (und Gott) verändert, mich verletzbarer macht und eine Kruste aufbricht, die der Alltag über meine Seele wachsen läßt.
Bei der Einstiegsrunde am Donnerstagabend sagte ich sinngemäß, daß ich ja schon dagewesen sei, alles schon kenne, einen stressigen Winter gehabt hätte und nur ein wenig „Urlaub“ suche. Ich glaube, daß Elisabeth, Exerzitienleiterin neben Bruder Rudolf und meine Ansprechpartnerin für die Begleitgespräche, da schon aufhorchte…

Dann kamen wieder die Alpträume, von denen ich schon beim ersten Mal erzählt hatte. Sie kamen – und sie blieben – in jeder einzelnen Nacht.

In den Begleitgesprächen ging es zunächst um die Aussage aus den Abendgesprächen, daß man alle Exerzitien so begehen solle, als wären sie die ersten, die einzigen oder die letzten. Für mich also: Nicht darüber nachdenken, wie es beim letzten Mal war, nicht zu sehr über den „Urlaub“ in der Steiermark sinnieren, sondern sich selbst immer wieder zurück in die Präsenz Gottes bringen.

Mein zentrales Problem – auf einer physischen Ebene – war der selbst mitgebrachte Meditationshocker, der nur ein einziges, mittiges Standbein hat. Dadurch steht er weniger fest als andere, erlaubt aber auch leichte kreisende Bewegungen, wenn z.B. der Rücken etwas steif wird oder die Beine einzuschlafen drohen. Ich hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht: Da ich bislang kaum Erfahrung mit längerem Sitzen auf diesem Hocker hatte, mußte ich erst dort in Irdning erfahren, daß ich auf diesem Hocker nicht 25 Minuten oder gar eine Stunde sitzen kann. Immer wieder justierte ich die untergelegte Wolldecke nach, rutschte auf dem Sitzpolster umher – es ging nicht, die Beine schliefen unglaublich schnell ein. Also traf ich am dritten Tag die Entscheidung, mich für den Rest der Exerzitien auf einen herkömmlichen Stuhl zu setzen, um dieses Thema aus der Welt zu bekommen.

Das erlebte ich als „Versagen“, was ich Elisabeth auch so erzählte. Durch geschickte Gesprächsführung brachte sie mich zurück zu diesem Thema und an den Punkt, wo ich „ganz bei mir“ war und auch die Trauer über diese Situation zulassen und ähnliche Phasen / Gefühle in meinem Leben wiedererkennen konnte. Tiefer möchte ich das hier nicht beschreiben. „Der Feind“ hörte mit und brachte all diese Themen in meine nächtlichen Alpträume ein. Ich erlebte intensiv meine „Fremdbestimmung“ im Alltag in starken, ins Mark treffenden Bildern.

Zu dieser Zeit weilte ein Kapuziner-Pater aus Bayern im Kloster, bei dem Elisabeth mir die Möglichkeit zu einem Beichtgespräch vermittelte. Die erste Beichte seit vielen, vielen Jahren. Die Angst vor dem Gespräch; die Erleichterung danach. Zeichen in der Natur, Sonnenstrahlen, ein Regenbogen, die das Hiersein vor Gott unterstreichen. Angenommensein, Erlebnisse jenseits von Worten.

Neu war für mich in diesem Jahr die regelmäßige Teilnahme an den Qi-Gong-Übungen, die Bruder Rudolf morgens anbietet. Ganz besonders genoß ich die Eucharistiefeiern (und Laudes) in der kleinen Kapelle, an denen ich regelmäßig teilnahm. Diese beiden „ersten Termine“ am Tag waren für mich bedeutsamer als das ganze Sitzen, das sich im übrigen zum Ende der Exerzitien hin – trotz Stuhl – deutlich verbesserte.

Letztlich muß ich mir eingestehen, daß ich mich in diesen Exerzitien nicht so intensiv auf die Ruhe und das Sitzen eingelassen habe, wie im Jahr 2018. Der Fokus auf die Messen (und auch das lange Beichtgespräch) brachte mich auch zu dem Gedanken, einmal eine andere Form des Mitlebens in einem Kloster zu versuchen – näher am Alltag der Mönche, am Stundengebet, aber auch mit Rückzugsmöglichkeit für das private Gebet in der Zelle. Wir werden sehen.
Abschließend meine ich, daß mir die Gespräche mit Elisabeth, und was sie in mir auslösten, mehr gebracht haben für die „Zeit danach“, als das tatsächliche meditative Sitzen.

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