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Siedeln auf der Rosinkawiese – woran scheiterte es?

Pausewang - RosinkawieseDie „Rosinenwiese“, so genannt weil sie in den Augen der umliegenden Dorfbewohner unergiebiges, sumpfiges Land, das einmal ein Hochmoor war, darstellte, war ein lebensreformerisches Siedlungsprojekt der Eltern der vor kurzem verstorbenen Schriftstellerin Gudrun Pausewang.

Sie lag in Ostböhmen, heute Tschechien, nahe des früheren Ortes Wichstadtl am östlichen Ausläufer des Adler-Gebirges. Der Ort gehörte zum deutschen Sprachgebiet; man sprach einen schlesischen Dialekt.

Pausewangs Eltern Siegfried und Elfriede kamen aus dem Wandervogel, lernten sich auf einer reformpädagogischen Schule kennen. Man badete nackt, verzichtete auf Alkohol und Nikotin.

Siegfrieds Eltern lebten in Wichstadtl. Von der Gemeinde wurde die Rosinkawiese in Erbpacht (für theoretisch 99 Jahre) erworben. Von Anfang an stand das Unternehmen unter dem Problem: Geld. Mitgift für Elfriede, Sparvermögen Siegfrieds, zinsloser Kredit von dessen Vater – all das reichte nicht, um den Grundstein zu legen, so daß ein zusätzliches Darlehen bei einer Bank aufgenommen – und abbezahlt – werden mußte.

So konnte ein einfaches Haus gebaut werden, dazu ein Brunnen und ein Schwimmteich, der in den Beschreibungen Elfriedes oft im Zentrum des Lebens auf der Rosinkawiese steht.

Die Eheleute lebten dennoch zufrieden und ein unbeschwertes „Sommerleben“, das aber „mit Not und harten Wintern“ erkauft wurde. Es gab erst in späteren Jahren elektrischen Strom. Es waren unterschiedliche Helfer vor Ort: vom Wandervogelfreund bis hin zum französischen Kriegsgefangenen.

Ausführlich wird beschrieben, wie man das sumpfige Land urbar machte und was man anbaute. Die Erträge blieben bis auf die Erdbeeren weit hinter den Erwartungen zurück. In einem Jahr zerschlug der Hagel eines mächtigen Unwetters die gesamte Ernte und die Gewächshausscheiben.

Nach einer Fehlgeburt wurde Gudrun, die Autorin der drei Rosinkawiese-Bücher, als älteste Tochter geboren. Die finanzielle Not wurde ärger, so daß man beschloß, Sommergäste im Haus aufzunehmen.

Neben den Finanzproblemen („Wir lebten von der Hand in den Mund.“) kam hinzu, daß die Familie von den Dorfbewohnern als Sonderlinge angesehen wurde.
Einer der Briefe im Buch an „Michael“, einen jungen Mann, der Ende der 1970er Jahre auch aussteigen wollte und Rat suchte, ist von Gudrun. Sie schildert intensiver als ihre Mutter die „Anschlußprobleme“ an Gleichaltrige und Schulkameraden. Liest man Elfriedes Worte dazu, wie die Kinder zur Selbständigkeit erzogen wurden, dann liest man auch heraus, daß den Kindern, speziell Gudrun, vieles zugemutet wurde. „Meine Eltern ‚forderten‘ uns.“ Jedes Kind mußte im Rahmen seiner Fähigkeiten mithelfen, seine Pflicht tun. Aber auch bei -30°C durch den Schnee zur Schule gehen.

Elfriede schreibt, es gebe keine wirkliche Autarkie. Man könne nicht alles auf dem eigenen Grundstück gewinnen, so daß man vorhandene Überschüsse in Geld tauschen müsse, um benötigtes kaufen zu können. Gelderwerb solle aber nicht zum Selbstzweck werden. Das war aber auf der Rosinkawiese sowieso kein Thema…

Im Jahr 1937 wurde Siegfried und Elfriede klar, daß das Projekt scheitern würde. Siegfried nahm auswärts eine Arbeit an, man zog für kurze Zeit mit den Kindern nach Breslau, kehrte jedoch wieder zur Rosinkawiese zurück, wo kurz vor dem Krieg das fünfte, ein Jahr später das sechste Kind geboren wurde. Siegfried arbeitete zum Teil weit entfernt, Elfriede war mit sechs Kindern alleine und mußte Beete, Äcker und Wiesen bewirtschaften. Vor dem anrückenden Kanonendonner aus dem Osten flüchtete sie mit den Kindern, als Wichstadtl komplett geräumt wurde. Ihr Mann war bereits im Krieg gefallen.

Jenseits des Krieges und der Flucht von der Rosinkawiese: Woran ist das Projekt gescheitert?

  1. Da ist v.a. die etwas borniert erscheinende Wahl der moorigen Wiese in der Nähe der Eltern von Siegfried. Klar, es waren junge Leute mit viel Elan und Wandervogel-erprobter Selbständigkeit. Ob die Eltern Siegfrieds abrieten, verrät uns das Buch nicht. Siegfried erscheint mir in den Beschreibungen wenig flexibel, fixiert auf den Traum, den er mit seiner Frau in seiner Heimat verwirklichen will. Er will schnellstmöglich auf eigenen Beinen stehen – und baut das Haus für sich und seine Familie nicht auf Stein, sondern auf weichem Grund (s. Lukas 6,47)
  2. Da sind die fehlenden, also vorab nicht erarbeiteten, geerbten oder angesparten Finanzmittel. Man muß einplanen, daß die ersten Ernten nicht üppig werden und man daher gezwungen ist, von Erspartem zu leben. Das war hier nicht gegeben.
  3. Der Plan, alleine zu siedeln. Mit zwei oder drei weiteren Paaren, dann Familien, wäre es im Sinne gegenseitiger Hilfe wesentlich einfacher gewesen. Das hätte aber auch bedeutet, an einem Ort zu siedeln, der den Ertrag für mehrere Familien sicher liefern konnte.
  4. Die möglicherweise fehlende Familienplanung. Explizit geht Elfriede darauf ein, wieviel Geld die Kinder kosteten, trotz Wiederverwertung von Kleidung und Geschenken per Post von ihrer Mutter aus dem Saarland. Und dann sind da plötzlich fünf Kinder – kurz vor Kriegsausbruch. Es hätte dem Paar klar sein sollen, daß bei einem möglichen Krieg der Mann eingezogen werden würde.
    (Hier müßte ich eigentlich die beiden anderen Bücher noch lesen, da sich Pausewang in einem wohl auch mit politischen Ansichten der Eltern auseinandersetzt.)

Was ich in dieser nüchternen Betrachtung ausklammere, sind die guten Zeiten auf der Rosinkawiese und die „life lessons“, die insbesondere die Kinder gelernt haben. Sie waren vom Landleben abgehärtet und hatten es im Nachkriegsdeutschland etwas leichter als ihre Altersgenossen. Und natürlich will ich die Vision des autarken Lebens nicht kleinreden. Aber möglicherweise muß man mehr planen und sich intensiver vernetzen.

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