Speit – Verqueres Denken (Kurzrezension)

„Der Neger hat also ein starkes Triebleben.“

Auf Seite 167 (des Kindle-eBooks) zitiert Andreas Speit Steiner, nachdem er sich schon seitenlang über Anthroposophie, Homöopathie, Waldorfschulen, die Akasha-Chronik und Blavatskys Geheimlehre ausgelassen hat.
Was hat „der Neger“ und sein mutmaßlicher Trieb nun mit den Querdenkern und Coronakritikern zu tun? Tja, das ist schwer zu sagen. Es ist das Ergebnis einer artistischen Verknüpfung von nicht zusammenhängenden Dingen…  

Speit geht es um die „dritte Lebensreform“ – so nennt er die Angehörigen der neuen finanzstarken „Bio-Boheme“, die auf Nachhaltigkeit, Ökostrom, Car-Sharing, Veganismus usw. stehen.
Die erste, eigentliche Lebensreformbewegung wird zunächst kurz angerissen (name-dropping: Diefenbach, Fidus), dann gleich auf die sogenannte 2. Lebensreformbewegung eingegangen, die der 1960er Jahre, die jedoch „nach rechts offene Motive“ gehabt habe. Später werden die phösen Phuben noch nachgereicht, z.B. Gruhl und Bahro. (Es ist im übrigen kein Forschungskonsens, die Entwickungen der 60er und der Öko-Bewegung grundsätzlich als „2. Lebensreform“ zu bewerten.)

Speits These ist: in dieser von ihm gesehenen dritten Lebensreformbewegung seien „antihumanistische Argumentationen und antiemanzipatorische Ressentiments virulent“.
Im Grunde meint er offenbar: schon in der 1. Lebensreform gab es schräge, verdächtige, rechte Personen, auch Impfgegner; selbst in der 2. Welle seien die Rechten nicht ausgestorben und jetzt, ja, jetzt sind sie als Querdenker der 3. Welle wieder da. Daß er damit die vielen Menschen, die sich zu Anfang des 20. Jahrhunderts unter dem Begriff Lebensreform mit zumeist guten, reformerischen, lebensbejahenden Motiven zusammenfanden, pauschal diskreditiert, ist ihm entweder egal oder es hat System.

Speit kommt kurz zu diesen Querdenkern, aber als Leser spüre ich, daß er sich da nicht ausreichend abarbeiten kann: das sind weitgehend normale Leute aus der Mittelschicht, Angehörige bürgerlicher Berufe, Menschen mit eher überdurchschnittlichem Bildungsniveau. Leider führe Letzteres nicht zur „Akzeptanz wissenschaftlicher Erkenntnisse“.

Das ist typisch für dieses Buch, daß Speit unkritisch Dinge postuliert oder  übernimmt und sich damit als völlig im System etabliert zeigt. Die WHO habe ja schon 2019 Impfgegner zur „globalen Bedrohung“ erklärt… Ja, wenn das so ist!?
Dann werden die Corona-Todeszahlen des RKI einfach de facto aufgeschrieben, ohne jede kritische Betrachtung oder Abwägung. (Wieviele Texte habe ich in den letzten zwei Jahren zu „mit“ oder „an“ Covid verstorben gelesen…)
Die Gates-Stiftung sei auch nicht böse und auf eigene Macht bedacht, sondern unser Bill habe schon vor Jahren vor der großen Pandemie gewarnt… Bill sei Dank!
Und daß das Infektionsschutzgesetz inkl. der Ausweitung vom April 2021 nicht zur „Zerstörung der Demokratie“ führe, wird einfach so behauptet. Speit sitzt fest und unkritisch im linken Zeitgeist, der natürlich NUR RECHTS den wahren Gegner ausmachen kann.

Da reicht die Querdenker-Bewegung als Basis nicht aus, auch wenn Speit der Tankstellen-Mord von Idar-Oberstein sehr gelegen kommt, der es gleich – vermutlich aber nachträglich – an den Beginn der Einleitung geschafft hat. Was möglicherweise eine Tat im Affekt (und Suff) war, wird nun mit den „Warnungen des BKA“ vor „Anschlägen“ aus der „Querdenken- und Corona-Leugnungs-Bewegung“ verknüpft. Der Mord zeige, so heißt es später noch, daß die Querdenker und Corona-Leugner in einem „Prozess der Selbstradikalisierung“ seien.
Da muß man erst mal Lesepause machen und sich fragen, wieviel Geld man doch gleich für das Geschreibsel hingelegt hat…
Es grenzt schon an eine Art besessene Mutwilligkeit, diesen Mord mal eben mit der Querdenker-Szene in dieser Weise zu verknüpfen.

Den großen Teil des Buches machen die langatmigen Abhandlungen über Steiner, Anthroposopie, Waldorfschulen, Anastasia-Bewegung und völkische Siedlungen, Vegan- und Tierrechtsbewegung inkl. Hildmann und Extinction Rebellion aus. Das Buch endet im übrigen völlig abrupt, ohne daß die These nochmal aufgenommen wird. Aus Gründen, s.u.

  1. Zunächst einmal halte ich es – in persönlicher Sichtweise – für problematisch, wenn jemand, der fest im System steht und offenbar auch keine Regierungsmaßnahmen kritisiert, sich aus dem Fenster lehnt, um „die Anderen“ zu diskreditieren. Kein Wort bei Speit über Sinn und Nutzen der Impfung, die Interaktionen zwischen WHO, Regierungen und Pharmakonzernen, die Risiken der mRNA-Impfstoffe, deren Qualität, die Notzulassung, die erkennbar über anderen Impfstoffen liegenden Nebenwirkungen. Wer anders denkt, das „new normal“ nicht akzeptiert, ist „Querdenker“ und plant vermutlich Anschläge. Allein vor diesem Hintergrund könnte ich meinen Text hier beenden – mehr müßte nicht mehr gesagt werden.
  2. Die Kritik muß dennoch am Begriff der „3. Lebensreform“ ansetzen. Das ist konstruiert. Ich gehe mit der Einschätzung der Alternativ- und Ökobewegung seit den 60ern als einer Art „zweite Lebensreformbewegung“ d’accord, da dies ein starker, dominanter und bleibender Einschnitt in die Nachkriegsgesellschaft und -politik war. Ich kann jedoch in keiner Weise erkennen, wo heute eine davon noch einmal inhaltlich oder struturell abgesetzte 3. Bewegung zu erkennen sein soll. Was man sehen kann, ist der sogenannte Marsch durch die Institutionen, der nun eben „Mensch:innen“ wie Lang, Faeser, ACAB (die Völkerrechtlerin), Lauterbach in prominente Positionen bringt – lassen wir das mal unbewertet stehen. Das ist eine systemimmanente Entwicklung, eine Art Zwischenziel auf dem Weg von den alternativen Träumen der 60er hin zu einem ruinierten, wettbewerbsmäßig abgehängten Land. Das zeigt mir keine Punkte, an denen ich bewußt von einer dritten Lebensreformbewegung als etwas Neuem sprechen könnte. Hier finden keine Reformen, sondern Dekonstruktionen statt.
  3. Dann muß die Kritik an der Verknüfung der Corona-Proteste („Querdenker“) mit Speits Lieblings-Anti-Heroes geäußert werden. Ich bin überzeugt davon, daß eine Mehrheit der Coronaprotestler – insbesondere bei der neuen, nach der Veröffentlichung des Buches entstandenen Bewegung der „Spaziergänge“ – auf die Straße geht, weil sie sich unwohl fühlt mit den massiven Eingriffen in die Freiheitsrechte und den widersprüchlichen, z.T. wenig glaubwürdigen Aussagen der Politiker. Ich glaube nicht, daß da 90% vorher bei Steiner über das Triebleben der Neger gelesen haben oder die ersten beiden Bände von Megre auswendig kennen. Es ist schlichtweg konstruiert, seitenlang über Steiner und Co. und völkisches Gedankengut zu schreiben – und das mit Corona-Kritik(ern) in dieser Form zu verbinden. Da werden einer Mehrheit Motive untergeschoben, die sie nicht hat.
  4. Weitere Kritik muß an der Verknüpfung des Begriffs „conspirituality“ (aus conspiracy und spirituality) – dem Bindebegriff, der Speit von den Querdenkern – von ihm offenbar als viele Esoterik-orientierte Frauen verstanden – zu seinem Thema bringt – rechte Verschwörungstheorien – erfolgen. Wer ihm da im Weg steht, z.B. die Ärzte für Aufklärung, wird mal eben weggekickt: „verklären mit Verschwörungsnarrativen mehr, als sie aufklären“ – Da ist man dankbar, das Buch eines so großen „Aufklärers“ lesen zu dürfen…

Ohne postulierte „3. Lebensreform“ und ohne den Aufhänger „Querdenker“ hätte ich mehr positives aus dem Buch gezogen. Mein erstes Werk in dieser Richtung war Schnurbeins „Göttertrost in Wendezeiten“ – es folgten – gerade während meines Studiums an einer weit links ausgerichteten FH – etliche, ähnlich gelagerte zum fortbestehenden Rechtsextremismus. Ja, auch Herrn Speit habe ich früher schon mit Gewinn gelesen.

Fazit in Kürze: Es gibt keine „3. Lebensreformbewegung“, die von Querdenkern getragen wird, die eine Amalgamisierung von Ökologischem Denken und Verschwörungsfantasien betreiben. Es gibt esoterische Strömungen im rechten Lager, die man bei Steiner, Anastasia oder den Protokollen der Weisen von Zion verorten kann, deren Träger sich möglicherweise unter die Anti-Corona-Proteste mischen. Speit nimmt sich sein Lieblingsthema, verortet einige passende Personen und stülpt den Querdenkern eine negativ konnotierte Vorstellung einer neuen Lebensreformbewegung über. Nur durch diese Vorgehensweise kann er seine These von den „antihumanistischen Argumentationen und antiemanzipatorischen Ressentiments“ bedienen.

Ohne Querdenker und Lebensreform wäre das Buch noch einigermaßen lesenswert. So habe ich das Gefühl, der Autor ist auf den Zug der vereinzelt instrumentalisierten Corona-Proteste aufgesprungen, um sein Standardthema auch aus dieser Sichtweise beleuchten zu können.

Andreas Speit: Verqueres Denken. Gefährliche Weltbilder in alternativen Milieus. Ch. Links Verlag, 2021 – 1. überarb. Auflage / Kindle-Version

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