Steinert – Blumenspiel (Kurzrezension)

Meine Hedwig hieß Heidrun. Soll ich den Text so beginnen oder nicht? Ja, nach längerem Überlegen ist das der Einstieg. Wir lebten beide tatsächlich zu der Zeit in Köln, in einem Studentenwohnheim in Rodenkirchen, wo die Jugend gut 85 Jahre früher lt. Autor Steinert nackt im Rhein badete. Meine Else hieß S., wir führten eine Beziehung, die ihren Zenit längst überschritten hatte. Da lernte ich Heidrun kennen. Wir lebten nebeneinander, studierten in eher entgegengesetzten Fachbereichen. Sie hatte ihren Rudolf (der P. hieß), von dem sie, wie Hedwig, nicht genau wußte, ob er der Mann für sie („für’s Leben“) war. Sie spielte mit den Männern, spielte auch mit mir. Wenn ich im Roman lese, wie Hedwig die aus dem Kopf und der Fantasie gemalten Aktzeichnungen von ihr mal eben durch einminütiges, nacktes Posieren vor Heinrich, ihrem „Nicht-Verlobten“, für ihn „korrigieren“ wollte, ihm damit aber massiv den Kopf verdrehte, dann kann ich heute schmunzelnd auf diese, (nicht) unsere Zeit zurückschauen. Der Unterschied zwischen Heidrun und Hedwig war jedoch, daß letztere nicht merkte, was sie anrichtete, anders erstere. Später schrieb sie mir, sie teile Männer auf in „für die Seele“ und „fürs Bett“. „Leider“ sei ich in der Seelengruppe gelandet… Nun gut, zum Roman, der mich wie kaum ein anderer in den letzten Jahren fasziniert und erfüllt hat.

Dies ist keine Spoiler-Rezension, wie ich sie üblicherweise schreibe, daher nur in Kürze: der Handwerkersohn Heinrich kommt aus dem Bergischen Land nach „Cöln“, wo er Arbeit und den Sinn des Lebens sucht. Während seine Vermieterin Interesse an ihm zeigt, ist er von Hedwig besessen. Über ihre Kontakte an der Oper erfährt sie von der lebensreformerischen Siedlung auf dem Monte Verità am Lago Maggiore. Da will sie hin, um vor Elternhaus, übergriffigem Onkel und der engen Welt in der Großstadt fliehen zu können. Mit Heinrich kommt sie zum Berg der Wahrheit – und verläßt ihn später wieder (den Berg, den Heinrich…).

Ich würde sagen, geschätzt etwas mehr als 2/3 des Romans spielen in einem Köln, das der Autor fachkundig und detailverliebt vorstellt. Ja, man kann in das Cöln der Jahre 1908/09 eintauchen – herrlich! Der Monte Verità und seine Protagonisten werden ebenso fachkundig vorgestellt. Steinert schreibt in einer Schlußbemerkung, sein Doktorvater habe ihn zum ersten Mal mit dem Berg in Berührung gebracht. Das „Kernpersonal“ wird gut akzentuiert dargestellt. Besonders schön die Erstbegegnung mit Konsul S.

Man kann den Roman auf verschiedenen Ebenen deuten. Auf einer sehr gegenständlichen, auf Heinrich konzentrierten Ebene ist es die Schilderung eines Handwerkerlebens, das bei den Exzentrikern auf dem Monte Verità keine Heimat finden kann. Schaut man auf Hedwig, ist es ähnlich und doch auf der partnerschaftlichen Ebene anders.
Zudem könnte man sich Heinrichs Persönlichkeit noch auf einer psychologischen Ebene näher ansehen – speziell vor dem Hintergrund seiner Herkunft und des Todes der Eltern.
Auf der lebensweltlichen Ebene stehen sich die moderne Großstadt Cöln (sinnigerweise mit Lärmschutzverein gegen die Geräusche, die Bahn und Auto mit sich bringen, – und der Aufhänger für das Miteinander zwischen Heinrich und seiner Angebeteten) und der abgelegene Berg im Süden gegenüber. Perspektiven und Zukunft bieten beide, aber in Abhängigkeit von der Persönlichkeit der Protagonisten. Hedwig und Heinrich – beide nehmen vom Berg etwas Bleibendes mit.
Auf der zwischenmenschlichen Ebene ist die sexuelle Übergriffigkeit ein verbindendes Element zwischen Cöln und Monte Verità. Da kann man noch so fortgeschritten und „Freie-Liebe“-propagierend sein, Männer, die Frauen benutzen, gibt es überall. Doch auch das Thema „sex education“ / Aufklärung wird in der Intimität Heinrichs und Hedwigs problematisiert.
Auf der Ebene der Liebe, der Partnerschaft, meine ich beim Autor einen eher melancholischen Zug zu fühlen: oft fragte ich mich beim Lesen, wie kann man nur so blind wie Heinrich sein?! Und damit wird der Roman, wird die unvollendete Geschichte von Hedwig und Heinrich, auch Abbild der Geschichte des Monte Verità: wieviel Energie und Lebensblut ist in das Projekt geflossen, das am Ende nicht bestehenbleiben würde.
Letztlich – nicht abschließend – wirft der Schluß, in dem die fiktiven Biographien stichwortartig bis zum Tod der Personen fortgeführt werden, einen Fokus auf die Zeitlichkeit und die bevorstehenden Weltkriege. Man erspürt, daß Cöln und Ascona doch auf einer friedlichen Achse verbunden sind, zwei Lebensweisen (und darin ungezählte weitere) darstellen, die alle mit 1914 verändert wurden. (Auch wenn die Gegend um den Monte Verità im Ersten Weltkrieg Fluchtort für Kriegsdienstverweigerer wurde.)

Bei mir blieb vor allem das Gefühl hängen, „freier“ war es für die beiden Cölner auf dem Berg der Wahrheit (dauerhaft) auch nicht. Daran schließen Gedanken an, die sich ähnlich bei Meister Eckhart finden, der über das „Sich-lassen“ predigte, das Ablegen Ego-zentrierter Wünsche. Je mehr der Mensch sie lasse, desto mehr könne Gott – wie bei einem Handel – in ihn einfließen. Wer meint, er könne nur an einem bestimmten (fernen, abgeschiedenen, speziellen) Ort Gott nah sein (glücklich werden…), der irre und sehe nicht, daß es sein Eigenwille ist, der ihn hindere. Man könne in dem Fall noch so weit fortlaufen, es helfe nichts.

So kann man sagen, daß es Heinrich, dem bodenständigen Schmied und Maler, von allen mehr oder weniger intensiv vorstellten Personen am besten glückt, die seiner Natur entsprechenden Weichen zu stellen – was bis in die nächste Generation führt. Der lebensreformerische Lärmschutzverein zu Cöln und der Monte Verità waren somit Katalysatoren für ihn.

Wer Köln und den Monte Verità lebhaft, detailverliebt, einfühlsam, manchmal ein wenig verschmitzt geschildert erleben will, der sollte zu diesem Buch greifen. Leseempfehlung!

–Steinert, Hajo: Blumenspiel. Roman. München (Penguin), 2019

 

 

 

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