Aufbruch – Die Lebensreform in Deutschland (Rezension)

„Lebensreform“ ist kein Begriff, den man als Allgemeinwissen voraussetzen kann. Dennoch hat es seit den 1970er Jahren, verstärkt seit den 90ern hierzu intensive Forschungsarbeiten gegeben, die mit einem Output an entsprechender Fachliteratur einhergingen. Eine tatsächliche, gut verständliche Einführung – auch für Laien – hat es bislang nicht gegeben. Das ist nun anders: Bernd Wedemeyer-Kolwe (im weiteren: WK) hat mit seinem 2017 im Philipp-von-Zabern-Verlag erschienenen Titel den Versuch unternommen, die Lebensreform in ihren vielfältigen Aspekten einführend zusammenzufassen. Hier eine kurze Übersicht und Einschätzung: „Aufbruch – Die Lebensreform in Deutschland (Rezension)“ weiterlesen

Zeit der Aussteiger (Buch)

Andreas Schwab ist kein unbekannter Name im Rahmen des Themas Lebensreform. Er war u.a. verantwortlich für die letztjährige Ausstellung „Lebe besser!“ in Bern, die von Corona in „Mitleidenschaft“ gezogen wurde. Von 2001 stammt das vom ihm mitherausgegebene Buch „Sinnsuche und Sonnenbad“, das sich mit „Experimenten in Kunst und Leben auf dem Monte Verità“ befaßt.

Neu erschienen ist im Sommer d.J. „Zeit der Aussteiger„, das ich noch nicht besitze bzw. gelesen habe. Hier eine Info aus der Beschreibung via Amazon:

„Elf Künstlerinnen und Schriftsteller, darunter Truman Capote und Arthur Schnitzler, die Tänzerin Charlotte Bara und Alma Mahler-Werfel, führen uns zu den zehn bedeutendsten Künstlerkolonien. Wir tauchen ein in die besondere Atmosphäre von Barbizon, Worpswede, Capri oder Taormina und ziehen mit einer dort lebenden Person dann weiter in die nächste Gegenwelt – bis wir am Schluss auf dem Monte Verità in Ascona angelangen. Der Schweizer Autor und Ausstellungsmacher Andreas Schwab zeigt in einem farbigen Reigen, wie sich fernab der Ballungszentren neue Lebensstile entwickelten, lange bevor sie sich in der Gesellschaft durchzusetzen begannen.“

Nachtrag: Artikel zum Buch bei Literaturkritik.de

Neuerscheinung: Natürlich, nackt, gesund (E. Locher)

Der Name Eva Locher ist mir in den letzten Jahren häufiger im Zusammenhang mit der Lebensreform untergekommen, hier eine kurze Info zu ihr auf „Lebensreform Zeitgeschichte“. Sie war auch Kuratorin der letztjährigen Ausstellung „Lebe besser!“, die ich Corona-bedingt leider nicht gesehen habe.
Dafür habe ich gesehen, daß bald ein Buch von Frau Locher erscheint: Natürlich, nackt, gesund – Die Lebensreform in der Schweiz nach 1945. Bei Amazon ist es für den 10. Februar gelistet. Wir können dort lesen, Frau Locher bearbeite ihr Thema aus transnationaler Perspektive; im Fokus stünden die Themen Ernährungsrefom, Naturheilkunde und Freikörperkultur.
Das ist ein vielversprechendes Buch mit ansprechendem Titel-Design, das hoffentlich auch darauf eingeht, wie sich die Lebensreform-Themen von der Jahrhundertwende später im Alternativmilieu der 70er und 80er manifestierten.

Nachtrag: Rezension beim DFK

Drewermann über Hesse

Der Theologe und Psychoanalytiker Eugen Drewermann, wohl am besten durch sein Werk „Kleriker. Psychogramm eines Ideals“  bekannt, hat nun ein Buch über Hermann Hesse geschrieben: „Der lange Weg zu sich selbst“.

Dabei handelt es sich lt. Info von MystikAktuell um vier eigenständige Texte, die in dem Buch zusammengefaßt wurden. Sie sind überschrieben: „Mein Dank an Hermann Hesse“ / „Das Individuelle gegen das Normierte verteidigen“ / „Gedanken über Hermann Hesses ‚Narziß und Goldmund'“ / Hermann Hesse: Die Orientreise – Der lange Weg zu sich selbst.
Das Nachwort stammt von Karl-Josef Kuschel.

Eine Leseprobe gibt es beim Patmos-Verlag. Das Buch ist in erster Auflage 2019 erschienen und kostet gebunden 20€.

Lebensreform und Alternativmilieu der 1980er (Buch)

Ein spannendes Buch erscheint in der ersten Oktoberwoche (Nachtrag: Lieferung an mich war am 18.10.19). Die Autoren Detlef Siegfried und David Templin haben sich die historische Lebensreform um 1900 angeschaut und diese dann mit dem Alternativmilieu um 1980 verglichen. Der Untertitel des Werkes lautet: „Kontinuitäten und Brüche in Milieus der gesellschaftlichen Selbstreflexion im frühen und späten 20. Jahrhundert“. Das läßt schon erkennen, daß es eher ein Fachbuch ist, keine populärwissenschaftliche Arbeit. Siegfried und Templin fungieren als Herausgeber, d.h. das Buch enthält diverse Aufsätze von anderen Autoren. Abgerundet wird dies durch Rezensionen anderer, diese Thematik berührender Werke.

Das Buch erscheint bei V&R unipress in Göttingen. Auf der Verlagsseite gibt es schon eine Leseprobe zum Herunterladen.

Doku: Sanatorium Europa

Die Lebensreform hat derzeit eine höhere Präsenz in den Medien als üblich. Das kommt zum einen durch den gestern vorgestellten (und bei Arte ausgestrahlten) Film Sanatorium Europa, zum anderen durch die Neuerscheinung der FKK-Bildbandes Nackedeis 2.

Auch der Spiegel widmet der Doku nun einen Artikel, in dem v.a. auf Hermann Hesse und Thomas Mann eingegangen wird. Das Literaturhaus Rostock bietet übrigens eine Liste mit weiterführender Literatur zur Doku als PDF-Datei.
Ich habe die Doku selbst noch nicht gesehen, werde wohl auch erst nach meinem Urlaub (nächste Woche geht es wieder auf den Jakobsweg) dazu kommen.

Die Ostthüringer Zeitung bewirbt kurz das Buch Nackedei 2.

Wise Pilgrim Guides

Ich muß mal etwas Werbung machen: Pilgerführer für die Jakobswege gibt es (in Englisch) viele, „der Brierley“ hat mich 2015 begleitet und der Mini-Guide „Sarria – Santiago – Finisterre“ vom selben Autor wird im kommenden Sommer mit im Rucksack sein.

Gut haben mir die für Android wie iOS verfügbaren Apps vom „Wise Pilgrim“, die „Wise Pilgrim Guides“ gefallen. Schön finde ich die Übersichtlichkeit, die die Betonung auf Text und Symbole statt auf Fotos legt. Zusätzlich gibt es noch eine Online-Map-Funktion, die natürlich nur auf dem Camino verfügbar ist, wenn man die Datenverbindung aktiviert.

Und bald soll es den Wise Pilgrim Guide für den Camino Francés auch als gedrucktes Buch geben. Der Autor, Michael Matynka, hat eine Crowdfunding-Kampagne bei IndieGoGo erstellt, allerdings mit der Besonderheit, daß das Buch auf jeden Fall und unabhängig vom Ausgang der Kampagne gedruckt wird.

Und da mir die Guide Apps so gut gefallen, möchte ich an dieser Stelle einfach mal auf die Printversion verweisen, die es ab Mai 2017 geben soll.

Nachtrag März 2017: Leider fanden sich nur 21 (einundzwanzig!) Unterstützer, dennoch soll für diese das Buch gedruckt werden. Ich bin gespannt…

Ein Neuzugang

Manchmal, da packt es mich, da muß ich quasi „zuschlagen“, wenn ein Antiquariat ein von mir gesuchtes Buch unter dem üblichen Preis anbietet. Überwindung kostet mich das dann, wenn das Buch trotzdem noch recht teuer ist. So ist es mir jetzt mit „Nacktheit, Körperkultur und Erziehung“ von Adolf Koch ergangen, das meist zwischen 70 und 90€ gehandelt wird, aber nun für 60€ in mein Bücherregal gewandert ist. Viel Geld, insbesondere wenn ich überlege, wem ich diese Bibliothek einmal „vermachen“ könnte, denn ich kann bei meinen Jungs keine Disposition inhaltlicher Art – und auch was Lesen allgemein angeht – feststellen. Na ja, kommt Zeit, kommt eine Entscheidung. 🙂

Adolf Koch war ein Vorreiter der Freikörperkultur und Nacktgymnastik sozialistischer Prägung, er gab die Zeitschrift „Wir sind nackt und nennen uns Du“ heraus. Koch hatte beachtliches Stehvermögen: die Nationalsozialisten schlossen seine Institute, auch weil er sich weigerte, jüdische Mitarbeiter zu entlassen. Nach dem Krieg warb er wieder offensiv für seine Vision einer Körperschulung, bis ihn der Deutsche Verband für Freikörperkultur 1964 ausschloß, dem die Werbung Kochs und seiner Frau Irmgard zu weit ging.

Nachtrag: Was mir erst später aufgefallen ist: Im Buch ist ein Original-Autogramm von Adolf Koch aus dem Jahr 1929!

dav

Neue Lektüre (Monte Verità)

buch013… ist heute eingetroffen:

Robert Landmanns Darstellung der lebensreformerischen Siedlung auf dem Monte Verità , erschienen 1979 im Ullstein-Verlag. Die Wikipedia weiß, daß „Robert Landmann“ ein Pseudonym Werner Ackermanns ist, einem Schriftsteller, der zeitweise Miteigentümer der „Künstlerkolonie Monte Verità “ war. Also lasse ich mich aus „berufenem Munde“ ein wenig – nach der kurzen Beschäftigung mit Erich Mühsams Schrift – über den Berg der Wahrheit informieren.

Deutscher Akt (Buch)

buch10Das Buch „Deutscher Akt, Nackte Körperfreude 1920-1945“ wird vom Orion-Heimreiter-Verlag herausgegeben, über den man sich unter dem Namenseintrag des Verlegers, Dietmar Munier, bei der Wikipedia informieren kann. Es ist daher mit einer gewissen Vorsicht zu betrachten. Der Bildband dokumentiert die Akt- und FKK-Fotografie der 1920er bis 1940er Jahre, wobei schon der Hinweis auf dem hinteren Einband, daß der „gewaltige Modernisierungsschub“ in der Kunst „nach 1933“ noch beschleunigt worden sei, etwas stutzig macht, denn das Jahr 1933 stand doch eher für Restriktion und Gleichschaltung. Gerade die Freikörperkulturvereine hatten bis zur offiziellen Duldung (1941) keinen leichten Stand – 1933 erließ Göring beispielsweise einen Erlaß zur „Bekämpfung der Nacktkulturbewegung“. Man lese hierzu z.B. das Kapitel „Sonnenmenschen unter der Swastika – Die FKK-Bewegung im Dritten Reich“ von Ulrich Linse in: Michael Grisko (Hrsg.): Freikörperkultur und Lebenswelt, Kassel Univ. Press 1999.

Der Einleitungstext (ohne Autorennennung) beschäftigt sich trotz der Jahresangabe „1920“ im Untertitel im Grunde vorrangig mit der Zeit des „Dritten Reiches“. Einerseits werden die Reformbewegungen aus der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts einigermaßen korrekt und in aller Kürze vorgestellt, andererseits erhält selbst dieser zweiseitige Text einige Nebenbemerkungen, die zwar nicht unbedingt falsch sein müssen, die aber in einem solchen Bildband überflüssig sind und dann doch auf die Verlegerschaft zurückverweisen. Beispiel: Nach 1945 sei die Darstellung des kraftvollen und schönen nackten Körpers abgerissen, dafür hätten die amerikanischen Besatzungssoldaten die in Umengen produzierten Pin-Up-Girls auf Fotos bzw. Posterm mitgebracht.

Viele der Fotos stammen von Kurt Reichert, Bruno Schultz oder Othmar Helwich, aber auch Riebicke und Weidemann sind vertreten – neben vielen anderen Fotografen. Von Helwich gibt es eine 1940 erschienene Schule der Aktfotografie, von Schultz z.B. den Jahresschauband „Das deutsche Lichtbild“ von 1932, von Kurt Reichert gab es 2008 im Leipziger Kamera- und Fotomuseum die Sonderausstellung „Schön und rein, Freilichtaktfotografie aus den 1930er Jahren“. Von diesem Fotografen gibt es auch noch ein dem hier vorgestellten Buch sehr ähnliches mit dem Titel „Von Leibeszucht und Leibesschönheit“ zu kaufen. „Auf die Schnelle“ habe ich zu keinem dieser Fotografen eine spezifisch nationalsozialistische Betätigung gefunden.

Der Bildband hat mit 34x25cm für mich ein als zu groß empfundenes Format – und das merkt man auch den Fotos an, auf deren Alter der Verlag im Hinblick auf die Druck- bzw. Wiedergabequalität verweist. Ich finde, etlichen Bildern hätte es gut getan, wenn sie deutlich kleiner reproduziert worden wären. Bei recht vielen Fotos muß ich das Buch schon deutlich mit ausgestreckten Armen halten, um einen angenehmen Bildeindruck zu haben. Geschätzt 90% der dargestellten Personen sind (zumeist jüngere) Frauen.
Sieht man vom politischen Hintergrund des Verlages ab, hat man eine solide Fotosammlung, die sowohl typische FKK-Strandbilder beinhaltet, wie auch Studioaufnahmen.