Besitz (E. Strittmatter)

Hier und da habe ich über das Thema Minimalismus geschrieben, das für mich auch ein klares Lebensreform-Element ist. Mit wenigen, zentralen, mir wichtigen Dingen leben… Mir fiel es z.B. schwer, mich von einer Menge von Büchern zu trennen, die in diesem Beitrag („Schlafzimmer“) zwar nicht zu sehen sind, aber eine Wand von über 3m Breite füllten. Es gibt sie nicht mehr – außer den wenigen, die aufgehoben werden mußten.

Beim Blättern in der Gesamtausgabe der Gedichte von Eva Strittmatter fand ich nun dieses schöne Gedicht. Strittmatter wurde auch begraben an dem Ort, den sie hier beschreibt.

Meine Birke, mein Bach, meine Wiese.
Was mir nicht gehört, ist mir näher als das,
Was ich wirklich besitze. 
Ich liebe mein Haus nicht so sehr wie das Gras
An den Rändern der sandigen Heidewege,
Die unsere Kiefernwälder durchziehn. 
Und wie die Wolken von Weidenrosen,
Die violett auf den Kahlschlägen blühn.
Die karge Schönheit des Sandes gehört mir
Und gehörte mir schon von Anfang an. 
In dieser Welt bin ich aufgewachsen,
Hier war es, wo ich zu sehen begann.
Ein Haus könnte ich wohl überall haben,
Und Länder gibt es, die liebe ich sehr.
Aber würde ich mich woanders eingraben,
Ich schlüge doch keine Wurzeln mehr.
Meine Birke, mein Bach, meine einsamen Wege.
Hier lebe ich mit der Freiheit, zu gehn,
Und bleibe: Ich hab mich noch immer
An der Schönheit des Sandes nicht satt gesehen. 

Verlornes Jahr – Coronabetrachtungen

„Verlornes Jahr. Die große Zeit
In kleiner Münze hingestreut.
September unterm Spinnenhaar.
Bereift. Verweint. Verlornes Jahr.“

(Eva Strittmatter)

 

Tatsächlich fühlt sich das „Coronajahr 2020“ für mich wie ein verlorenes Jahr an. Verlust heißt für mich v.a. Verlust von Lebensqualität. Das fängt klein an bei Abstands- und Maskenregeln, geht aber schnell zum „großen Verlust“, nämlich dem des Reisens. Ich brauche das Reisen als Ausgleich zu meiner Arbeit – und Reisen ist nur bedingt „Ostsee“ oder „Lüneburger Heide“ oder „Zeeland“, es sind doch die wärmeren, südlicheren Gefilde, die mir die Erholung bringen (und wenn ich an meine Caminos denke oder Fuerteventura – soviel mehr als nur „Erholung“: Weite, Freiheit, Tiefe, religiöses Erleben…). „Verlornes Jahr – Coronabetrachtungen“ weiterlesen

Jetzt heisst es nur noch: Haltung zeigen (Strittmatter)

Jetzt heisst es nur noch: Haltung zeigen.
Aber wo nehme ich sie her?
Ich habe keine Haltung. Seelenschwer
Ich bin betrübt. Das Haupt zu neigen
In Demut
und um Gnade flehen,
Fürbittend knien, so ist mein Drang …
Doch aufrecht geh ich meinen Gang
Gewohnte Wege. Die mich sehen,
Lassen sich täuschen, und sie meinen:
Du bist so heiter letzter Zeit …
Wenn Haltung heißt: nach innen weinen,
Dann lebe ich in Heiterkeit.

Eva Strittmatter

Zikadennächte (Strittmatter)

Nun ist auch der Urlaub 2015 vorbei, wenn man davon absieht, daß ich bald für 5 Wochen in Spanien sein werde, was ich jedoch nicht so ganz als Urlaub definiere. Norwegen, Rügen – es war halt wieder kalt, auch wenn auf Rügen noch recht gutes Wetter herrschte. So gehen meine Gedanken immer wieder zurück zum Kroatienurlaub – und manch ein kurzes Wort ruft mir wieder Bilder, Düfte, Stimmungen in Erinnerung. So ging es mir bei Strittmatters Gedicht „Zikadennächte“.

003

 

Zikadennächte. Man sollte sie
Auf einem Ton nachsingen.
Wie will man die Anti-Melodie
Der Zikaden in Worte zwingen?
Die Wärme der Steine. Der graue Geruch
Und das Flüstern der Gräser im Finstern.
Verkrüppelte Kiefern am Felsenabbruch.
Und hinter Wermut und Ginstern
Der südliche See, der da ist und schweigt,
Überschrillt von den Zikaden:
Ein irr gewordener Geiger geigt
Auf einem Silberfaden.

Eva Strittmatter

Heißer mit jedem Jahr (Strittmatter)

„Am Rand des Unentdeckten wohnen
Und nicht schrecken ist schwer.
Doch sind die Wolken heute leicht.
Der Dämmerwind webt in den Kiefernkronen.
Die nah am Himmel sind. Der Tag verbleicht.
Die Schatten werden schwärzer.
Und das Licht wird weißer.
Bevor es Nacht wird. Es ist Januar.
Die Tage taumeln. Man lebt heißer
Mit jedem abgelebten Jahr.“

[Eva Strittmatter, Januar]

Vor einem Herbst (Strittmatter)

Im Herbst soll einer auf mich warten.
Er soll so warten, daß ich kommen muß.
In einem gelben alten Garten.
Kurz vor dem Winter. Kurz vorm Schluß
Von allem. In der Weile,
Die zwischen Schnee und Regen bleibt.
Da suche ich die eine Zeile,
Die man vielleicht im Leben schreibt.

[Eva Strittmatter]