Führt Nacktheit zu Mißbrauch?

Bei SWR2 gibt es einen kurzen Artikel über das Nacktsein. Interessant der Hinweis auf die „PARTNER 5-Studie Erwachsenensexualität“, wonach speziell Menschen unter 25 Jahren „zurückhaltend mit ihrer Nacktheit umgehen“. Das ist die Generation, die die Freikörperkultur in die Zukunft tragen könnte. Fraglich ist, ob sie ihre Haltung zur Nacktheit beibehält oder mit zunehmendem Alter offener wird.

Die Erklärung, die die Autorin im Rückgriff auf Konrad Weller, emeritierter Professor der Hochschule Merseburg, bietet, ist für mich nicht ganz schlüssig. Die „sexualfreundliche Erziehung“ der 70er sei seit den 90ern auch aufgrund der Mißbrauchsdebatte einer „grenzachtenderen“ Erziehung gewichen.
Das ist eigentlich ein Hammer, das so auszudrücken, heißt es doch im Grunde: Nacktheit in der Familie führt zu Mißbrauch. Oder: Nacktheit öffnet die Türen für Mißbrauch. Unglaublich – das kann nur jemand schreiben, der selbst mit Freikörperkultur überhaupt nichts zu tun hat.

Ich sehe gerade, daß die erwähnte Studie an der besagten Hochschule in Merseburg durchgeführt worden ist. Und  sie wird als „Primärbericht zu sexuellen Grenzverletzungen und sexualisierter Gewalt“ bezeichnet… Soll heißen: man schaut da schon aus einem bestimmten Winkel auf Nacktheit – oder: mit FKK hat das nichts zu tun. (Aber: wieso wird es verknüpft, so wie man aktuell die sogenannten Querdenker ganz aggressiv mit den historischen Lebensreformern verbindet, um zu zeigen, daß das im Grunde alles nur Nazis sind.)

Nebenbei: es gab keine sexualfreundliche Erziehung flächendeckend in den 70ern – ich habe sie garantiert nicht genossen. Andererseits waren wir als Eltern vor unseren ab 2001 geborenen Kindern oft und natürlicherweise nackt, waren auch gemeinsam mit ihnen am FKK-Strand (ja  und tatsächlich auch ohne Mißbrauch in der Familie…), aber trotzdem passen die Jungs heute genau in das von der Autorin geschilderte Verhalten: die würden nicht nackt baden gehen.

Andererseits wird ein Aspekt aufgegriffen, den ich auch schon erwähnt habe: das bodyshaming vor dem Hintergrund der medialen Berieselung und den role models. Aber, auch dabei bleibe ich: meiner Meinung nach ist es vor allem das Mobiltelefon mit immer besser werdenden Kameramodulen, das junge Leute davon abhält, mit Freunden nackt baden zu gehen. Denn man müßte sich in der Gruppe absprechen, daß man die Handys zuhause läßt. Wer macht das? Die Entwicklung wird zu kleineren Kameras gehen, die perfekt für die Überwachung geeignet sind, damit auch für unauffälliges Fotografieren. Ähnlich wie man nun die Apple Air Tags zur Überwachung von Personen nutzen kann.

Hier wäre es interessant, nach der Sozialisation mit dem Handy zu fragen. Wie gehen Eltern und Kinder mit dem Handy um? Wie wird den Kindern erklärt, daß sie keine Nacktfotos machen dürfen? Daß sie die niemals in soziale Netzwerke laden dürfen usw.  Meine These: die Kinder werden von klein auf (also ab dem 1. Handy) darauf getrimmt, die Abbildung von Nacktheit als problematisch zu sehen. Kann es sein, daß sie das später generalisiert auf die Nacktheit übertragen?

Engelhardt – Ich bin dann mal nackt (Kurzrezension)

Ich bin dann mal nackt

Neu ist weder der Titel (Hape, ick hör dir trapsen) noch die Idee, denn auch Mark Haskell Smith hat in Naked at Lunch einen solchen Selbstversuch unternommen. Also gilt es zu schauen, wo der 1971 geborene Journalist etwas anders oder besser macht. Im Vorwort gefällt mir, wie Engelhardt Nacktheit als „kleinstmögliche Utopie“ bezeichnet, wenn es darum geht, „Widerstand gegen Konsum und andere gesellschaftliche Zwänge“ zu leisten.

Auf Rügen startet die Reise zu den „unverhüllten Kulturen der Welt“, wobei hier die FKK-Kultur der ehemaligen DDR im Vordergrund steht. Sprung nach Honduras auf das „Big Nude Boat“, also analog zu Smith eine „Nacktkreuzfahrt“ – nude vacations – Nakation… Hier geht es v.a. um die Nacktheit in der Neuen Welt mit dem interessanten Hinweis, daß es in der Karibik keine offiziellen Nacktbadestrände gebe. Das Schiff muß an privaten Inseln oder Ferienanlagen halten, damit nackt im Meer geschwommen werden darf. „Engelhardt – Ich bin dann mal nackt (Kurzrezension)“ weiterlesen

Brust an Brust zum Frust?

Durch die Nachrichten der letzten Woche lief die Meldung, in städtischen Bädern Göttingens dürfen Frauen, äh, Menschen mit Brüsten, nun am Wochenende „oben ohne“ baden (der Link zum Artikel „Brust an Brust“ ist schon im August 2022 verschwunden, der Artikel über die Suche nicht auffindbar… https://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.baden-goettingen-erlaubt-in-schwimmbaedern-oben-ohne-fuer-alle.f9451a90-8172-45c3-a69a-c25873337a8a.html).

Dies geht zurück auf die Agitation einer Initiative namens „Gleiche Brust für alle“ und eine Person namens Mina Berger, die im letzten Jahr oben ohne badete, obgleich sie sich dem Vernehmen nach als non-binär sieht.

Spannend diese neue Entwicklung, war doch noch vor einiger Zeit eine Diskussion dazu entbrannt, ob String-Tangas im Wellness-Bereich getragen werden dürfen. „Brust an Brust zum Frust?“ weiterlesen

Totgesagte leben länger (FKK)

In Berlin, so ein Artikel von Xenia Balzereit für tipBerlin, boomt die totgesagte Freikörperkultur – ein sehr lesenswerter Artikel!

Die Autorin stellt mehrere Formen vor, wie und wo FKK gelebt wird. Da ist der nach wie vor existierende Familiensportverein Adolf Koch, der auf den bekannten Lebensreformer zurückgeht, s. diesen Beitrag über Kochs Buch. Aber auch FKK-WGs haben sich etabliert, in denen man nackt miteinander lebt. Doch gibt es auch After-Hour-Partys oder sonstige Feiern, bei denen Nacktheit „sexpositiv“ stattfindet, so Balzereit. Da darf mehr „gehen“ als nur Nacktheit.

Mehr verrate ich nicht zum Artikel – bitte selbst lesen. 😉

Ausstellung Badekultur

Im Museum Gradierwerk in Bad Salzungen wird von August bis Mitte Oktober 2021 eine Ausstellung zum Thema Badekultur in Ost und West gezeigt, die in Kooperation mit der Römertherme Köln-Zülpich entwickelt wurde.
Info des Museums / Info des MDR

FKK und Social Media

(Aktualisiert, s. Ende)

Gerade geht der Name Heiko Stoff – gern auch mit Zusatz „nomen est omen“ – durch die Presse, weil Sommer ist, Sommerloch trotz Corona – und FKK im Sterben liegt. Stoff, Privatdozent am Institut für Geschichte, Ethik und Philosophie der Medizin der Medizinischen Hochschule Hannover, hat festgestellt, daß die sozialen Medien schuld am Aussterben von FKK seien. Ist nicht schwer, darauf zu kommen; diese These findet sich auch hier im Blog, insbesondere mit dem „hardware-seitigen“ Hinweis über die All-Verfügbarkeit moderner Smartphones mit sehr guten Kameras und dem „unauffälligen“, konfigurierbaren Knipser durch schnelles Drücken der Lautstärketasten o.ä.

Man bezieht sich in der aktuellen Berichterstattung auf eine YouGov-Umfrage dazu, wie wohl sich „die Deutschen“ (gut 2000 Befragte) nackt fühlen. Die Grafik zeigt mir zunächst, daß sich v.a. Frauen dort unwohl fühlen, wo man/frau/divers nackt ist. Fast 40% der Frauen meiden solche Ort völlig. FKK ist auch nicht mehr so verbreitet, das zieht sich durch die Berichterstattung der letzten Jahre hindurch: Ungefähr jeder Vierte war mindestens einmal am Strand nackt, jeder Fünfte an Badeseen, jeder Zehnte im Hotel oder Resort. Die Grafik zeigt, daß die Sauna dominiert, was Nacktsein angeht, danach kommen Strand und Badesee, dann werden die Abstände deutlich größer.
Viele Menschen empfinden Unbehagen, wenn sie nackt sind, es ist ihnen peinlich. Bei dieser Grafik ist v.a. interessant, daß „sexuelle Erregung“ ganz am Ende steht. Das zeigt, daß die angegebenen Gefühle von „Peinlichkeit“ und Scham echt sind. Gepolstert werden die unangenehmen Gefühle von einem breiten Mittelbereich aus „Freiheit“, Natürlichkeit usw.
Zusammengefaßt: jeder Dritte meidet Orte, an denen man nackt ist.

Stoff interpretiert dies als Folge von Instagram und den Social Media. Es gebe eine Angst vor dem eigenen nackten Körper, so wie er ist. Für Instagram würden viele Bilder nachbearbeitet, d.h. man erschaffe sich einen künstlichen Traumkörper, der der Öffentlichkeit präsentiert wird. Das geht am Strand oder in der Sauna nicht, da sehen anderen Menschen meinen Körper so, wie er ist – mit allen „Makeln“.
Interessant der kurze Gedanke im verlinkten Kurier-Artikel: dieses neue Empfinden sei eine Umkehr des Denkens im Bezug auf Nacktheit: diese stand im lebensreformerischen Sinn für Gleichheit – die Unterschiede durch (standesgemäße) Kleidung seien weggefallen. Jetzt wird, so kann man fortführen, der Körper (im Bild) so bearbeitet, daß ein künstlicher Unterschied („mein perfekter Body“) geschaffen wird. Dafür zeigt man den „echten Body“ nicht mehr nackt, weil er so viele Fehler hat.

Bei diesem Denken liegt der Fokus in der Außenwahrnehmung. Was denken andere Leute über meinen Körper? Wie perfekt muß das Bild sein, damit andere mich bewundern?
Beim Naturismus liegt der Fokus auf der Selbstwahrnehmung, auf dem, was ich oben als Polster in der Umfrage bezeichnet habe: Freiheit, Natürlichkeit – auch Akzeptanz meiner selbst so, wie ich bin. Das ist in einer Welt, in der „alles machbar“ sein muß, nicht angesagt.

Wie sehr Menschen willfährig einem Kult hinterherrennen, sieht man an der artigen Befolgung aller Coronamaßnahmen inkl. Ich-gehöre-dazu-Spritze. Am FKK-Strand heißt das: ich will nicht mit meiner Fettschürze für alle nackt zu sehen sein, also poste ich ein bearbeitetes, vorteilhaftes Bild mit Cocktail vor Sonnenuntergang – und die Bewunderung meiner „follower“ ist mir sicher.

Wenn ich das so schreibe, merke ich, wie sehr ich mich nach einem weiteren Besuch am Darßer Weststrand sehne. 🙂

Nachtrag: Im Deutschlandfunk wies die Sexualtherapeutin Carla Pohlink darauf hin, daß bei Frauen ein zusätzliches Schamgefühl durch die Intimrasur entstehe, die sich als Modetrend durchgesetzt habe. Männer hätten eher schon mal den Penis eines anderen Mannes gesehen, aber Frauen nicht das Genital anderer Frauen. Durch die Entfernung der Haare sei nun alles sichtbar. Zudem hätte sich durch die Pornoindustrie ein Schönheitsideal für das weibliche Genital entwickelt.
Da ist was dran, insbesondere wenn man auf das Thema Schönheitsoperationen an den Schamlippen schaut (oder auch Vulva-Malen-Workshops).
Eine frühere Partnerin von mir hat diesen Rasurtrend massiv kritisiert; sie sagte: „Ihr Männer wollt uns Frauen wieder wie kleine Mädchen sehen.“ Sie hat den Trend also in den Zusammenhang mit pädophilen Wünschen der Männer gebracht, eine Reduktion der erwachsenen Frau auf ein unreifes Kind. Man könnte das Thema auch psychologisch deuten im Sinne der Angst des Mannes vor der behaarten, daher versteckten Öffnung, die den Penis „schluckt“ – also die männliche Kastrationsangst.

Ich glaube, daß dieser Einwurf von Frau Pohlink wirklich wichtig ist. Intimrasur erzeugt „mehr Nacktheit“ auf Seite der Frauen.

(Scherz am Rande: Ein jovialer älterer Bekannter sagte mal: „Jetzt habe ich mich das erste Mal rasiert. Genial! Jetzt ist ER gleich zwei Zentimeter länger…“)

Internationaler Tag der Nacktheit

Zum heutigen „Internationalen Tag der Nacktheit“ ein Verweis auf eine Umfrage von YouGov dazu, ob und wo sich Deutsche nackt wohlfühlen. Man kann das gern selbst nachlesen; die Zahlen zeigen m.E. den schon lange beobachtbaren Rückgang des Themas FKK in der Öffentlichkeit.

Andererseits ist FKK (als Bewegung) „sehr deutsch“, findet Hans Bergemann, Mitarbeiter der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft im Interview mit Jungle.world. Er verweist darauf, daß es einen Spannungsbogen gibt zwischen der medial sehr präsenten Nacktheit und deren Rückgang im privaten Bereich. Für Bergemann ist dieser Rückgang ein Verlust von Freiheit: FKK stand einmal für Freiheit, doch die Bedeutung des Entblößens im Sinne des Gewinns an Freiheit habe sich verloren. Im Sinne der Freikörperkultur sei die Nacktheit ideologisch überhöht worden, wobei das Thema „Sex“ weggefallen sei.

In einem kurzen Beitrag berichtet die WELT davon, daß das „schwedische Baden“ (= Nacktbaden) nicht auf die DDR zurückgehe, sondern, wie sicher viele wissen, auf die Kaiserzeit. Claudia Rusch berichtet über ihre eigenen Erlebnisse.

Beim TAG24 hat man diese Erklärung dafür, daß FKK bei jungen Leuten nicht mehr in ist: „Sich komplett textilfrei zu zeigen, macht schutzlos. Dabei will man doch vor allem in der heutigen Zeit den perfekten Anschein wahren.“ (Ein Zitat des „Geschlechterforschers“ Matthias Stiehler)
Da ist auch aus meiner Sicht etwas dran. Aber es ist nur ein Aspekt. Ein anderer ist die Verfügbarkeit guter Foto-Handys, mit denen alle privaten Anlässe festgehalten und über soziale Medien geteilt werden. Natürlich gab es auch früher Fotografie, aber heute kann man „unbemerkt knipsen“ und das Ergebnis geht innerhalb von Minuten einmal um die Welt…
Möglicherweise ist da noch eine Sache: Bei den Jugendlichen, die ich kenne, erlebe ich eine starke Verhaftung am Zeitgeist, einen deutlichen Trend zur Uniformität in Kleidung und Lebensäußerungen. Subkulturen scheinen abzunehmen, während die „Einheitskleidung“ der jungen Menschen überall zu sehen ist. Ein Freund sagte neulich: „Schau dir mal das Mädel da an, höchstens 14, sieht aber in den Klamotten wie 18 aus.“
Mir stellt sich gerade auch beim Blick auf meine Söhne immer wieder die Frage, wo sich diese jungen Menschen verorten, was ihre Lebensträume sind. Oft geht das in Richtung „guter Job“, Geldverdienen, Urlaube, Dolce Vita. Wenn ich das bei mir „sacken lasse“, da entsteht die Frage nach Selbstbestimmung, Freiheit, Transzendenz.

Kleiner Tip noch zum Ende: Lesenswert ist das Buch „A Brief History of Nakedness“ von Philip Carr-Gomm, Leiter des Ordens der Barden, Ovaten und Druiden.