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Verlornes Jahr – Coronabetrachtungen

„Verlornes Jahr. Die große Zeit
In kleiner Münze hingestreut.
September unterm Spinnenhaar.
Bereift. Verweint. Verlornes Jahr.“

(Eva Strittmatter)

 

Tatsächlich fühlt sich das „Coronajahr 2020“ für mich wie ein verlorenes Jahr an. Verlust heißt für mich v.a. Verlust von Lebensqualität. Das fängt klein an bei Abstands- und Maskenregeln, geht aber schnell zum „großen Verlust“, nämlich dem des Reisens. Ich brauche das Reisen als Ausgleich zu meiner Arbeit – und Reisen ist nur bedingt „Ostsee“ oder „Lüneburger Heide“ oder „Zeeland“, es sind doch die wärmeren, südlicheren Gefilde, die mir die Erholung bringen (und wenn ich an meine Caminos denke oder Fuerteventura – soviel mehr als nur „Erholung“: Weite, Freiheit, Tiefe, religiöses Erleben…).

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Verfall (G. Trakl)

Am Abend, wenn die Glocken Frieden läuten,
Folg ich der Vögel wundervollen Flügen,
Die lang geschart, gleich frommen Pilgerzügen,
Entschwinden in den herbstlich klaren Weiten.

Hinwandelnd durch den dämmervollen Garten
Träum ich nach ihren helleren Geschicken
Und fühl der Stunden Weiser kaum mehr rücken.
So folg ich über Wolken ihren Fahrten.

Da macht ein Hauch mich von Verfall erzittern.
Die Amsel klagt in den entlaubten Zweigen.
Es schwankt der rote Wein an rostigen Gittern,

Indes wie blasser Kinder Todesreigen
Um dunkle Brunnenränder, die verwittern,
Im Wind sich fröstelnd blaue Astern neigen.

Georg Trakl

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Abendrot im Walde (Meyer)

In den Wald bin ich geflüchtet,
Ein zu Tod gehetztes Wild,
Da die letzte Glut der Sonne
Längs den glatten Stämmen quillt.

Keuchend lieg ich. Mir zu Seiten
Blutet, siehe, Moos und Stein –
Strömt das Blut aus meinen Wunden?
Oder ists der Abendschein?

[Conrad Ferdinand Meyer]

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Mein Camino Francés 2015

Villambistia bis Atapuerca (CF19)

[Die Seite ist Teil des Berichts über meinen Camino Francés 2015.]

Die Nacht wurde so, wie man es bei kleinem Raum mit gut 20-30 Schläfern erwarten kann: neben mir (leider nicht nur örtlich zu verstehen) schnarchten mehrere Leute sehr laut. Hinzu kam, daß ich an die tote Bettwanze dachte und nicht wußte, ob hier heute nacht welche aktiv sein würden. Ich war zur Sicherheit auf ein Stockbett mitten im Raum, oberes Bett, umgezogen, aber das sollte später in Barbadelo auch kein Schutz sein: die Bettwanzen lassen sich zielgenau von der Decke auf die Schläfer fallen…
Ab 5 Uhr mußte ständig jemand auf die Toilette, ab 6 wurde gepackt.
Frühstück nach dem Motto „da ist eine Bohne ins Wasser gefallen“ gab es eher auf dem Flur und im Stehen, soll heißen, ich trank schnell etwas, packte mir etwas zum Essen ein und verzog mich mit meinem ganzen Kram nach draußen auf eine Bank neben dem Brunnen, wo ich mich im Schein der Laterne sortierte, die Schuhe anzog und wieder durch den schlafenden Ort zur Streckenführung des Jakobsweges zurückging.

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Mein Camino Francés 2015

Navarrete bis Azofra (CF16)

[Die Seite ist Teil des Berichts über meinen Camino Francés 2015.]

Zuerst dachte ich mir nichts groß dabei, als Helga zwischen Logroño (Stadt) und dem Parque Granjera an einer Wurzel mit dem Fuß abgerutscht und umgeknickt war. Sie bat mich abends um etwas Voltaren-Gel. Heute eröffnete sie mir dann, daß der Fuß mehr schmerze, als sie das erwartet habe. Es standen knapp 23 Kilometer an, die Helga aber doch irgendwie meisterte, das heißt wir gingen nicht wesentlich langsamer, weil sie das nicht näher thematisierte.

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Was war mein Leben? (H. Hesse)

kufst

Was war mein Leben, wenn es heut soll enden?
Verträumt? Verloren? Nein, es war ein Ring
Von stillen Freuden, die mit vollen Händen
Ich nahm und weitergab und neu empfing.

Es war ein Liebesbund mit dieser Erde,
Die mich mit ihrer Schönheit tief beglückt
Und immer doch mit mächtiger Gebärde
Mein Ziel hinaus ins Ewige gerückt.

Es war mit Wasser, Bergeswind und Fluren
Ein brüderlicher Bund, der niemals brach,
Mit allen Wolken, die im Blauen fuhren
Und deren Lied von unsrer Heimat sprach.

Mit ihren großen ewigen Gewalten
Hab ich in Treue Brüderschaft gehalten;
Und meine Sünde war in all den Jahren,
Daß sie mir lieber als die Menschen waren.

[Hermann Hesse, 1903]

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Wenn es nur einmal so ganz stille wäre (Rilke)

Wenn es nur einmal so ganz stille wäre.
Wenn das Zufällige und Ungefähre
verstummte und das nachbarliche Lachen,
wenn das Geräusch, das meine Sinne machen,
mich nicht so sehr verhinderte am Wachen –

Dann könnte ich in einem tausendfachen
Gedanken bis an deinen Rand dich denken
und dich besitzen (nur ein Lächeln lang),
um dich an alles Leben zu verschenken
wie einen Dank.

[Rainer Maria Rilke]

(Gedanken dazu bei LyrikRilke.de)

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Ich bin nicht ich (Jiménez)

„Soy este
que va a mi lado sin yo verlo;
que, a veces, voy a ver,
y que, a veces, olvido.
El que calla, sereno, cuando hablo,
el que perdona, dulce, cuando odio,
el que pasea por donde no estoy,
el que quedará en pié cuando yo muera.“

Yo no soy yo (Juan Ramón Jiménez)

Ich bin der,
der an meiner Seite geht, ohne daß ich ihn sehe;
den ich manchmal besuche,
und den ich manchmal vergesse.
Er, der schweigt, still, wenn ich spreche,
er, der vergibt, sanft, wenn ich hasse,
er, der geht, wo ich nicht bin,
er, der stehenbleibt, wenn ich sterbe.

[Übers. V. Wagner]

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Jetzt heisst es nur noch: Haltung zeigen (Strittmatter)

Jetzt heisst es nur noch: Haltung zeigen.
Aber wo nehme ich sie her?
Ich habe keine Haltung. Seelenschwer
Ich bin betrübt. Das Haupt zu neigen
In Demut
und um Gnade flehen,
Fürbittend knien, so ist mein Drang …
Doch aufrecht geh ich meinen Gang
Gewohnte Wege. Die mich sehen,
Lassen sich täuschen, und sie meinen:
Du bist so heiter letzter Zeit …
Wenn Haltung heißt: nach innen weinen,
Dann lebe ich in Heiterkeit.

Eva Strittmatter

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Bitte (Th. Mülhause-Vogeler)

Mit einem Gedicht der FKK-Vorreiterin, deren Buch über Freie Lebensgestaltung ich hier kurz vorstellte, verabschiede ich mich ins Wochenende:

Ich bitte, nimm mein Herz in Deine Hände und mach es still.
Gib meiner müden, bangen Not die Wende, daß es nichts will.
Gib, daß es, was an Glück ihm ward gegeben, ermessen kann.
Schenk‘ ihm, daß es, was ihm versagt im Leben, vergessen kann.

[Therese Mülhause-Vogeler, in: Stunde zwischen Tag und Traum, Regensburg 1961 – netterweise ein von der Autorin handsigniertes Exemplar]