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Verfall (G. Trakl)

Am Abend, wenn die Glocken Frieden läuten,
Folg ich der Vögel wundervollen Flügen,
Die lang geschart, gleich frommen Pilgerzügen,
Entschwinden in den herbstlich klaren Weiten.

Hinwandelnd durch den dämmervollen Garten
Träum ich nach ihren helleren Geschicken
Und fühl der Stunden Weiser kaum mehr rücken.
So folg ich über Wolken ihren Fahrten.

Da macht ein Hauch mich von Verfall erzittern.
Die Amsel klagt in den entlaubten Zweigen.
Es schwankt der rote Wein an rostigen Gittern,

Indes wie blasser Kinder Todesreigen
Um dunkle Brunnenränder, die verwittern,
Im Wind sich fröstelnd blaue Astern neigen.

Georg Trakl

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Die dunklen Flöten des Herbstes (Buch)

„Ja, er schrieb Gedichte. Er schrieb Verse von seltsamer Schönheit, sie tauchten aus seinem Inneren empor. Er fühlte sie wachsen, beglückend groß werden, zu einer tönenden Stimme werden, die ihn zwang, den Bleistift in die Hand zu nehmen und zu schreiben.“

Ich habe gestern morgen Helmut Schinagls Jugendroman „Die dunklen Flöten des Herbstes – Der Lebensroman des Dichters Georg Trakl“ zu Ende gelesen.

„Die Bilder, die ich sehe – die muß ich einfach ins Wort zwingen, ich muß, es muß mir gelingen! So, wie sie auf mich zukommen, kann ich sie nicht aufschreiben. Sie bestehen ja großteils nur aus Gefühlen, aus Farben, aus Formen und Klängen. Mir kommt es manchmal vor, als wäre ich ein Maler und müßte das Schmettern einer Trompete mit einem Pinselstrich wiedergeben.“

(Beide Zitate aus Schinagl)

Mit beeindruckenden Worten beschreibt Schinagl das (kurze) Leben Trakls: seinen Schreibdrang, seine Selbstzweifel, seine psychische Instabilität, seine Unfähigkeit, einen Beruf auszuüben, seine letzten Tage im Militärhospital in Krakau.

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Andacht (Trakl)

Das Unverlorne meiner jungen Jahre
Ist stille Andacht an ein Glockenläuten,
An aller Kirchen dämmernde Altare
Und ihrer blauen Kuppeln Himmelweiten.

An einer Orgel abendliche Weise,
An weiter Plätze dunkelndes Verhallen,
Und an ein Brunnenplätschern, sanft und leise
Und süß, wie unverstandnes Kinderlallen.

Ich seh‘ mich träumend still die Hände falten
Und längst vergessene Gebete flüstern,
Und frühe Schwermut meinen Blick umdüstern.

Da schimmert aus verworrenen Gestalten
Ein Frauenbild, umflort von finstrer Trauer,
Und gießt in mich den Kelch verruchter Schauer.

[Andacht, Georg Trakl]