Ö1 Radiokolleg – Lebensreform (Teil 2)

Der zweite Teil der dreiteiligen Sendereihe kann nur online angehört werden.

Man hangelt sich lang von Diefenbach und seinen Kommunen, speziell Himmelhof (Ober St. Veit), bis hin zum Monte Verità („aufregendes Laboratorium der Lebensreformbewegung“), der nur kurz angeschnitten wird. Diefenbach wird dabei ganz im „autoritär-utopistischen“ Stil des 19. Jahrdunderts verortet, wohingegen sein „abgefallener“ Schüler Gusto Gräser, einer der Mitgründer in Ascona, individueller und selbstbestimmter gewesen sei, mithin das 20. Jahrhundert repräsentiert habe.

Interessant in dem Zusammenhang: Die Kommune in Himmelhof habe nicht funktioniert, weil viele gescheiterte Existenzen aufgetaucht seien, die „Halt gesucht“ hätten. Das kam mir gleich sehr vertraut vor, weil ich ähnliches in der neuheidnischen Szene der frühen 2000er Jahre erlebt habe.

Zum Schluß dann der für mich nervigste Part – die angebliche Dreiteilung der Lebensreform-Wellen: klassische Phase, 68er/Alternativbewegung – und die Querdenker-Bewegung heute. Mir ging heute morgen durch den Kopf, ob es schlichtweg Unkenntnis der Medien ist, die sie die von zwei Personen forcierte These einer 3. Lebensreformbewegung so kritiklos aufgreifen läßt. Ich habe schon in der Rezension zu Speit geschrieben, daß für mich keine 3. Bewegung aktuell erkennbar ist – das ist, wie zum 1. Teil der Sendereihe geschrieben, ein Diffamierungsversuch staatstreuer Journalisten, der Menschengruppen als spinnert, verschroben, naiv charakterisieren soll, was ursächlich für ein Ende im Faschismus sei.

Lieber Österreichischer Rundfunk: Auch wenn man Expert:_*Innen aus Deutschland zu Wort kommen läßt – ein bißchen investigativer darf man schon sein. Warum wird die Aussage zur sogenannten 3. Lebensreform unkommentiert kolportiert? Weil der Herr Greiner der Experte ist? Sorry, das ist für mich ein sehr seichtes journalistisches Niveau.

Nebenbei: so ein bißchen entlarvt sich der Herr Greiner bei seinen Aussagen zu den Grünen. Die hätten am Anfang den Slogan „nicht links, nicht rechts, sondern vorne“ gehabt, was im Grunde ähnlich von Rechtsextremisten gehandhabt werde. Und tatsächlich seien Völkische dabei gewesen, aber „die Grünen“ (also die „anderen“ Grünen) hätten schnell eine rote Linie (wahrlich!) gezogen, so daß sich die heute bekannte Partei der „Fundis“ und „Realos“ entwickelt habe. Ach so, dann ist ja alles gut. Klingt harmlos, aber im Grunde könnte man sagen, – das sagt Greiner nicht – sind die Grünen eine weit nach links ausladende Partei geworden. Für manche werden dann die Querdenker zu so etwas wie der Rückkehr von Baldur Springmann – und schlimmeres.

Im Grunde müßte man zunächst beim Begriff der Querdenker anfangen und fragen: wie legitim ist dieser zusammenfassende Terminus? Denn schon hier fängt Diffamierung an: wer sich querstellt, der verweigert sich der guten, geraden, von oben gewünschten Gehweise. Der Wille, Impf- und Coronamaßnahmengegner zu delegitimieren, gesellschaftlich zu ächten, ist ganz klares Programm, wozu man alle als „Querdenker“ in einen Topf wirft, auch die sogenannten „Spaziergänger“. Hat man erst einmal den Begriff der Querdenker, dann bietet sich an, sie an eine ähnlich heterogene Bewegung (Lebensreform) rückzukoppeln, denn die hat ja geradewegs zu Hitler geführt…
Die Agenda ist durchschaubar, sie wird aber willig von der Journaille aufgegriffen. Muß man ja nicht selbst denken, gar querdenken…

Vegetarianer (Roman)

Im Picus-Verlag ist im März der Roman „Vegetarianer“ von Felix Kucher erschienen, der sich mit einer der Ikonen der Lebensreform-Bewegung befaßt, dem Maler Karl Wilhelm Diefenbach. Der Verlag bewirbt das Buch so:

„Er ist einer der schillerndsten Vertreter der Lebensreformbewegung im späten 19. Jahrhundert: Der Maler Karl Wilhelm Diefenbach predigt seine Heilslehre von Rohkosternährung, Nacktkörperkultur und freier Liebe als viel geschmähter »Kohlrabiapostel« auf Münchens Straßen. Dass er selbst von wiederkehrenden heftigen Magen- und Gliederschmerzen geplagt wird, schwächt weder seine Überzeugung noch seine Ablehnung der konventionellen Medizin. Zu gesundheitlichen gesellen sich regelmäßig finanzielle Nöte, die der begabte Maler durch Auftragsarbeiten immer wieder knapp abwenden kann. In einem verlassenen Steinbruch in der Nähe von München gründet er in den 1880er Jahren eine Kommune, doch damit beginnen seine Probleme erst richtig …“

Das gebundene Buch ist für 24€ erhältlich.

Eine kurze Besprechung des Buchs findet sich z.B. bei Puls24.

Fidus und Diefenbach

Eines meiner ersten Bücher über die Lebensreform war das Büchlein über die Alpenreise von Fidus und seinem Meister Diefenbach. Daran erinnerte ich mich eben mit einem Schmunzeln. Vor einigen Wochen habe ich hier mit einem in meiner Familie vielbelächelten Projekt begonnen: Ich kaufe thematisch zu den Abteilungen meines großen Bücherregals passende Playmobil-Figuren und stelle sie zu den Büchern ins Regal. Da gibt es nun einen Benediktiner, einen Stabilitas-Loci-Mönch, sowie seinen „Gegenspieler“, einen Franziskaner. Einen modernen Pilger und einen historischen. Kreuzritter, ein Flamenco-Paar, einen Beduinen mit Dromedar. Und eben, tja, auch den Künstler alles Lichtbaren mit seinem Meister:

Ladies and Gentlemen, may I introduce to you: FIDUS and DIEFENBAAAAAAAACH!

Jugendstil (Ausstellung)

Das Landesmuseum Wiesbaden präsentiert ab sofort die Dauerausstellung „Jugendstil“ auf der Basis einer Schenkung von F.W. Neess anläßlich seines 90. Geburtstages (FAZ / FAZ) . In fünf Räumen werden unterschiedlichste Exponate wie Möbel, Gemälde, Lampen der auf ca. 41 Millionen Euro geschätzten Ausstellung gezeigt.
Soweit aus dem Artikel ersichtlich, sind auch Karl Wilhelm Diefenbach und Fidus mit Bildern vertreten.

Hier findet sich ein Interview mit F.W. Neess.
Der Katalog kostet 29,90€.

Die Schönheit (Zeitschrift) – „Im Dienste klassischer Ideale“

buch031Wer sich mit der Lebensreform beschäftigt, v.a. mit der Freikörperkultur, der wird immer wieder auf die Zeitschrift „Die Schönheit“ als Quellenangabe stoßen. Erstmalig 1902 von Karl Vanselow im Verlag der Schönheit, Dresden, herausgegeben, wurde das Blatt über 30 Jahre zu einem führenden Medium für alles, was mit Schönheit – und Lebensreform – zu tun hatte. Dies formulierte man in der Startausgabe so:

„Für freie, vornehme Frauen und Männer bestimmt, soll die ‚Schönheit‘ eine moderne Zeitschrift im Dienste klassischer Ideale sein. Alles wollen wir pflegen, was das Dasein reizvoll, würdig und sonnig macht: Schönheit des Leibes, der Kleidung, der häuslichen und öffentlichen Umgebung, Liebe und Freude, Tanz und Spiel, Kunst und schöne Bildung, Gesundheit und Natürlichkeit, sittliche und gesellschaftliche Verjüngung.
Wir wollen das gesunde sinnliche Denken veredeln und verfeinern, und wollen die falsche Scham, wo sie gefährlich scheint, ernst und besonnen bekämpfen.
Möge jeder, der mit reinen Sinnen nach Schönheit strebt, sich an unseren Aufgaben beteiligen, mögen besonders die Frauen uns ihre Hilfe nicht fehlen lassen!“
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„Die Schönheit (Zeitschrift) – „Im Dienste klassischer Ideale““ weiterlesen

Versprengte Infos aus 10 Jahren

2013

  • ZEIT-Sonderheft zur Lebensreform „Anders leben„, Artikel (4 Seiten) von Joachim Radkau: Ins Freie, ins Licht!

2011

  • Vom 7.4. bis 26.10.2011 fand in der Wiener Hermesvilla die erste große Diefenbach-Ausstellung Österreichs statt. Titel: Der Prophet – Die Welt des Karl Wilhelm Diefenbach (Info-Flyer)

2010

  • Bis August zeigt das Wuppertaler Von-der-Heydt-Museum die Ausstellung Nude Visions – 150 Jahre Körperkultur in Fotografie und Malerei. Die damalige Domain zur Ausstellung (www.nude-visions-ausstellung.de) ist zwischenzeitlich zur Erotikseite „mutiert“.
  • Baden an der Pommerschen Bucht: Polnischer Bikini trifft deutsche Badekappe

2009

  • Diefenbach-Ausstellung in der Münchner Villa Stuck: Karl Wilhelm Diefenbach – Lieber sterben, als meine Ideale verleugnen! (Info)

2003

  • Rezension zu Eva Büchi: Als die Moral baden ging, Badeleben am schweizerischen Bodensee- und Rheinufer 1850-1950 unter dem Einfluß der Hygiene und der „Lebensreform“

2002

  • Rezension des Kataloges der Ausstellung ‚Die Lebensreform – Entwürfe zur Neugestaltung von Leben und Kunst um 1900‚ auf der Mathildenhöhe.

2001

Diefenbach in Österreich (2011)

7.4.-26.10.2011 – Hermesvilla Wien
Erste große Diefenbach-Ausstellung in Österreich
Presse-Info-Flyer / weitere Info (PDF)

Es handelt sich um eine Ausstellung des Wienmuseums in Zusammenarbeit mit der Villa Stuck (München), wo von Oktober 09 bis Januar 10 ebenfalls eine Diefenbach-Ausstellung gezeigt wurde: „Lieber sterben, als meine Ideale verleugnen.“