Ist eine andere Politik wählbar?

Das Wort „Diktatur“ schwirrt derzeit mehr als sonst im Netz herum, insbesondere wird es von Kritikern der Corona-Maßnahmen der Regierung benutzt, um vor dem Hineinschlittern in einen totalitären Staat zu warnen.
Ist der Begriff berechtigt?

Der Philosoph Karl Popper hat zwei Staatsformen unterschieden: eine, die man durch Wahlen ändern kann, ein zweite, bei der das nicht möglich ist. Der Begriff sei egal, also wie man die beiden nennt, aber die Zweite nenne man gewöhnlich Diktatur oder Tyrannei. „Ist eine andere Politik wählbar?“ weiterlesen

Away mit A wie Abraham (Netflix)

Introductions first: „Away“ ist eine Netflix-Eigenproduktion aus dem Jahre 2020. Aktuell ist eine Staffel mit 10 Folgen verfügbar. Darin geht es auf der grundlegenden Ebene um die erste bemannte Mars-Mission, zu der sich Raumfahrtbehörden verschiedener Länder zusammengeschlossen haben. Aber „away“ sind nicht nur die Astronauten, sondern umgekehrt auch die Daheimgebliebenen, die eine große Rolle im Plot spielen.

Die Staffel ist ein Sammelsurium des Zeitgeists, Netflix war da sehr „woke“. Commander Emma ist eine weiße Frau mit eher maskulinen Zügen, 2. Commander ist Ram, ein dunkelhäutiger Inder. Der Biologe Kwesi ist schwarzer Jude, Misha, der Russe, ist „alter weißer Mann“, insbesondere zu Anfang mit Vorurteilen gegen die chinesische Astronautin Lu, die verheiratet ist und einen Sohn hat, jedoch in eine andere Chinesin von Mission Control verliebt ist. Diese fünf Archetypen werden auf der Erde um die Zurückgebliebenen ergänzt: als da wären zwei Rollstuhlfahrer, ein Mädchen mit Down-Syndrom, eine hispanische Ex-Astronautin (Emmas erotischere Gegenspielerin), eine Frau als Leiterin der gesamten Mission – und noch jemand, auf den ich gleich komme… „Away mit A wie Abraham (Netflix)“ weiterlesen

Verlornes Jahr – Coronabetrachtungen

„Verlornes Jahr. Die große Zeit
In kleiner Münze hingestreut.
September unterm Spinnenhaar.
Bereift. Verweint. Verlornes Jahr.“

(Eva Strittmatter)

 

Tatsächlich fühlt sich das „Coronajahr 2020“ für mich wie ein verlorenes Jahr an. Verlust heißt für mich v.a. Verlust von Lebensqualität. Das fängt klein an bei Abstands- und Maskenregeln, geht aber schnell zum „großen Verlust“, nämlich dem des Reisens. Ich brauche das Reisen als Ausgleich zu meiner Arbeit – und Reisen ist nur bedingt „Ostsee“ oder „Lüneburger Heide“ oder „Zeeland“, es sind doch die wärmeren, südlicheren Gefilde, die mir die Erholung bringen (und wenn ich an meine Caminos denke oder Fuerteventura – soviel mehr als nur „Erholung“: Weite, Freiheit, Tiefe, religiöses Erleben…). „Verlornes Jahr – Coronabetrachtungen“ weiterlesen

Verordnetes Gemeinwohl

Für die ZEIT gräbt Michael Ebmeyer den Anarchisten Pjotr Kropotkin und dessen Werk „Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt“ aus. Darin schaut Kropotkin auf das Tierreich und die Menschheitsentwicklung und stellt fest, daß es immer für alle gut war, wenn man sich organisiert und in Gemeinschaften zur gegenseitigen Hilfe zusammengeschlossen hat. Trotz Kriegen und vehement verfolgten Partikularinteressen sei den Menschen das „Gefühl für die Solidarität“ nicht abhanden gekommen. „Verordnetes Gemeinwohl“ weiterlesen

Maria Magdalena (Film 2018)

Wer war Maria Magdalena? Würde ich mich auf das beziehen, was mir in meiner katholischen Erziehung so vermittelt wurde, dann wäre sie auch heute noch für mich die typische Sünderin, die Prostituierte. Diese Sichtweise hat eine lange Tradition, sie geht auf das Ende des 6. Jahrhunderts und Papst Gregor den Großen zurück. Nie ist mir damals aufgefallen, daß Maria Magdalena (fortan MM) der erste Mensch war, der lt. dreien der vier kanonischen Evangelien den auferstandenen Jesus gesehen hat. Sie ist, wie der Untertitel des Buches von C. Bourgeault lautet, „the woman at the heart of Christianity“.
Die Kirche tat sich schwer mit dieser Frau (bzw. tut dies mit Frauen allgemein); immerhin wurde MM 2016 als „Apostelin der Apostel“, einer Bezeichnung, die Hippolytus schon im 4. Jahrhundert geprägt hatte, bekräftigt und liturgisch den Aposteln gleichgestellt, wie es bei der Wikipedia heißt. Die Mühlen mahlen langsam. „Maria Magdalena (Film 2018)“ weiterlesen

„Esosifizierung“

Jan-Philipp Hein in der SVZ über die große „Esosifizierung“ der Gesellschaft, den von ihm so wahrgenommenen, zunehmenden Glauben an die Wirksamkeit alternativer Heilmethoden, aufgezogen am Shitstorm gegen die TKK bzgl. Homöopathie. Weiter geht es um „Superfood“ und das gerade zur Fastenzeit gern diskutierte „Entschlacken“ des Körpers, das es vermutlich nicht gibt, auch wenn es sich so schön anhört.  „„Esosifizierung““ weiterlesen

Meißner 2013 – ja, was schreibt man nun?

Das Meißnerlager 2013 als „Fortführung“ des vor 100 Jahren gehaltenen Ersten Freideutschen Jugendtages ist Geschichte.
Hier zunächst ein paar Nachlesen:

Meine Gedanken: Ich habe die ganze Woche mit mir gerungen, ob ich nun etwas dazu schreibe, was ich bzgl. der beiden offiziellen Veranstaltungen auf dem bzw. in der Nähe des Meißner(s) gesehen und gelesen habe. Ich war ja nicht da, obwohl ich es mir lange Zeit durch den Kopf gehen gelassen habe. Im Vorfeld hatte ich verfolgt, wie bestimmte Gruppen ausgeschlossen und ein zweites Event neben dem Hauptlager geplant wurde.

Ich habe aus der Gruppe der Teilnehmer das Stichwort „Kirchentags-Orga“ gelesen, von Leuten gehört, denen um 2 Uhr morgens das Gitarrespielen verboten wurde – nicht, weil sich jemand gestört gefühlt hatte, sondern weil es „2 Uhr“ war; Bilder weckten eher Assoziationen von Mittelaltermärkten oder alternativen Happenings und die Ankündigung „Pfälzer Weinstube“ im Programm hinterließ bei mir fragend hochgezogene Augenbrauen.

Dann las ich im Pfadfinder-Treffpunkt die auf mittlerweile 13 Seiten angewachsene Diskussion, in der es u.a. darum geht, daß der Verleger Götz Kubitschek (Antaios) für ein Stündchen auf Burg Ludwigstein zugegen war (wohl im Zusammenhang mit seinen Töchtern). Die Diskussion nimmt groteske Züge an, v.a. beschuldigt man Veranstalter (RJBH) sowie Burg Ludwigstein, nicht „eingegriffen“ zu haben (so als müsse C&A eingreifen, wenn Kubitschek sich Unterhosen kaufen geht); man sieht die Unfähigkeit der Linken, sich auf offene, freiheitliche Diskussionen einlassen zu können. Deutungshoheit heißt immer nur: unsere Sichtweise, neben der nichts anderes bestehen kann. Ich empfehle nebenbei das aufschlußreiche Buch „Unter Linken. Von einem, der aus Versehen konservativ wurde“ von Jan Fleischhauer.

Doch dann wurde ich heute auf eine Stellungnahme vom Nerother Wandervogel aufmerksam, die das von mir Wahrgenommene in Worte faßt: Die beiden konkurrierenden Veranstaltungen werden als „linke Sozialarbeiterfraktion“ und „Müsli-Fraktion“ skizziert. Ja, das ist pauschal und wird sicher nicht allen beim Hauptlager gerecht, aber es ist für mich nachvollziehbar, wieso die Nerother nicht anwesend waren. Letztlich waren das auch meine Bedenken, als ich eine Wandertour in der ersten Oktoberwoche im Meißner-Gebiet auf das kommende Frühjahr verschob. Hier der Text der Nerother Stellungnahme.

Ich will es dabei belassen, denn ich war nicht da und spreche über das Lager nur vom Hörensagen.

Die Nackten und die Tobenden (Deutschlandradio)

Es ist schon komisch, wenn in einer Zeit, in der die FKK-Vereine mit massivem Mitgliederschwund zu kämpfen haben, ein neues Buch über genau diese Aktivität erscheint. Dieses neue Buch von Ernst Horst („Die Nackten und die Tobenden„) wurde für Deutschlandradio von Pieke Biermann rezensiert.

Den Schwerpunkt legt Horst auf den Zeitraum 1949 – 1970, Biermann kritisiert, daß Horst nicht auf die antisemitischen (völkischen) Vorreiter in der Zeit der historischen Lebensreform eingeht.
Horst sehe FKK v.a. als ein „Pseudoereignis“ und „mediale Inszenierung„: zu ca. 10% finde FKK-Praxis statt, zu 90% Konsum von FKK-Magazinen.

Biermann meint, „Horst hat eine Liebeserklärung im Sinn, mit munter-mildem Spott über die mediale Biederkeit des FKK-Wesens.“ Heiße Themen, die schon erwähnten Völkischen und die Grenzüberschreitungen zur Pädophilie, gehe er nicht an.
Der Rezension nach scheint das Buch an der Oberfläche zu bleiben und v.a. Nachkriegs-FKK in unterhaltsamer Weise darzustellen. Daher rutscht das Buch für einen späteren Kauf auf meine Wunschliste.

Die Rezension:
via Einige Hintergründe des Nacktseins – Ernst Horst „Die Nackten und die Tobenden | Kritik | Deutschlandradio Kultur.

Nackt unter Nackten (Buch)

buch052Ulf Erdmann Ziegler ist in den letzten Jahren durch seine Romane bekannt geworden, die er erst recht spät publiziert hat. Laut Wikipedia war „Nackt unter Nackten – Utopien der Nacktkultur 1906 – 1942“ seine erste Publikation. Das Buch besteht zu einem Drittel aus der von Ziegler verfaßten Einführung in die Nacktkultur und zu zwei Dritteln aus Schwarzweiß-Fotografien aus der „Sammlung Scheid“. Das mir vorliegende Buch ist die Lizenzausgabe für die Manfred-Pawlak-Verlagsgesellschaft von 1992.

Um es vorweg zu sagen: der Wert des Buches liegt in den Fotografien, die die Nacktkultur aus den ersten Jahrzehnten des letzten Jahrhunderts zeigen. Zieglers Einführung hingegen ist so tendenziös geschrieben, daß man sie ganz klar nicht empfehlen kann. „Nackt unter Nackten (Buch)“ weiterlesen