Dokumente zur Geschichte der Lebensreform

Das Schweizerische Sozialarchiv hat in Form der Sammlung Peter F. Kopp Dokumente zur Lebensreform archiviert. Beim Reiter „Aktenserien“ habe ich nicht genauer geschaut, was online einsehbar ist. Aber man kann sich drei Filme ansehen, die sich für den Interessierten lohnen:

  1. ons zeigt: Neu Hellas – I. Weltsporttreffen und V. Intern. Kongreß der FKK 1939 / das lichtheim – die neue zeit
  2. Naturisten-Gelände Thielle, ca. 1970
  3. die neue zeit – der 70er Jahre – ein querschnitt von ch. fankhauser

Ö1 Radiokolleg – Lebensreform (Teil 3)

Im dritten und letzten Teil der Reihe zu den „ersten Querdenkern“ geht es v.a. um Kritik an der Schulmedizin, Impfskepsis und die Naturheilbewegung der Lebensreform.

Dabei greift man vor allem auf die Autoren Lackner und Zielinski zurück, die das Buch „Die Medizin und ihre Feinde“ geschrieben haben.
Viele der Lebensreformer seinen Impfgegner gewesen. Es wird speziell auf die hohe  Sterblichkeit durch und die ersten erfolgreichen Impfungen gegen Pocken eingegangen, gegen die Lebensreformer protestierten. Es gebe, so der Sprecher (Lackner?) eine „klare Brücke ins Heute“.
Interessanterweise wird hier gerade der Wiener Bürgermeister Lueger als Beispiel für einen überzeugten Impfgegner hervorgehoben, der impfkritischen Organisationen u.a. eine große Stadthalle für ihre Aktionen zur Verfügung stellte. Es wird nicht gesagt, aber: erwähnt man Lueger speziell, weil er auch Antisemit war?

Es habe zunächst religiöse Gründe gegen die Impfung gegeben: der „fremde“ Stoff sei von Gott nicht gewollt. Dann hätten völkische Impfgegner das „Gift“ auf die Juden geschoben. In den 1970 und 80er Jahren habe sich v.a. Kritik an Pharmakonzernen etabliert. Ich habe das so verstanden, daß hier ein links-alternatives Milieu gemeint ist, während es gegen Ende der Sendung heißt, diese konkrete Kritik komme von der „ganz rechten Seite“. (Vielleicht so gemeint, daß jeder, der sie äußert, mittlerweile rechts verortet wird.)

Seichtestes journalistisches Niveau wird bei der Einspielung von Impfgegnerstimmen einer Demo gegen die Corona-Maßnahmen erreicht: zwei Personen heben die gute Funktion ihres Immunsystems hervor, das auch gegen Corona schütze, so daß man die Impfung nicht benötige.
Das läßt der Verantwortliche für die Sendung so stehen. Hier müßte doch eine Analyse erfolgen, aus welchen diversen Gründen Personen die Covid-Impfungen ablehnen.
Aus meiner Beschäftigung mit dem Thema Impfkritik weiß ich, daß dies gerade nicht das Hauptargument ist, sondern die unkalkulierbare Wirkung der mRNA-Impfstoffe. Daß das kontinuierliche Impfen mit einem Stoff, von dem Karl Lauterbach 2020 noch sagte, er habe „noch nie“ am Menschen gewirkt, Menschen Angst macht, die ansonsten möglicherweise wesentlich eher bereit wären, die Impfung zu akzeptieren, wird in dieser Sendung mit zwei eher krakeelig-platten Vertretern einer solchen Demo völlig unter den Teppich gekehrt. Damit wird mein Vorwurf schlechten Journalismus‘ aus dem 2 .Teil noch übertroffen. Schlecht also in dem Sinn, daß der investigative Part ausgelassen wurde. Man lädt sich „Experten“ ein, deren Aussagen das Gerüst der Sendung bilden.

Aber gut, die Agenda der Sendereihe war ja nun, die Querdenker auf die Lebensreformer zurückzuführen, da sind dann auch Auslassungen, Weglassen von Recherche adäquate Mittel, um die „message“ rüberzubringen.

Immerhin heißt es zum Schluß, die Kategorien Links/Rechts seien nicht nutzbar, beide Seiten seien in Lebensreform wie Querdenkerszene vertreten. Solange die „Moderne voranschreitet“ werde es immer eine „lebensreformerische Opposition“ geben, die diesen Fortschritt in Frage stelle. Das klingt wie eine Drohung.

Ö1 Radiokolleg – Lebensreform (Teil 2)

Der zweite Teil der dreiteiligen Sendereihe kann nur online angehört werden.

Man hangelt sich lang von Diefenbach und seinen Kommunen, speziell Himmelhof (Ober St. Veit), bis hin zum Monte Verità („aufregendes Laboratorium der Lebensreformbewegung“), der nur kurz angeschnitten wird. Diefenbach wird dabei ganz im „autoritär-utopistischen“ Stil des 19. Jahrdunderts verortet, wohingegen sein „abgefallener“ Schüler Gusto Gräser, einer der Mitgründer in Ascona, individueller und selbstbestimmter gewesen sei, mithin das 20. Jahrhundert repräsentiert habe.

Interessant in dem Zusammenhang: Die Kommune in Himmelhof habe nicht funktioniert, weil viele gescheiterte Existenzen aufgetaucht seien, die „Halt gesucht“ hätten. Das kam mir gleich sehr vertraut vor, weil ich ähnliches in der neuheidnischen Szene der frühen 2000er Jahre erlebt habe.

Zum Schluß dann der für mich nervigste Part – die angebliche Dreiteilung der Lebensreform-Wellen: klassische Phase, 68er/Alternativbewegung – und die Querdenker-Bewegung heute. Mir ging heute morgen durch den Kopf, ob es schlichtweg Unkenntnis der Medien ist, die sie die von zwei Personen forcierte These einer 3. Lebensreformbewegung so kritiklos aufgreifen läßt. Ich habe schon in der Rezension zu Speit geschrieben, daß für mich keine 3. Bewegung aktuell erkennbar ist – das ist, wie zum 1. Teil der Sendereihe geschrieben, ein Diffamierungsversuch staatstreuer Journalisten, der Menschengruppen als spinnert, verschroben, naiv charakterisieren soll, was ursächlich für ein Ende im Faschismus sei.

Lieber Österreichischer Rundfunk: Auch wenn man Expert:_*Innen aus Deutschland zu Wort kommen läßt – ein bißchen investigativer darf man schon sein. Warum wird die Aussage zur sogenannten 3. Lebensreform unkommentiert kolportiert? Weil der Herr Greiner der Experte ist? Sorry, das ist für mich ein sehr seichtes journalistisches Niveau.

Nebenbei: so ein bißchen entlarvt sich der Herr Greiner bei seinen Aussagen zu den Grünen. Die hätten am Anfang den Slogan „nicht links, nicht rechts, sondern vorne“ gehabt, was im Grunde ähnlich von Rechtsextremisten gehandhabt werde. Und tatsächlich seien Völkische dabei gewesen, aber „die Grünen“ (also die „anderen“ Grünen) hätten schnell eine rote Linie (wahrlich!) gezogen, so daß sich die heute bekannte Partei der „Fundis“ und „Realos“ entwickelt habe. Ach so, dann ist ja alles gut. Klingt harmlos, aber im Grunde könnte man sagen, – das sagt Greiner nicht – sind die Grünen eine weit nach links ausladende Partei geworden. Für manche werden dann die Querdenker zu so etwas wie der Rückkehr von Baldur Springmann – und schlimmeres.

Im Grunde müßte man zunächst beim Begriff der Querdenker anfangen und fragen: wie legitim ist dieser zusammenfassende Terminus? Denn schon hier fängt Diffamierung an: wer sich querstellt, der verweigert sich der guten, geraden, von oben gewünschten Gehweise. Der Wille, Impf- und Coronamaßnahmengegner zu delegitimieren, gesellschaftlich zu ächten, ist ganz klares Programm, wozu man alle als „Querdenker“ in einen Topf wirft, auch die sogenannten „Spaziergänger“. Hat man erst einmal den Begriff der Querdenker, dann bietet sich an, sie an eine ähnlich heterogene Bewegung (Lebensreform) rückzukoppeln, denn die hat ja geradewegs zu Hitler geführt…
Die Agenda ist durchschaubar, sie wird aber willig von der Journaille aufgegriffen. Muß man ja nicht selbst denken, gar querdenken…

7 vs. Wild – Staffel 2

Im Grunde war nach dem überragenden Erfolg der ersten Staffel klar, daß Fritz Meinecke sich die Chance nicht entgehen lassen würde, das Konzept – verändert – fortzuführen. Meinecke, der sich seit dem Ende der 1. Staffel einen bezahlten Kameramann auf seinen Touren leistet, dafür aber nach wie vor ohne Führerschein unterwegs ist, ist Geschäftsmann, das merkt man immer wieder. Doch das ist wohl auch dem Medium „YouTube“ gezollt: wer da nicht mit „content“ ständig präsent ist, wird vergessen. Über die Vorbereitungen zu 7 vs. Wild 2.0 berichtet er auf seinem Live-Kanal.

Zweite Staffel also nun, die vermutlich gerade jetzt, da ich dies hier schreibe, gedreht wird. „7 vs. Wild – Staffel 2“ weiterlesen

Radiokolleg – Die ersten Querdenker

Bei Ö1 gibt es eine dreiteilige Serie „Zur Geschichte der Lebensreformbewegung“ unter dem Titel „Die ersten Querdenker“.
Teil 1 kann hier angehört werden.

Gleich in der Anmoderation werden die Lebensreformer als die „damaligen ersten Querdenker“ verortet, also mit der Negativ-Konnotation des Wortes Querdenker fest verknüpft. Im weiteren stützt man sich u.a. stark auf das Greinersche Werk von der Diktatur der Wahrheit.

Die Lebensreform, die man zwischen ca. 1870 und 1930 verortet, sei Kritik am wilhelminischen Großbürgertum und an der industriellen Moderne gewesen. Es sollte „Zurück zur Natur“ gehen, wobei der Blickwinkel auf den gesunden, schönen, edlen Körper ging, „Alte, Kranke, Schwache“ seien ausgeblendet worden („Gesundheitskult“). Diese Vorstellungen einer „reinen Lebensform“ („Reinheitsdiskurs“) hätten direkt zur Eugenik der Nazis geführt, das wird an zwei Stellen der Sendung so gesagt (Eugenik bzw. Antisemitismus). „Radiokolleg – Die ersten Querdenker“ weiterlesen

Wenns Greinert und Speit

Im Dezember 2021 schrieb ist erstmals über zwei Journalisten, die aktuell die historische Lebensreform aufgreifen, um die coronakritische Querdenker-Bewegung zu diskreditieren: Andreas Speit und Steffen Greiner. Hier kam ich darauf kurz noch einmal zurück, bevor ich die Kurzrezension für Speits Werk schrieb.

Bei Greiner ist das schwieriger, weil sein Buch so vielschichtig und gut recherchiert ist, daß ich mir Zeit nehmen muß. Ich weiß jetzt schon: aus diesem Werk ziehe ich, bei aller möglichen Kritik, mehr Gewinn als aus Speits. Die Bilder sind stark und wirkmächtig: die umherziehenden „Inflationsheiligen“ mit ihren Gefolgsleuten, die Wanderprediger, die heute „gegen Corona“ auf den Straßen „spazierengehen“.

Nachtrag Mitte August 22: Hier war es in den letzten Monaten ruhig, und ich habe keine Lust, das Buch jetzt zu lesen. Von daher verzögert sich die Rezension auf unbestimmte Zeit. Will mir nicht den Sommer verderben.

Nachtrag 29.8.22: Besprechung des Buchs ist fertig. Text oben gestrichen, weil er falsch ist.

Steinert – Blumenspiel (Kurzrezension)

Meine Hedwig hieß Heidrun. Soll ich den Text so beginnen oder nicht? Ja, nach längerem Überlegen ist das der Einstieg. Wir lebten beide tatsächlich zu der Zeit in Köln, in einem Studentenwohnheim in Rodenkirchen, wo die Jugend gut 85 Jahre früher lt. Autor Steinert nackt im Rhein badete. Meine Else hieß S., wir führten eine Beziehung, die ihren Zenit längst überschritten hatte. Da lernte ich Heidrun kennen. Wir lebten nebeneinander, studierten in eher entgegengesetzten Fachbereichen. Sie hatte ihren Rudolf (der P. hieß), von dem sie, wie Hedwig, nicht genau wußte, ob er der Mann für sie („für’s Leben“) war. Sie spielte mit den Männern, spielte auch mit mir. Wenn ich im Roman lese, wie Hedwig die aus dem Kopf und der Fantasie gemalten Aktzeichnungen von ihr mal eben durch einminütiges, nacktes Posieren vor Heinrich, ihrem „Nicht-Verlobten“, für ihn „korrigieren“ wollte, ihm damit aber massiv den Kopf verdrehte, dann kann ich heute schmunzelnd auf diese, (nicht) unsere Zeit zurückschauen. Der Unterschied zwischen Heidrun und Hedwig war jedoch, daß letztere nicht merkte, was sie anrichtete, anders erstere. Später schrieb sie mir, sie teile Männer auf in „für die Seele“ und „fürs Bett“. „Leider“ sei ich in der Seelengruppe gelandet… Nun gut, zum Roman, der mich wie kaum ein anderer in den letzten Jahren fasziniert und erfüllt hat. „Steinert – Blumenspiel (Kurzrezension)“ weiterlesen

Vegetarianer (Roman)

Im Picus-Verlag ist im März der Roman „Vegetarianer“ von Felix Kucher erschienen, der sich mit einer der Ikonen der Lebensreform-Bewegung befaßt, dem Maler Karl Wilhelm Diefenbach. Der Verlag bewirbt das Buch so:

„Er ist einer der schillerndsten Vertreter der Lebensreformbewegung im späten 19. Jahrhundert: Der Maler Karl Wilhelm Diefenbach predigt seine Heilslehre von Rohkosternährung, Nacktkörperkultur und freier Liebe als viel geschmähter »Kohlrabiapostel« auf Münchens Straßen. Dass er selbst von wiederkehrenden heftigen Magen- und Gliederschmerzen geplagt wird, schwächt weder seine Überzeugung noch seine Ablehnung der konventionellen Medizin. Zu gesundheitlichen gesellen sich regelmäßig finanzielle Nöte, die der begabte Maler durch Auftragsarbeiten immer wieder knapp abwenden kann. In einem verlassenen Steinbruch in der Nähe von München gründet er in den 1880er Jahren eine Kommune, doch damit beginnen seine Probleme erst richtig …“

Das gebundene Buch ist für 24€ erhältlich.

Eine kurze Besprechung des Buchs findet sich z.B. bei Puls24.

Fehlbesuch Monte Verità

Anläßlich unseres Ligurien-Urlaubs im Oktober 2021 hatte ich vorab ein „Traumziel“ erwähnt, das ich – anreisend – kurz besuchen wollte, jedoch den Namen verschwiegen. Nachher teilte ich nur am Rande mit, daß es nicht geklappt hatte – und ja, es war der Monte Verità. Hier nun ein paar Fotos und eine Beschreibung dieses mißglückten Besuchs.

Dazu lese ich gerade das Buch von Stefan Bollmann: Monte Verità. 1900. Der Traum vom alternativen Leben beginnt. Ich werde gleich nach Beendigung der Lektüre hier eine kurze Rezension schreiben, auch weil ich denke, daß dies das definitive deutschsprachige Buch über den Berg für unsere Zeit sein könnte.

Bollmann beschreibt, wie die 5 Gründerpersonen sich das erste Mal dem Berg „von hinten“, von der Bergseite her nähern. Es führe ein alter Pilgerpfad zum Bergplateau, vorbei an einer alten Wallfahrtskirche, wo, so Bollmann, in einer Zeit großer Dürre plötzlich eine Quelle entstanden sein soll. Dieser Pfad führe zu einer Lichtung zwischen den drei Bergen (Monte Verità und den beiden dahinterliegenden: Balladrum (bzw. -drüm) und Gratena). „Fehlbesuch Monte Verità“ weiterlesen

Speit – Verqueres Denken (Kurzrezension)

„Der Neger hat also ein starkes Triebleben.“

Auf Seite 167 (des Kindle-eBooks) zitiert Andreas Speit Steiner, nachdem er sich schon seitenlang über Anthroposophie, Homöopathie, Waldorfschulen, die Akasha-Chronik und Blavatskys Geheimlehre ausgelassen hat.
Was hat eine person of color und ihr mutmaßlicher Trieb nun mit den Querdenkern und Coronakritikern zu tun? Tja, das ist schwer zu sagen. Es ist das Ergebnis einer artistischen Verknüpfung von nicht zusammenhängenden Dingen…   „Speit – Verqueres Denken (Kurzrezension)“ weiterlesen