Aufbruch – Die Lebensreform in Deutschland (Rezension)

„Lebensreform“ ist kein Begriff, den man als Allgemeinwissen voraussetzen kann. Dennoch hat es seit den 1970er Jahren, verstärkt seit den 90ern hierzu intensive Forschungsarbeiten gegeben, die mit einem Output an entsprechender Fachliteratur einhergingen. Eine tatsächliche, gut verständliche Einführung – auch für Laien – hat es bislang nicht gegeben. Das ist nun anders: Bernd Wedemeyer-Kolwe (im weiteren: WK) hat mit seinem 2017 im Philipp-von-Zabern-Verlag erschienenen Titel den Versuch unternommen, die Lebensreform in ihren vielfältigen Aspekten einführend zusammenzufassen. Hier eine kurze Übersicht und Einschätzung: „Aufbruch – Die Lebensreform in Deutschland (Rezension)“ weiterlesen

Mein Arbeitsplatz

Fidus stand – ich habe es hier schon mal geschrieben – ganz am Anfang meiner Beschäftigung mit der Lebensreform. Die „bildenden Künste“ sind nicht so mein Thema, aber Fidus „packte“ mich mit seiner Kunst. Über das Fidus-Buch von Frecot, Geist und Kerbs kam ich in den 90ern zum Thema Lebensreform.
Zwei seiner Werke schmücken meinen Arbeitsplatz, zum einen „Zur Brautinsel“, hier kurz mit Bild erwähnt, und – ja… mir fällt der Titel des links zu sehenden Bildes nicht mehr ein und ich finde es nicht in der Publikation Fidusbilder. Hm… Wer den Namen des Bildes kennt, könnte mir bitte einen Kommentar hinterlassen.

Mir kam der Gedanke, diesen Arbeitsplatz einmal zu fotografieren und hier einzustellen.

Man sieht auf dem untenstehenden Bild zunächst links das große Poster der Monte-Verità-Ausstellung aus Berlin vom Jahre 1979. Rechts daneben – mittig – die beiden Fidus-Bilder, darüber meine Jakobsweg-Urkunde, die „Compostela“ (rechts) und die Urkunde aus Fisterra (links).
Unten ist der auf Teresa von Avila zurückgehende Gebetstext „Nada te turbe“ zu sehen, rechts daneben ein Ausschnitt aus einer Spanienkarte, in die alle Jakobswege in diesem Land eingezeichnet sind.

Nada te turbe
Nada te espante
Todo se pasa  
Dios no se muda 
La paciencia todo lo alcanza
Quien a Dios tiene  
Nada le falta   
Solo Dios basta 

(Teresa de Jesús)

 

Floreana – Die „Galapagos-Affäre“

Im Zusammenhang mit dem Hoaxilla-Beitrag über die Lebensreform bin ich auf das „Floreana-Drama“ gestoßen. Es ist ein Siedlungsversuch auf einer der südlichen Galapagos-Inseln gewesen, der 1929 – schon recht spät für die „klassische Lebensreform“ – begonnen wurde. Die einzige Person, die von dort nach Deutschland zurückgekehrt ist, Dore Strauch, beschrieb die zurückliegende Zeit mit der Formulierung „Als der Satan nach Eden kam“. „Floreana – Die „Galapagos-Affäre““ weiterlesen

Hoaxilla Podcast: Lebensreform

Ich höre gerne Podcasts, kenne auch Namen bekannter Podcasts, die ich selbst nicht abonniert habe, aber über „Hoaxilla“ bin ich nun erstmalig gestolpert. Es ist ein Projekt aus skeptischer Sicht zum Thema „urban legends“, Mythen und Verschwörungstheorien in Kultur, Medien, Wissenschaft. Betrieben wird er von Alexa und Alexander, einer Ethnologin und einem Psychologen aus Hamburg (mehr Hintergrund bei der Wikipedia).

In Folge 287 befaßt man sich mit der Lebensreformbewegung. Dazu hat man sich den Historiker Ralf Grabuschnig eingeladen, mit dem man wohl früher bereits zu Themen aus dem Bereich Rechtsextremismus und Populismus kooperiert hatte (und der einen eigenen Podcast mit dem Titel „Déjà-Vu Geschichte“ betreibt, wo der Podcast nun ebenfalls online ist). „Hoaxilla Podcast: Lebensreform“ weiterlesen

7 vs. Wild und Lebensreform

Der YouTuber Fritz Meinecke berichtet auf seinem Kanal über einen breiten Themenbereich wie Bushcraft, Outdoor, Lost Places, Abenteuer  – ja, vielleicht ist „Abenteurer“ die beste Beschreibung für diesen sympathischen „Hans Dampf in allen Gassen“. Meinecke hat im Sommer sein bisher ambitioniertestes Projekt angekündigt, mit dem er den großen Streaming-Portalen den Kampf ansagt: 7 vs. Wild.

Die Idee: 7 Männer, Meinecke selbst und 6 Mitstreiter, die man z.T. aus dem Bushcraft-/Sport-Bereich auf YouTube schon kennt, werden für 7 Tage mit 7 Gegenständen „bewaffnet“ in der schwedischen Wildnis ausgesetzt und müssen dort „Challenges“ erledigen und „einfach“ die 7 Tage durchstehen. Für den Gewinner winken 10.000€ Preisgeld, die er jedoch nicht für sich verwenden darf, sondern an ein gemeinnütziges Projekt seiner Wahl spenden muß. Die Teilnehmer sind zwischen 22 und 37 Jahren alt. „7 vs. Wild und Lebensreform“ weiterlesen

Zeit der Aussteiger (Buch)

Andreas Schwab ist kein unbekannter Name im Rahmen des Themas Lebensreform. Er war u.a. verantwortlich für die letztjährige Ausstellung „Lebe besser!“ in Bern, die von Corona in „Mitleidenschaft“ gezogen wurde. Von 2001 stammt das vom ihm mitherausgegebene Buch „Sinnsuche und Sonnenbad“, das sich mit „Experimenten in Kunst und Leben auf dem Monte Verità“ befaßt.

Neu erschienen ist im Sommer d.J. „Zeit der Aussteiger„, das ich noch nicht besitze bzw. gelesen habe. Hier eine Info aus der Beschreibung via Amazon:

„Elf Künstlerinnen und Schriftsteller, darunter Truman Capote und Arthur Schnitzler, die Tänzerin Charlotte Bara und Alma Mahler-Werfel, führen uns zu den zehn bedeutendsten Künstlerkolonien. Wir tauchen ein in die besondere Atmosphäre von Barbizon, Worpswede, Capri oder Taormina und ziehen mit einer dort lebenden Person dann weiter in die nächste Gegenwelt – bis wir am Schluss auf dem Monte Verità in Ascona angelangen. Der Schweizer Autor und Ausstellungsmacher Andreas Schwab zeigt in einem farbigen Reigen, wie sich fernab der Ballungszentren neue Lebensstile entwickelten, lange bevor sie sich in der Gesellschaft durchzusetzen begannen.“

Totgesagte leben länger (FKK)

In Berlin, so ein Artikel von Xenia Balzereit für tipBerlin, boomt die totgesagte Freikörperkultur – ein sehr lesenswerter Artikel!

Die Autorin stellt mehrere Formen vor, wie und wo FKK gelebt wird. Da ist der nach wie vor existierende Familiensportverein Adolf Koch, der auf den bekannten Lebensreformer zurückgeht, s. diesen Beitrag über Kochs Buch. Aber auch FKK-WGs haben sich etabliert, in denen man nackt miteinander lebt. Doch gibt es auch After-Hour-Partys oder sonstige Feiern, bei denen Nacktheit „sexpositiv“ stattfindet, so Balzereit. Da darf mehr „gehen“ als nur Nacktheit.

Mehr verrate ich nicht zum Artikel – bitte selbst lesen. 😉

FKK und Social Media

(Aktualisiert, s. Ende)

Gerade geht der Name Heiko Stoff – gern auch mit Zusatz „nomen est omen“ – durch die Presse, weil Sommer ist, Sommerloch trotz Corona – und FKK im Sterben liegt. Stoff, Privatdozent am Institut für Geschichte, Ethik und Philosophie der Medizin der Medizinischen Hochschule Hannover, hat festgestellt, daß die sozialen Medien schuld am Aussterben von FKK seien. Ist nicht schwer, darauf zu kommen; diese These findet sich auch hier im Blog, insbesondere mit dem „hardware-seitigen“ Hinweis über die All-Verfügbarkeit moderner Smartphones mit sehr guten Kameras und dem „unauffälligen“, konfigurierbaren Knipser durch schnelles Drücken der Lautstärketasten o.ä.

Man bezieht sich in der aktuellen Berichterstattung auf eine YouGov-Umfrage dazu, wie wohl sich „die Deutschen“ (gut 2000 Befragte) nackt fühlen. Die Grafik zeigt mir zunächst, daß sich v.a. Frauen dort unwohl fühlen, wo man/frau/divers nackt ist. Fast 40% der Frauen meiden solche Ort völlig. FKK ist auch nicht mehr so verbreitet, das zieht sich durch die Berichterstattung der letzten Jahre hindurch: Ungefähr jeder Vierte war mindestens einmal am Strand nackt, jeder Fünfte an Badeseen, jeder Zehnte im Hotel oder Resort. Die Grafik zeigt, daß die Sauna dominiert, was Nacktsein angeht, danach kommen Strand und Badesee, dann werden die Abstände deutlich größer.
Viele Menschen empfinden Unbehagen, wenn sie nackt sind, es ist ihnen peinlich. Bei dieser Grafik ist v.a. interessant, daß „sexuelle Erregung“ ganz am Ende steht. Das zeigt, daß die angegebenen Gefühle von „Peinlichkeit“ und Scham echt sind. Gepolstert werden die unangenehmen Gefühle von einem breiten Mittelbereich aus „Freiheit“, Natürlichkeit usw.
Zusammengefaßt: jeder Dritte meidet Orte, an denen man nackt ist.

Stoff interpretiert dies als Folge von Instagram und den Social Media. Es gebe eine Angst vor dem eigenen nackten Körper, so wie er ist. Für Instagram würden viele Bilder nachbearbeitet, d.h. man erschaffe sich einen künstlichen Traumkörper, der der Öffentlichkeit präsentiert wird. Das geht am Strand oder in der Sauna nicht, da sehen anderen Menschen meinen Körper so, wie er ist – mit allen „Makeln“.
Interessant der kurze Gedanke im verlinkten Kurier-Artikel: dieses neue Empfinden sei eine Umkehr des Denkens im Bezug auf Nacktheit: diese stand im lebensreformerischen Sinn für Gleichheit – die Unterschiede durch (standesgemäße) Kleidung seien weggefallen. Jetzt wird, so kann man fortführen, der Körper (im Bild) so bearbeitet, daß ein künstlicher Unterschied („mein perfekter Body“) geschaffen wird. Dafür zeigt man den „echten Body“ nicht mehr nackt, weil er so viele Fehler hat.

Bei diesem Denken liegt der Fokus in der Außenwahrnehmung. Was denken andere Leute über meinen Körper? Wie perfekt muß das Bild sein, damit andere mich bewundern?
Beim Naturismus liegt der Fokus auf der Selbstwahrnehmung, auf dem, was ich oben als Polster in der Umfrage bezeichnet habe: Freiheit, Natürlichkeit – auch Akzeptanz meiner selbst so, wie ich bin. Das ist in einer Welt, in der „alles machbar“ sein muß, nicht angesagt.

Wie sehr Menschen willfährig einem Kult hinterherrennen, sieht man an der artigen Befolgung aller Coronamaßnahmen inkl. Ich-gehöre-dazu-Spritze. Am FKK-Strand heißt das: ich will nicht mit meiner Fettschürze für alle nackt zu sehen sein, also poste ich ein bearbeitetes, vorteilhaftes Bild mit Cocktail vor Sonnenuntergang – und die Bewunderung meiner „follower“ ist mir sicher.

Wenn ich das so schreibe, merke ich, wie sehr ich mich nach einem weiteren Besuch am Darßer Weststrand sehne. 🙂

Nachtrag: Im Deutschlandfunk wies die Sexualtherapeutin Carla Pohlink darauf hin, daß bei Frauen ein zusätzliches Schamgefühl durch die Intimrasur entstehe, die sich als Modetrend durchgesetzt habe. Männer hätten eher schon mal den Penis eines anderen Mannes gesehen, aber Frauen nicht das Genital anderer Frauen. Durch die Entfernung der Haare sei nun alles sichtbar. Zudem hätte sich durch die Pornoindustrie ein Schönheitsideal für das weibliche Genital entwickelt.
Da ist was dran, insbesondere wenn man auf das Thema Schönheitsoperationen an den Schamlippen schaut (oder auch Vulva-Malen-Workshops).
Eine frühere Partnerin von mir hat diesen Rasurtrend massiv kritisiert; sie sagte: „Ihr Männer wollt uns Frauen wieder wie kleine Mädchen sehen.“ Sie hat den Trend also in den Zusammenhang mit pädophilen Wünschen der Männer gebracht, eine Reduktion der erwachsenen Frau auf ein unreifes Kind. Man könnte das Thema auch psychologisch deuten im Sinne der Angst des Mannes vor der behaarten, daher versteckten Öffnung, die den Penis „schluckt“ – also die männliche Kastrationsangst.

Ich glaube, daß dieser Einwurf von Frau Pohlink wirklich wichtig ist. Intimrasur erzeugt „mehr Nacktheit“ auf Seite der Frauen.

(Scherz am Rande: Ein jovialer älterer Bekannter sagte mal: „Jetzt habe ich mich das erste Mal rasiert. Genial! Jetzt ist ER gleich zwei Zentimeter länger…“)

Das ganze Geheimnis

Der Schriftsteller Ernst Wiechert ist in diesem Blog bislang nur mit einem kurzen Zitat zur Stille vertreten; im alten Blog hatte ich mehrere Werke von ihm erwähnt. Der 1887 in Masuren geborene Wiechert gehörte zum Kreis der „Inneren Emigration“ im Nationalsozialismus. Er kam als „Stück Dreck“ (O-Ton Goebbels) ins KZ Buchenwald, wurde aber begnadigt und „verwarnt“.

Der Zugehörigkeit zur Inneren Emigration entspricht vor allem sein vielleicht bekanntestes Werk: Das einfache Leben. Daraus habe ich in den letzten 20 Jahren an verschiedener Stelle das folgende Zitat verwendet, das mir vor ein paar Tagen wieder „in die Hände“ fiel und mich sogleich an mein „Corona-Manifest“ erinnerte…

"Nun also würde er fortgehen, und nur als von einem Narren würde von ihm geredet werden. Sein Vater würde es wissen, aber sein Vater war tot. Man mußte es nun allein wissen. Sich abends mit frohem Herzen niederlegen können, das war vielleicht das ganze Geheimnis. Froh, wenn man an den gewesenen Tag, und froh, wenn man an den kommenden Tag dachte. Keine Erlebnisse, keine Heldenrolle, kein Glanz um die Stirn. Die Netze auslegen und wieder einziehen, Haus und Insel sauberhalten, ein paar Seiten lesen und abends am Wasser sitzen und in die Sterne sehen. Den Vertrag erfüllen, den man unterschrieben hatte."

Corona – ich bin raus – ein kleines Manifest

In Covid-19 Revisited schrieb ich, daß ich nach meinem Urlaub einen Beitrag mit den wichtigsten Infos aus meinem persönlichen Corona-Dokument (ca. 35 Seiten) verfassen würde.
Werde ich nicht. Warum? Das will ich hier erklären. Es wird etwas länger, bear with me.

Diese Gesellschaft hat sich m.E. unter dem Einfluß der „Corona-Pandemie“ schneller negativ verändert, als das bislang der Fall war – das Virus als Katalysator. So ist z.B. das Gendern bis in die Nachrichten und amtliche Mitteilungen der Landesregierungen vorgedrungen, aber es reicht nicht aus: der „wokeism“ ist hinzugekommen – und Bahlsen hat „Afrika“ umbenannt. Kein Lebensbereich bleibt von der Fremdbestimmung und Gesinnungskontrolle ausgenommen. „Mentale Milieuschädigungen“ nennt das Peter J. Brenner bei Tichy – und sagt „Kein Mensch, der sich im Alltag, im Beruf und der Familie, bewähren muss, kann auf solche Gedanken kommen.“

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