Monte Verità – Film von Stefan Jäger (2021)

(Dieser Kurzbeitrag entstand Anfang Juni 2021; neue Infos und Details werden nachträglich eingepflegt.)

Was: Vor den historischen Ereignissen im Jahr 1906, sechs Jahre nach Gründung der Kommune auf dem Monte Verità, wird die fiktive Hauptperson Hanna Leitner gezeigt, eine Wienerin, die sich zwischen bürgerlichem Leben (Ehemann Anton, zwei Kinder) und Tätigkeit als Künstlerin entscheiden muß. Über den Therapeuten Dr. Otto Groß kommt sie zum Monte Verità.
Hier ist der Trailer von Juni 2021 zu sehen.

Wer: Produziert wurde der Film von Katrin Renz und weiteren Personen, eine schweizerisch-österreichisch-deutsche Koproduktion.
Regisseur ist Stefan Jäger, Drehbuch Kornelija Naraks, Kamera Daniela Knapp
Es spielen: Joel Basman – Hermann Hesse | Max Hubacher – Dr. Otto Groß | Maresi Riegner – Hanna Leitner | Julia Jentsch – Ida Hofmann | Michael Finger – Henri Oedenkoven | Hannah Herzsprung – Lotte Hattemer und weitere

Wann: Der Film startete am 26.8.21 in den Schweizer Kinos. Premiere war am 1. August 21 auf dem Filmfestival von Locarno (Salzburger Nachrichten). Gedreht wurde er von August bis Oktober 2020 mit Verzögerungen durch Covid-19.
Der Start in deutschen Kinos war am 16. Dezember 2021.

Wo: Drehort war unter anderem Cannobio am Westufer des Lago Maggiore sowie im Valle Maggia. Die „Casa Centrale“ wurde dort nachgebaut.

Weitere Infos: Wikipedia-Seite des Films | Monteverita.net |

Filmplakat: Monte Verità von Stefan Jäger

Die Presse: Nach der Premiere gab es am 1. Augustwochenende Berichte in schweizerischen Zeitungen, aber alle hinter Pay Wall oder nur mit Registrierung lesbar. Ich konnte erkennen, daß ein Kritikpunkt am Film war, daß er zu „schematisch“ bleibe. RemoNews schreibt, Jäger habe ein „großartiges historisierendes Tableau“ erschaffen. Die Kameraarbeit Knapps wird gelobt, ebenso bei der Neuen Zürcher Zeitung. Dort heißt es zur Figur der Hanna, daß man sich gewünscht habe, „sie dürfte Frauenschicksale ihrer Zeit weniger schablonenhaft repräsentieren“. Und: „Das Portrait dieser Lebensreformbewegung (…) bleibt Stückwerk samt den historischen Figuren, trotz starker Besetzung“. In der Süddeutschen heißt es, der Film erzäle die „reiche Geschichte“ des Monte Verità nur marginal, während die Figur der Hanna „manchmal nah am Kitsch“ im Vordergrund stehe. Es werde im Film „vor allem ein sinnliches Bild“ vermittelt.
Bei der Nachbetrachtung zu den Preisen beim Filmfestival von Locarno fällt auf, daß Monte Verità da nicht bedacht wurde. Zitat: „Der Schweizer Film «Monte Verità» von Stefan Jäger war hingegen eher ein Flopp. Zu viel Kitsch und zu wenig Zündstoff warf man dem Film vor.“

Es entsteht aus den Presseartikeln nach der Premiere das Bild eines opulenten, hervorragend gefilmten und mit eindringlicher Musik unterlegten Films, bei dem die Rolle der Hanna als künstlich implantiert scheint und auch die Dialoge etwas oberflächlich bleiben. Ich bin trotzdem gespannt…

Zum Kinostart am 16.12.21 fand sich auch in den deutschen Medien der eine oder andere Artikel zum Film. Die RP kritisiert die ungelenken Zeitsprünge im langatmigen ersten Teil des Films, der zum Schluß hin dichter und stringenter werde. Schönes Zitat am Ende des Textes: „Auch Hanna zieht am Ende weiter, aber sie ist nicht mehr die gleiche wie zu Beginn des Films.“ 
Laut Tagesspiegel „wuchert“ Hannas Geschichte „mit Atmosphäre“, wo andere Bereiche des Films holzschnittartig wirken. Zitat: „Die Kamera hängt an den Gesichtern der drei Frauen Ida, Hanna und Lotte, schwelgt in flatternden Haaren, wogenden Grashalmen und rauschenden Blättern. Ein Zustand paradiesischen Einsseins.“
Die SZ ist (nun) voll des Lobes für die Darstellerin der Hannah: „Die Darstellerin von Hanna, Maresi Riegner, vermittelt die Gefühle ihrer Figur mit atemberaubender Präzision.“ Bis zum Ende des Films habe man zudem „begriffen, dass Autonomie nicht von selber kommt: Ein Wille muss erkennbar sein.“ 
Ähnlich Blickpunkt:Film, wo das besondere Gesicht der Maresi Riegner hervorgehoben wird, das der Zuschauer sich erst einmal „erobern“ müsse. Zudem sei die „Versuchsanordnung“ des Films sehr spannend: im Hintergrund wirkten v.a. Frauen, aber Regie führte ein Mann mit „weiblichem Blick“- „spannend, gelungen, wegweisend, klassizistisch im Stil, revolutionär in der Umsetzung“.
Sehr interessant der Beitrag in der WELT, der auch auf die Widersprüche des Aussteigerprojektes eingeht. Matthias Heine resümiert: „… als psychologisches Kammerspiel, als eine Art Ibsen light mit Happy End, funktioniert der Film ja. Wer mehr wissen will, sollte das Monte-Veritá-Kapitel in Andreas Schwabs gerade erschienenem Buch „Zeit der Aussteiger“ lesen. Er mag sich dann fragen, ob die Geschichte im Kino nicht noch interessanter geworden wäre, wenn sie ein paar mehr Härten und Lügen aus der Wirklichkeit übernommen hätte.“
Portrait M. Riegner Wienerzeitung 

Persönliche Bemerkung (Juni 21): Allein der Trailer versetzt mich in große Spannung mit entsprechender Erwartungshaltung. Auch als Mann erkenne ich mich in der Protagonistin wieder, in ihrem Wunsch nach der anderen, der künstlerischen Welt, abseits vom Zwang des Alltags – und hier auch des Ehemannes. Ich habe selbst intensiv fotografiert, was mir Hanna Leitner sympathisch macht. Ich kann kaum erwarten, den Film zu sehen, auch wenn die Gesamtheit der gelesenen Rezensionen meine Spannung etwas gedämpft hat. 

Nachtrag 16.12.21 – Ja, ich lebe in der „Kino-Provinz“. Kein Kino der beiden größeren Städte hier zeigt den Film ab heute… 

1900 – P. Michalzik – Kurzrezension

Fangen wir zunächst damit an, daß Titel und Untertitel ein wenig irritieren: man geht davon aus, eine Beschreibung der aufkommenden Lebensreformbewegung um die vorletzte Jahrhundertwende vor sich zu haben, de facto ist das Buch aber auf die Kolonie auf dem Monte Verità am Lago Maggiore fokussiert. Dennoch ist der Titel nicht ganz abwegig, da viele Details rund um den Hauptstrang der Erzählung die Lebensreform allgemein beschreiben.

Auf den ersten ca. 30 Seiten fand ich es schwer, in einen Lesefluß zu kommen, da der Autor kollagenartig verschiedenste Personen und Orte verknüpft und ständig zwischen ihnen wechselt. Da springt man mit Gerhart Hauptmann von dessen Begegnung mit dem Wanderprediger Johannes Guttheil zu Nietzsches bevorzugter Schinkensorte… Doch Michalzik schafft es, die Stränge wieder zu bündeln, Beispiel von Seite 24: „Tolstoi, Nietzsche, Hauptmann, Guttzeit, sie alle berühren eine Idee (…), die größer ist als sie.“  „1900 – P. Michalzik – Kurzrezension“ weiterlesen

Von Ascona bis Eden

Die Erich-Mühsam-Gesellschaft Lübeck gibt eine Schriftenreihe heraus, deren Heft 27 mir durch Zufall bei Ebay aufgefallen ist.
Das 160 Seiten starke, 2006 erschienene Büchlein informiert über ‚Alternative Lebensformen‘ (Untertitel), wobei Mühsams eigene Broschüre „Ascona“ Ausgangspunkt ist und bereits die ersten 40 Seiten beansprucht. Dieser Text war wohl auch eine Grundlage der 2005er Tagung der Mühsam-Gesellschaft, auf der man sich neben Ascona auch mit Eden, Worpswede / Barkenhoff sowie Gustav Landauers Siedlungsidee befaßte.

Mühsams kurzweilige, 1905 erstmals erschienene Beschreibung Asconas ruft ein lebendiges Bild des Ortes und seiner Bewohner hervor. Natürlich schildert der von den Nazis ermordete politische Aktivist Ascona auch „durch seine Brille“: „Hier weiß das Volk, dass eine Befreiung von allem Staats- und Kirchendruck nur möglich ist durch das Einsetzen jeder einzelnen Persönlichkeit, durch Verweigerung der Arbeitskraft – durch den Auszug auf den heiligen Berg.“
Doch mit allem, was Mühsam sah, war er nicht einverstanden, manches kommentiert er spöttisch. Berühmt wurde sein „Gesang der Vegetarier – Ein alkoholfreies Trinklied„. Carl Gräser, Lotte Hattemer, Elly Lenz, Baron Alexander von Rechenbach-Linden sowie Johannes Nohl werden ausführlicher vorgestellt. Für Mühsam ergibt sich das Fazit, Ascona sei prädestiniert „zu einer Sammlungsstätte solcher Menschen, die infolge ihrer individuell gearteten Veranlagung ungeeignet sind, jemals nützliche Mitglieder der kapitalistischen menschlichen Gesellschaft zu werden.“
Für ihn ist Ascona Zufluchtsort, ein Ort, an dem man menschenwürdig leben kann, auch wenn man dazu alkoholfreie Trinklieder singen muß.

Das Buch umfaßt dann noch Christoph Knüppels Vortrag über Landauer mit Vorstellung einiger „Anarchisten in der Obstbaukolonie Eden“ (Carl Tomys, Friedrich Lisowski, Alfred Starke). Gerhard Semper, Vorstandsvorsitzender der Eden-Genossenschaft von 1998 – 2005, sprach über „Eden – eine lebendige Idee (? oder !)“; Ernstheinrich Meyer-Stiens stellt Heinrich Vogeler vor; Siri Hølmebakk geht auf das Schulprojekt Tvind in Dänemark ein; Kirsten Larsen Mhoja gibt eine kurze Einführung in den Freistaat Christiania (1971 – 2005).
(Gerade wenn ich Christiania lese, muß ich an mein Studium zurückdenken, in dem ich mich u.a. mit Methoden der Sozialarbeit befaßt habe. Eine Methode, die Arbeit mit Kollektiven, heißt Gemeinwesenarbeit, seinerzeit ein Schwerpunkt für mich. Und die Gemeinwesenarbeit wurde als „Miljö“-Arbeit gerade in Dänemark geprägt. Auch die Arbeitersiedlung Eisenheim hat mich damals fasziniert.)
Im Buch folgt Stephan Kürles Vorstellung eines Jugendzentrums „Die Alternative“ in Lübeck, den Abschluß bildet ein interessanter Text über den Arzt Karl Strünckmann (1872 – 1953). Der Autor Oliver M. Piecha untersucht das „Weltbild eines deutschen Diätarztes“ und gibt „Anmerkungen zum Verhältnis zwischen Lebensreform und völkischem Fundamentalismus“. Zitat: „Strünckmann folgte Zeit seines Lebens den oft irritierenden und verschlungenen Pfaden deutscher Sinnsuche zwischen Kritik an der industriellen Moderne, lebensreformatorischen Experimenten und einem unbändigen Wunsch nach spiritueller ‚Ganzheit‘.“

Heft 27 der Mühsam-Gesellschaft ist eine kostengünstige Möglichkeit, sich über Siedlungsprojekte sowohl der Lebensreformzeit als auch modernen Ablegern zu informieren. Im Auge sollte man dabei behalten, daß der Schwerpunkt politisch deutlich „links“ bis anarchistisch liegt.