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November am Rhein (I. Wiesmath-Binge)

Nächte, die voll Nebel sind;
Tage, da der Regen rinnt;
Kinder, die am Fenster sitzen;
Autos, die durch Pfützen spritzen…
Sturm fegt über leere Felder,
Blätter wirbeln durch die Wälder.
Sonne wärmt den Schieferstein,
Doch gelesen ist der Wein,
Und es trocknen schon die Reben.
Überall entflieht das Leben.
Strom und Wolken ziehn vorüber…
Hol über, – Fährmann -,
Hol über!

Ingeborg Wiesmath-Binge
Heimatjahrbuch Neuwied 1972

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Verlornes Jahr – Coronabetrachtungen

„Verlornes Jahr. Die große Zeit
In kleiner Münze hingestreut.
September unterm Spinnenhaar.
Bereift. Verweint. Verlornes Jahr.“

(Eva Strittmatter)

 

Tatsächlich fühlt sich das „Coronajahr 2020“ für mich wie ein verlorenes Jahr an. Verlust heißt für mich v.a. Verlust von Lebensqualität. Das fängt klein an bei Abstands- und Maskenregeln, geht aber schnell zum „großen Verlust“, nämlich dem des Reisens. Ich brauche das Reisen als Ausgleich zu meiner Arbeit – und Reisen ist nur bedingt „Ostsee“ oder „Lüneburger Heide“ oder „Zeeland“, es sind doch die wärmeren, südlicheren Gefilde, die mir die Erholung bringen (und wenn ich an meine Caminos denke oder Fuerteventura – soviel mehr als nur „Erholung“: Weite, Freiheit, Tiefe, religiöses Erleben…).

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Verfall (G. Trakl)

Am Abend, wenn die Glocken Frieden läuten,
Folg ich der Vögel wundervollen Flügen,
Die lang geschart, gleich frommen Pilgerzügen,
Entschwinden in den herbstlich klaren Weiten.

Hinwandelnd durch den dämmervollen Garten
Träum ich nach ihren helleren Geschicken
Und fühl der Stunden Weiser kaum mehr rücken.
So folg ich über Wolken ihren Fahrten.

Da macht ein Hauch mich von Verfall erzittern.
Die Amsel klagt in den entlaubten Zweigen.
Es schwankt der rote Wein an rostigen Gittern,

Indes wie blasser Kinder Todesreigen
Um dunkle Brunnenränder, die verwittern,
Im Wind sich fröstelnd blaue Astern neigen.

Georg Trakl

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Abendrot im Walde (Meyer)

In den Wald bin ich geflüchtet,
Ein zu Tod gehetztes Wild,
Da die letzte Glut der Sonne
Längs den glatten Stämmen quillt.

Keuchend lieg ich. Mir zu Seiten
Blutet, siehe, Moos und Stein –
Strömt das Blut aus meinen Wunden?
Oder ists der Abendschein?

[Conrad Ferdinand Meyer]

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Was war mein Leben? (H. Hesse)

kufst

Was war mein Leben, wenn es heut soll enden?
Verträumt? Verloren? Nein, es war ein Ring
Von stillen Freuden, die mit vollen Händen
Ich nahm und weitergab und neu empfing.

Es war ein Liebesbund mit dieser Erde,
Die mich mit ihrer Schönheit tief beglückt
Und immer doch mit mächtiger Gebärde
Mein Ziel hinaus ins Ewige gerückt.

Es war mit Wasser, Bergeswind und Fluren
Ein brüderlicher Bund, der niemals brach,
Mit allen Wolken, die im Blauen fuhren
Und deren Lied von unsrer Heimat sprach.

Mit ihren großen ewigen Gewalten
Hab ich in Treue Brüderschaft gehalten;
Und meine Sünde war in all den Jahren,
Daß sie mir lieber als die Menschen waren.

[Hermann Hesse, 1903]

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Wenn es nur einmal so ganz stille wäre (Rilke)

Wenn es nur einmal so ganz stille wäre.
Wenn das Zufällige und Ungefähre
verstummte und das nachbarliche Lachen,
wenn das Geräusch, das meine Sinne machen,
mich nicht so sehr verhinderte am Wachen –

Dann könnte ich in einem tausendfachen
Gedanken bis an deinen Rand dich denken
und dich besitzen (nur ein Lächeln lang),
um dich an alles Leben zu verschenken
wie einen Dank.

[Rainer Maria Rilke]

(Gedanken dazu bei LyrikRilke.de)

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Ich bin nicht ich (Jiménez)

„Soy este
que va a mi lado sin yo verlo;
que, a veces, voy a ver,
y que, a veces, olvido.
El que calla, sereno, cuando hablo,
el que perdona, dulce, cuando odio,
el que pasea por donde no estoy,
el que quedará en pié cuando yo muera.“

Yo no soy yo (Juan Ramón Jiménez)

Ich bin der,
der an meiner Seite geht, ohne daß ich ihn sehe;
den ich manchmal besuche,
und den ich manchmal vergesse.
Er, der schweigt, still, wenn ich spreche,
er, der vergibt, sanft, wenn ich hasse,
er, der geht, wo ich nicht bin,
er, der stehenbleibt, wenn ich sterbe.

[Übers. V. Wagner]

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Jetzt heisst es nur noch: Haltung zeigen (Strittmatter)

Jetzt heisst es nur noch: Haltung zeigen.
Aber wo nehme ich sie her?
Ich habe keine Haltung. Seelenschwer
Ich bin betrübt. Das Haupt zu neigen
In Demut
und um Gnade flehen,
Fürbittend knien, so ist mein Drang …
Doch aufrecht geh ich meinen Gang
Gewohnte Wege. Die mich sehen,
Lassen sich täuschen, und sie meinen:
Du bist so heiter letzter Zeit …
Wenn Haltung heißt: nach innen weinen,
Dann lebe ich in Heiterkeit.

Eva Strittmatter

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Bitte (Th. Mülhause-Vogeler)

Mit einem Gedicht der FKK-Vorreiterin, deren Buch über Freie Lebensgestaltung ich hier kurz vorstellte, verabschiede ich mich ins Wochenende:

Ich bitte, nimm mein Herz in Deine Hände und mach es still.
Gib meiner müden, bangen Not die Wende, daß es nichts will.
Gib, daß es, was an Glück ihm ward gegeben, ermessen kann.
Schenk‘ ihm, daß es, was ihm versagt im Leben, vergessen kann.

[Therese Mülhause-Vogeler, in: Stunde zwischen Tag und Traum, Regensburg 1961 – netterweise ein von der Autorin handsigniertes Exemplar]

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Reinigung (Stadler)

Lösche alle deine Tag‘ und Nächte aus!
Räume alle fremden Bilder fort aus deinem Haus!
Laß Regendunkel über deine Schollen niedergehn!
Lausche: dein Blut will klingend in dir auferstehn! –
Fühlst du: schon schwemmt die starke Flut dich neu und rein,
Schon bist du selig in dir selbst allein
Und wie mit Auferstehungslicht umhangen –
Hörst du: schon ist die Erde um dich leer und weit
Und deine Seele atemlose Trunkenheit,
Die Morgenstimme deines Gottes zu umfangen.

[Reinigung, Ernst Stadler]