Ö1 Radiokolleg – Lebensreform (Teil 3)

Im dritten und letzten Teil der Reihe zu den „ersten Querdenkern“ geht es v.a. um Kritik an der Schulmedizin, Impfskepsis und die Naturheilbewegung der Lebensreform.

Dabei greift man vor allem auf die Autoren Lackner und Zielinski zurück, die das Buch „Die Medizin und ihre Feinde“ geschrieben haben.
Viele der Lebensreformer seinen Impfgegner gewesen. Es wird speziell auf die hohe  Sterblichkeit durch und die ersten erfolgreichen Impfungen gegen Pocken eingegangen, gegen die Lebensreformer protestierten. Es gebe, so der Sprecher (Lackner?) eine „klare Brücke ins Heute“.
Interessanterweise wird hier gerade der Wiener Bürgermeister Lueger als Beispiel für einen überzeugten Impfgegner hervorgehoben, der impfkritischen Organisationen u.a. eine große Stadthalle für ihre Aktionen zur Verfügung stellte. Es wird nicht gesagt, aber: erwähnt man Lueger speziell, weil er auch Antisemit war?

Es habe zunächst religiöse Gründe gegen die Impfung gegeben: der „fremde“ Stoff sei von Gott nicht gewollt. Dann hätten völkische Impfgegner das „Gift“ auf die Juden geschoben. In den 1970 und 80er Jahren habe sich v.a. Kritik an Pharmakonzernen etabliert. Ich habe das so verstanden, daß hier ein links-alternatives Milieu gemeint ist, während es gegen Ende der Sendung heißt, diese konkrete Kritik komme von der „ganz rechten Seite“. (Vielleicht so gemeint, daß jeder, der sie äußert, mittlerweile rechts verortet wird.)

Seichtestes journalistisches Niveau wird bei der Einspielung von Impfgegnerstimmen einer Demo gegen die Corona-Maßnahmen erreicht: zwei Personen heben die gute Funktion ihres Immunsystems hervor, das auch gegen Corona schütze, so daß man die Impfung nicht benötige.
Das läßt der Verantwortliche für die Sendung so stehen. Hier müßte doch eine Analyse erfolgen, aus welchen diversen Gründen Personen die Covid-Impfungen ablehnen.
Aus meiner Beschäftigung mit dem Thema Impfkritik weiß ich, daß dies gerade nicht das Hauptargument ist, sondern die unkalkulierbare Wirkung der mRNA-Impfstoffe. Daß das kontinuierliche Impfen mit einem Stoff, von dem Karl Lauterbach 2020 noch sagte, er habe „noch nie“ am Menschen gewirkt, Menschen Angst macht, die ansonsten möglicherweise wesentlich eher bereit wären, die Impfung zu akzeptieren, wird in dieser Sendung mit zwei eher krakeelig-platten Vertretern einer solchen Demo völlig unter den Teppich gekehrt. Damit wird mein Vorwurf schlechten Journalismus‘ aus dem 2 .Teil noch übertroffen. Schlecht also in dem Sinn, daß der investigative Part ausgelassen wurde. Man lädt sich „Experten“ ein, deren Aussagen das Gerüst der Sendung bilden.

Aber gut, die Agenda der Sendereihe war ja nun, die Querdenker auf die Lebensreformer zurückzuführen, da sind dann auch Auslassungen, Weglassen von Recherche adäquate Mittel, um die „message“ rüberzubringen.

Immerhin heißt es zum Schluß, die Kategorien Links/Rechts seien nicht nutzbar, beide Seiten seien in Lebensreform wie Querdenkerszene vertreten. Solange die „Moderne voranschreitet“ werde es immer eine „lebensreformerische Opposition“ geben, die diesen Fortschritt in Frage stelle. Das klingt wie eine Drohung.

Aufbruch – Die Lebensreform in Deutschland (Rezension)

„Lebensreform“ ist kein Begriff, den man als Allgemeinwissen voraussetzen kann. Dennoch hat es seit den 1970er Jahren, verstärkt seit den 90ern hierzu intensive Forschungsarbeiten gegeben, die mit einem Output an entsprechender Fachliteratur einhergingen. Eine tatsächliche, gut verständliche Einführung – auch für Laien – hat es bislang nicht gegeben. Das ist nun anders: Bernd Wedemeyer-Kolwe (im weiteren: WK) hat mit seinem 2017 im Philipp-von-Zabern-Verlag erschienenen Titel den Versuch unternommen, die Lebensreform in ihren vielfältigen Aspekten einführend zusammenzufassen. Hier eine kurze Übersicht und Einschätzung: „Aufbruch – Die Lebensreform in Deutschland (Rezension)“ weiterlesen

Vor 200 Jahren geboren: der „Wasserdoktor“ Kneipp

Die Wochenzeitung „Die Tagespost“ (sic!) erinnerte an den Seelsorger Sebastian Kneipp (1821-1897), einen spätberufenen Pfarrer, aber auch Entwickler einer Gesundheitslehre auf der Basis von Wassertherapie. Mit 31 Jahren erfüllte sich sein Wunsch,  Geistlicher zu werden; mit 60 übernahm er die Pfarre Wörishofen. Fünf Jahre später veröffentlichte er sein Buch „Meine Wasserkur“ – das eine Gesundheitslehre auf fünf Säulen propagierte, wovon die namensgebende die Wasseranwendungen waren. Die weiteren Säulen waren gesunde Ernährung, Kräuternutzung, Bewegung und die „innere Ordnung“, letztere der Einklang zwischen Ich, Mitmenschen und Gott.
Kneipp gab seine Sprechstunden zusammen mit Ärzten, um Fehldiagnosen zu vermeiden. Dennoch wurde er, wie auch andere „Wunderdoktoren“ von der „Deutschen Gesellschaft zur Bekämpfung des Kurpfuschertums“ verklagt, wie man bei Kerbs/Reulecke nachlesen kann. Aber die Menschen verbanden offenbar mit einem Heilpraktiker, der eben auch ein „Mann Gottes“ war, eine besondere Anziehungs- und Heilkraft.

Im Innern der Grabkapelle Kneipps auf dem Bad Wörishofer Friedhof liest man den ersten Satz aus dem Vorwort seines Buches:

Als Priester liegt mir vor allem das Wohl der unsterblichen Seelen am Herzen. Dafür lebe ich und dafür will ich sterben. 

Bis Oktober 2021 sind Ausstellungen in Bad Wörishofen zu sehen:

  1. Pfarrer Kneipp & seine Berufung – Pfarrkirche St. Justina
  2. Pfarrer Kneipp & seine Bienen – Pfarrkirche St. Ulrich

Im Dominikanerinnen-Kloster Bad Wörishofen befindet sich das Sebastian-Kneipp-Museum. Von Dr. Alois Epple gibt es im Jahr 2021 mehrere Online-Vorträge über S. Kneipp, s. auf dieser Seite.

Adolf Just – Kehrt zur Natur zurück

 

Ein Schnäppchen erweitert meine Bibliothek: das im Titel genannte Buch bot vor kurzem ein Dresdner Antiquar für einen geringen zweistelligen Preis an. Im Vergleich zahlt man dafür bis zu knapp 300€!
Es handelt sich um das Hauptwerk des Lebensreformers Adolf Just, das 1903 von der „Buchhandlung Jungborn“ verlegt wurde (Erstausgabe war bereits 1896; bis 1930 folgten immer wieder erweiterte Ausgaben).
Der Untertitel lautet: „Die neue, wahre naturgemäße Heil- und Lebensweise. Wasser, Licht, Luft, Erde, Früchte, wahres Christentum u.s.w.“

Just, der von 1859 bis 1936 lebte, hatte eine typische Lebensreform-Biographie: in jungen Jahren erkrankt, probierte er an sich verschiedene Naturheilverfahren aus, vertraute am Ende der heilenden Wirkung von Lößerde. In Stapelburg im Harz gründete er die Heilanstalt Jungborn, in der lt. Wikipedia Franz Kafka seine Schreibblockade überwunden haben soll.

Auch wenn Just v.a. als Vertreter der vegetarischen Rohkosternährung und der Heilerdebehandlungen bekannt ist, so geht er in seinem Buch doch auf alle Bereiche des menschlichen Lebens ein. Was Nacktheit betrifft, so scheint Just etwas prüder als manche Zeitgenossen gewesen zu sein: Nacktbaden befürwortete er nur nach Geschlechtern getrennt. Spitzer (Der deutsche Naturismus, 1983) meint dazu: „Die Geschlechtertrennung zeigt allerdings die Begrenzung auf die medizinische Wirkung und das Fehlen des erzieherischen Moments, welches den Naturismus vom nackten Baden unterscheidet.“

Den Volltext in der englischen Übersetzung gibt es hier als PDF.

 

Neue Bücher (3)

Buchneuerscheinung im Campus-Verlag: Matthias MöllerLeben in Kooperation: Genossenschaftlicher Alltag in der Mustersiedlung Freidorf bei Basel (1919-1969)

Buchneuerscheinung im Ibidem-Verlag: Josef HladeAuf Kur und Diät mit Wagner, Kapp und Nietzsche: Wasserdoktoren, Vegetarier und das kulturelle Leben im 19. Jahrhundert: Von der Naturheilkunde zur Lebensreform

Ich heiße Euch hoffen (Buch)

… heißt das neu eingetroffene antiquarische Werk von Oskar Mummert (Philipp Reclam, Leipzig, ca. 1936), Arzt, Schriftsteller, Dramaturg – und Eden-Bewohner. Von Mummert gibt es wohl auch einen Dokumentarfilm aus dem Jahr 1924 mit dem Titel Allmutter Natur. Auf den Seiten der Eden-Genossenschaft findet sich ein Artikel Mummerts (heute nicht mehr auffindbar) über die ersten Jahre der „Vegetarischen Obstbau Kolonie Eden eGmbH“, die 1893 bei Oranienburg gegründet wurde. Mummert selbst war wenige Jahre nach der Gründung mit dabei.

Im vorliegenden Buch, untertitelt „Der Weg eines Mannes zur Lebensreform“ schildert der Autor sein Leben von der Kindheit durch die ‚Kernzeit‘ der Lebensreform bis zu den 30er Jahren (Mummert starb 1953). Das Werk ist v.a. auf den Bereich Vegetarismus und Naturheilkunde abgestellt; Mummert berichtet über seine Krankheiten (auch die „Nervosität„, die so charakteristisch ist für Schilderungen aus den ersten beiden Jahrzehnten des letzten Jahrhunderts), über erfolglose Versuche, diese zu heilen, über die Hinwendung zu natürlichen Heilverfahren – also ein „typischer“ Lebenslauf für einen Lebensreformer, das macht das Buch interessant. Mummert hat wohl verschiedenste Verfahren ausprobiert und schildert diese Selbstheilungsversuche im typischen Sprachduktus seiner Zeit. Probe:

„Bei den alten Neuplatonikern gab es eine religiöse Übung ‚Kontemplation‚. Das Wort bedeutet nichts anderes als gesammeltes, tiefbesinnliches Denken, In-sich-Versenken. Eines Tages nahm er sich einen Stuhl, setzte sich, legte die Hände in den Schoß und versuchte, sich einmal ganz gedankenfrei zu machen, aufsteigende seelische Erregungen zu glätten – gleichsam eine Windstille in der Seele herzustellen. Schon nach dem dritten, vierten Versuch packte ihn ein Seufzen, das von tief unten heraufkam, ein Krampfgähnen, das er wie eine tiefe Gehirnerholung empfand. Nach einer halben Stunde war es ihm, als wäre eine schwere Last von ihm geglitten. Diese ‚Sammlung‚ wurde täglich in der Dämmerung wiederholt.“

Hach ja, das ist so ein Buch, das man auf dem Darß, am Strand liegend lesen müßte. Aber ich muß aktuell mit der Webcam vorliebnehmen.

Mummert: „Es gäbe einen Gewinn – wenn viele, am Fuße des Berges Ermattete nach dem Lesen dieses Buches den Mut fänden, den Aufstieg zu wagen – trotz alledem.“