Lang: Immer nach Hause (Kurzvorstellung)

Der Journalist und Autor Thomas Lang hat auf der Basis der bekannten Dinge aus Hermann Hesses Leben einen fiktiven Roman geschrieben, einen Künstlerroman „voller Sympathie, Witz und universeller Wahrheit“, so der Klappentext.
Unterteilt ist der Roman in zwei Teile, einmal 1907 (Der Ewige Friede), dann 1918 (Liebe im Krieg (sicher doppeldeutig gemeint)), letzterer jedoch auch mit Rückblenden in die Kriegsjahre. Eingerahmt wird der Text von Briefauszügen Hesses, die zu Beginn des Buches von der bevorstehenden Heirat mit Maria Bernoulli handeln, am Ende von der Trennung von dieser, seiner ersten Frau.

3 Jahre nach der Hochheit wohnen die Hesses in Gaienhofen am Bodensee, planen nach der Geburt des ersten Sohnes den Neubau eines Hauses, aber Hermann zieht es fort von dieser familiären Situation. Hesse fehlen „Menschen, gleichgestimmte, anregende“. Er hört vom Tessin, vom Monte Verità und beschließt, dort seine gesundheitlichen Probleme angehen zu wollen. „Lang: Immer nach Hause (Kurzvorstellung)“ weiterlesen

Steinert – Blumenspiel (Kurzrezension)

Meine Hedwig hieß Heidrun. Soll ich den Text so beginnen oder nicht? Ja, nach längerem Überlegen ist das der Einstieg. Wir lebten beide tatsächlich zu der Zeit in Köln, in einem Studentenwohnheim in Rodenkirchen, wo die Jugend gut 85 Jahre früher lt. Autor Steinert nackt im Rhein badete. Meine Else hieß S., wir führten eine Beziehung, die ihren Zenit längst überschritten hatte. Da lernte ich Heidrun kennen. Wir lebten nebeneinander, studierten in eher entgegengesetzten Fachbereichen. Sie hatte ihren Rudolf (der P. hieß), von dem sie, wie Hedwig, nicht genau wußte, ob er der Mann für sie („für’s Leben“) war. Sie spielte mit den Männern, spielte auch mit mir. Wenn ich im Roman lese, wie Hedwig die aus dem Kopf und der Fantasie gemalten Aktzeichnungen von ihr mal eben durch einminütiges, nacktes Posieren vor Heinrich, ihrem „Nicht-Verlobten“, für ihn „korrigieren“ wollte, ihm damit aber massiv den Kopf verdrehte, dann kann ich heute schmunzelnd auf diese, (nicht) unsere Zeit zurückschauen. Der Unterschied zwischen Heidrun und Hedwig war jedoch, daß letztere nicht merkte, was sie anrichtete, anders erstere. Später schrieb sie mir, sie teile Männer auf in „für die Seele“ und „fürs Bett“. „Leider“ sei ich in der Seelengruppe gelandet… Nun gut, zum Roman, der mich wie kaum ein anderer in den letzten Jahren fasziniert und erfüllt hat. „Steinert – Blumenspiel (Kurzrezension)“ weiterlesen

Vegetarianer (Roman)

Im Picus-Verlag ist im März der Roman „Vegetarianer“ von Felix Kucher erschienen, der sich mit einer der Ikonen der Lebensreform-Bewegung befaßt, dem Maler Karl Wilhelm Diefenbach. Der Verlag bewirbt das Buch so:

„Er ist einer der schillerndsten Vertreter der Lebensreformbewegung im späten 19. Jahrhundert: Der Maler Karl Wilhelm Diefenbach predigt seine Heilslehre von Rohkosternährung, Nacktkörperkultur und freier Liebe als viel geschmähter »Kohlrabiapostel« auf Münchens Straßen. Dass er selbst von wiederkehrenden heftigen Magen- und Gliederschmerzen geplagt wird, schwächt weder seine Überzeugung noch seine Ablehnung der konventionellen Medizin. Zu gesundheitlichen gesellen sich regelmäßig finanzielle Nöte, die der begabte Maler durch Auftragsarbeiten immer wieder knapp abwenden kann. In einem verlassenen Steinbruch in der Nähe von München gründet er in den 1880er Jahren eine Kommune, doch damit beginnen seine Probleme erst richtig …“

Das gebundene Buch ist für 24€ erhältlich.

Eine kurze Besprechung des Buchs findet sich z.B. bei Puls24.

Das ganze Geheimnis

Der Schriftsteller Ernst Wiechert ist in diesem Blog bislang nur mit einem kurzen Zitat zur Stille vertreten; im alten Blog hatte ich mehrere Werke von ihm erwähnt. Der 1887 in Masuren geborene Wiechert gehörte zum Kreis der „Inneren Emigration“ im Nationalsozialismus. Er kam als „Stück Dreck“ (O-Ton Goebbels) ins KZ Buchenwald, wurde aber begnadigt und „verwarnt“.

Der Zugehörigkeit zur Inneren Emigration entspricht vor allem sein vielleicht bekanntestes Werk: Das einfache Leben. Daraus habe ich in den letzten 20 Jahren an verschiedener Stelle das folgende Zitat verwendet, das mir vor ein paar Tagen wieder „in die Hände“ fiel und mich sogleich an mein „Corona-Manifest“ erinnerte…

"Nun also würde er fortgehen, und nur als von einem Narren würde von ihm geredet werden. Sein Vater würde es wissen, aber sein Vater war tot. Man mußte es nun allein wissen. Sich abends mit frohem Herzen niederlegen können, das war vielleicht das ganze Geheimnis. Froh, wenn man an den gewesenen Tag, und froh, wenn man an den kommenden Tag dachte. Keine Erlebnisse, keine Heldenrolle, kein Glanz um die Stirn. Die Netze auslegen und wieder einziehen, Haus und Insel sauberhalten, ein paar Seiten lesen und abends am Wasser sitzen und in die Sterne sehen. Den Vertrag erfüllen, den man unterschrieben hatte."

Das Sonnenfest (Roman)

2016-10-24-08-51-44Zum Literaturfestival Eventi letterari auf dem Monte Verità gab es im Deutschlandfunk einen Beitrag: Monte Verità, Literatur und Legenden, Oliver Prange im Gespräch mit Hajo Steinert (Audio abrufbar bis ca. Nov. 16)

Durch den Beitrag wurde ich auf den Roman Das Sonnenfest von Oliver Prange aufmerksam, der die „wahren Begebenheiten“ auf dem Monte Verità schildert. Das Buch ist ab jetzt lieferbar – mein Exemplar liegt schon lesebereit neben mir. 🙂

Imperium (Ch. Kracht)

Christian Kracht stellt seinen Roman „Imperium“ in der englischen Übersetzung in New York vor (SZ).

Gleichzeitig wird auch die Bühnenumsetzung in Hamburg vorgestellt. Zitat Focus: „Unterhaltsam-groteskes Abdriften in Barbarei, Tod und Verwüstung, pastellbunt und untermalt von launig swingender Musik: So hat Jan Bosse den umstrittenen Erfolgsroman „Imperium“ (2012) von Christian Kracht über einen historischen deutschen Aussteiger und Vegetarier auf eine Hamburger Bühne gebracht.“

Die dunklen Flöten des Herbstes (Buch)

„Ja, er schrieb Gedichte. Er schrieb Verse von seltsamer Schönheit, sie tauchten aus seinem Inneren empor. Er fühlte sie wachsen, beglückend groß werden, zu einer tönenden Stimme werden, die ihn zwang, den Bleistift in die Hand zu nehmen und zu schreiben.“

Ich habe gestern morgen Helmut Schinagls Jugendroman „Die dunklen Flöten des Herbstes – Der Lebensroman des Dichters Georg Trakl“ zu Ende gelesen.

„Die Bilder, die ich sehe – die muß ich einfach ins Wort zwingen, ich muß, es muß mir gelingen! So, wie sie auf mich zukommen, kann ich sie nicht aufschreiben. Sie bestehen ja großteils nur aus Gefühlen, aus Farben, aus Formen und Klängen. Mir kommt es manchmal vor, als wäre ich ein Maler und müßte das Schmettern einer Trompete mit einem Pinselstrich wiedergeben.“

(Beide Zitate aus Schinagl)

Mit beeindruckenden Worten beschreibt Schinagl das (kurze) Leben Trakls: seinen Schreibdrang, seine Selbstzweifel, seine psychische Instabilität, seine Unfähigkeit, einen Beruf auszuüben, seine letzten Tage im Militärhospital in Krakau. „Die dunklen Flöten des Herbstes (Buch)“ weiterlesen

Nicht mehr allein

„Das Denken wollte schon wieder anheben. … Da kam durchs Bergtor herein eine leichte weiße Wolke, so zart, daß der Stern hindurchschimmerte. Es sprach aber einer ohne Worte zu ihm. Und Johannes fühlte, wie seine leere Seele diese Worte trank, wie der Raum hinter den Rippen sich füllte wie ein silberner Becher mit bergfrischem Wasser, voll bis an den Rand …

‚Das ist das große Schweigen,‘ sagte seine Seele zu ihm … und über die Wolke strich ein Ton, als einer lieben Frauenstimme wie Mendelssohns Lied: ‚Sei stille dem Herrn und warte auf ihn. …‘ Da hüllte sich Johannes in seinen Mantel und bedeckte seine Augen, denn er wußte, daß er nicht mehr allein war. Gott war bei ihm … um ihn … in ihm … Und in diesem Augenblick war alles eins in seiner Seele … (…) Es war Geist … alles Geist.“

[D. Koch – Der Orden der Sonnenbrüder]