Meine Seele hat es eilig

Ich lese täglich die Neuigkeiten in den Telegram-Kanälen von Gunnar Kaiser und Boris Reitschuster. Ohne geht nicht im Rahmen des manipulativen Umfeldes. Gerade nach meinem letzten Beitrag („Manifest„) zitiert Gunnar den brasilianischen Dichter Mario de Andrade (1893-1945) mit so passenden Worten, daß ich mir erlaube, sie hier von ihm zu übernehmen.

„Meine Seele hat es eilig“

Ich habe meine Jahre gezählt und festgestellt, dass ich weniger Zeit habe, zu leben, als ich bisher gelebt habe.

Ich fühle mich wie dieses Kind, das eine Schachtel Bonbons gewonnen hat: die ersten essen sie mit Vergnügen, aber als es merkt, dass nur noch wenige übrig waren, begann es, sie wirklich zu genießen.

Ich habe keine Zeit für endlose Konferenzen, bei denen die Statuten, Regeln, Verfahren und internen Vorschriften besprochen werden, in dem Wissen, dass nichts erreicht wird.

Ich habe keine Zeit mehr, absurde Menschen zu ertragen, die ungeachtet ihres Alters nicht gewachsen sind.

Ich habe keine Zeit mehr, mit Mittelmäßigkeiten zu kämpfen. Ich will nicht in Besprechungen sein, in denen aufgeblasene Egos aufmarschieren.

Ich vertrage keine Manipulierer und Opportunisten. Mich stören die Neider, die versuchen, Fähigere in Verruf zu bringen, um sich ihrer Positionen, Talente und Erfolge zu bemächtigen.

Meine Zeit ist zu kurz um Überschriften zu diskutieren. Ich will das Wesentliche, denn meine Seele ist in Eile. Ohne viele Süssigkeiten in der Packung.

Ich möchte mit Menschen leben, die sehr menschlich sind. Menschen, die über ihre Fehler lachen können, die sich nichts auf ihre Erfolge einbilden. Die sich nicht vorzeitig berufen fühlen und die nicht vor ihrer Verantwortung fliehen. Die die menschliche Würde verteidigen und die nur an der Seite der Wahrheit und Rechtschaffenheit gehen möchten. Es ist das, was das Leben lebenswert macht.

Ich möchte mich mit Menschen umgeben, die es verstehen, die Herzen anderer zu berühren. Menschen, die durch die harten Schläge des Lebens lernten, durch sanfte Berührungen der Seele zu wachsen.

Ja, ich habe es eilig, ich habe es eilig, mit der Intensität zu leben, die nur die Reife geben kann.

Ich versuche, keine der Süßigkeiten, die mir noch bleiben, zu verschwenden. Ich bin mir sicher, dass sie köstlicher sein werden, als die, die ich bereits gegessen habe.

Mein Ziel ist es, das Ende zufrieden zu erreichen, in Frieden mit mir, meinen Lieben und meinem Gewissen.

Wir haben zwei Leben und das zweite beginnt, wenn du erkennst, dass du nur eins hast.

Wahlspruch (Gusto Gräser)

Treu mir selbst, dem guten Geiste,
der in meinem Leibe wohnt,
der mit göttlich hoher Freude
jede gute That mir lohnt.

Treu dem Weiser, dem Gewissen,
das mir immer Antwort sagt,
daß sich nicht in Wurmes Weise
meine Seele krümmt und plagt.

Unerbittlich treu dem Führer,
der im Geist mich überschwebt,
der mit seines Geistes Stärke
meine Seele neu belebt.

Wien, 10. Mai 1898
(Quelle: Deutschlandfunk Kultur

Stille

„Weil ich in der Stille anfing, konnte ich dem Lauten nie ganz verfallen. Weil ich als Kind die Wälder schweigen und wachsen sah, konnte ich immer ein stilles Lächeln für das aufgeregte Treiben haben, mit dem die Menschen ihre vergänglichen Häuser bauten. Es war, als trüge ich andre Gesetze und Maßstäbe in mir, größere und strengere. Ich konnte nie mehr ganz aus dem Kreis der Natur herausfallen …“

[E. Wiechert, Wälder und Menschen]

Leben nach eigenem Gesetze

„Da heißt es, einmal, und sei es auch nur für kurze Zeit, in die Stille zu gehen, sich abzuschließen von aller Außenwelt – und auch die liebsten Menschen sind Außenwelt dabei – um sich selbst, seinen Rhythmus, seine Eigenart, seine geistige Selbständigkeit zu finden. Einsamkeit – und wäre es nur für einige Tage – braucht der Mensch, der sein Leben nach eigenem Gesetze leben will. Denn dies Gesetz muß erst gefunden werden unter den Schlacken, mit denen es Alltagsansprüche überschütteten.“

[Th. Mülhause-Vogeler, Freie Lebensgestaltung]

Was nicht Hölle ist

Ich bin am Wochenende über ein schönes Zitat „gestolpert“, das mir direkt aus der Seele sprach. Es stammt aus dem Buch Die unsichtbaren Städte von Calvino, es ist die Figur des Marco Polo, die spricht:

„Die Hölle der Lebenden ist nicht etwas, was sein wird; gibt es eine, so ist es die, die schon da ist, die Hölle, in der wir tagtäglich wohnen, die wir durch unser Zusammensein bilden. Zwei Arten gibt es, nicht darunter zu leiden. Die eine fällt vielen recht leicht: die Hölle akzeptieren und so sehr Teil davon werden, daß man sie nicht mehr erkennt. Die andere ist gewagt und erfordert dauernde Vorsicht und Aufmerksamkeit: suchen und zu erkennen wissen, wer und was inmitten der Hölle nicht Hölle ist, und ihm Bestand und Raum geben.“

Nicht mehr allein

„Das Denken wollte schon wieder anheben. … Da kam durchs Bergtor herein eine leichte weiße Wolke, so zart, daß der Stern hindurchschimmerte. Es sprach aber einer ohne Worte zu ihm. Und Johannes fühlte, wie seine leere Seele diese Worte trank, wie der Raum hinter den Rippen sich füllte wie ein silberner Becher mit bergfrischem Wasser, voll bis an den Rand …

‚Das ist das große Schweigen,‘ sagte seine Seele zu ihm … und über die Wolke strich ein Ton, als einer lieben Frauenstimme wie Mendelssohns Lied: ‚Sei stille dem Herrn und warte auf ihn. …‘ Da hüllte sich Johannes in seinen Mantel und bedeckte seine Augen, denn er wußte, daß er nicht mehr allein war. Gott war bei ihm … um ihn … in ihm … Und in diesem Augenblick war alles eins in seiner Seele … (…) Es war Geist … alles Geist.“

[D. Koch – Der Orden der Sonnenbrüder]

Ein sinnerfülltes, gutes Leben

„So war die Lebensreform nicht das gänzlich andere der Moderne und auch keine reine Gegenwelt zur wilhelminischen Gesellschaft. Dass sie über sich selbst lachen konnte, zeugt indes davon, dass sie zumindest in Teilen in der Lage war, sich über sich selbst aufzuklären – eine Fähigkeit, die man auch allen gegenwärtigen Lebensverbesserern und Sinnsuchern nur wünschen kann, denn auch wenn die Lebensreform Geschichte ist: Ihre große Frage, wie der Mensch unter den Bedingungen der sich beschleunigenden Moderne ein sinnerfülltes, gutes Leben leben kann, ist heute so aktuell wir vor mehr als hundert Jahren.“

[Joachim Radkau, in: ZEIT Geschichte – Anders leben (2013)]

Das Leben

Heute ist das Bändchen „Vom Sinn des Lebens“ von Ludwig Klages (herausgegeben von H. Kern, erweitert u. neu herausgegeben von H. Kasdorff) eingetroffen. Auf den ersten Blick mag ich es: handlich, fester Umschlag in dezentem Beige, schnörkellos – und eine Werkauswahl enthaltend, die mit kurzen Zitaten zum Schmökern einlädt. Ich freue mich aufs Lesen. Hier ein kurzes Zitat:

„Leben wird nicht wahrgenommen, aber es wird mit alles verdunkelnder Stärke gefühlt. Und wir brauchen uns nur auf dieses Gefühl zu besinnen, um der Wirklichkeit des Lebendigseins mit einer Gewißheit innezuwerden, über die hinaus es keine noch gewissere geben kann.“