Verordnetes Gemeinwohl

Für die ZEIT gräbt Michael Ebmeyer den Anarchisten Pjotr Kropotkin und dessen Werk „Gegenseitige Hilfe in der Tier- und Menschenwelt“ aus. Darin schaut Kropotkin auf das Tierreich und die Menschheitsentwicklung und stellt fest, daß es immer für alle gut war, wenn man sich organisiert und in Gemeinschaften zur gegenseitigen Hilfe zusammengeschlossen hat. Trotz Kriegen und vehement verfolgten Partikularinteressen sei den Menschen das „Gefühl für die Solidarität“ nicht abhanden gekommen.

Das überträgt Ebmeyer auf die aktuelle Corona-Krise: die Prepper machen’s falsch, weil sie sich in der Vereinzelung abschotten; die Rufer nach der „Herdenimmunität“ kündigen gleich den Lebensschutz für Ältere und Kranke auf; die Wirtschaft verleugne im eigenen Interesse die Gefährlichkeit des Virus usw.
So fordert Ebmeyer, die Anarchisten zu rehabilitieren, weil der „kollektive Akt der gegenseitigen Hilfe“ jetzt so gut geholfen habe.

Was Ebmeyer übersieht: den Anarchisten geht es um Selbstorganisation der Menschen, um herrschaftsfreie Formen des Zusammenlebens. Der „kollektive Akt“ war eben genau das nicht, sondern eine „von oben“ auferlegte Vorgehensweise, keineswegs demokratisch abgestimmt, sondern von in den Stand von Politikberatern erhobenen Experten diktiert und von „Mutti Merkel“ choreographiert. Eine „große Mehrheit“, die das Gemeinwohl im Auge hatte, wie Ebmeyer schreibt, ist zwar schön, aber mit Anarchismus hat das gerade gar nichts zu tun – es sei denn, die Mehrheit entstünde durch freie Absprachen der Menschen. Dies würde auch bedeuten, die Koryphäen von RKI und Charité auf gleichrangige Plätze neben andere Experten, auch mit kontroversen Meinungen, zu stellen. Für mich ist das mit der Coronakrise einhergehende Meinungsdiktat das, was mich am meisten stört. Im privaten Bereich erlebe ich, daß bislang sehr vernünftige, mit der offiziellen Doktrin kooperierende Menschen zunehmend genervt sind –  gerade von der Maskenpflicht, die ja speziell vom Weltärztepräsident auch als lächerlich bezeichnet wurde. Das Empfinden von „Schutz aller“ schlägt um zu einem Gefühl des Gegängeltwerdens. Anarchisten würden hier die Regeln der eigenen Gruppe möglicherweise diskutieren und anpassen – auch für Außenkontakte mit anderen Kommunitäten. Das würde „von unten“ passieren, immer mit Blick auf Wissenschaftler und deren Pro und Contra.

Also: Kropotkin – ja! Aber nicht als Verordnung von der Mutti der Nation.

Nachtrag: Ein Beitrag auf der Achse des Guten zu genau diesem Aspekt.

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