Viana bis Navarrete (CF15)

[Die Seite ist Teil des Berichts über meinen Camino Francés 2015.]

Vor meinem Aufbruch zum Jakobsweg wußte ich von drei, sagen wir, „Urgesteinen“, Menschen, die auf dem Jakobsweg leben und in den Erinnerungen der Pilger weiterleben. Heute sollte ich zwei von den Dreien treffen – was mich dann offenbar so „verwirrte“, daß ich beim Aufsprechen des Audio-Memos sagte: „Ja, wir sind jetzt in… äh, ja, also, in… boah, die kleinen Örtchen haben alle so schwierige Namen und man kommt durch so viele pro Tag… Ok, wir sind in… Navarrete.“

Blick auf LogroñoAufgebrochen waren wir in Viana recht früh, so daß wir wieder mit einem herrlichen Sonnenaufgang belohnt wurden. Es war heute ziemlich kühl und windig, während wir uns durch zunehmend urbaneres Gelände auf die Großstadt zu bewegten. Am Morgen waren immer die langen Schatten so schön, die die eigene Person auf den Weg warf. Vor Logroño ging es dann über eine Fahrstraße längere Zeit hinab – immer mit Blick auf „las gemelas“, die Zwillingstürme der Kathedrale in der Ferne.
Ich wußte, ich mußte nun nach Doña María Ausschau halten, Tochter der berühmten Doña Felisa, die Jahrzehnte an ihrem kleinen Stand am Straßenrand gesessen und Pilgern ihren eigenen Stempel ins Credencial gegeben hatte: Higos – Agua y Amor (Feigen – Wasser und Liebe). Hape Kerkeling (2007) hat sie auf seinem Camino 2001 noch erleben dürfen, doch sie starb 2002, worauf wohl auch eine Gedenktafel am Haus hinweisen soll, die ich nicht gesehen habe. Seitdem stempelt Tochter María. Damit man nicht vorher schon beim Haus von Nachbarin Doña Elvira fragt, steht dort ein großes Schild: „no sello“ – kein Stempel…
Wir spendeten María etwas, ließen uns den Stempel geben und gingen weiter Richtung großer Brücke über den Ebro, die uns in die Innenstadt von Logroño führen sollte.

Ein Phänomen sind die Graffitis oder oft nur einfache Sprüche, die überall auf dem Camino hinterlassen werden. Bestes Beispiel, das STOP-Schild wird zu „Don’t STOP walking!“ umgestaltet… Ich bin immer stehengeblieben oder zumindest langsam durch Unterführungen und ähnliche Orte gegangen, um ganz viel davon aufnehmen zu können. Dabei sind mir drei Sprüche als für mich besonders relevant hängengeblieben, der erste davon am heutigen Tag, kurz nachdem wir von Navarra in die Rioja gekommen waren, in einer Unterführung in den Vororten von Logroño. Ein Garth Philpott hat dort namentlich hinterlassen: „Inner peace comes after the war within.“
Oh, wieviele dieser Kriege habe ich mit mir geführt – und führe sie zum Teil heute noch, weil ich im Alltag eine „unruhige“ Person bin, ein Suchender, jemand, der ausprobieren muß, sich dann aber wieder von Dingen, die nicht passen, abwendet. Im Alltag spüre ich selten diesen inneren Frieden, aber hier, auf dem Camino, merkte ich, daß ich zur Ruhe kommen, aber auch (wie in Eunate) diese Ergriffenheit fühlen konnte – ohne daß dies ein Widerspruch war. Doch wo war Gott? Burns (2013) brachte es so zu Papier, wie ich es auch formuliert hätte: „It doesn’t matter how God is visualized. What matters is how God is experienced.“
Und ja, ich spürte da etwas in dieser Ruhe, verbunden mit der erwähnten Demut und dem daraus resultierenden Mitgefühl.

Kathedrale von LogroñoLogroño war für mich die unattraktivste größere Stadt am Camino, auch die Kathedrale, die ich mir allein anschaute, während Helga in einem Café gegenüber wartete, hat mich in keiner Weise beeindruckt. Das ist eben manchmal so, bei der Flut der Eindrücke bleibt der Geist oft an kleinen, persönlich-relevanten Dingen hängen, die das größere Ganze als „schön“ in die Erinnerung schreiben. Hinzu kam, daß es relativ dunkel in der Kirche war und man für jede Seitenkapelle 50ct einwerfen mußte, damit sie beleuchtet würde…
Zudem war ich vom bisherigen Weg ziemlich durchgefroren, so daß ich lieber noch einen warmen Kaffee trank, bevor wir in Richtung Iglesia Santiago Real marschierten, das ist die Kirche mit einer großen Jakobus-Figur als berittenem Maurentöter (Matamoros). Jakobus der Ältere, hier eben Santiago, wird meist als Pilger mit Stab, Kalabasse (Trinkkürbis) und weitem Pilgergewand dargestellt, aber eben manchmal auch als berittener Schutzpatron, oft mit Schwert und ein paar Mauren überreitend. Das hat, ohne hier in die Tiefe gehen zu wollen, mit der spanischen Reconquista zu tun, der Rückeroberung der iberischen Halbinsel von den eingedrungenen Muslimen.
Helga machte dann ein Foto von mir vor einem historischen Pilgerbrunnen, ich wurde von Spaniern gebeten, sie vor einem Pilgerdenkmal abzulichten, woraufhin ich nicht ohne „Revanche-Bild“ wegkam… Typisches Touristengeplänkel in einer Stadt, die nicht meine war.

Parque GranjeraDer Weg aus Logroño raus zog sich immens, war nicht immer klar zu erkennen – und dann folgte noch ein riesiges Naherholungsgebiet mit großem Stausee von 1883 (Parque Granjera). Die Spanier lieben Grillfeste, das kann man an den unglaublich vielen fest installierten Geräten sehen.
Und am Ende dieses (eigentlich) schönen Parks saß dann Marcelino Lobato Castrillo an seiner Bude, der eben auch Stempel vergibt. Ob er auf Spenden wartete, wußte ich angesichts des feschen Ford Transporters mit Marcelino-Logo an der Straße hinter der Bude nicht. Marcelino war in den frühen 2000er Jahren mit seinem Hund und dem Esel Teodoro in mittelalterlicher Pilgertracht auf dem Camino unterwegs. Er wurde meines Wissens auch durch Fernsehdokumentationen bekannt, vor allem durch seinen Eintrag ins Guinness-Buch-der-Rekorde mit 40 Meter langem Credencial voller Stempel und über 3200 Kilometern auf dem Jakobsweg…
Heute war Marcelino aber wohl nicht so gut drauf oder er wollte mit uns nicht sprechen. Auf die Frage, ob ich ein Foto von ihm machen dürfe, reagierte er – gar nicht. Nun gut, das habe ich als Zustimmung gedeutet, ins Gespräch würden wir eher nicht kommen.

Trauben hinter LogroñoUnser Weg stieg langsam an, was uns einen herrlichen Blick auf Stausee und Park samt dahinter liegender Großstadt gab. Jetzt waren wir in der Rioja, was man an noch mehr Weinanbau als in Navarra sehen konnte. Dick hingen die blauen Trauben an den Stöcken. Da Pilger offenbar von allem nehmen, was sie sehen, standen regelmäßig Schilder am Wegesrand, daß es verboten sei, von den Trauben (den Äpfeln, den Birnen…) zu nehmen.
Der Weg stieg noch etwas an, führte an Ruinen vorbei, die als Antiguo Hospital de Peregrinos „San Juan de Acre“ ausgewiesen waren und als Rastplatz mit Wasserstelle dienten. Immer wieder fanden sich Hinweise auf alte, heute meist nicht mehr sichtbare Pilger-Hospitäler aus früheren Jahrhunderten.

Bald kam Navarrete in Sicht, ein unauffälliges Städtchen in Hanglage. Ich wollte zuerst in der „Pilgrim’s Albergue“ nach freien Betten schauen, denn die wird von einem deutschen Aussteiger, Michi, betrieben, der seine Herberge in einem Internetforum, in dem ich mitlas, beworben hatte. Michi wollte von dem, was er auf zwei Caminos erfahren durfte, zurückgeben, indem er eine eigene Herberge betrieb. Diese wurde vorher meines Wissens von einer spanischen Bruderschaft unterhalten; das Haus war noch deutlich erkennbar eine größere Baustelle im Sinne von überfälligen Renovierungen. Von den einfachen Duschen, weiß gekachelten Kabinen ohne Tür oder Vorhang und mit fest unter der Decke installiertem Brausekopf, funktionierten nur wenige. Die Zimmer waren aber sauber (8 Betten) und insbesondere das Abendessen, das Michi mit Hilfe einer spanischen Köchin hinzauberte, war richtig toll. Seine Kleidung konnte man dafür aber nur in normalen Waschbecken waschen.

Auf der Dachterrasse hatte ich ein deutsches „Paar“ beobachtet, das mir schon in Viana aufgefallen war, weil die Dame (Alice) lautstark über ihre Probleme mit dem Camino, den Herbergen, den Menschen, dem Leben lamentierte, während ihr Partner (Niki) eher angespannt wirkte. So auch heute. Ich verfolgte ein Telefonat Alices mit ihrer Mutter, was in mir das Bild einer komplizierten Frau hervorrief. Ich kam mit Niki ins Gespräch, der froh war, mal mit einem anderen Mann sprechen zu können. So erfuhr ich ein wenig über die Hintergründe: er wohnt in B., wollte unbedingt den Jakobsweg gehen. Alice ist eine Kindheitsfreundin, die mittlerweile in H. lebt. Niki hat engen Kontakt zu ihrer Mutter, so daß Alice von diesem Vorhaben erfuhr und aufgrund aktueller Arbeitslosigkeit kurzentschlossen fragte, ob sie mitkönne. Innerhalb einer Woche (!) wurden Rucksack und Ausrüstung besorgt, dann ging es los – ohne Training, ohne sonstige Vorbereitung. Entsprechend gerädert war die Dame dann; sie hatte Probleme, mit dem sportlichen Niki mitzuhalten, der meines Erachtens zunehmend das Gefühl bekam, einen Klotz am Bein zu haben.
Für Niki lief es dann im weiteren leider auch nicht gut, wie er mir Wochen später per Mail schrieb: er meinte, das gemeinsame Abendessen sei ihm nicht bekommen, woraufhin er 10 Tage mit Magen-Darm-Problemen „flachgelegen“ habe, bevor er abgereist sei. Wenn ich mich richtig erinnere, war Alice schon früher allein zurückgefahren. Schade, aber ich kann nur sagen, daß dieses gemeinschaftliche Vorhaben schon vor der Anreise an völlig unterschiedlichen Herangehensweisen krankte. (Und ich spürte auch ein wenig Glück, daß ich in Helga so eine gute Pilgerpartnerin gefunden hatte. Auch ich hatte mich auf etwas Ungeplantes eingelassen, aber doch unter ganz anderen Voraussetzungen.)

Bei diesem Abendessen saßen auch der beim Viana-Beitrag schon erwähnte Klaus am Tisch sowie eine mir sehr unsympathische Frau italienischer Herkunft, die in K. lebte und die ich mal „Miss Mutig“ nennen möchte, nicht weil sie so tapfer war, sondern grundsätzlich einen mißgestimmten Eindruck machte. Dazu noch eine Mutter mit ihrer vielleicht 16 oder 17 Jahre alten Tochter. Eigentlich eine nette Gruppe für den typischen Pilger-Smalltalk, wären nicht am nächsten Morgen Alices Schuhe weg gewesen… Das war natürlich bei ihrer „Grundstimmung“ das, was das Faß zum Überlaufen brachte. Aber nun, es half nichts, sie ging mit ihren Zweitschuhen weiter, überholte Klaus, der … ihre Schuhe trug. Damit konfrontiert, tat dieser (in der Erzählung von Niki!) ganz unschuldig, es seien doch seine Schuhe, vielleicht habe man einfach das gleiche Modell und Alice hätte sie sonstwo hingestellt. Aber nein, Alice konnte irgendwie nachweisen, daß das ihre Schuhe waren, die Klaus dann auch wieder hergab. Alice hat ihm Diebstahl vorgeworfen. Am nächsten Tag wählten Klaus und Miss Mutig die gleiche Herberge in Azofra wie wir – und am Abend fand sich an der Eingangstür ein handgeschriebenes Schild, auf dem in Englisch stand: „Achtet auf eure Schuhe, es ist ein Schuhdieb unter euch!“

Klaus und Miss Mutig habe ich leider noch öfter getroffen und sie waren letztlich ausschlaggebend für meine Entscheidung, ab Hornillos del Camino in zwei 30 Kilometer -Etappen einen Tag Distanz zwischen mich und die beiden sowie zwei weitere sehr nervige Frauen zu bringen. Wenn man ungefähr im gleichen Tempo und mit der gleichen Tagesleistung unterwegs ist, trifft man halt immer wieder die gleichen Leute, was sehr schön oder auch unglaublich blöd sein kann. Dazu mehr im entsprechenden Tagesbeitrag; es hat leider nicht so hingehauen, wie ich mir das vorgestellt hatte.

Nebenbei: Klaus hat mir später erzählt, er habe sich tatsächlich vertan und die Aufregung, die Alice gemacht habe, nicht verstanden. Andererseits hatte Alice erzählt, es wären gar keine Schuhe mehr dagewesen, als sie die Herberge verlassen hatte: zum „Vertun“ gehören ja dann mindestens zwei Paare. Ich weiß im Rückblick nur, daß Klaus ein komischer Kauz war, dem ich nicht wirklich traute.

Hier im Pilgrim’s fielen mir zum ersten Mal die ganzen Werbe-Flyer für die Gepäcktransportunternehmen auf: caminofácil, JacoTrans, Correos, NCSEquipages… Alle warben damit, daß man es sich doch leichter machen, mit weniger Gepäck viel angenehmer pilgern könne. Bill Bennett (2013) schreibt dazu:
„The nice woman explained that they had all their hotels pre-booked, and they had their luggage (luggage, not backpacks) shipped ahead to the hotel each day, where they were unpacked and laid out in readiness for when they arrived.“

Ob das Pilgern ist, muß jeder für sich entscheiden. Fakt ist, die „Tourigrinos“, Pauschal-Pilger, waren oft eine eher nervige Sorte Mensch. Fakt ist auch, daß die Unsitte, in privaten Herbergen vorab Betten zu reservieren, immer mehr um sich greift. Leider unterstützen viele Betreiber das auch, indem sie bei Reservierungen immer untere Betten (der Stockbetten) zuteilen. Wer also nicht nach oben klettern will, der reserviert sich einfach ein Bett und kann ziemlich sicher sein, daß er ein unteres bekommt. Zu meiner ersten Begegnung mit solchen Tourigrinos – leider genau auf der ersten Etappe in die Meseta hinein – später mehr.

Ich möchte noch etwas zum Thema Strecken- und Zeitplanung schreiben, ein Tip aus einem Forum, den ich gerne weitergeben möchte, weil er mir sehr geholfen hat. Wer nur eine begrenzte Zeit hat, um den Camino (oder einen Teil) zu gehen, der muß unweigerlich darauf achten, wieviele Kilometer er am Tag „macht“, damit er nicht hinter seinen Zeitplan zurückfällt. Klingt unentspannt, ist aber bei jemanden, der noch nicht Rentner (oder arbeitslos oder freischaffender Künstler oder gar Lebenskünstler) ist, leider unvermeidbar – sofern man nicht nur „Seelebaumelnlassen“ und „Komme was wolle“ als Pilgermotto hat. Und dann schrieb mir jemand, ich solle mir doch Wochenziele setzen, also die gesamte vorhandene Zeit aufteilen und einmal pro Woche prüfen, ob ich noch „im Zeitplan läge“ oder nicht. Das hört sich nun sehr technisch an, war es aber nicht, sondern vielmehr ein sehr hilfreicher „Kniff“. Ich hatte mir also immer den Freitag herausgesucht und nach dieser ersten Pilgerwoche wollte ich am Freitag mindestens bis Navarrete gekommen sein. Dann festzustellen, daß ich schon einen Tag früher da war, und dann zu jedem Wochenziel in der Regel einen Tag früher ankam, das war sehr hilfreich und sehr beruhigend. Denn mit einem Tag „plus“ brauchte ich mir dann die nächste Woche keine Gedanken mehr zu machen, bis eben wieder am Freitag die Überprüfung des Wochenziels anstand.

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