Wie der Camel Toe die Männer das Fürchten lehren soll

Es ist Sommerloch-Zeit und das Feuilleton der NZZ befaßt sich mit der „Vagina dentata“, die jetzt Realität geworden sei, wie es heißt. Und ich dachte schon, Vulvenmalen auf dem Kirchentag sei quasi das Ende der Fahnenstange.

Nun ja, es ist harmloser als gedacht, denn die Zähne sind eher Zehen: Kamelzehen oder auch „camel toe“ genannt. Gemeint ist etwas, das bislang eher peinlich war, nun aber als „aggressiv, karnevalesk, (…) Statement, ein Affront“ aufgefaßt wird (werden soll) – eben die kleine Stoffalte, die sich im weiblichen Schritt zeigt, wenn der Stoff z.B. des Bikini-Höschens zwischen die äußeren Schamlippen rutscht. Und das soll wie eine Kamelzehe aussehen, siehe Bild im verlinkten Artikel. Aha.

Die Autorin der NZZ wird der Lobeshymnen nicht müde: Ja, es sei ein Paradigmenwechsel, nichts weniger! Frauen dürften jetzt den „BH-losen Busen“ und auch den „Schnitt im Schritt“  zeigen. Und das besonders am #cameltoetuesday. Wow.
Wer nun meint, der Paradigmenwechsel werde von den Frauen nur so en passant mitgenommen, der irrt. Es gibt bereits Unterhosen mit „eingenähten Schamlippenkissen“, die das Aussehen der Kamelzehe verstärken. Oje. (Ist das jetzt so etwas wie Reformkleidung?)

Schlimm wird es weiter unten im Artikel, wo konstatiert wird, daß die Befreiung des weiblichen Körpers bereits „mit der deutschen Nacktkultur in der Weimarer Republik“ begonnen habe (hat sie viel früher, Frau Pines), was aber kleidungstechnisch zu einer Baumwolle-tragenden, eher biederen Frauengestalt geführt habe. Und da sei der Camel Toe eben AGGRESSIV. Wo die Männer einen Teil ihrer Männlichkeit aufgegeben hätten (man denke an die Kritik zum  manspreading), kämen nun also die Frauen mit Schnitt im Schritt zurück.

Liebe Frau Pines: die Nacktkultur kann einseitig auf die Emanzipation der Frau bezogen werden, war aber de facto nicht ans Geschlecht gebunden. Wer sich zur Zeit des Kaiserreichs in Deutschland vor anderen nackt ausziehen wollte, der mußte Schneid haben – egal ob Mann oder Frau. Diese Nacktheit war keine, die sexuelle Konnotationen hatte, worüber ich hier und hier bereits etwas geschrieben habe. Erotik kommt vor allem mit der Kleidung ins Spiel, das ist meine Auffassung. So ist der gewollte, provozierte Camel Toe das Gleiche wie ein Push-Up-BH: Blickfang, vielleicht auch Anmache. Das ist nicht schlimm an sich, aber eine künstliche Verdrehung der #metoo-Diskussion.
Unsere Gesellschaft braucht weder Testosteron-benebelte Typen mit manspreading-Allüren, noch die bedrohliche Weiblichkeit durch bewußte Präsentation der primären Geschlechtsorgane mit ein bißchen Stoff kaschiert.
Was wir brauchen ist:

  • einen natürlicheren Umgang mit dem nackten Körper. Nacktsein voreinander, miteinander ohne Hintergedanken, eben eine Wiederbelebung des klassischen Ideals der Freikörperkultur
  • eine Gleichberechtigung der Geschlechter ohne Machotum und ohne feministische Belehrungen – dann braucht es auch weder in Kleidung, noch in Verhalten irgendeiner Aggressivität
  • bequeme und auch schicke Kleidung, die modisch und, ja, je nach Anlaß auch verführerisch sein darf – aber bitte nich so platt wie der provozierte „Schnitt im Schritt“

Aber vielleicht war Ihr Artikel auch eher ironisch gemeint – dann hat mich der letzte Abschnitt aber doch ein wenig zum Fürchten gebracht. 😉

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